20. September 2026
Gott erhört
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Geliebte im Herrn!
Unser Sprechen zu Gott nennen wir Gebet. Das Gebet ist Anrede Gottes. Das AT und das NT bieten zahlreiche Beispiele des rechten Betens. Jesus belehrt seiner Jünger, wie man richtig betet bzw. wie man nicht beten soll (Mt 6,5-13; Lk 11,1-4). Das Urchristentum befolgte die Mahnung Jesu zum Gebet und gab sie weiter (Apg 1,24f.; 4,23-30; Eph 5,19f.; Phil 1,3; Kol 1,11f.; Hebr. 13,15). Letzter Sinn des Gebetes ist die Antwort auf die als Anrede verstandene Offenbarung, die in personaler Begegnung von Betendem und Gott geschieht. Der Beter richtet seine Gebete an Gott in der Hoffnung und Erwartung, dass er sie hört und, wenn sie Bittcharakter tragen, erhört. Der Herr lädt seine Hörer und Jünger ein zum Bittgebet. „Bittet, und es wird euch gegeben werden. Suchet, und ihr werdet finden. Klopfet an, und es wird euch aufgetan werden“ (Mt 7,7). Er verknüpft diese Einladung mit der Gewissheit der Erhörung. „Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; wer anklopft, dem wird aufgetan“ (Mt 7,8). „Oder ist wohl ein Mensch unter euch, der seinem Sohn, wenn er um Brot bittet, einen Stein gäbe? Oder wenn er um einen Fisch bittet, wird er ihm eine Schlange darreichen? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisset, wieviel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten“ (Mt 7,9-11). Das Bittgebet hat seine Ordnung und seine Voraussetzungen.
Drei Sätze über Gottes Erhörung.
I.
Gott erhört die Gebete derer, die aufrichtig zu ihm flehen. Das ist eine Tatsache, die sich tausendfach belegen lässt. Zeuge dafür ist die Heilige Schrift mit ungezählten Beispielen. Die Israeliten litten unter dem Frondienst, den sie in Ägypten leisten mussten. Als sie zum Herrn um Hilfe riefen, erhörte er ihr Flehen und verschaffte ihnen die Freiheit. Während der Wüstenwanderung fiel das israelitische Volk zum Stierdienst ab und verehrte ein goldenes Kalb. Gott sprach: „Ich werde sie vernichten und ihren Namen unter dem Himmel auslöschen.“ Moses warf sich vor dem Herrn nieder, vierzig Tage und vierzig Nächte, und legte Fürbitte für das Volk ein. Und der Herr erhörte ihn; das Volk blieb das auserwählte. Als Salomon zum König über Israel gemacht wurde, sprach Gott zu ihm: „Verlange, was ich dir geben soll!“ Salomon erbat Weisheit und Einsicht, das Volk in jeder Lage zu leiten, und Gott verlieh sie ihm. Es ist eine Tatsache: Der Gott Israels ist ein Gott der Erhörung. Als solcher bekundet er sich bis heute. Der christliche Beter weiß aus eigener Erfahrung, dass Gott sich dem betenden und bittenden Gläubigen zuneigt. An den Wallfahrtsstätten haben viele Beter ihre Überzeugung, dass Gott ihr Rufen und Flehen aufgenommen hat, in Danktäfelchen zum Ausdruck gebracht. Ein Herr lehnte in einer Gesellschaft das Beten ab, da es ja doch nichts helfe und noch niemand geholfen habe. Darauf gab ihm eine junge Dame zur Antwort: „Wenn jemand ein volles Jahr lang Tag für Tag an der Tür seines Freundes pochte und niemals würde ihm geöffnet, würde er das Klopfen fortsetzen? Die Menschheit pocht viel tausend Jahre an Gottes Tür; gäbe es noch einen Bittenden, wenn dem menschlichen Flehen noch nie wäre geholfen worden?“
Wir haben Beispiele von Gebeten Einzelner, die von Gott erhört wurden. Der Zöllner, der den Tempel in Jerusalem besuchte, um zu beten, blieb weit hinten stehen, getraute sich nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug nur reuevoll und bußfertig an seine Brust, indem er sprach: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Und Gott erhörte seine Bitte um Erbarmen, so dass er gerechtfertigt nach Hause ging. Der rechte Schächer am Kreuz wusste, dass er verdientermaßen die Todesstrafe erlitt. Er beklagte sich nicht, aber er hatte noch einen Wunsch, einen kleinen, bescheidenen Wunsch an Jesus. Jesus: „Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst.“ Er ahnte nicht, wie dieser Wunsch erhört werden würde. Wenn Jesus eines Menschen gedenkt, dann ist das eine Gnade, eine Rettung, ein ganzer Himmel. „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Die fromme Mutter der britischen Familie Vaugham betete viel, dass möglichst alle ihre Kinder sich dem Dienst Gottes weihen und einen hohen Grad christlicher Vollkommenheit erreichen möchten. Tatsächlich traten von ihren dreizehn Kindern elf in den geistlichen Stand.
