Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Maria
24. Januar 2021

Die Augen der Gottesmutter

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Ein italienischer Maler hat ein Bild gemalt. Die Gottesmutter sitzt auf einem Stuhl, auf ihren Knien das Jesuskind. Mit beiden Armen hält sie es umschlungen, als wollte sie sagen: Mein ist das Kindlein für alle Ewigkeit. Aber das Schönste an dem Bild sind die Augen der Gottesmutter. Fragend und verstehend, glückselig und ernst zugleich schauen sie einen an, wohin man sich auch wenden mag, als könnte sie in den Tiefen unserer Seele lesen. Unser Blick, entzückt von der Farbenpracht des Bildes und seiner wunderbaren Komposition, gleitet immer wieder über alles andere hinweg, um auf den Augen Mariens ruhen zu bleiben. Darüber möchten wir heute nachdenken: über die Augen der Gottesmutter. Sie haben viel gesehen, Erfreuliches und Schreckliches. Oft mag Maria mit dem Psalmisten (25,15) gebetet haben: „Stets sind auf den Herrn meine Augen gerichtet.“ Von ihm empfing sie die Weisungen und die Fügungen ihres Lebens. Und weiter: „Meine Augen erheb' ich zu dir, der du thronest im Himmel. Wie die Augen der Magd, so gehen meine Augen auf den Herrn, unseren Gott!“ (Ps 123,1-2). Wie alle frommen Israeliten zog es sie nach Jerusalem, machte sie ihre Wallfahrt zum heiligen Ort, betend wie alle Pilger: „Ich freute mich, als man mir sagte: Wir wallen zum Hause des Herrn“ (Ps 122,1). Der Anblick des Tempels war eine Erhebung und ein Glück für jeden frommen Israeliten. Maria war fromm. Und so mag sie oft gebetet haben: „Eins nur erfleh’ ich vom Herrn: Zu wohnen im Hause des Herrn, zu schauen seinen Tempel“ (Ps 27).

Über dreißig Jahre waren die Augen Mariens auf ihren Sohn gerichtet. Diese Augen blickten im Stall von Bethlehem auf ihr Kindlein, die Frucht ihres Leibes, vom Heiligen Geist bewirkt, in ihrem Schoß zu Elisabeth getragen. Jetzt schaute sie den, von dem der Engel sagte: „Du wirst empfangen und einen Sohn gebären, und du wirst ihm den Namen Jesus geben. Er wird groß sein und Sohn des Allerhöchsten genannt werden.“ Maria hat die Botschaft empfangen. Sie hat nicht gezweifelt, dass sie in Erfüllung gehen werde. Und jetzt ist die Stunde da, von welcher der Prophet Isaias gesprochen hatte: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt, auf seinen Schultern ruht Weltherrschaft.“ Elisabeth hat Maria selig gepriesen, weil sie dem Engel geglaubt hat, der ihr das Wunder ihrer gottgewirkten Empfängnis ankündigte. Maria zweifelt auch in der Nacht von Bethlehem nicht. Sie blickt auf das winzige Kindlein, das in einer Futterkrippe liegt, und sie schaut in ihm den unendlichen, ewigen Gott. Jetzt geht in Erfüllung, was dieses Kind, zum Manne herangewachsen, verkünden wird: „Selig die Augen, die sehen, was ihr seht!“ Maria sah es von Anbeginn seines Lebens. Bei der Darstellung Jesu im Tempel hörte Maria den greisen Simeon jubeln: „Meine Augen haben das Heil gesehen, das Gott bereitet hat vor dem Angesicht aller Völker.“ Wie mag sie auf ihren Sohn geblickt haben, von dem sie aus Prophetenmund solche Worte gehört hatte!

