23. August 2026
Dankbarkeit
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Geliebte im Herrn!
Danksagung und Dankbarkeit bestimmen das gesamte Verhältnis von Gott und Mensch. Danksagung ist ein durchgehender Zug der Gottesverehrung. Im AT ist Danksagung das Echo auf das bundesgeschichtliche Handeln Gottes an seinem Volk. Danksagung an Gott geschieht seit frühester Zeit in Form eines berichtenden und gedenkenden Lobpreises der Macht und der Heilstaten Gottes in Schöpfung und Geschichte. Der Gottesdienst im Tempel zu Jerusalem war geprägt von Dankliedern gegenüber Gott. Das dort angebrachte Opfer war stets ein Dankopfer. Der gläubige Israelit wusste um seine Pflicht, Gott dankzusagen. Als der erblindete Tobias geheilt war, blickte er sogleich zum Himmel empor und sprach: „Ich preise dich, Herr, Gott Israels. Du hast mich gezüchtigt und mich wieder geheilt“ (Tob 11,17). Mit dem Kommen Jesu und dem Anbruch der Erfüllungszeit wird der Dank zur eschatologischen Grundhaltung des Volkes Gottes (Lk 17,11-19; 1 Thess 5,18; Kol 2,7; 3,15.17; 4,2; Eph 5,4.20). Im Neuen Testament werden die Psalmen als Danksagung für das die Endzeit einleitende Wirken Jesu verstanden. Der christliche Mensch führt alles Gute auf die Schöpfung und auf das Christusereignis zurück. Christus dankt besonders für das den Menschen zuteil gewordene Heil. Sobald er eine Wohltat von seinem himmlischen Vater empfangen hatte, sah er auf der Stelle zum Himmel empor und sprach: „Vater, ich preise dich“ oder „Vater, ich danke dir.“ Der gläubige Christ dankt Gott an erster Stelle für die Menschwerdung seines Sohnes und für dessen Heilswerk. Die höchste liturgische Form der Danksagung ist die von Christus gestiftete Gedächtnisfeier seines heilbringenden Todes und seiner Auferstehung. Hier wird Gott für „die unsagbar große Gabe“ (2 Kor 9,15) der Erlösung gedankt. Preisend und danksagend begeht die Kirche das Todesgedächtnis ihres Herrn (1 Kor 10,16; 11,26f.; Joh 6,51c-56), antizipiert sie das eschatologische Mahl (Lk 22,15-18; Mk 14,25; Mt 26,29), und tritt sie in Gemeinschaft mit dem gegenwärtigen Herrn (1 Kor 20,3ff.18-22) und untereinander (1 Kor 19,17; 11,20-34). Paulus fordert die Gläubigen auf, Gott für alles zu danken durch Jesus Christus und dankt selbst für die den Gemeinden geschenkte Gnade. In den christlichen Gemeinden ist die Dankbarkeit von Anfang an ein wesentlicher Grundzug; Paulus hält den Heiden vor, dass sie, obwohl sie Gott kannten, ihn nicht als Gott geehrt oder ihm Dank abgestattet haben (Röm 1,21).
Der Mensch besitzt eine natürliche Anlage zur Danksagung an Gott. Die Menschen aller Generationen haben um ihre Pflicht, Gott zu danken, gewusst. Sie haben auch die Notwendigkeit gespürt, untereinander dankbar zu sein. Die retributive Pflicht, einer empfangenen Wohltat gegenüber Dank abzustatten, gilt in der Antike als elementares Prinzip der Gerechtigkeit. Nach Aristoteles verpflichtet das Wohltun den, der Wohltaten empfängt. Für Cicero ist die Abstattung von Dank ein Gebot moralischen Anstands.