Es gibt Gelegenheiten, in denen wir Gewissheit haben, dass Gott unser Gebet erhört, weil Gott selbst die Sicherheit der Erhörung verbürgt. Wenn der katholische Priester in der heiligen Messe die Worte der Wandlung spricht, geschieht die Verwandlung der Gaben Brot und Wein. Der Priester fleht um die Verwandlung; Gott erhört seine Bitte und nimmt sie vor. Christus, der Sohn Gottes, hat befohlen, dass diese Feier gehalten wird, und er hat gleichzeitig die Befähigung, sie zu halten, mitgeteilt. „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Ähnlich ist es bei dem Nachlass der Sünden. Wenn der Priester im Bußsakrament die Vergebung der Sünden verkündet, verleiht Gott diesen Worten die Macht des Nachlasses. Der Priester fleht um die Vergebung, und Gott hört sein Flehen und vollzieht sie. Auch im außersakramentalen Bereich verbürgt Gott die sichere Erhörung. Wenn die Träger des kirchlichen Lehramtes unter Einsatz ihrer Höchstgewalt ein Dogma aussprechen, garantiert Gott die sichere Wahrheit seines Inhalts.
II.
Gott erhört auf seine Weise, die von Menschenweise recht verschieden sein kann. Der Mensch bittet als Mensch, Gott aber erhört als Gott. 1. Gott erhört manchmal erst, menschlich gesprochen, nach langer Zeit. Entweder ist die Bitte groß und Gott will dem Menschen zum Bewusstsein bringen, wie groß sie ist. So gibt er ihm Zeit zur Überlegung. Oder Gott will den Beter prüfen, ob es ihm auch ernst ist mit der Bitte, oder ob es nur eine flüchtige Anwandlung ist. So wartet er, ob der Mensch bei seinem Anliegen verharrt. Oder Gott will, dass der Beter durch sein beharrliches Beten reift (und vielleicht selbst sein Beten, wenn nötig, allmählich korrigiert), dass er innerlich bereit wird, die Erhörung in der rechten Weise aufzunehmen. 2. Gott erhört manchmal anders, als wir es uns zunächst menschlich ausgedacht haben, weil wir nicht das Rechte erbeten; weil er uns Größeres geben will; weil er andere Wege, seine Wege wählt, um uns zu erhören. Nach den ersten Erscheinungen zu Lourdes musste die junge Bernadette auf Geheiß des Ortspfarrers Maria bitten, sie möge als Machterweis den in der Nähe des Erscheinungsortes stehenden Rosenstrauch mitten im Winter blühen lassen. Die Bitte wurde nicht erfüllt. Stattdessen entsprang in der Nähe die Lourdesquelle, die seitdem zahllosen Kranken zum Segen geworden ist. Gott erhört dann und wann anders, als wir wünschen und erhoffen. 3. Tatsächlich erhört er uns manchmal so eigenartig und verborgen, dass wir meinen, er habe uns überhaupt nicht erhört; und er hat es doch getan. Einmal in Kapharnaum brachten vier Männer einen Gelähmten vor Jesus. Als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Kind, deine Sünden sind dir vergeben. Er nahm also etwas vor, worum er gar nicht gebeten worden war, obwohl er wusste, dass die Männer die Wiederherstellung der körperlichen Gesundheit des Gelähmten im Auge hatten. Erst danach heilte er den Mann, um durch das sichtbare Wunder seine unsichtbare Kraft der Vergebung zu beweisen. Die Anwesenden gerieten außer sich, priesen Gott und sprachen: So etwas haben wir noch niemals gesehen.
III.
