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Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Heilige
6. September 2020

Canisius

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Petrus Khanis (Canisius) wurde 1521 in Nimwegen, also in den Niederlanden, die damals ein unbestrittener Teil Deutschlands waren, geboren. Gegen den Wunsch des Vaters entschloss er sich zum theologischen Studium. Canisius war hervorragend begabt, von jener umfassenden Leichtigkeit des Begreifens, die ihn, weil ihn ein ebenso großer Eifer auszeichnete, für jede Arbeit geeignet machte. In Köln (1536-46) kam er in enge Verbindung mit der Devotio moderna und der dortigen Kartause. Im April 1543 machte er bei Peter Faber in Mainz die geistlichen Übungen. Am 8. Mai 1543 wurde er von diesem als erster Deutscher in die Gesellschaft Jesu aufgenommen. Im Juni 1549 teilte Ignatius von Loyola dem Canisius mit, sein Wirkungsfeld werde fortan Deutschland sein. Damit war die Entscheidung gefallen, die Canisius für ein halbes Jahrhundert zum Wortführer und Vorkämpfer der katholischen Glaubenserneuerung nördlich der Alpen bestimmte. Das war der Aufbruch zu jenem heldenmütigen Unternehmen, das ihn zum zweiten Apostel Deutschlands nach dem heiligen Bonifatius machen sollte. Am 2. September 1549 trug er in sein Tagebuch ein: „Du weißt, o Herr, wie sehr und wie oft du mir Deutschland anvertraut hast, für das ich beständig Sorge tragen und all meine Kräfte einsetzen sollte. Mein Verlangen war, für Deutschland zu leben und zu sterben.“

Nach seiner Ankunft in Deutschland (Ingolstadt) verschaffte sich Canisius fünf Monate lang einen Überblick über die religiöse Lage (im Herzogtum Bayern). Der katholische Glaube war am Verblühen. Die Sitten verwilderten zusehends. Die schönen Gotteshäuser standen leer. Schuld daran war in erster Linie der bedenkliche Priestermangel. Die wenigen Geistlichen und Ordensleute, die nicht abgefallen waren, führten zum größten Teil ein verweltlichtes Leben. Die schlimmen Zustände in Klerus und Volk waren nicht der Anlass für Luthers Auftreten, sondern dessen Folge. Seit über 30 Jahren durcheilte das bequeme Evangelium des abgefallenen Augustinermönches die deutschen Lande, entvölkerte die Klöster, leerte die Kirchen und verunsicherte den Klerus. Canisius schrieb nach Rom: „Die Lage ist derart, dass jedem, der sie ernsthaft erwägt, das Herz stillstehen muss.“ Viele beurteilten sie als aussichtslos. Nicht so Canisius. Er ging an die Arbeit, zuerst in Bayern, wo der Landesherr Herzog Wilhelm IV. (1508-50) sich dem Abfall entgegenstemmte. 1549 bis 1552 wirkte er als Professor der Theologie, Rektor und Vizekanzler an der Universität Ingolstadt. Von da ging er nach Österreich. Er weilte 1552 bis 1554 als Professor, Dom- und Hofprediger, Schriftsteller und Seelsorger in Wien. Dort stellte er fest, dass in Niederösterreich mehr als 250 Gemeinden ohne Seelsorger waren. Canisius ging ans Werk. Auf der Kanzel wie in seinen Briefen war er der unermüdliche Prediger des himmelstürmenden Gebetes um die Gnade der Bekehrung für die Feinde der Kirche, um die Abwehr der drohenden Türkengefahr und um die Eintracht der christlichen Völker. 1556 bis 1569 leitete er als Provinzial die oberdeutsche Provinz des Jesuitenordens. Diese Stellung ermöglichte ihm die weiteste Verbreitung und wirksame Durchführung seiner Reformpläne. Daneben erledigte er auf Wunsch von Papst und Kaiser viele wichtige Aufträge. Als erstem Oberen der oberdeutschen Ordensprovinz der Jesuiten ist ihm die Ordensorganisation in Deutschland zu verdanken, besonders durch Gewinnung von Nachwuchs und durch Errichtung neuer Kollegien. Damit schuf er die Voraussetzungen für eine dauernde und planmäßige Arbeit. Die Gesellschaft Jesu wurde zu einem wichtigen Faktor des katholischen Wiederauflebens.

1557 beteiligte er sich auf Anweisung Papst Pauls IV. am Religionsgespräch in Worms. Religionsgespräche waren ein Lieblingsgedanke Kaiser Karls V. Er gab sich der Illusion hin, durch Verhandlungen die religiösen Gegensätze überbrücken zu können. Canisius zeigte in Worms am Beispiel der Erbsünde die innerprotestantischen Differenzen auf und forderte eine deutliche Verurteilung im protestantischen Lager. In ähnlicher Weise brachte er auch die Fragen der guten Werke und der Rechtfertigung in die Diskussion. In der 6. Sitzung hielt er ein Grundsatzreferat über das Ungenügen der Heiligen Schrift als letztverbindlicher Richter in Glaubensfragen. Das Gespräch verlief ergebnislos. Es war das letzte große Religionsgespräch auf Reichsebene. An den Nutzen von den Religionsgesprächen mochte Canisius nach den in Worms gemachten Erfahrungen nicht mehr glauben. Johannes Gropper hatte die Beteiligung an dem Religionsgespräch von vornherein abgelehnt. Mit Recht. Die Protestanten waren zu keinem Zeitpunkt gewillt, die Vorzüge der reduzierten Glaubens- und Sittenlehre, also das bequeme Leben des Fleisches, aufzugeben.

