1. Januar 2026
Neujahr
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Geliebte im Herrn!
Ein bürgerliches Jahr ist vergangen, ein neues hat begonnen. Jedermann fragt sich: Was wird es bringen? In der Wirtschaft, in der Gesellschaft, im Staat? In meinem Leben? An meinem Leibe? In meiner Seele? Gott weiß es. Sein Plan mit dem Weltall und mit der Menschheit liegt seit Ewigkeit fest. Doch er ist uns verborgen, zu unserem Heil verborgen. Dennoch können wir ahnen, vermuten oder wissen, wie es mit der Menschheit weitergehen wird. An erster Stelle liegt uns das Geschick unserer Religion, unserer Kirche am Herzen. Da sieht es düster aus. Ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich sage: Die Erosion, d.h. die Zerstörung des Glaubens und der Abfall vom religiösen Leben, wird anhalten. Der Auszug aus der Kirche und die Auszehrung unserer Gottesdienste werden andauern. Der Mangel an Priestern und Ordensleuten wird zunehmen. Regierungen und Parlamente werden fortfahren, in Gesetzgebung und Gerichtsbarkeit gegen Gottes Gebote zu verstoßen. Eine spürbare Bekehrung ist nicht in Sicht.
Die katholische Kirche ist, richtig verstanden, eine Bischofskirche. Die Bischöfe sind das wesentliche Strukturelement der Kirche. Wer an ihrer Stellung rüttelt, vergeht sich gegen den Stiftungswillen Christi. Die in Deutschland zu beobachtenden Versuche, den Bischöfen gleichberechtigte Gremien von Berufslaien an die Seite zu stellen, ebnen das Bischofsamt ein. Diese Entwicklung wird von der Mehrzahl der amtierenden Bischöfe nicht aufgehalten, sondern befördert. Die Bischöfe sind gehalten, ihr Amt so zu verwalten, dass sein Nutzen, ja seine Unentbehrlichkeit allen Menschen einleuchtet. Die Gläubigen sollen zu den Bischöfen aufschauen. Sie sollen sich an ihrer Glaubensfestigkeit, ihrer Frömmigkeit, ihrer Treue zum Primat, ihrem Seeleneifer erbauen und aufrichten. Können sie das? Das Verhalten der Bischöfe lässt seit Jahrzehnten Mängel und Defizite erkennen. Die Bischöfe müssen sich in ihrer öffentlichen Äußerungen streng an die Lehre und die Ordnung der Kirche halten. Polemik gegen die hierarchische Struktur des Leibes Christi, gegen den Primat des Papstes, gegen die Sexualmoral der Kirche untergräbt den Glauben der Kirchenglieder. Wenn der von Papst Leo XIV. zum Erzbischof von Wien Ernannte noch vor der Inthronisierung gegen die gottgeweihte Jungfräulicheit des katholischen Priesters eifert, dann erschüttert er zu seinem Teil ein fundamentales Gesetz der Kirche. Wenn der Bischof von Limburg auf der Absicht beharrt, Frauen das Weihesakrament zu spenden, dann empört er sich gegen einen Glaubenssatz der Kirche.
Die katholische Kirche ist auch eine Priesterkirche. Die Priester traten als Gehilfen der Bischöfe ins Leben. Das Sakrament der Weihe prägt dem Priester einen unverlierbaren Charakter ein. Es besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen dem besonderen Weihepriestertum und dem allgemeinen, dem Taufpriestertum. Wird er verwischt oder überhaupt nicht mehr anerkannt, hört die katholische Kirche auf, die Stiftung Jesu Christi zu sein. Wenn wir um geistliche Berufungen beten, flehen wir um Priester und Ordensleute, nicht um Gemeinde- oder Pastoralreferenten. Lautstarke Kräfte in der Kirche suchen das Priestertum zu nivellieren oder ganz abzuschaffen. Im Dialogprozess von Hannover sprach eine Pastoralreferentin einen Priester an mit „Herr Kollege“. Der Kirchenrechtslehrer der katholisch-theologischen Fakultät Münster namens Wolf hat sich auf das Priestertum geradezu eingeschossen. Und er bildet Priester aus.
Die Kirche lebt von der Eucharistie. Das eucharistische Opfersakrament ist der wesentliche Inhalt ihres Gottesdienstes. Die Eucharistie ist die sakramentale Epiphanie von Golgotha. Keine Art von Wortgottesdiensten ist ein gleichwertiger Ersatz für das eucharistische Opfer. Unsere Kirchen sind gebaut und geweiht worden, um Eucharistie zu feiern. Auch das respektabelste soziale Engagement empfängt Auftrag, Kraft und Sinn aus der Eucharistie. Die Würde und die Schönheit der Eucharistie müssen gewahrt und, wo es notwendig ist, wieder entdeckt werden. Rummel und Wirbel an heiliger Stätte sind inakzeptabel. Die erhabenen Texte der Heiligen Schrift dürfen nicht durch Erfindungen des Menschengeistes ersetzt werden. Die Feier des eucharistischen Opfersakramentes ist dem geweihten Priester anvertraut. Eucharistie und Hirtenamt sind auf Gedeih und Verderb miteinander verknüpft. Der Hirte heiligt, leitet und lehrt. Keine Gemeinde kann dies selbst ohne ihn tun. Wer dem Hirten gleichberechtigte Laien an die Seite stellen will, nivelliert das Weiheamt und macht es auf die Dauer überflüssig.
