Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Kirche
14. März 2021

Das Gotteshaus

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

„Wie freute ich mich, da man mir sagte: Wir ziehen zum Hause des Herrn“ (Ps 122,1). Der Fromme des Alten Testamentes war voller Seligkeit, wenn er sich auf die Wallfahrt nach Jerusalem, wo der (einzige) Tempel des Volkes Israel stand, aufmachte. Alle Religionen haben Stätten, wo sich ihre Anhänger versammeln, um Gott den Dienst der Anbetung zu leisten. Das Volk Israel wusste um die Allgegenwart Gottes. Dieses Wissen hielt es nicht ab, einen Ort auszuweisen, an dem Gottes Anwesenheit ihm besonders gewiss war. Bei den Juden war der Tempel die zentrale Stelle, wo sie ihren Gott mit Gebet und Opfer verehrten. König David hatte die Absicht, in Jerusalem einen Tempel zu errichten, aber erst sein Nachfolger Salomon erbaute ihn. Der Tempel war ein Staatsheiligtum. In ihm erwiesen der König und sein Volk Gott den öffentlichen Kult. Im Hof vor dem Tempel stand der Brandopferaltar. Im Kultraum (Hekal) befanden sich der Räucheraltar, die Schaubrottische und die zehn Leuchter. Im Hinterraum (Debir), dem Allerheiligsten, stand die Bundeslade. Unsichtbar über dem Cherubim der Bundeslade thronte Gott (Ex 40, 32ff.; 1 Sam 4,4). Im Jahre 582 wurde der Tempel durch den babylonischen König Nebukadnezar zerstört und seine wertvolle Einrichtung fortgeschafft. Bei der Zerstörung des Tempels wurde die Bundeslade durch den Propheten Jeremias in einer Höhle am Berge Nebo geborgen und nicht mehr gefunden. Doch die tempellose Zeit ging vorüber. 538 v. Chr. erhielten die Juden die Erlaubnis, nach Jerusalem zurückzukehren. Sie gingen daran, den Tempel wieder aufzubauen. Der Neubau hielt einem Vergleich mit seinem Vorgänger nicht aus. So ging ein späterer palästinensischer Herrscher daran, das Wahrzeichen der israelitischen Religion grundlegend umzugestalten. Herodes der Große ließ den Tempel mit großem Aufwand völlig neu erbauen. Als die Jünger Jesu ihn betrachteten, waren sie voll Staunen und Bewunderung: „Meister, sieh, was für Steinblöcke und was für Bauten!“ (Mk 13,1). Das Allerheiligste war völlig leer. Im Heiligen befanden sich der Siebenarmige Leuchter und der Schaubrottisch sowie der Räucheraltar. Im Vorhof der Priester stand der Brandopferaltar. Auch dieser Tempel wurde zerstört. Bei der Eroberung Jerusalems durch Titus im Jahre 70 ging er in Flammen auf und wurde bis zur Stunde nicht mehr aufgebaut.

Der Tempel Salomons war erstlich für den Opferdienst bestimmt. Durch seine Zerstörung und die Kultnot der Exilgemeinde in Babylon wurde die Einrichtung eines im Gegensatz zum Opfer stehenden Gottesdienstes in Gebet und Belehrung nahegelegt. Es entstand die Synagoge. Die Juden richteten für den im Gebet und Belehrung bestehenden Gottesdienst Räume oder Häuser ein. Nach dem Wiederaufbau des Tempels wurden die Synagogen beibehalten. Synagoge ist das dem jüdischen Gebets- und Lesegottesdienst dienende Gebäude. Die Synagoge ist gleichzeitig Gottesdienstgebäude und gesellschaftliches Zentrum. Vermutlich hatte zur Zeit Jesu jede größere Judengemeinde im Mittelmeerraum ihre Synagoge. Das Neue Testament erwähnt für Palästina die Synagogen des Judenlandes (Lk 4,44), Galiläas (Mk 1,39) und besonders eine Synagoge in Nazareth (Mk 6,2), Kapharnaum (Mk 1,21), und mehrere in Jerusalem (Apg 6,9; 24,12). Synagogen bestehen heute noch überall, wo Juden leben. Zur Inneneinrichtung einer Synagoge gehört vor allem ein Schrein mit den Thora- bzw. Schriftrollen, vor dem ein Licht brennt, und ein achtarmiger Leuchter.

