Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Wunder
21. Januar 2024

Ich will, sei rein

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Dem ersten Evangelisten liegt wenig daran, die geschichtliche Reihenfolge der Ereignisse im Leben Jesu innezuhalten; er hat seinen Stoff sachlich eingeteilt. So lässt er auf die Epiphanie des Nazareners in den Reden der Bergpredigt seine Epiphanie in den Wundertaten der Ebene folgen. Auf den Höhen des galiläischen Hügels hat er sich über die Propheten und neben den sinaitischen Gott gestellt, der durch Moses dem Volke die Gesetze verkündete: „Den Alten ist gesagt worden; ich aber sage euch.“ So ragt er monumental und unzweifelhaft aus der Landschaft Galiläas zum Zenit der Sonne. Kein großer Jude, kein Heiliger Gottes, kein Prophet der heroischen Zeit hat wie er zu sprechen gewagt. Dem Erweis, dass seine Worte kein Bluff waren, gehören die weiteren Kapitel der Erzählung des Evangelisten. Der Nazarener hat sich durch seine Taten als den Herrn der Natur, des Todes, der Welt in Wahrhaftigkeit dargetan. So folgen auf die Bergpredigt die zeitlich viel späteren Wunder der Heilung des Aussätzigen und des Offiziersburschen von Kapharnaum.

Der Aussatz erscheint im Alten Testament als eine sehr gefürchtete (Num 12,10-15, Deu 28,35; 2 Chron 26,19) und auch unheilbare Krankheit (4 Könige 5,7; 7,3; 15,5). Man sah in ihm eine besonders schwere Strafe des Himmels (Num 12, 10-15; 2 Chron 26,19). Unter den Segnungen der messianischen Zeit wird die Beseitigung dieser Geißel eigens genannt (Is 35,8; vgl. Mt 11,5 = Lk 7,22). Den Abgesandten des Täufers, die Jesus prüfen sollen, gibt dieser die Taten an, die er verrichtet: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein (Mt 11,5). Die Rabbiner sprachen davon, dass die Heilung des Aussatzes so schwer sei wie die Auferweckung eines Toten. Der Aussatz ist ansteckend. Der Aussätzige muss jeden, der ihm begegnet, vor Annäherung warnen. Er muss zerrissene Kleider und aufgelöstes Haar ohne Kopfbedeckung tragen und den Bart verhüllen. Der Aussatz macht levitisch unrein. Der von ihm Befallene überträgt die Unreinheit nicht nur auf alle Personen und Gegenstände, die er berührt, sondern auch auf das Haus, das er betritt. Darum muss er abgesondert wohnen.

Gegen den Wind wagt sich der Aussätzige in die Nähe des Nazareners; von doppelter Not zerschlagen, von der Fäulnis seines ansteckenden Aussatzes und von der kultischen Unreinheit, die ihn aus der Gemeinschaft der Menschen aussondert. „Wenn du willst, Herr, kannst du mich von beidem befreien“, das ist sein einfaches und gläubiges Gebet. Der Aussätzige ist irgendwie gläubig. Er ist überzeugt, dass Jesus die Fähigkeit besitzt, ihn von seinem Leiden zu befreien. „Wenn du willst, kannst du mich rein machen.“ Es kommt jetzt nur darauf an, ob er gewillt ist, seine Macht für ihn einzusetzen. So wagt er sich in die Nähe Jesu. Und dieser setzt sich über die strengen Gebote des Nichtberührens eines Aussätzigen hinweg, rührt ihn an und spricht: „Ich will, sei rein.“ Damit ist die Fäulnis des Körpers ausgetrocknet und die Gesundheit des Zellengewebes zurückgegeben. Sogleich weicht der Aussatz und er wird rein. Mit demselben Wort hätte ihn der Herr auch wieder in die Register seiner Heimatgemeinde aufnehmen können. Aber das tut Jesus nicht. Er will der Oberschicht des theokratisch regierten Volkes deutlich zeigen, dass es ihm nicht um Schmälerung ihres Ansehens zu tun ist, dass er sie vielmehr gern in ihrem Amte anerkennt; wolle Gott nur, dass sie ihr Amt, Führer in Israel zu sein, bis in die letzten Tiefen begreifen möchten. So spricht er zum Geheilten: „Zeige dich dem Priester und bringe für deine Reinigung das Opfer dar, das Moses verordnet hat, zum Zeugnis für sie.“ Wie das Kind Jesus es über sich ergehen ließ, dass Joseph und Maria mit ihm die Tempelstufen zur Darstellung emporschritten, so unterstreicht hier der volljährige Nazarener ausdrücklich das mosaische Gesetz, das dem Geheilten gilt: Er muss sich dem diensttuenden Priester vorstellen, der ihn in einer umständlichen Zeremonie als gesund erklären und das vorgeschriebene Opfer entgegennehmen muss. „Zum Zeugnis für sie“: d.h. zur Beglaubigung für die übrigen Menschen, dass er tatsächlich gesund geworden ist. Jesus gebietet dem Geheilten Schweigen. Er will nicht als der Wunderheiler von den kranken Menschen beansprucht werden, sondern er will als der Messias Gottes anerkannt sein, der die Zeitgenossen zur Offenbarung Gottes und zum Reiche Gottes führt. Doch der Geheilte hält sich nicht daran. Er beginnt eifrig zu verkündigen und die Sache zu verbreiten, so dass Jesus nicht mehr öffentlich eine Stadt betreten konnte, sondern draußen an einsamen Orten hielt er sich auf. Und doch kamen die Leute von überallher zu ihm.

