Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Heilige
30. August 2020

Bernhard Lichtenberg

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Bernhard Lichtenberg wurde am 3. Dezember 1875 in Ohlau geboren. Ohlau war eine überwiegend protestantische Kleinstadt in Mittelschlesien. Er verdankte seinen Eltern eine tiefe, in einfachen Formen vollzogene, aber den Alltag umspannende Frömmigkeit. Das Glaubensfundament aus Kindertagen blieb ihm stets sicherer Besitz. Die Familie war infolge ihrer engen Bindung an die Kirche auf den politischen Katholizismus, die Zentrumspartei eingeschworen. Ohne Zögern und Schwanken verschrieb er sich dem Priestertum. Am 21. Juni 1899 wurde er in Breslau zum Priester geweiht. Priester zu sein war sein Beruf, seine Freude und der Inhalt seines Lebens. Er empfand es als sein größtes Glück, dass er in der heiligen Messe die Konsekration vornehmen und im Bußsakrament die Pönitenten absolvieren durfte. Die heilige Messe feierte er sehr gewissenhaft, konzentriert, mit überzeugender Ehrfurcht vor dem heiligen Geheimnis. Das Allerheiligste war für ihn die Mitte seiner liturgischen Frömmigkeit. Ein Priester, der ihn bei der Fronleichnamsprozession erlebte, schrieb von ihm: „Wer Lichtenberg hinter der Monstranz sah, wusste sofort: der da glaubt! Er war so, wie wir Priester sein sollen und wie die Menschen uns wollen: zuerst und in allem geistliche Menschen, Geistliche, Priester.“ Lichtenberg war ein gläubiger, frommer und sittenreiner Priester. Walter Adolph erklärte: „Auf mich hat Lichtenberg den Eindruck eines Menschen gemacht, der dem ewigen Leben in Gott geradezu zufieberte.“ Lichtenberg war davon durchdrungen, dass der Glaube das ganze Leben prägen muss. Er lebte, was er glaubte. Sein Glaube und seine Frömmigkeit waren einfach und zielten auf das Wesentliche in der Religion. Seine besondere Zuneigung galt der Verehrung des heiligsten Herzens Jesu. Feier der Messe, Stundengebet, Betrachtung und öffentliches Abendgebet waren die Festpunkte seines Tagesrhythmus. Er strebte sein ganzes Leben lang einzig danach, Gottes Willen zu erfüllen. Sein stetes Gebet war: Wie Gott will, ich halte still. Er arbeitete zeitlebens an seiner eigenen Vervollkommnung. Er lebte in äußerster Anspruchslosigkeit, ja Armut. Er schnitt sich selbst die Haare, um das ersparte Geld Bedürftigen zuwenden zu können.

Lichtenberg war Seelsorger und wollte nichts anderes sein. Seelsorge begriff er als die Aufgabe, die Gläubigen zur persönlichen Entscheidung für Christus und zum Leben nach den Geboten Gottes und der Kirche zu führen. Mit seelsorgerischer Leidenschaft hat er bis an und über die Grenze seiner physischen Leistungsfähigkeit die Pflichten seines Amtes zu erfüllen gesucht. Fast seine gesamte priesterliche Tätigkeit verbrachte er in der Reichshauptstadt Berlin mit etwa zehn Prozent katholischen Christen. 1913 wurde er Pfarrer der Pfarrei Herz Jesu in Berlin-Charlottenburg. Die Pfarrei mit 30000 Katholiken wurde mehrfach aufgeteilt. Während seines Jahresurlaubs unternahm er Bettelreisen, um die Kosten für den Bau von fünf Kuratiekirchen in Charlottenburg aufzubringen. 1932 wurde er Dompfarrer in St. Hedwig und 1938 Dompropst.

