Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Maria
Maria
15. August 2021

Die Aufnahme Marias in den Himmel

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Unser Glaube bekennt: Maria ist mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden. Der Herr wollte sie auszeichnen vor allen Menschen und ihr im Himmel einen einzigartigen Dienst übertragen. Ihre Aufgabe ist wahrlich groß; sie ist die Mutter des Erbarmes. Eine solche Schar von Hilfe- und Schutz-Suchenden. Die ganze Christenheit will bei ihr geborgen sein, und so verschiedenartig sind ihre Anliegen, Bedürfnisse, ihre Nöte. Aber Maria sieht sie alle. Jeden einzelnen. Der Reihe nach schaut sie alle an. Ob ein jeder, der ihr befohlen ist, auch wirklich da ist, und wie sein Gebet lautet und wie es um seinen Leib und seine Seele steht. Alles sieht sie, denn Gott zeigt es ihr. Er hat sie bestellt zur Mutter der Menschheit. Das gläubige Volk begrüßt Maria als „Unsere liebe Frau von der Zuflucht“ und beweist dadurch, von welchem Vertrauen zu der himmlischen Mutter es erfüllt ist. Marias eigene Seele ist hilfeflehend hingestellt vor den großen Gott und schwerbeladen mit dem Leid aller und der Sorge für alle. Maria gehört sich nicht selbst an, auch jetzt nicht, in ihrem Himmelreich. Soweit es möglich ist, schlagen alle Wogen des irdischen Leidensmeeres bis an ihre Seele heran, und die Wogen des Mitleids gehen über sie hin. Alle sind geborgen und befriedet unter ihrem weiten Mantel, auf ihr aber liegt die Verantwortung für sie. Es geht ihnen wirklich gut, allen, die bei ihr sind, besser als es ihrer Seele einstmals erging, die schon im Voraus alles Mutterleid und alle Kindersorge tragen musste. Denn sie hat alles gefühlt wie wir, sie hat alles erlebt wie wir. Gottes Ratschlüsse sind voll besorgniserregender Kühnheit. Das verheißene Kindlein ist zur Welt gekommen. Es ist der Sohn des Allerhöchsten, aber ein Kindlein ist es doch, schwach und hilflos wie ein Licht, das immerfort die schützenden Hände der Mutter braucht, damit es nicht erlischt. Jetzt schon in seinem Anfang ist es bedroht von der eigenen Kleinheit und Schwäche. Und was noch alles über dieses Kind kommen wird! Es ist ein maßlos schweres Leben, das mit dieser Geburtsstunde begonnen hat. Diese magdliche Mutter weiß: Im Dienste Gottes darf man sich nicht gehen lassen, darf man keinen Augenblick vergessen: Siehe, deine Magd! Diese hat nicht zu urteilen über sein Tun und Lassen. Er ist der Herr. Maria kennt alle, die vor ihr knien. Ihre Augen sind zuversichtlich und der Erhörung gewiss. Ob sie lächeln oder weinen, still oder laut, gelassen oder stürmisch, ihrer aller Herzensgebet ist doch immer: „Gedenke, o gütigste Jungfrau Maria, wie es noch nie erhört worden ist, dass einer, der zu dir seine Zuflucht nahm, deine Hilfe anrief, um deine Fürsprache flehte, jemals sei verlassen worden. So verschmähe auch nicht meine Worte, du Mutter des ewigen Wortes, sondern höre sie und erhöre mich.“

Die Aufgabe, die auf der begnadeten Jungfrau Maria lag, hat noch kein Ende erreicht. Ihre Tätigkeit hat sich nicht damit begnügen können, dass sie das Kindlein gebar und pflegte und dass sie es opferte unter dem Kreuze. Damit war ihre Tätigkeit noch nicht am Ende. Sie reicht vielmehr in die Ewigkeit hinein. Die begnadete Jungfrau-Mutter, die Magd Gottes, übt eine Wirksamkeit aus heute und morgen und in alle Zeit. Sie ist ihr von Jesus selbst übertragen. „Sieh, deinen Sohn“, spricht der sterbende Erlöser zu Maria. Wende ihm die Liebe und Sorge zu, die du mir zuwenden möchtest. Und sieh in deinem Johannes die unermessliche Schar der Hilfsbedürftigen und Leidenden aller folgenden Jahrtausende. Maria hat dieses letzte Wort, das ihr Sohn an sie richtete, verstanden. Sie dient uns, die Magd Gottes. Aber wenn sie eine Magd Gottes ist, wie kommt sie dazu, unsere Dienerin und Helferin zu werden? Ach, Gott selbst braucht für sich keine Knechte und keine Mägde, er braucht sie nur für seine Geschöpfe. Weil diese Geschöpfe aufeinander angewiesen sind, weil sie einander dienen sollen, weil sie sich gegenseitig pflegen und betreuen sollen, darum hat Gott Knechte und Mägde berufen. Auf der höchsten Stufe des irdischen Lebens ist alles gegründet auf Dienst, auf Liebe, dass einer des anderen Last trage. Da braucht es einen Knecht und eine Magd Gottes, dass sie die Mühsal der anderen tragen. Wenn Maria berufen gewesen ist, als Magd des Herrn zu dienen, ist es ihre Aufgabe, von nun an bis zum Ende der Welt den Menschen zu dienen, wie nur eine Magd, eine Magd Gottes dienen kann.