Doch allen Erhörungen zum Trotz gibt es Gebete, die Gott nicht erhört. Warum erhört Gott Gebete nicht? 1. Weil wir nicht richtig beten. Ohne wahre Andacht, ohne Ausdauer, ohne Vertrauen. Kein Wunder, wenn Gott unseren Bitten nicht nachkommt, wenn wir durch Nachlässigkeit und Unachtsamkeit beim Gebet geradezu unter Beweis stellen, dass wir unsere Bitten selbst nicht ernst nehmen. Man muss mit Beharrlichkeit beten und darf es nicht machen wie jene, die das eine oder andere Mal beten und das Gebet aufgeben, wenn sie nicht sofort erhört werden. Gott lässt seiner nicht spotten. Er ist nicht der Dienstmann der Menschen. 2. Gott erhört Gebete nicht, weil wir nicht in der rechten Verfassung beten. Ohne uns Mühe zu geben, Gott auch sonst in unserem Leben als treue Kinder Freude zu machen. Ohne jene Reinheit des Lebens, die unser Beten Gott angenehm macht. Am sichersten werden wir die Erhörung unserer Bitten von Gott erlangen, wenn wir außer dem lebendigen Glauben auch unser ganzes Denken, Reden und Handeln nach Gottes Gesetz und Willen einrichten. Gottes Ohren lauschen nicht auf den Mund, sondern auf das Herz; sie hören nicht auf die Lippen, sondern auf das Leben dessen, der ihn lobpreist. Gott will auch nicht, dass wir auf ihn abwälzen, was wir aus eigener Kraft zu leisten und zu erreichen vermögen. Gott hilft dem Schiffer, aber er muss rudern. Wer von Gott erhört werden will, der höre zuerst auf Gott (Aug.); schneller wird eine einmalige Bitte eines gehorsamen Christen erhört als zehntausend eines Widerspenstigen (Aug.). Höre auf Gott in seinen Geboten, damit er auf dich hört in deinen Gebeten. Mit größter Zuversicht darf jene Bitte auf Erhörung hoffen, die durch fromme Werke gestützt wird. 3. Gott erhört nicht, wenn wir nicht um die rechten Dinge beten, sondern um falsche, irdische, allzu irdische Ziele. Gütig ist der Herr, wenn er uns oftmals das nicht gibt, was wir wollen, damit er uns das zuteilen kann, was wir lieber wollen sollten. Vor allem aber: Gott erhört dich vielleicht nicht nach deinem Willen, aber er erhört dich zu deinem Heil (Aug.). Haben wir nicht schon manches Mal darum gebetet, dass Gott ein Kreuz von unseren Schultern nehmen möge? Gott hat uns das Kreuz belassen. Jahre später haben wir erkannt, dass dieses Kreuz eine Quelle des Segens für uns war. Der Apostel Paulus war kein gesunder Mann. Er selbst sprach von dem Stachel im Fleische, dem „Engel des Satans“, der ihn mit Fäusten schlage. Man vermutet, dass er an Epilepsie, an der Fallsucht litt. Paulus hat den Herrn wiederholt angefleht, dass der Peiniger von ihm weichen solle. Doch der Herr erhörte ihn nicht, sondern sprach nur zu ihm: „Es genügt dir meine Gnade; denn die Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung“ (2 Kor 12,7-10). Gott erhört immer zu unserem wahren Besten. Er hat den Überblick, den Einblick, den Weitblick, den Vaterblick, den wir nicht haben. So löst sich manches Rätsel in der Geschichte unseres Betens. Ganz werden sich die Rätsel einmal entwirren, wenn uns Gott das Buch unseres Lebens aufschlägt, wo unsere Gebete und seine Erhörungen nebeneinanderstehen. Dann werden wir sehen und anerkennen: Gott hat uns erhört, göttlich groß erhört, zu unserem Besten erhört. Wenn wir trotz unserer Gebete und unseres Flehens nicht von den Übeln befreit werden, müssen wir das, was uns drückt, gottergeben tragen, indem wir bedenken, es gefalle der göttlichen Majestät, dass wir geduldig leiden. Es ist keineswegs recht, uns zu entrüsten oder zu betrüben, dass Gott unsere Gebete nicht erhört. Man muss vielmehr alles seinem Willen überlassen in der Überzeugung, das sei nützlich, das sei heilsam, was nach Gottes Wohlgefallen, nicht aber was nach unserem Gutdünken ist. Leiden ist und bleibt unser Anteil hienieden, wenn wir Jesus liebhaben und ihm ohne Unterlass dienen wollen.
Wie oft haben wir gebetet: O Gott, du bist mein Heil, ich suche dich. Wie der Hirsch sich sehnt nach Wasserbächen, so lechzt meine Seele zu dir, o Gott. Wann darf ich kommen und erscheinen vor deinem Angesicht? Häufig haben wir Gott die Bitte vorgetragen: Herr, nimm mich auf in den Himmel, verstoß mich nicht, schenke mir das ewige Heil. Das ganze Leben eines guten Christen ist heilige Sehnsucht nach Gott, dem Erbarmer. Der Herr ist ein Gott der Treue. Er ist gerecht und zuverlässig. Nicht so sehr begehrst du nach deinem Heil, wie er nach deiner Rettung trachtet. Gott wird uns auch erhören, wenn wir ihn in rechter Absicht um die Aufnahme in die himmlischen Wohnungen anflehen. Über den Sternen, da wird es einst tagen, da wird dein Hoffen und Sehnen gestillt. Was du gelitten, was du getragen, einst ein allmächtiger Vater vergilt.
Amen.