Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
3. Juni 1999

Die Transsubstantiation

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte, zur Feier des heiligen Fronleichnams Versammelte!

Fronleichnam ist heute. Das besagt das Fest des verklärten Leibes unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus. Die Kirche hat in jahrhundertelangem Nachdenken unter der Leitung des Heiligen Geistes einen Einblick in das Geheimnis des Herrenleibes gefunden. Am Anfang stehen die Worte des Herrn: „Das ist mein Leib. Das ist mein Blut.“ Nun sind diese Worte an sich mehrfacher Deutung fähig, und tatsächlich ist keine Deutung, keine Fehldeutung, keine Mißdeutung im Laufe der christlichen Jahrhunderte ausgelassen worden.  Nur eine Deutung kann richtig sein, nämlich jene, die der Herr beabsichtigt hat und die der Heilige Geist seiner Kirche verbürgt. Die ältesten Kirchenväter haben sich über die Weise, wie Christus in den Gestalten von Brot und Wein anwesend ist, kaum Gedanken gemacht. Erst im 4. Jahrhundert wird die Lehre, die wir Transsubstantiation, Wesensverwandlung, nennen, inhaltlich, nicht begrifflich vom heiligen Ambrosius von Mailand vorgetragen. Seitdem ist diese Lehre nie mehr vergessen oder unterschlagen worden. Im Laufe der Entwicklung des Dogmas gibt es bestimmte Einschnitte, etwa als Paschasius Radbertus im 9. Jahrhundert die Eucharistielehre des Ambrosius aufnahm und lichtvoll entfaltete. Vor allem durch die Irrlehre bedingt, hat die Kirche sich mit diesem Geheimnis befassen müssen. Im 12. Jahrhundert trat ein Mann namens Berengar auf. Er vertrat die Meinung: Weil sich äußerlich nichts ändert an dem Brot und an dem Wein, deswegen ändere sich auch innerlich nichts. Brot und Wein bleiben, was sie waren; was sich ändert, ist der Sinn und Zweck der beiden Elemente. Dagegen ist die Kirche energisch eingeschritten. Sie hat sich dagegen verwahrt, daß Brot und Wein nur eine andere Bedeutung bekommen und nicht ein anderes Sein. Im 13. Jahrhundert war es dann soweit, daß die Kirche sich in einem amtlichen Lehrspruch zu der Lehre von der Transsubstantiation, von der Wesensverwandlung, bekannt hat. Auf dem IV. Laterankonzil im Jahre 1215 hat sie gelehrt: „Sein Leib und Blut ist im Sakrament des Altares unter den Gestalten von Brot und Wein wahrhaft enthalten, nachdem durch Gottes Macht das Brot in den Leib und der Wein in das Blut wesensverwandelt sind, damit wir von dem Seinigen empfangen, was er von dem Unsrigen annahm, und so die geheimnisvolle Einheit vollendet wird.“

Da haben wir das Wort Transsubstantiation, Wesensverwandlung. Der große Papst Innozenz III. ist es, der durch eigenen Lehrspruch des Konzils diesen Begriff sanktioniert hat. Seitdem ist der Eucharistieglaube der Kirche nicht mehr aussagbar ohne das Wort Transsubstantiation. Man hat die Sache nur, wenn man den Begriff hat; man hat aber auch den Begriff nur, wenn man das Wort hat.

Gegen die Neuerer des 16. Jahrhunderts hat das Konzil von Trient die Wesensverwandlung noch einmal lichtvoll dargestellt. „Da aber Christus, unser Erlöser, von dem, was er unter der Gestalt des Brotes darreichte, aussagte, es sei wirklich sein Leib, so war es stets die Überzeugung der Kirche Gottes, und diese heilige Kirchenversammlung erklärt aufs neue: Durch die Weihe von Brot und Wein vollzieht sich die Wandlung der ganzen Brotsubstanz in die Substanz des Leibes Christi, unseres Herrn, und der ganzen Weinsubstanz in die Substanz seines Blutes. Und diese Wandlung ist von der katholischen Kirche zutreffend und im eigentlichen Sinne Transsubstantiation genannt worden.“ Das ist die Lehrerklärung des Konzils von Trient. Und schließlich ein Lehrsatz, der noch einmal in eine kurze Formel bringt, was der Christ glauben muß, wenn er im Eucharistieglauben der Kirche bleiben will. „Wer sagt, im hochheiligen Sakrament der Eucharistie bleibe die Substanz von Brot und Wein zugleich mit dem Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus bestehen, und wer jene wunderbare und einzigartige Wandlung der ganzen Brotsubstanz in den Leib und der ganzen Weinsubstanz in das Blut leugnet, wobei nur die Gestalten von Brot und Wein bleiben – diese Wandlung nennt die katholische Kirche treffend Transsubstantiation –, der sei ausgeschlossen.“

Hier hat das Konzil endgültig und für immer einen Schlußstrich unter die Eucharistielehre gesetzt. Es weist jeden Versuch ab, das Geheimnis abzuschwächen, umzudeuten oder auszuhöhlen, und zur Abwehr dieser Versuche, ob man sie nun Impanation, Consubstantiation nennt oder wie immer sie heißen mögen, zur Abwehr dieser Angriffe ist das Wort, ist der Begriff, ist die Sache Transsubstantiation unentbehrlich.