1559 bis 1566 war Canisius Domprediger in Augsburg. Er musste während der Fasten- und Adventszeit auch werktags vier- bis fünfmal die Kanzel besteigen. Sein Wirken war gesegnet. Er führte Tausende zum wahren Glauben zurück. 1564 predigte er im Dom zu Osnabrück. Er konnte die weitergehende Protestantisierung des Bistums nicht aufhalten. 1566 stand er auf dem Augsburger Reichstag dem Kardinallegaten Commendone zur Seite. Vom 14. Mai bis 20. Juni 1562 nahm er an den Verhandlungen des Trienter Konzils teil. Er war beteiligt an den langwierigen Verhandlungen über die Kommunion unter beiden Gestalten. Canisius wies die Forderung a limine ab, weil er darin eine Förderung des Abfalls erkannte. „Kompromisse beschleunigen nur den Untergang der Religion“, schrieb er an den Würzburger Bischof Friedrich von Wirsberg. Darin wusste er sich einig mit Stanislaus Hosius. Dieser forderte eiserne Konsequenz gegenüber den Abgefallenen. Das Eingehen auf ihre Forderungen würde nur ihre Begehrlichkeit steigern. Papst Pius IV. beauftragte Canisius, den deutschen Bischöfen und Landesherren die Beschlüsse des Konzils von Trient zu überbringen. Im Verlauf von vier Wintermonaten legte er zu Fuß und zu Pferd mehr als 8000 Kilometer zurück und erfüllte in dreißig deutschen Städten seine verantwortungsvolle Aufgabe. Er erkannte, dass es noch lange dauern werde, bis die Beschlüsse zur heilsamen Auswirkung gelangen würden. Haupthindernis war die Saumseligkeit der meisten Oberhirten. In einem Gutachten vom Sommer 1576 apostrophierte Canisius „die durchweg schlafmützigen Bischöfe“. Im Januar 1583 beschrieb er die deutschen Bischöfe als „in religiösen Dingen gänzlich unwissend“. Die Lässigkeit im eigenen Lager fasste er mehrfach in die Klage: „Petrus schläft und Judas wacht.“ Doch Canisiuswirkte weiter unverdrossen. Mehrmals predigte er auf Ersuchen des Bischofs Friedrich von Wirsberg (1558-1573) in Würzburg. 1571-77 wirkte er als Hofprediger Ferdinands II. meist in Innsbruck und begleitete seinen Nachfolger Paul Hoffäus auf Visitationsreisen. Bei der Dankfeier für den Sieg über die Türken bei Lepanto (7. Oktober 1571) in Innsbruck hielt Canisius die Festpredigt. Er wies darauf hin, dass der Sieger ein Habsburger sei, der mit dem Kreuz in der Hand seine Helden zum Kampf für Christus entflammte.

Worin besteht die historische Bedeutung des Petrus Canisius? Canisius gewahrte die verzweifelte Lage der katholischen Religion in Deutschland, ohne selbst zu verzweifeln. Er ging an die Arbeit. Canisius erkannte als seine erste und vordringlichste Aufgabe: eine neue, für den Glaubenskampf gewappnete Priestergeneration heranzubilden. Unermüdlich rang er um einen theologisch gebildeten, frommen und sittenreinen Klerus. Die Hauptaufgabe seines Lebens war die mühevolle Tätigkeit in der katholischen Erziehung der Jugend. Als Gründer einer Reihe von Gymnasien und Studienheimen, als Schulmann und Studentenvater, als Berater und Reformator mehrerer Universitäten leistete er einen entscheidenden Beitrag zur Erneuerung des Glaubens und zur Abwehr der Irrlehre. Es fehlte ihm nicht an Gegnern und Widersachern. Heruntergekommene und eifersüchtige Geistliche warfen ihm und seinen Gefährten vor, sie maßten sich pfarrherrliche Rechte an und zerstörten den religiösen Frieden. Die schmachvolle Gleichgültigkeit der Katholiken bereitete ihm bittere Schmerzen. Allmählich gelang es ihm, der schwächlichen, vermittelnden, lavierenden und überall mit Misserfolg geschlagenen Kirchenpolitik entgegenzutreten. Die katholischen Stände gewannen wieder Mut, fassten festen Stand und suchten durch innere Kräftigung den weiteren Angriffen der Protestanten wirksamen Widerstand zu bieten. Die beständige Verbindung mit Gott und der ihm in einer Vision gewordene besondere Auftrag, sich ganz für die Kirche in Deutschland einzusetzen, durchdringen die Vielfalt seines Wirkens. Inmitten dieser zerstreuenden Tätigkeit blieb Canisius ein Mann tiefer Innerlichkeit. Seine Frömmigkeit war von einer umfassenden Kenntnis der Heiligen Schrift und der Kirchenväter bestimmt, gleichzeitig durch mystische Erfahrungen ausgezeichnet.

