Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Gericht
20. Dezember 2020

Die Auferstehung der Toten

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Es ist Glaubenssatz: Alle Menschen werden am Ende der Welt mit ihren Leibern auferweckt werden. Die Auferstehung der Toten ist eine Überzeugung, die dem christlichen Glauben eigentümlich ist; sie unterscheidet sich wesentlich von allen nichtchristlichen Unsterblichkeitshoffnungen. Worin liegt die Begründung für diesen Glaubenssatz? Das Sein „in Christus“ ist (nach Paulus) die Voraussetzung für die Auferstehung (1 Thess 4,16; 1 Kor 15,22). „Wie in Adam alle gestorben sind, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden.“ Dieses Sein in Christus schließt auch den Besitz des göttlichen Geistes in sich. Darum kann Paulus auch diesen als Voraussetzung der Auferstehung nennen. „Wenn der Geist dessen, der Christus von den Toten erweckt hat, in euch wohnt, so wird der, der Christus Jesus von den Toten erweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen in euch lebenden Geist“ (Röm 8,11). Darum kann Paulus den Geist das „Angeld“ unserer Bekleidung mit dem himmlischen Leib nennen (2 Kor 5,5; Röm 8,23). Es ist die Anzahlung, der die volle Ausschüttung folgen muss. Auferstehung ist Ergebnis unserer Zugehörigkeit zum einen Leibe Christi, die faktisch durch die Eucharistie vermittelt wird. Deswegen nennt sie Ignatius von Antiochien Heilmittel der Unsterblichkeit. Die Auferstehung der Toten ist in der Lebensgemeinschaft mit Christus garantiert. Was an Christus geschieht, das geschieht auch am Christen. Denn Christus ist der Erstling, dem alle anderen folgen. Der Christ steht im Wirkbereich Christi. Er nimmt am Tode, an der Auferstehung und an der Himmelfahrt Christi Anteil, und zwar erstmalig und grundlegend durch das heilige Sakrament der Taufe. Diese Verbindung wird vertieft und gefestigt durch den Empfang der übrigen Sakramente, vor allem durch die eucharistische Kommunion.

Die Teilnahme am Auferstehungsleben Christi ist während der Pilgerzeit verborgen. Bei der Auferstehung der Toten werden die in den Menschen eingesenkten Auferstehungskräfte zur Entfaltung kommen. Die Auferstehung vollendet, was in der Pilgerzeit begonnen worden ist. Da wird Christus die im irdischen Leben mit ihm Verbundenen und von ihm Durchherrschten auferwecken durch seine Macht (1 Kor 6,14; 2 Kor 4,14). Sie wohnen hier nur in Zelten, d.h. flüchtig, für vorübergehenden Aufenthalt erstellten Stätten. Ihre eigentliche, festgebaute Wohnung ist in der Himmelsstadt. Christus hat dort schon Wohnung genommen (Kol 1,16; Eph 1,19-23; Phil 2,9-11). Er bereitet dort für die Seinigen die ewigen, unzerstörbaren Wohnungen (Joh 14,2-4). Wenn er wiederkommt, wird er die Seinigen nach seinem eigenen Bild umgestalten, sie mit seiner Herrlichkeit umkleiden und jedem den Rang zuweisen, der ihm gebührt (Röm 4,17; 8,11; Kol 2,12f.). In der neuen Gestalt passen sie in die von Christus bereitgestellten Wohnungen.

Garant unserer Auferstehung ist die Lebensgemeinschaft mit dem auferstandenen Christus. Die Notwendigkeit der leiblichen Auferstehung lässt sich auch aus dem Wesen des Menschen begründen. Der Mensch ist eine Ganzheit, aus Seele und Leib gefügt, und zu seiner wahren Seligkeit gehört daher auch die Wiederherstellung dieser Ganzheit. Das Heil ist erst vollständig, wenn die zweifache Trennung überwunden ist, der die (leiblose) Seele unterliegt: die Trennung vom eigenen Leib und die Trennung von der vollen Gemeinschaft des Leibes Christi.