An diesen ersten weithin sichtbaren Beweis seiner Oberhoheit über die Natur schließt sich die zweite Szene des heutigen Evangeliums. In Kapharnaum ist in den Diensten des Königs Herodes Antipas ein heidnischer Hauptmann. Das Söldnerheer dieser Fürsten, denen der römische Kaiser ihre schwache Herrschaft gegeben hat, setzt sich aus Nichtjuden zusammen. Nicht als ob das jüdische Volk jener Zeit grundsätzlich als pazifistisch angesprochen werden müsste. Vielmehr weil Waffendienst ebenso wie Zollamt in jenen Tagen Mitwirkung mit den Feinden des Landes und Verrat am eigenen Volk bedeutete. Dieser Hauptmann ist von ungewohnter Güte. Das Lob, das er aus dem Munde der jüdischen „Ältesten“ empfängt, deutet darauf hin, dass er dem Judentum wie viele Heiden seiner Zeit innerlich nahestand wie der Hauptmann Kornelius (Apg 10). Er war zwar kein wirklicher Proselyt, aber doch ein „Gottesfürchtiger“. Er kümmert sich väterlich um seine Leute. Er redet mit ihnen nicht im Kasernenton. Dem Burschen, den er sich zu besonderem Dienst ausgesucht hat, ist er familiär zugetan. Er sorgt für den Schwerkranken wie für sein eigenes Kind. Dem Vorsteher der Synagoge ist er befreundet. Er war ihm zum Ausbau des Betsaales in Kapharnaum in jeder Weise behilflich. Durch ihn lässt er den Meister von Nazareth weit draußen vor der Stadt schon die Bitte ergebenst vortragen, dem zum Sterben kranken Soldaten zu helfen. Wie er erfährt, dass der Nazarener nun in der Tat auf Kapharnaum zukommt und grundsätzlich seine Zusage gegeben hat, schickt er nochmals Abgesandte bis zum Stadttor, die das erste Ersuchen spezialisieren: Sie sollen ausdrücklich bitten, der Herr möge sich nicht persönlich bemühen, es genüge ein Wort, aus der Entfernung gesprochen; er glaube an den Meister und an die Wunderkraft seines Willens. Ihm, als dem militärischen Vorgesetzten, sei durchaus die Anschauung geläufig, dass nicht jeder Befehl in die physische Nähe gerückt werden müsse. Man könne ihn durch einen Boten weitergeben, es genüge das bloße Aussprechen des Willens. Diese Nuance scheint Christus bemerkenswert. Solch tiefe Durchdachtheit, solch bescheidene Gläubigkeit, sagt er, habe er bei den Angehörigen des auserwählten Volkes nie gefunden. Damit ist zum ersten gemeint die scheue Demut des landfremden Söldners, der wohl weiß, dass dieser Christus im ersten und eigentlichen Sinne seinem Volk gehört und dass er kein Recht hat, ihn für sich in Beschlag zu nehmen; das Recht, ihn gastlich zu laden, hat das israelitische Volk: „Ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach.“ In diesem Wort voll echter Demut und starken Glaubens erklärt er, er fühle sich (als Heide) des persönlichen Kommens Jesu unwert. Dies sei aber gar nicht nötig, weil ein Machtwort Jesu schon seinen Burschen retten könne. Durch ein dem Bereich seines eigenen Berufes entnommenen Beispiel sucht er die Wirkung, die er einem mit Vollmacht gesprochenen Wort Jesu zutraut, anschaulich zu machen. Er weiß aus Erfahrung, was Befehlsgewalt ist. Da bedarf es nicht der persönlichen Anwesenheit des Befehlenden. Das Befehlswort allein erweist sich als wirksam. Als eine Art von Kommandogewalt denkt er sich auch Jesu Macht über die Krankheiten. Er braucht nur ein Wort zu sprechen, so weichen sie. Jesus gibt dem Urteil des Hauptmanns über ihn recht durch das Wort, das er nun über ihn spricht: „Geh hin; es geschehe dir, wie du geglaubt hast.“ Und in derselben Stunde ward der Mann gesund. Es ist hier wie bei der Syrophönizerin und bei der Heilung der Gelähmten, der Glaube des für einen anderen Bittenden, nicht der Glaube des vom Leiden selbst Betroffenen, genügte Jesus, um von seiner Wunderkraft Gebrauch zu machen. Und es liegt eine Fernheilung vor. Ohne den Mann ins Gesicht zu bekommen, ohne nach der Krankheit zu fragen, ohne ihn zu untersuchen macht Jesus ihn gesund.