Canisius analysierte den Siegeszug des Protestantismus in deutschen Landen genau. Er sah die drei C als die Hauptursache des Erfolgs der Protestanten an, nämlich Calix (Laienkelch), Caro (Fleisch) und Coniux (Aufhebung der Ehelosigkeit für Geistliche und Ordensleute). Der Zulauf zum Protestantismus beruhte auf der Reduktion des Glaubens, der Verbilligung der Moral und der Beschränkung der sittlichen und aszetischen Anforderungen. Luthers Leidenschaftlichkeit und agitatorische Rhetorik gingen ihm ab. Seine Auseinandersetzung mit dem Protestantismus blieb immer sachlich. Die Protestanten betrachtete er als irrende Brüder. Weit dringender als geharnischte Abwehr erschien ihm die Belehrung und die Stärkung der Katholiken zu sein. Unverbrüchlich treu dem Papsttum und seinem Orden, war er in der Auseinandersetzung mit Protestanten betont irenisch. Die Politik Karls V. war fast immer auf Ausgleich der streitenden Parteien und die Versöhnung der Protestanten ausgerichtet. Er meinte jahrzehntelang, mit Entgegenkommen und Konzessionen ihre Rückkehr zur Kirche erreichen zu können. Canisius hielt diese Meinung für verfehlt. Untrüglich erkannte er, dass die Frage der maßgebenden Glaubensnorm der entscheidende Kontroverspunkt zwischen Katholiken und Protestanten ist. Eine Verständigung mit den Protestanten hielt er nicht für möglich. 

Canisius wirkte durch das gesprochene und geschriebene Wort. Sein Schrifttum umfasst Väterausgaben, polemische Werke, homiletische Werke, katechetische Werke und aszetische Werke. In seinen Schriften verfolgte er vorwiegend praktische Zwecke: religiöse Belehrung des Volkes, Hebung des katholischen Unterrichts, Belebung des kirchlichen Lebens, Förderung der Priesterbildung und der theologischen Wissenschaft, Abwehr der protestantischen Aggression. Canisius hatte erkannt, wie wichtig es ist, den Kindern die Wahrheiten des christlichen Glaubens in der Sprache des Kindes zu vermitteln. Unter den über 30 Werken des Canisius ragt hervor sein dreifacher Katechismus, der große für Gebildete, der mittlere für Gymnasiasten und der kleine für Kinder und das Volk. Bei seinem Tode war der Katechismus bereits in über 200 Auflagen verbreitet und in 12 Sprachen übersetzt. Er sicherte für lange Zeit die unverrückbare Grundlage der religiösen Erziehung für alle Altersstufen. Canisius arbeitete fast ständig über seine Kräfte. Über Berg und Tal, zu Fuß und zu Pferd, hat dieser rastlose Kurier Gottes zwischen Köln und Rom, zwischen Krakau in Polen und Freiburg in der Schweiz, oft auf gefahrenvollen Wegen, Tausende von Kilometern bewältigt. Im Auftrag von Päpsten, Bischöfen und Ordensoberen, auf Wunsch des Kaisers und der Landesfürsten eilte er überallhin, wo es zu lehren und zu raten, zu mahnen und zu helfen galt. Als langjähriger Provinzial seines Ordens trug er unermesslichen seelischen Kummer, materielle Sorgen und peinliches Ungemach. Erschöpfung und Erkrankungen zehrten fast unaufhörlich an seinen Kräften. Die Strapazen bei Frost und Überschwemmungen (z.B. im Loisachtal) zerstörten seine Gesundheit. Siebenmal machte er die beschwerliche Reise nach Rom. Als er am 21. Dezember 1597 starb, war er völlig aufgerieben und verbraucht. Seine Grabinschrift lautet: Christo, Mariae, Petro adhaesit. Seine historische Größe ist vor allem darin zu sehen, dass er die von der Zeitlage geforderten Aufgaben klar erkannte und dass er die Fähigkeit besaß, diesen Aufgaben mit unermüdlichem Fleiß gerecht zu werden. Bewusst verzichtete er auf eigene Pläne und persönliche Ziele und ging ganz in dem ihm aufgegebenen Lebenswerk auf. Die entschiedene Kirchlichkeit ist der wohl deutlichste Grundzug, der das Leben des Canisius durchzieht. Er war sich bewusst, scheinbar vergeblich und ins Leere arbeiten zu müssen, und doch hielt er bei dieser Arbeit ein Leben lang treu und unermüdlich aus. Papst Pius IX. sprach ihn am 20. November 1864 selig, Papst Pius XI. am 21. Mai 1925 heilig und erhob ihn gleichzeitig zum Kirchenlehrer. Ach, dass uns doch auch Männer wie Canisius geschenkt würden!

Amen. 

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