Die Auferstehung der Toten ist die letzte Vollendung der durch Christus gewirkten Erlösung. Die Erlösung vollendet sich im Leibe. Deshalb nimmt Maria, die von Christus in vollendeter Weise erlöst ist, schon vor dem Jüngsten Gericht in leibhaftiger Weise an der Herrlichkeit ihres Sohnes teil. Im Leib offenbart sich die Sünde. Am Leibe soll sich auch die Gottesgemeinschaft offenbaren. Wenn die Erlösung sich im Leibe offenbart, dann muss der Auferstehungsleib anders sein als der Leib der zeithaft-geschichtlichen Existenz. In der Tat besteht zwischen den beiden Leibesformen ein wesentlicher Unterschied. Die Auferstehung ist nicht die Wiederaufnahme des von der Seele verlassenen Leibes in seiner alten Form und die Fortführung des früheren Lebens, sondern der Beginn eines neuen Lebens. Die Auferstehung schließt eine Verwandlung in sich. Die Auferstehung der Toten ist keine Rückkehr in das irdische Leben. „Wenn sie von den Toten aufstehen, heiraten sie weder, noch lassen sie sich heiraten, sondern sind wie die Engel im Himmel“ (Mk 12,25). Als Eigenschaften der Auferstehungsleiber nennt die Theologie Vergeistigung (1 Kor 15,44), Unsterblichkeit (15,53f.), Unverweslichkeit (15,42; 53), Leidensunfähigkeit (Apk 7,16f.; 21,4), Feinheit (Mt 28,2ff.; Joh 20,19; Phil 3,21), Behendigkeit, Klarheit (1 Kor 15,43). Die genannten Eigenschaften befähigen den Leib, an der ewigen Seligkeit (die sich für die Seele in der Gottschauung konzentriert) teilzunehmen.

Der Auferstehungsleib ist erstens mit Unvergänglichkeit ausgerüstet. Der zeithaft-geschichtliche Leib ist vergänglich. Die Vergänglichkeit ist Zeichen der Sünde. Der Auferstehungsleib ist allen Verfallsgesetzen entzogen. Wegen der Unvergänglichkeit (und Unsterblichkeit) bedarf es im himmlischen Leben nicht mehr der Ehe. Die Auferstandenen werden den Engeln gleichen, die mit unsterblichem Leben ausgerüstet sind. Darum wird es unter ihnen auch keine Todesangst mehr geben. Alles, was das Leben hemmt und bedroht, wird abgetan sein. Die Auferstandenen werden „nicht mehr Durst und nicht mehr Hunger leiden noch wird die Sonnenglut mit Hitze auf sie fallen“ (Apk 7,17). Denn das Lamm, das vor dem Throne steht, wird sie „weiden und zu den Wassern der Lebensquellen führen und Gott wird abwischen jede Träne von ihren Augen“ (Apk 7,17). Für die Zuverlässigkeit einer solchen, allen Erfahrungen widersprechenden Zukunftsverheißung verbürgt sich Gott selbst. „Der auf dem Throne saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu. Diese Worte sind zuverlässig und wahr“ (Apk 21,5). Die zweite Eigenschaft des Auferstehungsleibes ist die Kraft. Sie ist ein Kennzeichen aller Wirkungen Gottes. Vom Auferstehungsleib sind Schwäche und Anfälligkeit gewichen. Er ist durchherrscht von der Glut der allmächtigen Liebe Gottes und von der Geltungsmacht der himmlischen Wahrheit. Die dritte Eigenschaft des Auferstehungsleibes ist die Herrlichkeit und Schönheit. Die Herrlichkeit (doxa) ist eine Eigenschaft Gottes und auch eine Eigenschaft des auferstandenen Christus. Über den Auferstehungsleib breitet sich die Herrlichkeit Christi aus. Der in Herrlichkeit existierende Leib gehört der himmlischen Welt an, nicht mehr der irdischen. Er wird von jenem Glanz erfüllt sein, der Paulus vor Damaskus aus der Erscheinung des erhöhten Herrn entgegenleuchtete. Der verwandelte Leib wird vom Heiligen Geist durchdrungen sein. Sein Lebensprinzip ist der Heilige Geist. Der verwandelte Zukunftsleib wird in vollkommener Weise durchscheinend sein für den Geist. Der Geist wird am ganzen Leib sichtbar hervortreten. Der verwandelte Leib strahlt von der Herrlichkeit und dem Lichte Gottes wider. Er ist verklärt. In der Heiligen Schrift wird der Auferstehungsleib verglichen mit dem verherrlichten Leibe Christi. Dieser ist das Urbild der kommenden Verklärung. Der Auferstehungsleib ist ähnlich wie Christi Leib nicht mehr versklavt an die Gesetze von Raum und Zeit, wenngleich er ebenso wie der Leib Christi raum- und zeitgebunden bleibt.