Zum zweiten ist bemerkenswert, dass der Hauptmann ohne jeden Vergleich in den Jahren der Lehrtätigkeit Christi als einziger nicht darauf dringt, der Herr möge an das Krankenbett treten und seine Hand auf die Stirn des Fiebernden legen. Das haben die anderen alle, ohne Ausnahme, erbeten. Er aber ist tiefsinniger, geistiger, überlegter als diese anderen. So ist Christus über des Hauptmanns Demut und Innigkeit gleichmäßig erstaunt und willfährt seiner Bitte. Den anderen aber sagt er, dass dies der Querschnitt der Zeitgeschichte sei und dass in der Tat das offizielle Israel hinter diesen Gestalten des Heidentums weit zurückbleibe. Nach der herrschenden jüdischen Vorstellung sollten die Abstammung von Abraham und die (jedem Israeliten zugutekommenden) Verdienste der Väter ganz Israel den Anteil an der zukünftigen Welt gewährleisten. Die Heiden dagegen sollten in ihrer Gesamtheit davon ausgeschlossen sein. Diese Ansicht erklärt Jesus als trügerischen Wahn, und zwar nach beiden Seiten hin. Gott hat die Freiheit, auch solche in sein Reich aufzunehmen, denen es nicht von Anfang an verheißen war, und er macht davon Gebrauch. Klar wird ausgesprochen, dass Gottes Gnade in gleicher Weise wie Israel auch den Heiden gilt. Der Glaube an Jesus ist für das Heil entscheidend. Der von Jesus gepriesene Glaube des Hauptmanns war noch nicht Heilsglaube im eigentlichen Sinne. Aber das Lob, das er aus dem Munde Jesu empfängt, gilt nicht dem Maß seiner religiösen Erkenntnis, sondern seiner in erster Linie durch den Willen bedingten gläubigen Haltung. Diese aber ist auch für den Anschluss an Jesus entscheidend, und nicht das Maß religiöser Bildung.

Es ist schmerzlich, feststellen zu müssen: Die Juden verstehen den Messias nicht. Sie sind zum Ausbau der universalen Religion, zur Errichtung der Weltkirche ein über das andermal und schon seit Jahrhunderten gebeten. Aber sie versagen, sie lehnen ab. So werden statt ihrer von draußen die Menschen vom Osten und vom Westen berufen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tische sitzen. Den Söhnen des Reiches aber wird der Festsaal verriegelt. Aus der Finsternis der Schluchten werden sie zu dem beleuchteten Schloss aufschauen; dann ist Klagen und Knirschen vergeblich.

Amen.

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