4. Januar 2026
Moral
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Geliebte im Herrn!
Moral bezeichnet die Gesamtheit der ethischen Normen. Die Moral verpflichtet den Menschen, moralisch zu leben. Moralität bezeichnet die wahre Sittlichkeit des Handelns, die Übereinstimmung des Willens mit dem Sittengesetz. Das Moralprinzip besteht in der Verallgemeinerung der subjektiven Handlungsgrundsätze. Dem Menschen ist von Anfang an das Gespür für Gut und Böse eingeprägt. Die Stimme des Gewissens sagt ihm, was bei einzelnen Handlungen recht und was unrecht ist. Der Ursprung und die Entscheidung über das, was gut und böse ist, liegt bei einem Einzigen, dem ewigen, unveränderlichen Gott. Alle Gebote des rechten Tuns und alle Verbote des schlechten Tuns gehen auf seinen Willen zurück. Wer immer auf Erden handelt oder gebietet, ist gehalten, diesem zu entsprechen. Der Gehorsam gegen Gottes Willen ist heilsnotwendig. Der Herr hat seinen Willen ausgesprochen mit den Worten: „Willst du zum Leben eingehen, so halte die Gebote!“ (Mt 19,17).
Das Christentum ist eine objektive Religion, eine göttliche Offenbarung mit unwandelbaren Glaubenssätzen. Eine solche Offenbarung wird nicht gegeben ohne Mitgabe einer Autorität, die darüber zu entscheiden hat, was gegeben ist. Christus hat die Kirche gestiftet und ihr seine Lehre anvertraut. Er hat in der Kirche ein lebendiges, authentisches und zugleich dauerndes Lehramt eingesetzt und es mit seiner eigenen Vollmacht ausgestattet. Er hat es durch den Geist der Wahrheit unterwiesen und durch Wunder bestätigt. Er wollte dessen Lehrvorschriften wie seine eigenen angenommen sehen. „Wer euch hört, der hört mich“ (Lk 10,16). Der Kirche allein ist es gelungen, Böses zu verwerfen, ohne Gutes zu opfern. Das Lehramt der Kirche hat die Glaubens- und Sittenlehre Christi zu bewahren und unfehlbar zu verkünden. Das Hirtenamt der Kirche soll die Gläubigen zu einem Wandel nach Gottes Geboten anhalten. Die Kirche ist autoritär. Sie biegt sich nicht vor den Winden. Sie ruft nicht unreife Jugend zur Höhe des Lehrstuhls. Sie löscht auf den Tafeln ihrer Gesetze nicht die Form der Verpflichtung. Es bleibt so: „Du sollst!“ Es stehen die Autoritäten zwischen den Wankenden. So will es die Struktur des Dogmas, auch des moralischen Dogmas. Wir fühlen uns in Anerkennung des kirchlichen Lehramtes nicht unter einem römischen Joch. Wir fühlen uns in der Freiheit der Kinder Gottes. „Ich tue euch kund, Brüder: Das Evangelium, das ich verkündet habe, ist nicht Menschenwerk“ (Gal 1,11). „Wenn jemand euch ein anderes Evangelium verkündet als jenes, das wir euch verkündet haben; er sei verflucht“ (Gal 1,9).
Die Kirche ist und soll nach Gottes Willen sein der Ort, wo die Moralforderungen Gottes unversehrt und vollständig verkündet werden. Zweitausend Jahre lang ist die Kirche diesem Auftrag nachgekommen. Umso größer ist unser Erschrecken, dass sich gegen diese Sendung seit Jahrzehnten Männer der Kirche, Theologen und Bischöfe, verfehlen. Es gibt heute kirchliche Amtsträger, die Gottes Willen über den Menschen verfälschen und verkehren. Davon sind zuerst betroffen die Forderungen der geschlechtlichen Moral. Die irrelehrenden Amtsträger der Kirche geben Tun als sittlich erlaubt aus, welches das Lehramt der Kirche als naturwidrig brandmarkt. Die geschlechtliche Selbstbefriedigung wird als sittlich undenklich behauptet. Die Empfängnisverhütung, gleichgültig, auf welche Weise man sie übt, wird als sittlich zulässig erklärt. Gleichgeschlechtliche sexuelle Betätigung, welche die Heilige Schrift eine Gräueltat nennt (3 Mos 18,23), wird als sittlich erlaubt bezeichnet. Die Haltung der katholischen Kirche bezüglich des Unrechts der Tötung des keimenden Lebens im Mutterleib hat nie gewankt. Heute machen sich bei manchen Vertretern der Kirche Abschwächungen des ausnahmslosen Verbotes der Abtreibung bemerkbar. Auffällig und verdächtig ist die geringe Zahl von Bischöfen, die an dem „Marsch für das Leben“ teilnehmen. Die Trennung der Ehegatten durch Auflösung des Ehebandes wird unbedenklich praktiziert. Die kirchliche Eheschließung von Geschiedenen wird ohne Hemmungen gewährt.