Es ist bedauerlich, meine lieben Freunde, daß das Zweite Vatikanische Konzil in seinen 100.000 Worten das Wort Transsubstantiation nicht verwendet. Es ist bedauerlich, aber diese Auslassung hat nicht die Bedeutung, die ihr modernistische Theologen geben wollen, als ob sich die Kirche von dem Transsubstantiationsglauben verabschiedet hätte. Mitnichten. Das, was das Wort Transsubstantiation besagt, ist vom Zweiten Vatikanischen Konzil deutlich und über jeden Zweifel erhaben ausgedrückt worden. In der Liturgiekonstitution steht der Satz: Christus ist gegenwärtig unter den eucharistischen Gestalten. Er ist darin gegenwärtig, weil die Transsubstantiation vorangeht. Die Transsubstantiation bleibt also gültig, ob das Wort nun in den umfangreichen Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils steht oder nicht.

Um einigermaßen einen Einblick zu gewinnen in das, was Transsubstantiation bedeutet, muß man sich in der Begrifflichkeit der aristotelischen Philosophie, die hier das Sprachkleid bildet, die Begriffe Substanz und Akzidenzien erklären lassen. Substanz ist das grundwesentliche Element eines Dinges. Substanz ist das, was hinter den Erscheinungen liegt. Substanz ist der Träger der Erscheinungen, der unbestimmte, aber bestimmbare Träger der Erscheinungen. Akzidenzien, Beischaft oder Begleitschaft sind die äußeren, sichtbaren, fühlbaren, tastbaren Dinge, die von dieser Substanz getragen werden. Um ein Beispiel zu geben: Wenn ich einem Menschen die Hand gebe, dann meine ich diesen Menschen. Die Hand, die ich gebe, ist heute warm und morgen kalt, sie ist frisch oder welk. Die Hand ist nicht der Mensch. Sie gehört zu dem Menschen, sie ist ein Bestandteil des Menschen, aber sie ist nicht der Mensch. Der Mensch hält sich durch, auch wenn die Eigenschaften und die erkennbaren äußeren Merkmale sich ändern.

Ähnlich-unähnlich ist es mit der Substanz, die in dem Begriff Transsubstantiation gemeint ist. Was in der Wandlung geschieht, ist die Aufhebung der Brotsubstanz und das Eintreten der Leibsubstanz oder der Blutsubstanz unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus. In der Tiefe, in einer der Erfahrung nicht zugänglichen Tiefe, vollzieht sich ein unbegreifliches Geschehen. Was von der Erde stammt, wird umgewandelt in das, was vom Himmel kommt. Aus Brot und Wein wird Leib und Blut unseres Herrn Jesus Christus. Die Substanz wird umgewandelt, die Akzidenzien bleiben. Das ist ein Wunder der göttlichen Allmacht. Das kann sonst nirgends konstatiert werden. Das kann keine irdische Macht, keine physische Gewalt und keine chemische Kraft bewirken. Was hier geschieht, ist zu vergleichen mit der Schöpfung am Anbeginn der Zeit. Da hat Gott aus dem Nichts etwas hervorgebracht. Hier, in dem eucharistischen Geschehen, ist zwar etwas vorhanden, aber es ist wiederum ein Werk der göttlichen Allmacht, daß aus dem, was jetzt ist, etwas wird, was bisher nicht war.

Meine lieben Freunde, wir können es uns versagen, weitere Versuche zu machen, in das Geheimnis einzudringen. Der Gott, der die Welt aus dem Nichts geschaffen hat, der Gott, der über das Meer gewandelt ist, der Gott, der mit wenigen Stückchen Brot Tausende gesättigt hat, der Gott ist auch fähig, die Brotsubstanz in die Substanz des Leibes Christi und die Weinsubstanz in die Substanz des Blutes Christi zu verwandeln. Was der Verstand nicht begreift – und wer kann Gott begreifen? – das vermag der Glaube zu bejahen. Gewiß kann sich bei den Christen manchmal die Versuchung regen: Ja, wie ist das nun eigentlich mit der Wandlung? Wie mir einmal ein Arbeiter sagte: Ja, wenn er herauskäme aus dem Tabernakel. Er kommt heraus, aber nicht in seiner wahren Gestalt, sondern in einer fremden Gestalt, nämlich in der Gestalt der Begleitschaft, nämlich der äußeren Merkmale, der Akzidenzien von Brot und Wein. Aber sein Wort verbürgt uns, daß er wahrhaft, wirklich und wesentlich zugegen ist als unsere Speise, als Unterpfand der künftigen Herrlichkeit.

Amen.

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