Die Wahrheit verkündigen,
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Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Gnaden
3. Mai 2026

Heiligmachende Gnade

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Wenn der Sünder mit der einwirkenden Gnade mitwirkt, kehrt der Heilige Geist in seine Seele ein und verleiht ihr einen Glanz und eine Schönheit, die heiligmachende Gnade. Die Seele erlangt durch den innewohnenden Geist eine neue bleibende Beschaffenheit, ein gewisses Licht und einen Glanz, eben die heiligmachende Gnade. Christus nennt das von ihm gebrachte neue Leben der Menschen eine Wiedergeburt aus Gott (Joh 3,3; Joh 8,47). Die Apostel sprechen von einer neuen Schöpfung, Erneuerung, Geburt aus Gott, vom Samen Gottes in uns, wodurch wir von aller Sünde gereinigt, gerechtfertigt und heilig sind (Joh 1,13; 1 Kor 6,21; 2 Kor 5,17-19). Darum sind wir Kinder des Vaters, lebendige Glieder am Leibe Christi, besiegelt mit dem Heiligen Geist, und, weil der göttlichen Natur als Kinder Gottes teilhaftig, Erben Gottes (Röm 8,11.15-17.29f., 1 Kor 3,16; 6,19; 12,27; Gal 4,6f.; Eph 1,13; 2,19). Diese Neuschöpfung nennen wir heiligmachende Gnade. Ihr inneres Wesen können wir nur schwach und analog erkennen. Häretisch ist die Aussage Luthers, sie bestünde nur in der göttlichen Huld und inhäriere nicht innerlich der Seele (D. 821). Nein! Sie ist eine geschaffene, übernatürliche Wirklichkeit, die der Seele von Gott eingegossen wird und in der Weise einer Seinsbeschaffenheit (oder Qualität) ihr bleibend anhaftet (Cat. Rom II. c .2 q 50). Sie ist eine wahre und physische, wenn auch akzidentelle und analoge Mitteilung der göttlichen Natur an uns (Thomas S.th. 3,2,10, ad 1). Dadurch trägt unsere Seele ein wahres, vollendetes Ebenbild Gottes in sich; es bedingt durch den Glauben ein Teilnehmen an der göttlichen Selbsterfassung, durch die Hoffnung und die Liebe eine Teilnahme an der göttlichen Selbstliebe. Darum verhält sich die heiligmachende Gnade zur ewigen Verherrlichung wie der Samen zur Frucht.

Die nächste formale Wirkung der heiligmachenden Gnade ist die bleibende übernatürliche Heiligkeit, Gerechtigkeit und Schönheit der Seele. Von einer Neuschöpfung und inneren Vergöttlichung der Seele kann nur die Rede sein, wenn die heiligmachende Gnade die Sünde nicht bloß in Zudeckung noch in forensischer Gerechterklärung durch Anrechnung der Gerechtigkeit Gottes (so Luther) tilgt, sondern volle, wahre Sündentilgung und innere Heiligung (daher auch Rechtfertigungsgnade genannt) umfasst; ihr Erwerb schließt den Sündenzustand kategorisch aus (D. 799, 820f.). Darum wird die heiligmachende Gnade oder „die Gerechtigkeit Gottes“, „durch die er uns gerecht macht“, als die einzige Formalursache der Rechtfertigung bezeichnet. Unsere Seele hat ein Leben, das natürliche Leben; sie belebt den Körper und den Geist. Wenn der Heilige Geist in uns einkehrt, teilt er uns das wahre Leben der Seele mit, das übernatürliche, das göttliche Leben. Auf diese Weise wird unsere Seele zu einem neuen Leben wiedergeboren (Petr 1,3.24). Die Seele lebt in Gott und Gott lebt in ihr. Dadurch wird in die Seele der Keim des ewigen Lebens gelegt (Joh 4,14). Die Seele erlangt wegen ihrer Schönheit die Freundschaft Gottes. Im Zustand der heiligmachenden Gnade sind wir nicht bloß seine Diener, sondern seine Freunde (Joh 15,15). Die Erhebung aus dem Zustand der Sünde in den der Freundschaft wird Rechtfertigung genannt oder Wiedergeburt (Joh 3,5; Tit 3,4-7), Ausziehen des alten und Anziehen des neuen Menschen (Eph 4,22).