Die Auflösung der Moral geht vom Bereich der geschlechtlichen Sittlichkeit auf andere Gebiete über. Kommunionunwürdigen wird der Zugang zum Empfang des Herrenleibes eröffnet. Der gesamte Synodale Prozess, den die deutschen Bischöfe angestoßen haben, ist Verrat an der katholischen Moral. Die sogenannten fortschrittlichen Katholiken arbeiten am Untergang ihrer eigenen Kirche in einem Selbstmord auf Raten. Wenn die Verkündigung der Sittlichkeit durch die Kirche aufhört, dann ist die Menschheit führerlos. Für die kirchliche Sitten-lehre gibt es keinen Ersatz. Die Kirche ist eine moralische Anstalt. Sie ist die Verkünderin und Hüterin der gesamten Sittlichkeit der Menschen, die Gott ihr anvertraut hat. Diejenigen, die eine andere Lebensordnung ersinnen und herbeiwünschen, deren Forderungen milder wären, die eine größere Nachsicht üben würden, haben vergessen, dass das Kreuz Christi das Vorbild des Lebens und das Wahrzeichen unserer Religion ist. Meine lieben Freunde, lassen Sie sich nicht irremachen. Hören wir, was der Kirchenschriftsteller Tertullian sagt: „Was folgt daraus, wenn ein Bischof, ein Lehrer, ja selbst ein Martyrer der Lehre der Kirche untreu wird? Wird dann die Irrlehre wahr? Prüfen wir den Glauben nach den Personen oder prüfen wir die Personen nach dem Glauben?“
Was wir heute in Deutschland erleben, ist eine Kulturrevolution. Ihr Ziel ist, das Bewusstsein, die normativen Vorstellungen, ja die Persönlichkeitsstruktur des Menschen aufzubrechen und zu verändern. Traditionelle sittliche Anschauungen, metaphysische und religiöse Bindungen haben ihre allgemeine Anerkennung verloren. Die Sittlichkeit soll geformt werden von Anthropologie, Soziologie und Psychologie. Diese Denkformen sind Menschenwerk, ohne Verbindlichkeit und ändern sich je nach dem Maß der Verirrung. Die Irrlehrer geben sie als „Fortschritt“ der Gesellschaft aus. Der sogenannte „Westen“ bietet sie den Ländern, in denen keine Freiheit herrscht, als seine „Werte“ an. Welches sind diese Werte? Es sind Unzucht, Pornographie, Drogen, Okkultismus, Tötung der ungeborenen Kinder vom ersten bis zum letzten Tag. Der Staat lässt uns im Bemühen, Gottes Willen zur Anerkennung zu bringen, weitgehend im Stich. Er hat sich aus der Regelung sittlicher Sachverhalte zurückgezogen. Die Demokratie mit ihrem Parteiensystem neigt dazu, nur das ethische Minimum mehrheitsfähig zu machen. Ein Beispiel aus jüngster Zeit. Am 26. Februar 2020 erfand der Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichtes ein „Recht auf selbstbestimmtes Sterben“. Der Mensch soll entscheiden, wann und wie er stirbt. Die Beihilfe zur Selbsttötung wird in immer stärkerem Umfang auch im katholischen Volksteil praktiziert. Meine lieben Freunde! Wir brauchen kein Haschen nach Neuem in der Sittlichkeit, nachdem Jesus Christus, der Lehrer der Menschheit erschienen ist; wir brauchen kein Suchen nach Gottes Willen mehr, nachdem das Evangelium uns gegeben ist. „Wir glauben, und was wir glauben, genügt uns; mehr verlangen wir nicht“ (Tertullian).