An der Spitze seiner umfassenden Seelsorgstätigkeit stand das Gebet, die Verbindung mit Gott. Er war der erste und eifrigste Beter seiner Gemeinde. Die ihm Anvertrauten suchte er zum Gebet zu führen. Er wusste, dass nichts erreicht ist, wenn die Gläubigen keine persönliche Beziehung zu Gott haben. Um sie zu erlangen und zu bewahren, ist das regelmäßige Gebet unerlässlich. In seinem Gotteshaus verrichtete er jeden Tag mit seiner Gemeinde das Abendgebet. Lichtenberg war von der Unersetzlichkeit der Teilnahme jedes Katholiken an der Sonntagsmesse überzeugt. Er feierte jeden Sonntag neben den übrigen Messen bereits vor 5 Uhr die Messe, um jenen Gläubigen – wie Eisenbahnern – die Teilnahme am Messopfer zu ermöglichen, die zu den üblichen Zeiten verhindert waren, und hielt dabei eine Predigt, auch wenn nur fünf oder sechs Messbesucher anwesend waren. Die Verkündigung des Wortes Gottes war ihm eine ernste Verpflichtung, die er mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit zu erfüllen bemüht war. Er wusste, dass für die meisten Gläubigen die Sonntagspredigt die einzige geistliche Nahrung für die ganze Woche war. Lichtenberg war ein begnadeter Prediger, was ihn nicht hinderte, jede Predigt schriftlich auszuarbeiten. Seine Predigten waren wortgewaltig und mitreißend. Sie waren von der Majestät Gottes durchdrungen und vom Ernst des Kreuzes und der Schwere der Verantwortung geprägt. Sein Wort wirkte, weil alle spürten: Er stand hinter seinem Wort.

Lichtenberg wusste um den unersetzlichen Wert der heiligen Beicht. Er selbst beichtete jede Woche. Seine Eltern gingen bei ihm zur Beichte. In der Verwaltung des Bußsakramentes war er unermüdlich. Am Morgen eines jeden Wochentages saß er im Beichtstuhl. Die Verehrung der Muttergottes war ihm eine sorgfältig gepflegte Selbstverständlichkeit. Aus Schlesien brachte er die ergreifende Feier der täglichen Andacht im Monat Mai mit. Jedes Jahr pilgerte er mit seinen Pfarrangehörigen an den schlesischen Wallfahrtsort Wartha.

Lichtenberg betrieb Individualseelsorge. D.h. er bemühte sich um den Einzelnen. Die Sorge um den Einzelnen kostet viel Zeit. Lichtenberg nahm sich die Zeit. Er ging auf die Menschen zu und wartete nicht, bis sie kommen. Er wusste, dass viele niemals kommen. Die meisten katholischen Christen in Berlin gehörten den unteren Schichten der Bevölkerung an. Lichtenberg war kein Seelsorger der Vornehmen und Reichen. Er ging in die Wohnungen der Armen, tröstete und beschenkte sie. Eine wahre Leidenschaft waren seine unzähligen Hausbesuche. Er wusste, dass in der Regel nur dadurch eine Beziehung zur Kirche und Pfarrei hergestellt und erhalten wird. Er nahm jeden Menschen ernst, konnte zuhören und scheute vor Verdemütigungen nicht zurück.

Lichtenberg suchte den Glauben in die Öffentlichkeit zu tragen. Er hielt nichts von bloßem Sakristeichristentum. Er sah es als seine Pflicht an, der erste Bekenner seiner Gemeinde zu sein. Er war furchtlos im Bekenntnis des Glaubens. Er stieg in die öffentlichen Verkehrsmittel ein und aus mit dem Gruß „Gelobt sei Jesus Christus“, und das in Berlin! Er ging mit dem Allerheiligsten zu den Kranken im Talar, mit Rochett und Stola, und das in Berlin. In der Hand hatte er eine kleine Glocke, die er unterwegs läutete. Die einen blickten befremdet und verständnislos auf, andere lachten oder verspotteten ihn. Ein Kutscher schlug ihm mit der Peitsche blutige Striemen ins Gesicht. Lichtenberg spürte den Schmerz, aber er ging weiter, als ob nichts gewesen wäre. Angesichts einer weitgehend abweisenden und feindseligen Umwelt war ihm daran gelegen, die in einer Minderheitensituation lebenden Christen von Ängstlichkeit und Unsicherheit zu befreien. Er verstand es, das katholische Selbstbewusstsein der Gläubigen zu stärken und seine Gemeinde glaubensfroh zu machen. Er wollte auch die nichtkatholischen Christen in der allgemeinen Kirche versammeln. Sein Bemühen war nicht vergeblich. Seine Persönlichkeit und sein Beispiel zogen viele nichtkatholische Christen an. Er erlebte zahlreiche Konversionen. An jedem Montag und Donnerstag hielt er Konvertitenunterricht. Lichtenberg verzehrte sich im Dienste Gottes und der Menschen. Er arbeitete über die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit. 1938 erlitt er einen gesundheitlichen Zusammenbruch. Seitdem war er ein kranker Mann. 1941 wurden ihm Herzmuskelschwäche, Koronarsklerose und Herzkrampfanfälle bescheinigt.