So groß der Unterschied zwischen dem irdischen und dem verwandelten Leib ist, so besteht doch zwischen den beiden Leibesformen ein enger Zusammenhang. Es ist Glaubenssatz: Der Auferstehungsleib ist mit dem irdischen Leib identisch. Wie der Leib des auferstandenen Herrn mit seinem irdischen Leib identisch ist, so ist auch der himmlische Leib der Christen irgendwie identisch mit dem irdischen Leib. Wäre er es nicht, könnte man schwerlich von Auferstehung reden, müsste man eher von Neuschaffung sprechen. Für die Identität zwischen dem irdischen Leib und dem Auferstehungsleib bieten sich zwei Erklärungen an. Der heilige Thomas lehrt, dass der Auferstehungsleib nicht nur aus gleichen, sondern aus denselben Stoffen aufgebaut ist wie der irdische Leib. Nun ist es schon im irdischen Dasein so, dass der Leib durch den Stoffwechsel wiederholt die ursprünglichen Stoffe gegen andere austauscht. Dies geschieht mit solcher Gründlichkeit, dass im Leibe eines Greises von den stofflichen Aufbauelementen des kindlichen Leibes nichts mehr vorhanden ist. Trotzdem hört der veränderte Leib nicht auf, der Leib jenes Menschen zu sein, dem er von Anfang an angehörte. Mag sich der Mensch durch Altern, durch Entbehrung, durch Krankheit leiblich noch so sehr ändern, das Ich behält doch seinen ihm zugehörigen Leib; er drückt sich in ganz bestimmten, ihm eigentümlichen leiblichen Bewegungen, Gebärden und Lieblingshaltungen aus. Namhafte Theologen vertreten eine etwas andere Ansicht. Die Identität des Auferstehungsleibes mit dem irdischen Leib werde dadurch gewährleistet, dass es die Seele ist, die zum zweiten Mal einen hierzu geeigneten Stoff zum menschlichen Leib gestaltet. Dafür sei es unwichtig, ob hierbei Stoffteile des früheren Leibes verwendet werden oder nicht. Nur unter dem gestaltenden Einfluss der Seele wird der Stoff zum menschlichen Leib. Die Seele ist immer das Gestaltungsgesetz des Leibes. Sie ist dies im irdischen Leben, sie ist es auch im zukünftigen Leben. Eben dadurch ist der Auferstehungsleib der zu dieser Seele gehörige Leib und folglich innerlich der nämliche Leib, mit dem die Seele ehedem das eine leiblich-seelische Wesen bildete. Die Vertreter dieser Ansicht erklären, ihre Lehre sei die strenge und folgerichtige Durchführung des Glaubenssatzes, dass die Seele die Wesensform des Leibes ist. Im allgemeinen Strom des Werdens ist grundsätzlich die Einheit der leibgestaltenden Seele entscheidend und verbürgt hinlänglich auch die Leibeseinheit. Mit der Erklärung dieser Theologen verlieren manche Einreden gegen die Auferstehung ihre Bedeutung. Es wäre völlig gleichgültig, welchen und wie vielen Organismen ein und dieselbe Stoffmasse während der Geschichte als Aufbaubestandteil gedient hat. Es würde keine Gefahr bestehen, dass verschiedene Menschen auf die gleiche Materie Anspruch erheben werden, weil die gleichen Stoffteile im Laufe der Jahrtausende Bestandteile ihrer Leiber waren.