Der russische Präsident Michail Gorbatschow nannte als entscheidende Ursache für den Zusammenbruch des Sozialismus und den Zerfall der Sowjetunion die Krise der Moral. Den Zustand der Gesellschaft, der durch diese Krise der Moral bestimmt ist, charakterisierte er als den Verlust jedes Gefühls und Bewusstseins für persönliche Verantwortung. Die Überzeugung, dass der Mensch für sich, für sein Handeln oder sein Versäumnis eine Verantwortung zu übernehmen hat, sei zusammengebrochen. Gott, der Gesetzgeber der sittlichen Normen, ist vergessen. Das Gewissen, die Empfangsstelle für seine Weisungen, ist zum Schweigen gebracht. Das eigentlich Beunruhigende und Erschütternde ist, dass diese große Lehre der Menschheitsgeschichte nicht verstanden und nicht zur Kenntnis genommen wird. Es geht um die Unerlässlichkeit und die Unverzichtbarkeit eines Ethos, das die Gesellschaft integrationsfähig und konsensfähig hält. Der Verlust des Ethos führt zur inneren Auflösung der menschlichen Gesellschaft, zur Zerstörung einer mehrtausendjährigen Zivilisation. Das damit herbeigeführte Vakuum hat die Gesellschaft in das moralische Nichts, damit auch in den Untergang des gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Systems gestürzt. Die Menschen, die Regierungen, die Parlamente, die sich gegen die Normen der christlichen Moral auflehnen, graben sich damit ihr eigenes Grab. Was notwendig ist, das ist eine Gegenrevolution, welche die anarchistischen und nihilistischen Elemente der Kulturrevolution ausmerzt.
Der Verlust der transzendenten Moral ist schwerwiegend für das gesamte menschliche Zusammenleben. Ein neuer Tätertyp ist erstanden. Bei ihm fällt die fast unbegreifliche innerer Empfindungslosigkeit und Grausamkeit auf, mit der Taten von monströser Scheußlichkeit begangen werden. Dieser Täter ist empfindungslos. Er versteht die ethische Frage als solche nicht. Er hat einen Zustand jenseits des Gewissen und jenseits der Frage von Gut und Böse erreicht. Der erste große Denker, der dieses Phänomen vor fast zweihundert Jahren vorausgesehen hat, ist kein anderer als Dostojewski. In seinem Roman „Die Dämonen“ zeichnet er in Stawrogin einen Täter, der nicht zufällig ein Mädchen vergewaltigt, das sich dann erhängt. Die tiefste Verfehlung oder auch Versehrung des Stawrogin liegt darin, dass er aufhört zu empfinden. Die totale Kälte, die Unfähigkeit, noch menschlich zu empfinden, reizt ihn zu der exzessiven Grausamkeit seiner Taten. Es bleibt ihm nur noch der Weg des Verbrechens für seinen Versuch, wieder empfinden zu können. Dostojewski wollte uns mitteilen, dass eine Gesellschaft, die diese innere Befindlichkeit hervorbringt, reif ist für enorme kollektive Verbrechen, wie sie dann im 20. Jahrhundert eingetreten sind. Wer will uns weismachen, dass sie sich nicht wiederholen können?
Die an Jesus glauben, unterwies er, recht zu leben und zu sterben; zu leben ohne Gier, zu sterben ohne Furcht. Er lehrte uns leben, dass wir nicht ewig sterben müssen. Er lehrte uns sterben, dass wir ewig leben dürfen (Aug.). Folgen wir ihm, so leben wir gut. Erreichen wir ihn, so leben wir nicht bloß gut, sondern auch glückselig (Aug.). Damit dies geschieht, sind wir aufgefordert, uns die Gebote Gottes anzueignen, nach ihnen zu handeln und sie anderen zu vermitteln. Fangen wir damit an, jetzt und heute, nicht morgen und später. Die Menschen mit schwachem Glauben warten auf den Frieden, um dann zu handeln, wie sie sagen. Die Apostel mit starkem Glauben säen mitten in die Stürme hinein, um in den guten Zeiten ernten zu können.
Amen.