Der Kirche ist die authentische Verkündigung des Wortes Gottes aufgetragen. Der Priester ist der zum Herold Gottes geweihte Amtsträger. An jedem Sonn- und Feiertag versieht er den Dienst des Wortes. Die Predigten müssen aus dem Glauben des Priesters kommen und den Glauben der Zuhörer aufbauen. Ihr Hauptgegenstand ist das, was der Sohn Gottes gelebt und gelehrt hat. Politik gehört nicht in die Kirche. Der Priester ist berechtigt und verpflichtet, Fehlentscheidungen von Regierung und Parlament zu rügen, vor ihnen zu warnen, aber lediglich dann, wenn sie in das Gebiet von Glaube und Sitte eingreifen. Die Kirche hat das Wächteramt über die Wahrheit Gottes. Der Priester, der an der Predigt für den nächsten Sonntag arbeitet, darf nicht fragen, komme ich damit bei den Zuhörern an, sondern will Christus, die Wahrheit Gottes, dass ich den Gläubigen die Offenbarung unverkürzt und unentstellt vortrage. Unbe-queme Wahrheiten und Normen dürfen nicht ausgelassen, verkehrt oder kritisiert werden. Wir Priester sind allen Menschen verpflichtet, gleichgültig, welches ihre politischen Ansichten sind. Es ist uns verwehrt, Kirchenglieder aus unserer seelsorglichen Verantwortung zu entlassen, weil sie Anschauungen vertreten, die wir nicht billigen können. Der Priester steht über den Parteien.
Die Kirche ist gehalten, dem Herrn ein heiliges Volk zu schaffen. Das wichtigste Mittel zu diesem Ziel ist Spendung und Empfang des Bußsakramentes. Die Beichte hat zu ihrem Teil dazu beigetragen, den katholischen Gläubigen zu bilden: ehrlich, demütig, reuig, bußfertig. Ihre Unterlassung ist durch nichts zu ersetzen. Der typisch nachkonziliare Katholik ist von allem das Gegenteil: selbstsicher, arrogant, eingebildet, überheblich. Er mag sich nicht demütigen vor Gott und seinem unwürdigen Diener. Das Bußsakrament ist zu einem verlorenen Sakrament geworden. Die Kirche hat damit einen Teil ihrer Sendung eingebüßt, dem Herrn ein reines und heiliges Volk zuzuführen. Fragen Sie einmal die Leute vom Zentralkomitee und vom Synodalen Prozess, wann sie das letzte Mal gebeichtet haben.
Das alte Jahr ist vergangen, ein neues Jahr ist gekommen. Was sich schon jetzt sicher voraussagen lässt, ohne Prophet zu sein, das ist: Die säkularisierte, also gottferne, gottentfremdete Gesellschaft Deutschlands und Europas wird auch 2026 erhalten bleiben. Wir wissen, was das bedeutet. Die Bereitschaft des Bekenntnisses zu Gott dem Schöpfer ist zurückgegangen oder gar aufgegeben. Das Geschenk der sakramentalen Ehe ist weithin nicht mehr bekannt und wird vielfach verletzt. Das Aufgabenfeld des Arztes wandelt sich unter dem Druck von Medien und Politik radikal: Statt Leben zu erhalten, wie es stets üblich war, wird immer mehr von ihm gefordert, zur Beendigung des Lebens beizutragen. Worum geht es? Was sollen wir tun? Wo müssen wir ansetzen? Die Kirche muss Kirche bleiben. Sie darf nicht nach weltlichen Kategorien verstanden und nicht nach soziologischen Kriterien umgebildet werden. Ständig weitergehende Demokratisierungen sind ein Anschlag auf die wesenhafte hierarchisch-sakramentale Struktur unserer Kirche. Der Glaube darf nicht verfälscht werden. Nur die Wahrheit, die ganze, die unverfälschte Wahrheit macht frei. Auslassungen und Umdeutungen sind Verrat an unserem Herrn und Meister. Einst wurden die Jünger im Boot im See Genesareth von Wirbelwind und Wogen überschüttet. Sie waren voller Angst und weckten den schlummernden Herrn. Er erhob sich, beschwor den Wind und sprach zum Meer: Schweige, verstumme! Da legte sich der Wind, und es ward große Stille. Da sprachen die Jünger zueinander: Wer ist der, dass ihm auch der Wind und das Meer gehorchen?
Amen.