Der Glaube an die Auferstehung der Toten ist für den Welt- und Naturgläubigen ein schweres Ärgernis. Was er sieht, ist der immerwährende Rhythmus von Leben und Tod. Solange die Erfahrung als der einzige Maßstab des Urteilens betrachtetet wird, muss die Überzeugung von der Auferstehung der Toten als Widerspruch zu Erfahrung und Vernunft verstanden werden. Es bedarf der Bekehrung des Denkens, damit die Offenbarung von der Totenerweckung bejaht werden kann. Die Auferstehung des Fleisches war der Anstoß der Rationalisten aller Zeiten. Daher betonen die Kirchenväter gerade dieses Dogma von Anfang an geflissentlich und verteidigen es als einen Hauptgegenstand des Glaubens gegenüber dem Heidentum. Die Verwandlung des menschlichen Leibes in der Auferstehung ist ein undurchdringliches Geheimnis. Die Auferstehung mit dem verwandelten Leib ist ebenso wie Christi Auferstehung ein Akt der göttlichen Allmacht (1 Kor 6,14; 2 Kor 13,4; Röm 4,25) und ein eschatologisches Ereignis (1 Kor 15,51; 1 Thess 4,16f.). Mit ihm ist die Überwindung des Todes vollendet (15,53ff.). Die Allmacht Gottes kann mehr wirken, als der Kopf eines Menschen zu begreifen vermag. Wären die Werke Gottes nur so groß, dass sie von der Vernunft des Menschen leicht begriffen werden könnten, so wären sie eben deswegen nicht wunderbar, nicht unaussprechlich zu nennen. Wer die Majestät erforschen will, den zerdrückt ihre Herrlichkeit. In der Heiligen Schrift wird die Erweckung der Toten mit den Mitteln des antiken Weltbildes dargestellt, das nicht mehr das unserige ist. Die Tatsache der Auferstehung ist davon völlig unabhängig. Sie ist mit jedem Weltbild vereinbar. Das notwendige Umdenken der antiken Bildwelt bringt das von den Bildern gemeinte Faktum selbst nicht zu Fall.

Es gibt eine wirkliche Auferstehung am Ende der Zeiten. Sie hat schon begonnen. Jesu Auferstehung ist der Anfang der Totenauferstehung (1 Kor 15,23). Der Apostel Paulus weiß und hofft, unmittelbar nach dem Tode in die Gemeinschaft mit Christus zu gelangen. In dem Philipperbrief (1,23) spricht er sein Verlangen aus, „abzuscheiden“ und leiblos „beim Herrn zu sein“. Trotzdem bleibt aber auch hier das letzte Ziel seiner Sehnsucht die Auferstehung (3,11). „Mein Wunsch steht darauf, aufgelöst zu werden und mit Christus zu sein. Denn das ist bei weitem das Bessere“ (Phil 1,23), als weiter auf Erden zu verbleiben. Paulus hat keinen Zweifel, dass er, wenn er stirbt, mit Christus vereinigt wird. Also auch ohne Auferstehung geht er in die Herrlichkeit Christi ein. Doch ein Leben ohne Leib im Zustand der „Nacktheit“ ist für Paulus kein wahres Leben. Darum wünscht er, um diesem Zwischenzustand der Leiblosigkeit zu entgehen, den himmlischen Leib über den irdischen „darüber anzuziehen“ (2 Kor 5,2). Das letzte Ziel bleibt für ihn die Auferstehung des Leibes. „Ihn will ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seines Leidens. Ich will seinem Tode gleichgestaltet werden, ob ich etwa zu der Auferstehung von den Toten gelangen könnte (Phil 3,10-11). Die Auferstehung von den Toten ist so wesentlich, dass daran Wahrheit und Recht des christlichen Standes hängt. Darum schreibt Paulus: Wenn es keine Totenauferstehung gibt dann „sind wir die bemitleidenswertesten von allen Menschen“ (1 Kor 15,19), dann ist all sein Arbeiten und Leiden als Apostel umsonst und es bleibt nur die Parole: „Essen und trinken, denn morgen sind wir tot“ (15,30ff.). Der Ausgangspunkt dieses Beweisganges ist also die Auferstehung Christi. Denn diese wird auch von den Korinthern geglaubt. Paulus zeigt ihnen nur, wie unsinnig es ist, nicht an die Auferstehung der Toten zu glauben, wenn man an die Auferstehung Christi glaubt. Diese ist ja doch der Anfang jener. Eine Hoffnung auf Christus einzig und allein für dieses Leben würde bedeuten, dass die christliche Existenz ein Unsinn wäre. Dass die Christen, die solchen Unsinn glauben, mehr zu bemitleiden wären als die Menschen, die Christus gar nicht kennen. Nur die kommende Auferstehung schenkt wirkliche Hoffnung, da nur sie wirkliche Erlösung von Tod und Vergehen schenkt. Die Macht der Auferstehung Christi aber reicht über dieses Leben und diese Weltzeit weit hinaus. Erst die Auferstehungsgewissheit macht das christliche Leben sinnvoll.

Amen.

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