Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
26. Juni 2022

Das heiligste Herz Jesu

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Wo in Deutschland, in welchen Diözesen, steht die Verehrung des Heiligsten Herzens Jesu in Blüte? Ich kenne keine Gegend, wo dies der Fall ist. Die Herz-Jesu-Verehrung, die einmal weit verbreitet war, ist in eine Krise gekommen. Darüber sollte sich jeder mit der Kirche lebende katholische Christ beunruhigen. Denn er weiß, mit welcher Mühe die Kirche ihre Glieder zu diesem Geheimnis unseres Erlösers führen möchte. Papst Pius XI. nannte die Herz-Jesu-Verehrung das außerordentliche Heilmittel in den außerordentlichen Nöten unserer Zeit. Die Leiden der Menschheit sind seit dem Tod dieses Papstes unheimlich gewachsen. Hat auch der Glaube an die rettende Liebe des Herzens Jesu in gleicher Weise zugenommen? Was oder wer ist der eigentliche Gegenstand der Herz-Jesu-Verehrung? Wir verehren das leibliche Herz des Herrn. Es ist ein Teil seiner körperlichen Natur und dank der hypostatischen Union unlösbar mit seiner Gottheit verbunden. Wir verehren die Liebe dieses Herzens. In der Herz-Jesu-Litanei wird von dieser Liebe ausgesagt: Herz Jesu, du Feuerherd der Liebe; Herz Jesu, voll Güte und Liebe. Wir verehren die Person Jesu Christi. Wenn wir auf sein Herz schauen, dann meinen wir damit die innerste und ursprüngliche Mitte unseres Herrn und Meisters. Das Wort „Herz“ will in allen Sprachen sagen: Wo das Herz ist, da ist der ganze Mensch. Wer das Herz Jesu sucht, verlangt nach dem ganzen Christus.

Die Verehrung des Herzens Jesu ist, wenn man sie im Rahmen der Anbetung des auferstandenen und erhöhten Christus sieht, so alt wie die Kirche. Als eigentliche Verehrung des durch Liebe und Schmerz verwundeten Herzens blühte diese Verehrung seit dem 13. Jahrhundert auf, und zwar auf deutschem Boden. Deutschland steht an erster Stelle der Länder, die bereits im Mittelalter eine reiche Herz-Jesu-Verehrung aufzuweisen haben. Ältester Zeuge ist der heilige Hermann Josef. Er dichtete um 1200 das erste Herz-Jesu-Lied: „Sei gegrüßt, o Herz des höchsten Königs.“ Es waren deutsche Mystiker, die die Herz-Jesu-Verehrung in Wort und Schrift verbreiteten. Es genügt, an Mechthild von Hackeborn und Gertrud die Große zu erinnern. Im 17. Jahrhundert wurde Margareta Maria Alacoque die mächtige Heroldin des heiligsten durchbohrten Herzens Jesu. Die Päpste nahmen die von der Frömmigkeit der Christen erzeugte Andacht auf und empfahlen sie der Christenheit. Papst Pius IX. schrieb 1856 das Herz-Jesu-Fest mit Stundengebet und Messfeier für die gesamte Kirche vor.

Der fromme Sinn der Gläubigen und die Fürsorge der kirchlichen Hirten haben die Formen und Weisen der Verehrung des heiligsten Herzens Jesu ausgebildet, wie sie in vielen Pfarreien und Gemeinschaften geübt wurden. Die Übung, durch welche die Verehrung des heiligsten Herzens Jesu in die Pfarreien getragen wurde, ist der Herz-Jesu-Freitag. Der erste Freitag jedes Monats ist dem Herzen Jesu geweiht, ist der Herz-Jesu-Freitag. Dies ist der Tag, an dem die Herz-Jesu-Verehrer die heiligen Sakramente der Buße und der Eucharistie empfangen, an dem das Allerheiligste Sakrament ausgesetzt und mit ihm das christliche Volk gesegnet wird. Zur Verehrung des heiligsten Herzens Jesu haben viele fromme Frauen und Männer Gebete verfasst. Mehrere Gebete stammen von Päpsten wie Leo XIII., Benedikt XV., Pius X. und Pius XI. Unsere Gebetbücher enthalten Andachten zum heiligsten Herzen Jesu. Es gibt eine eigene Litanei zum heiligsten Herzen Jesu. Die Anrufungen enthüllen den Reichtum dieses Herzens: Herz Jesu, in dem die ganze Fülle der Gottheit wohnt. Herz Jesu, reich für alle, die dich anrufen. Herz Jesu, voll Qual ob unserer Missetaten. Herz Jesu, du Quell allen Trostes. Zeugnis und Mittel unserer Verehrung des heiligsten Herzens Jesu sind auch die Lieder, die zu seiner Ehre geschaffen wurden. Unsere Gebetbücher enthalten kostbare Beispiele der Herz-Jesu-Lieder.

„Herz Jesu, Gottes Opferbrand,

der unsre Lieb’ entfachte.

