Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
1. Mai 2026

Einwirkende Gnade

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Als der Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe Hermann Göring Ende August 1939 erkannte, dass Hitler zum Krieg entschlossen war, tat er den Ausspruch: „Wenn wir den Krieg verlieren, dann gnade uns Gott.“ Im Alltag versteht man unter Gnade zunächst die wohlwollende Gesinnung eines Höhergestellten und dann das aus diesem Wohlwollen erhaltene Geschenk. In diesen beiden Bedeutungen wird das Wort Gnade vorwiegend in der Heiligen Schrift gebraucht. In der Theologie bezeichnet Gnade eine aus ungeschuldetem Wohlwollen Gottes verliehene Gabe. In strengem Sinn ist Gnade jede übernatürliche Gabe, die Gott einem vernünftigen Geschöpf zur Erlangung des ewigen Heiles verleiht. Der Gnadenspender ist der Heilige Geist. In der Lehre von der Gnade sind zum besseren Verständnis mannigfache Unterscheidungen gebräuchlich. Grundlegend sind zu unterscheiden die aktuelle Gnade und die heiligmachende Gnade. Wir wollen uns heute mit der ersteren befassen. Die aktuelle Gnade oder die Gnade des Beistandes ist jene innere, übernatürliche Beihilfe, die Gott dem Menschen nach Art einer vorübergehenden Gabe zum heilskräftigen Handeln verleiht. Die einwirkende Gnade heißt auch Gnade des Beistandes, weil sie eine vorübergehende Beihilfe zur Erreichung der Seligkeit besitzt. Ihre Existenz ist definierte Glaubenslehre (D. 180; D. 797/798). Sie hat eine zweifache Wirkung. Teils erleuchtet sie den Verstand (2 Kor 3,5; Eph 1,17), teils stärkt sie den Willen (Joh 6,44; Phil 2,13). Am ersten Pfingstfest der jungen Kirche wirkte der Heilige Geist auf die Apostel ein: er erleuchtete ihren Verstand und stärkte ihren Willen. Zuvor waren sie unwissend, Christus nannte sie Leute „von langsamer Fassungskraft“ (Lk 24,25); am Pfingstfest aber wussten sie über das ganze Christusereignis Bescheid. Zuvor waren sie furchtsam, weilten hinter verschlossenen Türen; am Pfingstfest traten sie unerschrocken auf. Der Heilige Geist nötigt uns nicht, sondern lässt uns die vollständige Freiheit. Der Mensch kann mit der einwirkenden Gnade mitwirken oder ihr widerstehen. Saulus wirkte mit der Gnade mit. Die Leute, die am ersten Pfingstfest die Apostel verspotteten und sie für betrunken hielten, widerstanden der Gnade (Apg 2,13). Wer mit der einwirkenden Gnade mitwirkt, erlangt noch größere Gnaden; wer ihr aber widersteht, verliert alle übrigen Gnaden und hat ein strenges Gericht zu erwarten. Ein furchtbares Gericht kam über die Stadt Jerusalem, das den Tag der Heimsuchung, d.h. der Gnade nicht erkannt hat (Lk 19,41). Der Heilige Geist wirkt nicht beständig auf den Menschen ein, sondern nur von Zeit zu Zeit. Daher ruft Paulus den Christen zu: „Jetzt ist die gnadenreiche Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heiles“ (2 Kor 6,2). Es wird von uns Wachheit, Offenheit, Empfangsbereitschaft für Gottes Gnadenwirken verlangt.

Einwirkende Gnaden erlangt man durch Verrichtung guter Werke, durch Gebrauch der Gnadenmittel der Kirche, durch würdigen Empfang der Sakramente du durch Anhörung der Predigt. Der Heilige Geist teilt den Einzelnen aus, wie er will (1 Kor 12,11), aber auch je nach der Vorbereitung und Mitwirkung des Einzelnen. „Der Vater im Himmel gibt den guten Geist jenen, die ihn darum bitten“ (Lk 11,13). Unsere übernatürlichen Tätigkeiten können nur Mit-wirkungen mit der Gnade Gottes sein. So beruht die helfende Gnade ihrer Natur nach in derjenigen göttlichen Vorherbewegung unseres Verstandes und unseres Willens, wodurch die freien Akte eingeleitet werden. Das aber geschieht durch Akte, die ohne uns in uns entstehen. Diese vitalen unüberlegten Akte werden durch unmittelbare Einwirkung Gottes in unseren Seelenvermögen erregt.

Mit Rücksicht auf die bei den nun folgenden überlegten Akten betätigte Freiheit unterscheidet man zwischen der zuvorkommenden und der mitwirkenden Gnade. Schon die Vorbereitung auf den Empfang der Gnade ist ein Werk der Gnade. Diese ist notwendig, um unser Mitwirken an der Rechtfertigung durch den Glauben und an der Heiligung durch die Liebe hervorzurufen und zu unterstützen. Gott beginnt, indem er bewirkt, dass wir wollen; er vollendet, indem er mit unserem schon bekehrten Wollen mitwirkt (Aug.). Zwar arbeiten auch wir, aber wir arbeiten nur zusammen mit Gott, der arbeitet. Sein Erbarmen kommt uns zuvor, damit wir geheilt werden; es folgt uns, damit wir einmal geheilt, belebt werden; es kommt uns zuvor, damit wir gerufen werden; es folgt uns, damit wir verherrlicht werden; es kommt uns zuvor, damit wir fromm leben, und es folgt uns, damit wir für immer mit Gott leben, denn ohne ihn können wir nichts tun (Aug.).