Der Synagogengottesdienst besteht aus Gebeten und Lesungen, erbauenden Worten und dem abschließenden Segen. Die Mitte des Gottesdienstes bildet die Vorlesung einer Perikope aus dem Pentateuch und der entsprechenden Perikope aus den Propheten (Apg 13,5; Lk 4,7). Der Schriftenlesung gehen voraus die Gebete Schema und Schemone Esre. Den Schluss des Gottesdienstes bildet der Segen des Priesters.

Der Islam ist die Mischreligion aus Judentum, Christentum und Heidentum, die Muhammed geschaffen hat. Ihre Hauptkultstätte ist Mekka. An allen übrigen Orten errichten die Muslime Moscheen. Die Moschee (arab. Masdjid – Anbetungsort) ist der Raum des gemeinsamen Gebets der muslimischen Gemeinde. In der Moschee erfolgt a) täglich das fünfmalige Ritualgebet vom Imam als Vorbeter geleitet, b) das Freitagmittags-Hauptgebet mit Predigt des Imams. Die Moschee dient zudem der persönlichen Meditation und der religiösen Unterweisung (Koranunterricht). Die Moschee ist auch in ihrer entwickelten Form nicht Gotteshaus oder Kultbau, sondern nur Ort gemeinsamen Gebets. Zum üblichen Inventar jeder Moschee gehört die in Gebetsrichtung nach Mekka ausgerichtete Gebetsnische, eine Kanzel, eine Estrade für den Gebetsruf, Lampen, Teppiche und Matten sowie eine (für die Herstellung der rituellen Reinheit bestimmte) Waschanlage. Die meisten Moscheen verfügen über ein Minarett oder mehrere Minarette. Wegen des Bilderverbots gibt es in der Moschee kein Kultbild und keinen figürlichen Schmuck. Es fehlen auch Kultgerät und religiöse Symbolik. Zu den Funktionsträgern an der Moschee gehören der Vorbeter, der Prediger und der Gebetsrufer.

Als im 16. Jahrhundert der große Abfall von der Kirche kam und der Protestantismus mit seinen vielen Richtungen entstand, bedienten sich seine Anhänger für ihren Gottesdienst der vorgefundenen katholischen Kirchen. Auf diese Weise gingen u.a. Domkirchen wie jene von Magdeburg und Halberstadt, von Naumburg, Bremen und Verden verloren. Altäre, Figuren und Grabsteine von Priestern und Bischöfen erinnern heute noch an die katholische Vergangenheit. Die Anhänger Luthers und Zwinglis veränderten Sinn und Ausstattung der Kirchen. Der Bau hörte auf, geweihte Stätte und heiliger Ort zu sein. Im Protestantismus werden Kirchen nicht geweiht, sondern in Dienst gestellt. Der Altar wurde nicht mehr für die Darbringung des Opfers Christi benötigt. Denn der Protestantismus schaffte die katholische Lehre vom Messopfer ebenso wie das Priestertum ab. Die herrlichen Sakramentshäuschen, in denen der eucharistische Heiland aufbewahrt wurde, blieben fortan leer. Denn der Protestantismus verwarf den Glauben an die bleibende Gegenwart des Herrn. Kirche als Gebäude ist heute im Protestantismus die Stätte für die Verkündigung des Wortes Gottes und die gemeinschaftliche Abendmahlsfeier.

Jesus bringt die vollkommene und endgültige Gottesverehrung. Der samaritanischen Frau erklärt er: „Es kommt die Stunde, da ihr weder auf dem Berge Garizim noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Die Stunde ist schon da, in der die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten; denn solche Anbeter sucht der Vater.“ Nicht mehr der Tempel ist die privilegierte Stätte der besonderen Gegenwart Gottes; vielmehr ist Gott in der Person Jesu in neuer und die Tempelgegenwart unendlich übertreffender Weise bei den Menschen.

Kirche im katholischen Begriff ist ein heiliges Gebäude, das für den Gottesdienst bestimmt ist und zu dem die Gläubigen das Recht des freien Zugangs haben, um den Gottesdienst vornehmlich öffentlich auszuüben. Genauer gesagt: Die Kirche als Gebäude ist die Stätte für die gemeinsame Opferfeier der Gemeinde, für die Spendung der Sakramente, für die Predigt und für nicht streng liturgische Gottesdienste. Die Kirche ist der Ort, wo sich die Vergegenwärtigung des Kreuzesopfer Christi vollzieht. Die Aufbewahrung der Eucharistie gibt ihr die Würde eines eigentlichen Gotteshauses. Eine Kirche ist mehr als ein Gefüge von Stein und Holz und Eisen. Eine Kirche ist ein öffentliches Glaubensbekenntnis, ein steinschriftliches Gebet, ein Alleluja katholischer Glaubensfreudigkeit (Faulhaber). Das Kirchengebäude ist sichtbares Zeugnis der versöhnenden Liebe Gottes. Selbstverständlich denkt kein katholischer Christ daran, Gott in eine Kirche einzubinden. Bei der Grundsteinlegung eines Gotteshauses bekennt die Kirche ihren Glauben, dass Himmel und Erde Gott nicht zu fassen mögen, doch dass er sich würdigt, hier auf Erden ein Haus zu haben, in dem sein Name angerufen wird.