Die Augen Mariens waren stets wache Augen. Sie nahmen gewahr, was um sie vorging. Der zwölfjährige Jesus war verschwunden bei der Heimkehr von der Pilgerfahrt. Die Mutter geriet in Unruhe. Sie geht zurück nach Jerusalem. Ihre Augen spähen nach ihrem Sohn. Und sie forschen nicht umsonst. Sie entdeckt den Knaben am heiligen Ort, im Tempel. Die Augen der Mutter suchen nicht vergebens ihr Kind. Maria ist zu einer Hochzeit eingeladen. Auch ihr Sohn ist anwesend mit seinen Jüngern. Man ist fröhlich, wie es sich bei einer Hochzeit geziemt. Man plaudert und singt, man isst und trinkt. Die Augen Mariens schauen auf das Brautpaar, die Gäste und die Gastgeber. Sie blicken scharf und zugleich liebend über die versammelte Gesellschaft. Sie sieht, was die anderen nicht sehen. Der Wein, der alle fröhlich macht, geht aus. Eine peinliche Situation für den Gastgeber, das Hochzeitspaar und die Gäste. Und was Maria sieht, das bewegt sie. Dem Mangel muss Abhilfe geschaffen werden. Wein, mehr Wein, neuer Wein muss herbeigeschafft werden. Aber woher und durch wen? Es gibt nur einen, der augenblicklich aus der Verlegenheit helfen kann. Sie geht ihren Sohn an: „Sie haben keinen Wein mehr.“ Das sind die Augen Mariens. Sie sehen die fremde Not. Sie sind aufgeschlossen für die Bedürfnisse der Menschen. Es könnten Leute sagen: Ob einem Brautpaar in einem galiläischen Nest der Wein ausgeht, ist für die Weltgeschichte nicht von Bedeutung. Das stimmt. Aber Maria sieht es und hält es für wert genug, um von ihrem Sohne Hilfe zu erwarten.

Maria begleitete zweifellos das öffentliche Wirken ihres Sohnes. Wenn sie auch nicht in seiner ständigen Gefolgschaft war, so erfuhr sie doch von seiner Predigt und seinen Machttaten. Als Jesus aus Jericho herauszog, schritt er an zwei Blinden vorbei. Als sie hörten, Jesus komme vorüber, schrien sie laut: „Erbarme dich unser, Sohn Davids.“ Jesus blieb stehen und sprach sie an: „Was wollt ihr, dass ich euch tun soll?“ Sie antworteten: „Herr, dass sich unsere Augen auftun.“ Voll Erbarmen berührte Jesus ihre Augen. Da konnten sie auf der Stelle sehen und folgten ihm. Maria wird für die Wunder, die Jesus an Blinden wirkte, ein besonderes Auge gehabt haben. Denn sie wusste aus der Heiligen Schrift, dass Heilungen von Blinden das Kennzeichen der messianischen Zeit sein sollten. Und jetzt geschahen sie. Durch ihren Sohn.

O die Augen Mariens! Sie haben viel gesehen, viel Seelenleid und Seelenfreude in der Zeit, da Jesus in Palästina wirkte. Es blieb ihr nicht erspart, ihn im Elend zu sehen. Als ihr Sohn Todesangst litt am Ölberg, als seinen liebsten Jüngern die Augen zufielen und sie ihn allein wachen ließen, da kam über ihr Auge gewiss kein Schlaf, da schaute sie angstvoll aus nach ihrem Sohne und seiner Qual. Wir dürfen annehmen, dass sie dem Zug folgte, in dem ihr Sohn durch Jerusalems Straßen zur Stätte der Hinrichtung geführt wurde. Ja, sie wird ihren Sohn nicht aus den Augen gelassen haben. Und dann war man am Ziel. Maria stand auf dem Hügel Golgotha. Über ihr der bleiche Leib ihres Sohnes. Ihre Augen beobachteten angstvoll jedes leise Zittern, das durch seine Glieder ging, und jedes Zucken seiner Züge im Todeskampf, und ihre Augen schauten tiefer hinein und sahen einen Ozean von Schmerz in seiner Seele; sahen in jenen fürchterlichen Stunden, was nie ein Mensch seitdem gesehen, so dass wir sie darob heute noch preisen als die siebenfach gebenedeite Schmerzensmutter. Ein Prophet in alten Zeiten hatte ihren Schmerz geschaut und angekündigt: „Bitterlich muss ich weinen, mein Auge schwimmt in Tränen.“ Wie viele Tränen mögen aus diesen Augen geströmt sein? Zu ihr fliehen die Bedrängten dieser Erde. Das Gretchen in Goethes „Faust“ fleht vor dem Bild der schmerzhaften Mutter: „Ach neige, du Schmerzensreiche, dein Antlitz gnädig meiner Not. Das Schwert im Herzen, mit tausend Schmerzen, blickt auf zu deines Sohnes Tod.“ Sie weiß, die Augen Mariens, die das qualvolle Sterben ihres geliebten Sohnes ansehen mussten, wenden sich allen zu, die sie in ihrer Not anrufen. Die Christenheit vertraut auf die Augen Mariens. Sie fleht zu ihr: „Wende deine barmherzigen Augen zu uns, und nach diesem Elend zeige uns Jesus, die gebenedeite Frucht deines Leibes.“