Lichtenberg wusste um die schicksalhafte Bedeutung der Politik für Kirche, Glauben und Seelsorge. Mit Einwilligung seines Vorgesetzten wurde er Stadt- bzw. Bezirksverordneter in Charlottenburg. Er verstand sein politisches Wirken als eine Form priesterlicher Weltverantwortung. Er befasste sich in den Gremien hauptsächlich mit sozial- und schulpolitischen Fragen. Sein Prinzip war: Wo auch nur ein einziges katholisches Kind ist, da muss auch katholischer Religionsunterricht sein. Mutig und kraftvoll vertrat er stets den kirchlichen Standpunkt. Wiederholt geriet er in Streit mit einem Abgeordneten namens Joseph Goebbels. Die revolutionären Bestrebungen des Kommunismus und des Nationalsozialismus erkannte er frühzeitig und lehnte sie ausdrücklich ab.

Lichtenberg begnügte sich nicht mit Meckern im stillen Kämmerlein. Er trat an die Mächtigen der damaligen Zeit heran und hielt ihnen wie Johannes der Täufer entgegen: Es ist dir nicht erlaubt! Beim preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring erhob er mündlich und schriftlich Protest gegen die Greuel in den Konzentrationslagern. Als 1938 in Berlin die Synagogen brannten, erklärte er von der Kanzel seine Entrüstung: „Das ist auch ein Gotteshaus.“ Gegen die Ermordung von Geisteskranken schrieb er einen Brief an den Reichsärzteführer Conti. „Auf meiner priesterlichen Seele liegt die Last der Mitwisserschaft gegen das Sittengesetz und gegen das Staatsgesetz. Aber wenn ich auch nur einer bin, so fordere ich doch von Ihnen, Herr Reichsärztepräsident, als Mensch, Christ, Priester und Deutscher Rechenschaft für die Verbrechen, die auf Ihr Geheiß oder mit Ihrer Billigung geschehen und die des Herrn über Leben und Tod Rache über das deutsche Volk herausfordern.“ Als die Pfarrschwester ihm empfahl, seine Ausdrücke zu mäßigen, er werde doch nichts erreichen und womöglich eingesperrt werden, gab er zur Antwort: „Schwester, dann gehe ich eben ins Gefängnis. Wenn wir Priester schweigen, dann wissen ja die Leute, die so viel belogen werden, überhaupt nicht mehr, wo sie dran sind.“

Lichtenberg geriet frühzeitig in das Visier der politischen Polizei. Etwa siebenmal bis zum Sommer 1941 wurde er von der Gestapo vernommen. Der Inspekteur der Konzentrationslager stellte bereits 1935 einen Schutzhaftantrag gegen Lichtenberg. Er hatte am 18. Juli 1935 beim preußischen Staatsministerium gegen Menschenrechtsverletzungen im Konzentrationslager Esterwegen Protest erhoben. Im Sommer der Jahres 1941 erstattete die Gestapo erneut Strafanzeige gegen ihn wegen einer regimekritischen Kanzelvermeldung. Die Vorwürfe gegen Lichtenberg betrafen vier Gebiete. 1. Seine frühere Tätigkeit für die Zentrumspartei wurde als bleibende Anhänglichkeit an den politischen Katholizismus ausgelegt. 2. Die Verfolgung der katholischen Verbände und Vereine wies er als konkordatswidrige Einschränkung zurück. 3. Die Aufhebung der katholischen Schulen und die Einschränkung des Religionsunterrichtes bekämpfte er als rechtswidrig und weltanschaulich bedingt. 4. Er setzte sich für die von Zwangssterilisierung Bedrohten, für verfolgte nichtarische Katholiken, für Juden, für so genanntes lebensunwertes Leben, also gegen Verletzung der Menschenrechte ein.