O Herz, in Nacht zu uns gesandt,

als Schuld den Tod uns brachte.

Wir stachen dich mit Spott und Wut,

du tauftest uns mit deinem Blut,

nun müssen wir dich lieben.

 

Wer liebt, der kehrt zu dir nach Haus

und ist der Nacht entrissen.

Er sendet neu mit dir sich aus

als Licht in Finsternissen.

Du bist die Sonne, wir der Schein,

wir können ohne dich nicht sein

und ohne dich nicht lieben.

 

Herz Jesu, Trost der ganzen Welt

mach unser Herz zu deinem.

Nimm unsre Herzen ungezählt

und mache sie zu einem.

Lass uns den Hass, das bittre Leid

fortlieben aus der dunklen Zeit

lass uns dein Reich erscheinen.“

Ein besonderes Zeichen der Verehrung des heiligsten Herzens Jesu sind die Bilder und Statuen, die zu seiner Ehre aufgestellt werden. Bereits im Spätmittelalter finden sich Herz-Jesu-Bilder, so das Herz im Fünfwundenbild hervortretend oder allein mit den Leidenswerkzeugen. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Herz häufiger auf der Brust des Herrn dargestellt, wie es heute fast allgemein Sitte ist. Ein monumentales Zeichen der Herz-Jesu-Verehrung sind die vielen Gotteshäuser, die im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dem Herzen-Jesu geweiht wurden. Am 9. August 1911 wurde anlässlich des damaligen Katholikentages der Grundstein zu der Herz-Jesu-Kirche in Mainz-Mombach gelegt. Viele männliche und weibliche Kongregationen sind unter dem Namen und dem Patronat des heiligsten Herzens Jesu entstanden. Man zählt 284 Gemeinschaften, 240 weibliche und 44 männliche. Dazu kommen verwandte Gemeinschaften, die nach den Herzen Jesu und Mariae benannt sind. Weit verbreitet war das Herz-Jesu-Gebetsapostolat. Seine Mitglieder verpflichteten sich, durch tägliche Aufopferung der Gebete, Arbeiten und Leiden apostolisch zu wirken, sowie jeden Monat die Sühnekommunion zu empfangen. Das Gebetsapostolat zählte mehr als 30 Millionen Mitglieder. In Deutschland war es als Männerapostolat eingeführt. Heute scheint es vergessen zu sein. Eine besondere Form der Verehrung ist die Weihe an das heiligste Herz Jesu. Weihe ist ein Ritus, durch den eine Person oder eine Sache in besonderer Weise in den Dienst Gottes gestellt wird. Im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts wurden ganze deutsche Diözesen dem heiligsten Herzen Jesu geweiht. Papst Leo XIII. weihte am 11. Juni 1899 die gesamte Erde dem heiligsten Herzen Jesu. Die deutschen Bischöfe weihten im Ersten Weltkrieg am 10. Januar 1915 alle Herzen, die Familien, die Gemeinden, die Diözesen und das Vaterland dem heiligsten Herzen Jesu.

Die Verehrung des heiligsten Herzens Jesu kann uns tagsüber begleiten. Jeder Christ sollte Worte der Verehrung, der Liebe und des Vertrauens zu diesem Herzen in sich bewahren und ständig abrufbereit halten.

Heiligstes Herz Jesu, ich vertraue auf dich.

Heiligstes Herz Jesu, bilde mein Herz nach deinem Herzen.

Gelobt, gebenedeit soll sein zu jeder Zeit das heiligste Herz Jesu in alle Ewigkeit.

Geliebt sei allezeit das heiligste Herz Jesu.

Ehre, Liebe, Dank dem heiligsten Herzen Jesu.

Herz Jesu, unser Leben und unsere Auferstehung, erbarme dich unser.

Alles für dich, heiligstes Herz Jesu!