Dankbarkeit ist ethische Antwort auf erfahrene Hilfeleistung im konkreten Einzelverhalten wie als Grundhaltung. Dankbarkeit ist die Antwort der Liebe auf empfangene Liebe. Der Dank gebührt in erster Linie Gott, denn „jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, vom Vater der Lichter“ (Jak 1,17). Wir sollen beim Empfang von Wohltaten immer zunächst Gott und dann auch unserem menschlichen Wohltäter Dank sagen. Die Menschen sind nur Diener oder Werkzeuge Gottes; daher gebührt ihnen erst in zweiter Reihe Dank. Wir sollen Gott zunächst danken, dass er uns die Gnade des wahren Glaubens geschenkt hat. Es gibt im menschlichen Leben unzählige Fälle, wo wir pflichtgemäß Dank zu sagen haben. Der Genuss der täglichen Nahrung, der Empfang des Lohnes oder des Gehaltes, die Wiedererlangung der Gesundheit, eine glücklich bestandene Prüfung, eine berufliche Beförderung, eine eingebrachte Ernte, die Befreiung aus einer Gefahr. Alle diese Vorgänge rufen nach Danksagung. Das mindeste, was wir tun können, ist, wenigstens zu sprechen: Gott sei Dank. Der Sonnengesang des heiligen Franziskus ist ein Danklied für die Gabe der Natur, für „Bruder Wind“ und „Schwester Mond“. Die Haltung der Dankbarkeit ermöglicht heiteren Herzens die Annahme der Welt, wie sie ist, mit guten und weniger guten Dingen. Als Christoph Kolumbus die erste amerikanische Insel Guanahani erblickte, lobte er Gott und zum Dank nannte er die Insel San Salvador, d.h. der heilige Erlöser und errichtete auf der Insel ein Kreuz. Ein Sprichwort lautet: „Ist die Gabe noch so klein, dankbar sollst du immer sein.“ Dank kostet nichts und gibt viel. Wer für erhaltene Wohltaten dankt, lebt gesünder. Erziehung zur Dankbarkeit erzieht zur Solidarität. Eine Gesellschaft dankbarer Menschen ist eine solidarische Gesellschaft. Ohne Dankbarkeit herrschen der Ellenbogen und die Gewalt. Wenn Dankbarkeit fehlt, fehlt auch der Sinn für Hingabe und Opferbereitschaft, für Wohlwollen und Freundschaft. Gott weiß, dass ein Mensch, der sich erkenntlich zeigt, also die Gnaden Gottes schätzt, diese auch gut anwenden wird. Daher spendet er ihm weitere Gnaden. In diesem Sinne kann man sagen: Die Dankbarkeit ist ein Gebet um neue Wohltaten. Der Einzelne hat Gott zu danken, aber nicht minder die Gemeinschaft, die Familie, die Gemeinde, das Volk; denn sie alle schirmt und erhält sein allmächtiger Wille. Im Gloria der heiligen Messe beten wir: „Gott, wir danken dir für deine große Herrlichkeit“. Wir erkennen dankbar die unermessliche Schönheit und Majestät Gottes an.