Die kirchliche Autorität hat für den Bau und die Ausstattung von Gotteshäusern Vorschriften erlassen. Das Kirchengebäude soll sich von Profangebäuden unterscheiden und als gottgeweihter Kultbau kenntlich zeigen. Immer soll die Kirche in ihrer Gestaltung ihre hohe sakrale Bedeutung unverkennbar zum Ausdruck bringen. Nur ein Geist und Gemüt erhebender, weihevoll gestalteter Raum kann der Würde des Gotteshauses genügen. Der Besucher einer Kirche soll durch die Andersartigkeit und durch die Ausstattung der Kirche an die Wirklichkeit Gottes, an Gnade und Religion erinnert werden. Die Schönheit und der Schmuck des Gotteshauses sollen den Blick des Besuchers an den Himmel, die Welt Gottes und der Heiligen erinnern. Die Kirche ist nach Fertigstellung zu weihen oder wenigstens zu segnen. Kathedral- und Pfarrkirchen sind in feierlichem Ritus zu weihen. Durch die Weihe (dedicatio) oder Segnung wird eine Kirche zu einer heiligen Sache (res sacra). Durch die Eigenschaft als heilige Sache wird eine andere als dem Widmungszweck entsprechende Nutzung bzw. Verwendung ausgeschlossen. Jede Kirche muss ihren Titel haben. Es kann dies ein Geheimnis des Glaubens sein wie die Dreifaltigkeit oder Herz Jesu oder der Name eines Heiligen wie Bonifatius oder Peter Canisius. In jeder Kirche soll ein feststehender Altar vorhanden sein. Die Feier des Messopfers ist die entscheidende Kulthandlung der Kirche. Jede Pfarrkirche muss einen Taufbrunnen haben. Die Taufe ist heilsnotwendig und vermittelt die Zugehörigkeit zur Kirche Christi. Ältere Kirchen sahen für die Abhaltung der Predigt die Kanzel vor. Seit der so genannten Liturgiereform wird sie zumeist nicht mehr benutzt und durch den Ambo ersetzt. Viele Kirchen sind mit den vierzehn Kreuzwegstationen ausgestattet. Kniebänke mit Sitz und Armlehne sind nicht vorgeschrieben, erleichtern aber den Kirchen- und Gottesdienstbesuchern die Andacht und die Mitfeier des Gottesdienstes. Das Licht fällt in die Kirchen ein durch die Glasfenster. Sie sind häufig künstlerisch gestaltet. Kirchen verlangen Sauberkeit und Ausschmückung. Beides wird der Ehre Gottes und der Erhebung der Kirchenbesucher geschuldet. Von Kirchen muss alles ferngehalten werden, was mit der Heiligkeit des Ortes unvereinbar ist. Der Zugang zu einer Kirche zur Zeit gottesdienstlicher Feiern ist frei und kostenlos.

Die Kirche ist die Stätte, in der das erhabene Opfer Jesu Christi durch den Dienst der Priester gegenwärtig gemacht wird. Der sich opfernde und geopferte Christus erscheint wahrhaft, wirklich und wesentlich auf dem Altar. Er kommt, und er verharrt. Durch die bleibende Gegenwart des eucharistischen Herrn im Tabernakel sind katholische Kirchen wahrhaft Gotteshäuser. Sie haben einen Rang und eine Würde, die von nichtkatholischen Gebetsstätten nicht erreicht werden. Fürwahr: „Wo gibt es sonst noch ein Volk, dem sein Gott so nahe ist, wie der Herr, unser Gott, uns nahe ist!“ (Dt 4,7). Die Gegenwart des Herrn verleiht selbst der ärmsten katholischen Kirche eine große Anziehungskraft. Der gläubige katholische Christ sehnt sich nach seinem Gotteshaus und fühlt sich glücklich in seinen Mauern. Dem Gläubigen wird der Besuch des Gotteshauses auch außerhalb des Gottesdienstes dringend empfohlen. Jede Zeit ist zum Besuch geeignet. Des Morgens und des Abends, bei Tag und Nacht ist der Heiland anzutreffen. Wir können uns mit ihm unterhalten, solange wir wollen; er wird nicht müde. Der Herr im Tabernakel wartet. Er wartet auf Gläubige, die zu ihm eilen. Er wartet auf solche, die noch nicht kommuniziert haben und die noch kommunizieren wollen.