Eigenschaften der aktuellen Gnade: 1. Die aktuelle Gnade ist absolut notwendig für alle die Rechtfertigung vorbereitenden übernatürlichen Heilsakte (keine bloß moralische zu leichterem und sicherem Handeln: D. 179; D. 813). Ohne aktuelle Gnade kann auch der Gerechtfertigte keinen Heilsakt vollziehen oder sich zeitlebens aller Sünden enthalten (D. 192; D. 132). Es bedarf sogar eines ganz besonderen Gnadenbeistandes, um das ganze Leben hindurch jede lässliche Sünde meiden zu können (D. 833). „Auch die Wiedergeborenen und Heiligen müssen stets den Beistand Gottes anflehen, um zu einem guten Ende zu gelangen oder in dem guten Werke ausharren zu können“ (D. 183). Daher wird die Beharrlichkeit bis zum Ende als „großes Geschenk“ Gottes betrachtet (D. 826). Doch gilt anderseits, „dass alle Getauften durch die in der Taufe empfangene Gnade mit der Beihilfe und Mitwirkung Christi das, was zum Heile gehört, wenn sie treulich sich anstrengen wollen, erfüllen können und müssen (D. 200). Weder sind alle Werke der Todsünder glänzende Laster (D. 1025ff.). Noch weniger muss der Todsünder in allem und immer sündigen (D. 1035). Doch ist es dem erbsündlich belasteten Menschen moralisch unmöglich, mit seinen natürlichen Kräften das gesamte Sittengesetz zu erfüllen, schwerere gute Werke zu verrichten, heftige Versuchungen zu überwinden. 2. Die aktuelle Gnade ist unverdienbar. Man kann sie durch kein nur natürlich gutes Werk (weder im eigentlichen noch im uneigentlichen Sinn) verdienen (D. 191; D. 797). Man kann sie nicht durch ein natürliches Bittgebet erflehen; vielmehr bewirkt die Gnade selbst, dass wir sie erflehen (D. 176). Die Berufungsgnade ist gänzlich ungeschuldet. Doch widerstreitet die Lehre von einer negativen, natürlichen Bereitung durch Beseitigen der Hindernisse, die ein Entgegennehmen der göttlichen Gaben erschweren, der Gratuität nicht. 3. Die aktuelle Gnade ist übernatürlich. Darum entzieht sie sich unserer Erfahrung. Sie ist nur durch den Glauben zu erkennen. Wir können uns also nicht auf unsere Gefühle oder Werke verlassen, um daraus zu folgern, dass wir gerechtfertigt und gerettet sind (D. 1533-34). Doch nach dem Wort des Herrn: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt 7,20) können wir, wenn wir an die Wohltaten Gottes in unserem Leben und im Leben der Heiligen denken, darin eine Gewähr dafür erblicken, dass die Gnade in uns am Werk ist. Das ermutigt uns zu einem stets stärkeren Glauben und zu einer Haltung vertrauender Armut. Diese Haltung wird besonders gut in der Antwort der hl. Jeanne d’Arc auf eine Fangfrage ihrer Richter veranschaulicht. Befragt, ob sie wisse, dass sie in der Gnade Gottes sei, antwortet sie: „Falls ich nicht in ihr bin, wolle Gott mich in sie versetzen. Falls ich in ihr bin, möge Gott mich in ihr bewahren.“ 4. Die Allgemeinheit der Gnade ergibt sich aus dem allgemeinen Heilswillen Gottes. „Gott will, dass alle Menschen selig werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4; D. 318). Darum gilt es als häretisch, zu behaupten, es sei für den gerechtfertigten Menschen unmöglich, die Gebote Gottes zu halten. Denn Gott befiehlt nichts Unmögliches und hilft, dass man es vermag (D. 804). Ebenso falsch ist die Behauptung, dass die nach der Taufe Gefallenen nicht wieder durch Gottes Gnade aufstehen könnten (D. 839). Gott bietet auch den Verstockten seine Gnade noch an (Is 65,2; Apg 7,51; Röm 2,4f.). Gott bietet auch den Irrgläubigen und Heiden, die ohne Schuld die wahre Religion nicht kennen, hinreichende Gnade dar, so dass keiner ohne eigene Schuld verloren geht. Jeder, der „Gott zu gehorchen bereit ist und ein ehrbares und rechtes Leben führt, kann durch die mächtig wirkende göttliche Erleuchtung und Gnade das ewige Leben erlangen“ (Pius IX. D. 1677).

Amen.

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