Am 23. Oktober 1941 wurde Lichtenberg von der Geheimen Staatspolizei vorgeladen, wegen „staatsfeindlicher Betätigung“ verhaftet und in das Strafgefängnis Plötzensee eingeliefert. Der Anlass für dieses Vorgehen war die Anzeige eines SS-Führers, der sich auf die Aussage zweier Schülerinnen der Chemotechnikerschule berief. Diese wollten bei dem Besuch der Abendandacht in der St.-Hedwig-Kathedrale „bolschewistische Propaganda“ vernommen haben. Damit war das Gebet Lichtenbergs für die bedrängten Juden und Nichtarier sowie für die Gefangenen in den Konzentrationslagern, für die zum Unglauben, zur Verzweiflung und zum Selbstmord versuchten Menschen, für die Millionen Flüchtlinge, für die Soldaten hüben und drüben, für die bombardierten Städte in Freundes- und Feindesland, für das Vaterland und die Führer des Volkes gemeint. Die anzeigenden Studentinnen behaupteten, er habe auch für die Bolschewisten gebetet. Diese Behauptung bestritt Lichtenberg, aber nicht aus Feigheit, sondern weil sie nicht zutraf. Um aber keinen Zweifel an seiner allgemeinen Menschenliebe zu lassen, erklärte er bei dem Verhör: „Ich würde aber keine Bedenken tragen, in die täglichen Bitten auch eine für die Bolschewisten einzuschließen, damit sie von ihrem Wahnsinn geheilt werden.“ In seinen Verhören bekannte er, dass er jeden Morgen für Adolf Hitler bete. Bei der Hausdurchsuchung wurde ein Exemplar von Hitlers „Mein Kampf“ gefunden, das Lichtenberg mit kritischen Randbemerkungen versehen hatte. Schließlich fiel der Polizei eine (vorbereitete) Kanzelvermeldung in die Hände, in der Lichtenberg die Gläubigen aufforderte, auch den Juden gegenüber das Liebesgebot zu beobachten. Bei den Vernehmungen gab Lichtenberg zu Protokoll, er achte den Staat, wie es der Apostel Paulus im Röm 13,1 zum Ausdruck gebracht hat. Aber wenn Regierungsverfügungen und -maßnahmen sich gegen die geoffenbarte Lehre des Christentums richten, folge er seinem Gewissen und nehme alle Konsequenzen in Kauf, die sich daraus für ihn persönlich ergeben. Er lehne die so genannte Evakuierung der Juden ab. Da er sie nicht hindern könne, wolle er sie in die Verbannung begleiten, um ihnen dort als Seelsorger zu dienen. Er versuchte nicht, sich herauszureden oder seine Reden abzuschwächen. Er stand zu dem, was er getan und gesprochen hatte. Bei der Vernehmung durch die Staatspolizeistelle Berlin am 25. Oktober 1941 wurde er gefragt, ob ihm nicht klar sei, dass durch die von ihm vertretenen Ansichten eine Beunruhigung der Volksgemeinschaft eintreten könne; er gab zur Antwort: „Diese Beunruhigung kann nur verhindert werden, indem man falsche Maßnahmen unterlässt.“ Das Gericht brauchte ein halbes Jahr, bis es zu einem Urteil kam. Am 22. Mai 1942 verurteilte ihn das Sondergericht I beim Landgericht Berlin-Lichtenberg wegen Kanzelmissbrauchs und wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz zu einer Gesamtstrafe von zwei Jahren Gefängnis. Die Anträge auf Haftverschonung, die Bischof Preysing stellte, waren ebenso vergeblich wie die vorsichtigen diplomatischen Schritte des Apostolischen Nuntius Orsenigo. Papst Pius XII. übermittelte Lichtenberg ein Wort väterlicher Anerkennung und innigen Mitgefühls.

Lichtenberg verbrachte sechs Monate Untersuchungshaft in Berlin-Moabit, die Strafhaft in Berlin-Tegel. Seine tägliche Arbeit war das Kleben und Sortieren von Briefumschlägen. Als er im Gefängnis gefragt wurde, was er nach seiner Entlassung zu tun gedenke, antwortete er: „Ich gedenke, Gottes Willen zu erfüllen und meinem priesterlichen Beruf bis zum letzten Atemzuge treu zu bleiben.“ Lichtenberg litt im Gefängnis unter Anfechtungen der Trostlosigkeit, ja der Verzweiflung. Doch er fand stets wieder Geborgenheit in seinem Gottglauben. Er strebte danach, den äußerlich deprimierenden Gefängnisalltag zu heiligen. Er wusste sich von Papst und Bischof gedeckt. Nach Erledigung des täglichen Arbeitspensums widmete er sich in der Einsamkeit der Zelle ausgiebig dem Gebet und der Schriftlesung. Der Gesundheitszustand Lichtenbergs verschlechterte sich während der Haft entscheidend. Noch am Tage der vorgesehenen Entlassung befand er sich im Gefängnislazarett in einem sehr schlechten Allgemeinzustand. Er wurde aber nicht entlassen, sondern es wurde die Einweisung in das Konzentrationslager Dachau verfügt. Am 3. November 1943 traf der „Schubgefangene“ Lichtenberg in Hof ein. Wegen seines lebensbedrohenden Gesundheitszustandes wurde er am 4. November 1943 in das Stadtkrankenhaus Hof eingewiesen. Dort ist er am 5. November 1943, am Herz-Jesu-Freitag, gegen 18 Uhr gestorben. Sein Leichnam wurde wider Erwarten nicht eingeäschert, sondern ortspolizeilich freigegeben, nach Berlin überführt und am 16. November 1943 auf dem Alten Domfriedhof St. Hedwig beigesetzt. Eine große Zahl gläubiger Katholiken gab ihm das letzte Geleit. Die Verehrung und die Anrufung Lichtenbergs setzten sogleich nach seinem Tode ein. Es wurde der Seligsprechungsprozess eingeleitet und durchgeführt. Papst Johannes Paul II. sprach am 23. Juni 1996 Lichtenberg im Berliner Olympiastadion selig.