Maria ist in die Schule ihres Sohnes gegangen; sie ist nach seinem Herzen gebildet worden. So hat sie dieses Eine, dieses Wesentliche am Geiste Christi gelernt, das er aussprach in dem ergreifenden Wort: „Mich erbarmt des Volkes.“ Sie muss dieses Erbarmen spüren, wie nur ein Frauenherz Erbarmen spüren kann. Erbarmen, Barmherzigkeit ist die Liebe zu dem bedürftigen, gefallenen, notleidenden Geschöpf. Sie sieht das Übel des anderen als eigenes Übel an und schreitet daher zu dessen Hebung oder Linderung. Barmherzigkeit will Wunden verbinden, Arme beschenken, Gefallene aufrichten, Trostlose trösten. Ach, dass eine Mutter und diese Mutter uns dienen will, das brauchen wir nicht zu beweisen, das wissen wir schon von vornherein. Ihre Jungfrauschaft war eine Weihe an Gott, dass sie Gott gehört, dass sie Gott allein gehören kann. Also muss ihr Reichtum so groß sein, dass sie keinem Geschöpf allein und ausschließlich gehören kann, sondern allen zusammen, wie der unendliche Gott auch allen zusammen gehört. Ihre Jungfrauschaft hat bedeutet, dass sie Gott empfangen und in sich tragen kann. Also muss ein so großer Raum in ihrer Seele sein, dass Gott darin Platz hat. Wie viel mehr werden wir alle Platz haben in diesem großen mütterlichen Raum. Eine Begnadete ist Maria gewesen, der besondere Gnadenliebling Gottes. Die Gnade ist ein Licht, das immer nur leuchten und strahlen kann. Wo die Gnade in einem Menschen sich einsenkt, da muss sie auch wieder aus ihm herausleuchten, wenn man das Licht nicht auslöscht und unterdrückt. In Maria ist nichts ausgelöscht oder unterdrückt worden. Also muss die ganze Fülle der Gnade, die in sie eingesenkt wurde, aus ihr herausstrahlen als Dienst. So ist es ja schon bei uns Armseligen: Jedes bisschen Gnade, das Gott uns gibt und das wir wirklich benützen, das wird schon wieder zu einer Guttat für andere, selbst wenn wir es gar nicht wissen. Wie viel mehr in der strahlenden Seele der Jungfrau-Mutter! So hat es also seine Gründe, wenn die Christenheit mit solcher Zuversicht, mit solcher Dankbarkeit, mit solcher Freude in tausend Litaneien zu ihr ruft: „Du Heil der Kranken! Du Trösterin der Betrübten! Du Zuflucht der Sünder! Du Helferin der Christen!“