Aber wie ist es mit uns? Mit unseren Augen? „Wir aber, wir tappen nach der Wand wie Blinde, und wie die, die keine Augen haben, tasten wir.“ Sehen können! Man muss es lernen, langsam, mühsam, aber wir müssen es. Du kommst morgens an deine Arbeitsstelle. Schau die Leute an, die dort tätig sind: den Angestellten in vorgerückten Jahren, immer fürchtend, abgebaut zu werden. Die Stenotypistin, den Lehrling – vielleicht fällt es dir auf, dass sie blasser sind als sonst, dass sie sich mühsam aufrecht halten. Kannst du sehen? Und den Lehrer, der vor seiner Kinderschar steht; den Arzt, auf den angstvoll die Blicke aller gerichtet sind, wenn er durch die Station geht; was wird er über meinen Zustand sagen? Sie alle müssen sehen lernen. Und der Vater in seiner Familie, und die Mutter, der es auffällt: mein Kind ist nicht wie sonst, in seiner Seele ist etwas nicht in Ordnung. Sehen lernen! In mancher Familie hat die Mutter monatelang den Keim des Siechtums, und niemand hat es gemerkt. Meine Christen! Ich habe heute nicht viel von euch verlangt, keine großen Almosen, keine materiellen Opfer, nur, dass ihr die Augen öffnet und sehen lernt. Kann man weniger verlangen?

Über die Straße einer großen Stadt ging ein Blinder. Es war der Dichter Gottlieb Konrad Pfeffel. Da stieß er an einen Vorübergehenden an. Entrüstet holte dieser aus und gab dem Blinden eine schallende Ohrfeige. Vom Antlitz des Blinden wich nicht der Glanz einer tiefen Röte, aber seine dünnen Lippen begannen zu lächeln: „Ach, mein Herr“, sagte er leise, „wie betrübt werden Sie sein, wenn Sie hören, dass ich blind bin!“ Wie betrübt werden Sie sein! Gleich der Blick in die Seele seines Beleidigers. Wer war der Blinde? Der mit den erloschenen Augen? Nein, sondern der, der ihn geschlagen. Wir würden oft nicht zum Schlage ausholen, wenn wir in der Seele des anderen lesen könnten. Wir würden oft ein böses Wort unterlassen, wenn wir uns die Zeit nähmen, uns mit dem anderen zusammenzusetzen und ihm ins Auge zu schauen. Meine Lieben, alle karitativen und sozialen Bestrebungen, so schön sie sind, sind umsonst, wenn wir nicht endlich dazu kommen, verstehend in die Seele der anderen hineinzusehen. Manches Mal, wenn man so recht erbost ist über jemand, sagt man sich in einer stillen Stunde darauf, ob ich nicht ebenso gehandelt hätte wie jener Mensch, wenn ich in seiner Lage wäre.

Ein Kind verrichtete das Nachtgebet leise. Die Mutter fragte sie: „Kind, was betest du? Warum sprichst du nicht laut?“ Das Kind antwortete schluchzend: „Ich bete: Lieber Gott, schütze den Blinden und auch das Hündlein, das ihn führt.“ Sie hatte einen Blinden gesehen, der sich von seinem Hund führen ließ. Aber sie hatte ihn nicht nur erblickt, sondern auch verstanden. Maria sitzt auf ihrem Thron. Mit beiden Händen umschlingt sie das Gotteskind. „Mein ist das Kindlein für alle Ewigkeit!“ Und ihre Augen schauen uns an, forschend und wissend. Maria, Gottesmutter! Gib uns Augen, zu sehen, wie du geschaut hast, und gib uns ein Herz, zu verstehen, wie du verstanden hast.

Amen.

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