Die Zahl und die Ausstattung der Gotteshäuser, ihre Notwendigkeit und ihre Pflege hängen von der religiösen und sittlichen Verfassung der katholischen Christen ab. Hier hat sich in den letzten Jahrzehnten ein unerhörter Prozess vollzogen. In Mittel- und Westeuropa sind Hunderte katholischer Kirchen profaniert, d.h. einer nicht vorgesehenen, fremden Verwendung zugeführt worden. Was unsere Eltern und Vorfahren mit ihren Spenden und Opfern, mit ihren Ersparnissen und Schenkungen geschaffen haben, wird seinem Zweck entfremdet, geht dem gottesdienstlichen Gebrauch verloren, verödet die religiöse Landschaft unseres Vaterlandes. Der unerhörte Vorgang ist bis heute nicht abgeschlossen.

Warum wurden und werden Kirchen profaniert, einer weltlichen Bestimmung zugeführt? Weil sie nicht mehr benötigt werden. Die Besucher der Gotteshäuser bleiben aus. Eine wahre Flucht aus unseren Kirchen hat eingesetzt. Seit Jahrzehnten ist die Zahl der Gottesdienstbesucher zurückgegangen, bleiben die weiten Hallen gähnend leer, sind die Kirchenbänke nur schütter besetzt. Wenn Beter und Messteilnehmer die weiten Hallen unserer Kirchen nicht füllen, brechen sie unter ihrer Leere zusammen.

Warum bleiben die Besucher unserer Gotteshäuser aus? Weil sie nicht mehr suchen, was dort zu finden ist: die Anbetung Gottes, die gemeinsame und öffentliche Verehrung des dreieinigen Gottes. Warum suchen sie diese nicht mehr? Weil sie nicht mehr glauben. Der Verlust des Glaubens ist der tiefste Grund, weshalb sich unsere Kirchen leeren. Wer nicht mehr glaubt, besucht keinen Gottesdienst mehr, betet nicht in der Kirche. Alle anderen Gründe, die angegeben werden, um das Aufgeben des Gottesdienstbesuches zu erklären, sind vordergründig. Als der Gottesdienst noch allgemein in lateinischer Sprache gehalten wurde, machte man dies für das Fernbleiben vieler vom Gottesdienst verantwortlich. Die lateinische Sprache ist entfallen, aber die Zahl der Gottesdienstbesucher ist nicht gestiegen, sondern drastisch gefallen. Andere gaben an, der Gottesdienst müsse lebendiger, zeitnäher, moderner werden, dann würden die Menschen wieder hingehen. Man hat die Gottesdienste in Veranstaltungen der Unterhaltung, der Belehrung über Schutz der Umwelt, der Einforderung der Frauenweihe umgewandelt. Die Kirchen sind dadurch nicht voller, sondern leerer geworden. „Wenn sich Gott in den Kirchen nicht mehr finden lässt, bleiben sie leer. Nur Gott kann die Kirchen retten“ (Allan Guggenbühl, Klerusblatt 2021 S. 37). O meine Christen, sind wir ein Volk ohne Religion, ohne Glauben, ohne Gebet geworden? Was ist weithin aus unserer heiligen, katholischen Kirche geworden! Ein Taubenschlag, aus dem die Tauben fliehen. Eine Stätte von Fastnachtsgottesdiensten, in der kirchliche Einrichtungen heruntergemacht werden. Ein Objekt des Streites, wer das Sagen hat bei der sogenannten Gestaltung des Gottesdienstes. Was bleibt uns angesichts dieser Lage zu tun?

1. Festhalten an dem, was wir als unveräußerliches Glaubensgut erkannt haben. Nichts aufgeben. Alles verteidigen.

2. Den Glauben leben. Ihn nicht nur bejahen, ihn durch unser beispielhaftes Leben bekunden.

3. Eifriger werden als bisher. Öfter und inniger beten. Häufiger und freudiger den Gottesdienst besuchen. Andere einladen mitzukommen.

4. Auch außerhalb des Gottesdienstes dem Herrn im Tabernakel Anbetung erweisen. Ihn anflehen, dass er seine Kirche rette. An keiner Kirche vorübergehen, ohne den Herrn begrüßt und getröstet zu haben.

O Gott, ich liebe die Zierde deines Hauses, den Ort, wo deine Herrlichkeit wohnt.

Amen.

  

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