Man kann fragen: Musste Lichtenberg so handeln, wie er gehandelt hat? Und haben die Priester, die nicht so gehandelt haben, ihre Pflicht nicht erfüllt? Die Antwort kann nur lauten: Lichtenberg musste nicht so handeln, um vor Gott und den Menschen bestehen zu können. Er hätte sich auch anders, vorsichtiger, zurückhaltender verhalten können, ohne dass er sich schuldig gemacht hätte. Lichtenberg wollte das Regime mit seinen Eingaben nicht herausfordern. Ihm war bekannt, wie rasch und wie rücksichtslos es gegen jeden Widerstand losschlug. Er wusste vermutlich auch, dass er mit seinen Eingaben nichts erreichen würde. Aber es kam ihm nicht auf den Erfolg an. Er wollte Zeugnis geben und ein Zeichen setzen, ähnlich wie Johannes der Täufer, der seinem Landesherren zurief: „Es ist dir nicht erlaubt, die Frau deines Bruders zu haben.“ Lichtenberg hätte sich die Anzeige der beiden evangelischen Studentinnen ersparen können, wenn er seine öffentlichen Fürbitten vorsichtiger formuliert hätte. Wenn er gebetet hätte für die Opfer der ungerechten Gewalt oder für die unglücklichen und bedrängten Menschen, hätte man ihm schwerlich etwas anhaben können, und das Gebet wäre ebenso bei Gott angekommen. Aber seine Absicht war eine andere. Er wollte mit seinen Fürbitten das Zeugnis der Nächstenliebe in der konkreten Situation der damaligen Zeit geben. Er richtete die Gedanken seiner Mitbeter auf die Ausgestoßenen und Verfolgten ihrer Gegenwart. Damit übte er das Liebesgebot und lehrte es zugleich. Er hat nichts erreicht, und er konnte nichts erreichen. In einem totalitären System werden Proteste lautlos erstickt und ihre Träger durch Diffamierung oder Einsperrung unschädlich gemacht. In einem Regime, dem zu seiner Selbstbehauptung jedes Mittel recht ist, wird durch Protest oder Widerstand nur die Zahl der Opfer vermehrt.

Das Verhalten Lichtenbergs kann nicht als zwingendes Vorbild für alle Priester hingestellt werden. Die Priester, die nicht so gehandelt haben wie Lichtenberg, haben nicht ihre Pflicht versäumt. Der Widerstand gegen das Unrecht konnte auch auf eine andere Weise geleistet werden, die nicht ins Gefängnis und ins Konzentrationslager führte. Es war klar und musste jedem Deutschen erkennbar sein, dass öffentliche Proteste gegen Gesetze oder Maßnahmen des Regimes nichts bewirken konnten und insofern aussichtslos waren. Angesichts dieser Sachlage konnte niemand verpflichtet sein, seine Stimme gegen das vom Staat ausgehende Unrecht zu erheben. Wer es tat, musste damit rechnen, dass er in die Verfolgungsmaschine des Regimes geraten werde, d.h. er musste bereit sein, sich zu opfern. Die nicht verstummende Verkündigung des christlichen Sittengesetzes, vor allem des göttlichen Liebesgebotes war der wirksame Protest gegen Rechtsbrüche und Verbrechen des damaligen Regimes. Die Priester, die ich in der damaligen Zeit kennengelernt habe, waren ohne Ausnahme gläubige, fromme und sittenreine Diener Gottes und Gegner des verbrecherischen Regimes Hitler. Aber keiner von ihnen dachte daran, sich öffentlich zu exponieren und sich dadurch um die persönliche Freiheit und die Möglichkeit der seelsorglichen Tätigkeit zu bringen. Was Lichtenberg getan hat, war ein Zeichen, ein Fanal. Es war das Zeichen eines Priesters, der zum Bekenntnis gewillt und zum Martyrium bereit ist. Darum ist er auch als Seliger auf den Altar erhoben worden, damit wir ihn verehren, ihm danken und ihn anrufen.

Amen.

 

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