Gewöhnlich kehrt der Heilige Geist in den Menschen ein, wenn dieser das Sakrament der Taufe oder der Buße empfängt. Wenn der Heilige Geist in uns einkehrt, wirkt er durch seine Gnade das Folgende. 1. Er reinigt uns von allen schweren Sünden. Heiligmachende Gnade und Todsünde sind miteinander unvereinbar. Wer von schweren Sünden frei ist, in dem wohnt der Heilige Geist. Die Begierlichkeit, d.h. die Neigung zum Bösen, bleibt freilich zurück. Der Mensch soll Gelegenheit haben, sich durch den Kampf gegen sie Verdienste für den Himmel zu erwerben. 2. Der Heilige Geist vereinigt uns mit Gott und macht uns zu einem Tempel Gottes. Wir werden der göttlichen Natur teilhaftig (2 Petr 1,4). Unsere Seele wird gottähnlich, heilig und himmlisch. Der Heilige Geist macht uns zu einem Tempel Gottes. Der hl. Paulus sagt zu den Christen: „Wisst ihr nicht, dass ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1 Kor 3,16). Und an anderer Stelle: „Ihr seid ein Tempel des lebendigen Gottes“ (2 Kor 6,16). Christus sagt, dass er selbst und Gott Vater Wohnung nehmen bei einem Menschen, der Christus liebt (Joh 14,29), der also den Heiligen Geist in sich hat. Wenn man mir sagt: Was du da aussprichst, das ist unerhört. Ja, gerade das ist es. Die gesamte Heilsveranstaltung Gottes ist unerhört. Das Christusereignis ist unerhört. So muss es sein. Wären die Werke Gottes nur so groß, dass sie von der Vernunft des Menschen leicht begriffen werden könnten, so wären sie eben darum nicht wunderbar, nicht unaussprechlich, nicht göttlich zu nennen. 3. Der Heilige Geist verklärt unsere Geisteskräfte und verleiht uns dadurch die göttlichen und sittlichen Tugenden als Fähigkeiten. Er lässt in unserer Seele das Licht des Glaubens erstrahlen (2 Kor 4,6) und entzündet in ihr das Feuer der göttlichen Liebe (Röm 5,5). Er gießt uns die drei göttlichen Tugenden ein. Er macht uns fähig und geneigt, der Eingebung und dem Antrieb des Heiligen Geistes Folge zu leisten. Weil unser Wille durch die Gnade zur Ausübung des sittlich Guten geneigt gemacht wird, besitzt man auch die sittlichen Tugenden als Fähigkeiten (nicht als Fertigkeiten; diese müssen durch Übung erworben werden). 4. Der Heilige Geist verleiht uns die wahre Zufriedenheit. Er schenkt uns einen (inneren) Frieden. 5. Der Heilige Geist wird unser Lehrmeister und Erzieher. Ohne die innere Erleuchtung des Heiligen Geistes ist uns das Wort Gottes unverständlich. Der Heilige Geist leitet uns. Wer im Zustand der Gnade ist, kann sagen: Nicht mehr ich herrsche, sondern Christus herrscht in mir. Wie Christus sagt: „Das Reich Gottes ist innerhalb von euch“ (Lk 17,21). 6. Der Heilige Geist treibt uns zu guten Werken an und macht diese verdienstlich für den Himmel. Befinden wir uns im Zustand der Gnade, dann sind wir Reben, die mit dem Weinstock, Christus, verbunden sind und deshalb Früchte tragen (Joh 15,4). 7. Der Heilige Geist macht uns zu Kindern Gottes und zu Erben des Himmels. Alle, die vom Geiste Gottes getrieben werden, sind Kinder Gottes (Röm 8,14). Wenn aber Kinder, dann auch Erben, Erben Gottes und Miterben Christi (Röm 8,17). Wir wissen: Wenn unser irdisches Wohnhaus aufgelöst werden wird, werden wir ein Gebäude von Gott empfangen, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, ein ewiges, im Himmel (2 Kor 5,1). Die übernatürliche Gefolgschaft der heiligmachenden Gnade bilden die drei eingegossenen göttlichen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe (D. 800) sowie nach allgemeiner Ansicht die eingegossenen sittlichen Tugenden und die sieben Gaben des Heiligen Geistes. Diese Gaben verleihen den Seelenvermögen eine besondere Leichtigkeit, unmittelbare Antriebe des Heiligen Geistes willig aufzunehmen und befähigen zu heroischen Akten.

Eigenschaften der heiligmachenden Gnade sind ihre Ungewissheit, Ungleichheit und Verlierbarkeit (nach Ansicht der Altprotestanten je das Gegenteil). 1. Ihre Ungewissheit (D. 802, 805) beruht darauf, dass wir die Glaubensgewissheit von der Rechtfertigungslehre nicht auf unsere persönlichen Leistungen ausdehnen können. Ohne besondere göttliche Offenbarung besitzt niemand eine Heilsgewissheit (1 Kor 4,4). Eine gutbegründete (moralische) Gewissheit (die auf den Früchten des Geistes gründet) ist nicht ausgeschlossen, sondern gefordert (Röm 8,16; 1 Joh 3,14). 2. Die Ungleichheit der heiligmachenden Gnade beruht auf Gottes freier Schenkungsliebe und dem verschiedenen Grad der Disposition (Empfänglichkeit, Aufnahmefähigkeit). Dazu kommt ihr Wachsen, ihre intensive Steigerung durch Sakramentenempfang und gute Werke (D. 800, 803). Die Städte Chorazin und Bethsaida empfingen mehr Gnaden als Tyrus und Sidon (Mt 11,31). Viele Gnaden kann man durch fremdes Gebet erlangen. 3. Die Verlierbarkeit. Calvin vertrat die absolute Unverlierbarkeit der Rechtfertigungsgnade. Luther knüpfte ihren Verlust einzig an den Unglauben als Bedingung. Gegen diese irrigen Ansichten lehrt das Konzil von Trient (D. 829, 837): Jeder Gerechtfertigte kann noch sündigen. Die heiligmachende Gnade geht durch jede schwere Sünde verloren (1 Kor 6,9ff.; Eph 5,3ff.). Zugleich mit ihr schwinden die übernatürliche Liebe, die eingegossenen sittlichen Tugenden und die sieben Gaben des Heiligen Geistes. Glaube und Hoffnung überleben so lange, bis sie durch Akte des Unglaubens oder der Verzweiflung eigens ertötet werden (D. 838). Der Verlierbarkeit entspricht die Möglichkeit der Wiedergewinnung durch das Sakrament der Versöhnung (D. 838).

Amen.

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