Wir wissen, dass ein Mensch nicht bloß durch das eine oder andere gute Werk, das er tut, wirkt, sondern vor allem durch sein Wesen, durch seine Art, die hell oder dunkel ist, durch sein Inneres, das unaufhörlich nach außen strahlt. So wirkt auch Maria durch ihr Wesen. Sie war ein vollkommener Mensch. Eine Frau, die ein Kindlein gebar und die das Kind verlor. Eine weinende, eine trauernde Frau. Maria musste in den Tempel hinaufsteigen, um ihr Kind dem Herrn aufzuopfern. Denn es gehörte ihm. Sie hat es nur empfangen, um es ihm wieder zu weihen. Und wenn sie es um den Preis von zwei Turteltauben wieder mitnehmen durfte, weiß sie doch, dass ihr das Opfer nicht erlassen ist, sondern nur aufgeschoben. Gott lässt ihr das Kind nur, um es später als vergrößertes Opfer von ihr verlangen zu können. Nichts Auffälliges, nichts Gekünsteltes, nichts Unerreichbares war an ihr. Und doch war sie ein vollkommener Mensch. Die Vollkommenheit besteht ihrem Wesen nach in der Liebe. Nichts vereint und verähnlicht uns so mit Gott wie die Liebe. „Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1 Joh 4,16). Kein Geschöpf ist mit solch erhabenem und zartem Bande mit dem himmlischen Vater verbunden wie Maria; denn ihr Sohn selbst ist das Band. So zeigt sie uns, dass auch wir alltäglichen Menschen vollkommen werden können. Die Vollkommenheit hängt nicht an den Lebensverhältnissen, nicht an der Arbeit, nicht an der Bildung; sie hängt nur an einem Einzigen: an der Kraft der Liebe. Maria zeigt uns das Bild des wahren Gottes. Gott kennen, dazu genügt es nicht, dass man den Namen Gottes nennt. Man muss ihn kennen als den Erhabenen, Ewigen, Heiligen und zugleich als den uns ganz Verstehenden. Maria zeigt uns das in ihrem Wesen. Sie ist Gott von allen Menschen am nächsten gekommen. Der Mensch, der von ihr den rechten Begriff hat, der sie zugleich verehren und lieben kann, wird auch von Gott den rechten Begriff erhalten, wird Gott zugleich anbeten, zitternd, und liebend, vertrauend, zuversichtlich. Jede rechte Verehrung Mariens mündet in die Anbetung Gottes. Immer galt in der Kirche: Christus nicht ohne Maria. Aber auch: Maria nicht ohne Christus.

Die Tätigkeit der Gottesmutter erschöpft sich nicht darin, dass sie uns tröstet, dass sie uns führt, dass sie uns mahnt, dass sie uns Mutter ist und unsere Gebete hört. Das ist nicht alles. Darüber liegt ihr inneres Leben, das sie führt in der Tiefe Gottes, im Versunkensein in Gott. Solange sie auf der Erde wandelte, musste sie sich notgedrungen von Gott losreißen, musste der Erde lehen, musste das Hauswesen pflegen, musste das Kindlein betreuen, musste mit ihm nach Ägypten fliehen. Aber jetzt ist sie versunken in Gott. Nun kann die Gnade, die sie mit Gott verbindet, aufblühen zu einem einzigen ewigen Gebet. Nun kann sie das wundersame Zwiegespräch führen mit Gott, das kein Ende hat und das sie in Anspruch nimmt mit allen ihren Kräften. Das ist ihre eigentliche Tätigkeit, und wir haben davon nur eine ferne Ahnung. Dass es einen Menschen für alle Ewigkeit ausfüllen kann, ein einziges Wort, das er zu seinem Gotte spricht und das Gott zu ihm sagt, unaufhörlich, endlos, unerschöpflich. In dieser Welt Gottes ist Maria zuhause. Was sie einst als Anfängerin geübt hat, das Wort in ihrem Herzen zu bewahren, das tut sie jetzt mit der ganzen Kraft ihrer Liebe. Das Wort Gottes im Herzen bewahren, das ist eine Beschäftigung für einen unsterblichen Geist für eine Ewigkeit, eine Beschäftigung von unermesslicher Tiefe.

Wir wandern fern vom Herrn noch auf Pilgerwegen, fern auch von unserer Herrin und Mutter. Sie ist uns weit voraus, sie ist nach Hause gekommen. Darum rinnt ein stiller Strom der Sehnsucht hinüber in das ferne Land, aus dem das Bild der Gnadenmutter zu uns herüberscheint. Und wir strecken die Hände aus nach diesem Gnadenbild und rufen: Barmherzige Mutter, zu dir geht unser Rufen. Wir Kinder der großen Ferne, zu dir flehen wir, zu dir geht unser unstillbares Weinen in diesem Land der Tränen. Wir strecken die Hände nach dir aus, die du drüben weilst in den Tiefen Gottes und sprechen: Zu dir rufen wir verbannte Kinder Evas. Zu dir seufzen wir trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen. Wende deine barmherzigen Augen zu uns, und nach diesem Elend zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes. O gütige, o milde, o liebe Jungfrau Maria.

Amen.

Schrift
Seitenanzeige für große Bildschirme
Anzeige: Vereinfacht / Klein
Schrift: Kleiner / Größer
Druckversion dieser Predigt