Ein besonderer Aspekt der Herz-Jesu-Verehrung ist die Andacht zu dem leidenden Herzen des Heilandes. Dieses Herz wurde am Kreuze von des Soldaten Lanze durchbohrt. Er wollte feststellen, ob Jesus als erster der drei Gekreuzigten schon gestorben sei. Er stieß seine Lanze in die Seite des Herrn, und sogleich floss Blut und Wasser heraus. Jesus hat gewollt, dass sein menschliches Herz noch nach seinem Tode am Kreuze von der Lanze des Soldaten durchbohrt wurde. Warum? Damit uns dieses durchbohrte Herz stets offene Zuflucht für unsere Seelen sei. Das ist ein Herz, das etwas von Leiden versteht. Der Heilige Geist hat bereits Jahrhunderte vor der Menschwerdung des Sohnes Gottes seinen Leidensberuf und seinen Leidensweg vorhergesagt: „Auf Schmach und Leid ist mein Herz gefasst. Ich schaute aus nach einem, der mit mir fühle, doch keiner war da; nach einem, der mich tröste, suchte ich, doch fand ich ihn nicht.“ „Den ganzen Tag hielt ich die Hände ausgestreckt am Kreuz, um alle an mein Herz zu ziehen, du aber hast nicht gewollt.“ Alles, was Jesus für uns tat, indem er Mensch wurde, das Reich Gottes predigte, Kranke heilte, Besessene befreite, am Kreuze starb, hat er aus Liebe getan. Der Sitz und Ursprung dieser Liebe ist sein Herz. Was verdient mehr unsere Dankbarkeit und Liebe als dieses Herz? Wir suchen einen Menschen, dem wir bedingungslos vertrauen, dem wir alles anvertrauen, auf den wir uns stützen, in dessen Hut wir uns geben können. Einen solchen Menschen gibt es. Es ist unser Herr und Heiland Jesus Christus, der Sohn Mariens, der unsere Sehnsucht erfüllt. Zu wem können wir in unseren Anliegen mit mehr Vertrauen unsere Zuflucht nehmen als zu diesem liebevollen Herzen, durchbohrt ob unserer Missetaten? Der Herr wird jene, die auf ihn vertrauen, nicht verlassen. Er wird ihnen Trost und Frieden in Drangsal und Trübsal sein. „Soll ich Schmerz und Weh ertragen, stößt mir schweres Leiden zu, werd' ich dennoch nicht verzagen: Jesu Herz gibt Trost und Ruh'! Droht ob meiner vielen Sünden mir des Richters Rächerschwert, ach, wo sollt’ ich Zuflucht finden, wenn dies Herz sie nicht gewährt?“ Wer daran glaubt, den erfasst eine wundersame Getröstetheit und Geborgenheit in unserer Welt. Ein Beispiel mag diese Tatsache bestätigen. Der Dichter Reinhard Johannes Sorge, der im Kriege gefallen ist, schrieb vier Tage vor seinem Tode an seine Gattin: „Wenn du diesen Brief erhältst, geht es mir vielleicht schon besser. Ich bin ganz froh an Jesu Herz.“ Erst vierundzwanzig Jahre war Sorge damals alt. Innerlich hatte er schon einen weiten Weg hinter sich. Aus einem Nietzscheanhänger war der Jünger Christi geworden. Jetzt macht ihn das Herz seines Meisters, der ihm nahe, liebende Christus so sterbensfroh, dass er damit seine junge Frau über den Tod hinaus tröstet.

Die Verehrung des heiligsten Herzens Jesu nimmt eine besondere Richtung an in der ihm erwiesenen Sühne. Sühne im religiösen Wortsinn bedeutet eine Leistung, die Gott für die Sünden, die (menschlich gesprochen) ihn beleidigen, seiner Ehre Abtrag tun und ihm Unrecht zufügen, Abbitte, Genugtuung und Ersatz bieten soll (satisfactio, reparatio, compensatio, expiatio, propitiatio). Das Bewusstsein der eigenen Sündhaftigkeit legt den Gläubigen die Sühne für sich selbst nahe. Dazu (und vordringlich) tritt die stellvertretende Genugtuung für die Sünden der Menschen, besonders der gleichgültigen und lauen Christen. Der eigentliche Zweck der Sühne ist ein doppelter: 1. Ersatzleistung für die dem verklärten und dem eucharistischen Heiland zugefügte Beleidigung und Verunehrung; 2. Tröstung, insofern als der Heiland in seinem Erdenleiden des Trostes bedürftig war und dank seiner Allwissenheit all das voraussah und als Tröstung entgegennahm, was treue Seelen für ihn bis zum Ende der Zeiten in mitleidender Sühne tun. Damit verbindet sich als äußerer Zweck die Versöhnung Gottes, die Abwendung oder Milderung von Strafen und die Erlangung von Gnaden. In diesem Sinn wird die Sühne auch für die Armen Seelen und in den Anliegen der Kirche geübt.

Wir wollen das heiligste Herz Jesu nicht verehren, weil wir davon Gewinn haben; das wäre eigensüchtig und unwürdig. Aber wir dürfen uns erinnern an die Verheißungen, die der Herr den Verehrern seines Herzens gegeben hat. Margareta Maria Alacoque hat sie uns aufgezeichnet. Aus den zahlreichen Versprechungen erwähne ich einige:

„Ich werde ihnen alle notwendigen Standesgnaden geben.“

„Ich werde ihren Familien den Frieden geben.“

„Ich werde sie in allen Trübsalen trösten.“

„Ich werde ihre Zuflucht im Leben und besonders im Tode sein.“

„Ich werde ihre Unternehmungen reichlich segnen.“

„Ich werde die Häuser, in denen das Bild meines heiligsten Herzens aufgestellt und verehrt wird, segnen.“

Jesus ist treu in seinen Verheißungen. Er enttäuscht jene nicht, die auf ihn vertrauen. Möchten wir würdig werden, die Erfüllung seiner Verheißungen an uns zu erleben. „Ich habe schon so viel aus diesem Herzen geschöpft, dass es leer sein müsste, wenn es nicht unerschöpflich wäre.“

Amen.

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