Die Unterlassung des Dankens, der Undank ist die Verletzung einer wichtigen religiösen, gesellschaftlichen und menschlichen Pflicht. Gott beklagt die Undankbarkeit seines Volkes. Er spricht durch den Propheten Isaias: „Der Ochs kennt seinen Eigentümer und der Esel die Krippe seines Herren. Aber mein Volk Israel kennt mich nicht“ (Is 1,3). Im Buch der Sprüche heißt es: „Wer Gutes mit Bösem vergilt, aus dessen Haus wird das Unglück nicht weichen“ (Spr 17,13). Dankbarkeit bleibt im politischen Leben häufig aus. Die Griechen haben ihre großen Feldherren, die sich um ihr Vaterland verdient gemacht haben, wie Aristides, Miltiades, Themistokles und Thukydides teils aus dem Vaterland vertrieben, teils zum Giftbecher verurteilt. Der Undank ist immer eine Art Schwäche. Der Undankbare weigert sich zuzugeben, dass er anderen zum Dank verpflichtet ist. Wer eine Wohltat nicht mit Dank vergilt, trübt selbst die Quelle sich, die ihm den Durst gestillt. Als Christus die zehn Aussätzigen heilte und nur einer von ihnen ihm seinen Dank abstattete, sprach der Herr traurig zu diesem einen: „Wo sind denn die anderen neun?“ (Lk 17,17). Der heilige Augustinus sagt: „Der Undank verstopft die Quelle der göttlichen Gaben.“ Wer für die empfangenen Wohltaten nicht dankt, beweist dadurch, dass er diese Wohltaten nicht schätzt; er verdient also keine neuen Gunsterweisungen. Katharina von Siena wurde von einer krebskranken Frau, die sie pflegte, zum Dank für ihre Güte aufs schwerste verdächtigt und in ihrer Ehre angegriffen. Ihre Mutter war entrüstet und suchte sie abzuhalten, die bösartige Kranke weiterhin zu betreuen. Katharina aber antwortete: „Glaubst du, unser Heiland ist zufrieden, wenn wir Werke der Barmherzigkeit unterlassen, nur weil wir dafür Undank ernten? Hat der Erlöser, als er die Schmähworte des undankbaren Volkes hörte, darum sein Erlösungswerk aufgegeben?“
Die Psychoanalytikerin Melanie Klein hat die Entstehung des Gefühls der Dankbarkeit beim Kleinstkind untersucht. Sie hat herausgefunden, dass dieses Gefühl unmittelbar mit der Beziehung zur Nahrungsaufnahme zusammenhängt. Besonders deutlich sei das bei Babys, die gestillt werden. Die Haltung der Dankbarkeit wird sozusagen mit der Muttermilch eingesogen. Dankbarkeit prägt die Stimmung in der Familie positiv. Papst Franziskus nannte als Schlüsselworte menschlichen Zusammenlebens „danke“, „bitte“, „es tut mir leid“. Eltern, die nicht danke sagen, können kaum erwarten, dass ihre Kinder dies tun. Diese Lebenshaltung muss vorgelebt werden. Freundlichkeit, Großzügigkeit, Bescheidenheit, diese kleinen Schwestern der Dankbarkeit sind Tugenden des Herzens und der Beziehungen. Dankbarkeit lenkt von sich selbst ab und schaut auf den anderen, der uns Gutes will. Wir brauchen den anderen, um zu existieren. Die Haltung der Dankbarkeit ist wie eigentlich alles in der Erziehung ein Ergebnis der Liebe. Liebe und Vorbild, so definiert Pestalozzi Erziehung. Kinder brauchen wissende Eltern. Zu diesem Wissen gehört beim Thema Dankbarkeit, dass das Gute ein Geschenk ist, das uns nicht geschuldet ist, angefangen beim Leben selbst. Danke für das Leben, für die Liebe, für die Familie, für das Heim, für die Natur. Kinder, die die Welt als Gabe sehen, für die man zu danken hat, weil sie unverdient geschenkt wurde, werden Erwachsene, die die Welt als Aufgabe sehen, weil sie uns anvertraut ist. Wenn Dankbarkeit fehlt, fehlt der Sinn für Wohlwollen und Freundschaft, für Hingabe und Opferbereitschaft. Eltern machen gelegentlich die Erfahrung der Undankbarkeit. Sie fühlen sich persönlich abgewiesen, wenn erwachsene Kinder sie ignorieren, Hilfe ablehnen. Manche Eltern empfinden das als Verletzung, als Ungerechtigkeit des Lebens. Es gibt eine Dankbarkeit, die nicht abgetragen werden kann. Es ist die liebevolle Ehrerbietung, die Liebe zu den Eltern oder zum Vaterland. Das, was Eltern und Kultur uns an Gutem geschenkt haben, zuerst das Leben und dann die Fertigkeiten, dieses Leben zu meistern, lässt sich nicht ausgleichen. Die Dankbarkeit ist die adäquate Haltung, die dieser Lebensschuld gebührt.
Amen.