Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Maria
16. August 2020

Die Aufnahme Marias in den Himmel

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

„Heute ist der Tag, da die Jungfrau Maria zum Himmel aufstieg. Freuet euch! Denn nun herrscht sie mit Christus in Ewigkeit.“ So singt die Kirche am Festtag Marias. Maria ist die Ersterlöste ihres Sohnes. Sie ist auch die Vollerlöste. Denn sie kam schon in dieser Weltzeit zur Vollendung der Erlösung. Sie wurde im Hinblick auf das Erlösungswerk ihres Sohnes durch eine besondere Gnade Gottes vor jeder Sünde bewahrt, vor dem Zustand der Erbsünde und vor jeder persönlichen Sündentat. Von ihr gilt wahrhaftig unsere bewundernde Verehrung: „Ganz schön bist du, Maria, denn der Erbschuld Makel ist nicht an dir.“ Die Verbundenheit mit dem erhöhten Herrn hat sie nicht vor der Vergänglichkeit verschont. Auch sie musste sterben. Ihr Tod war indes anders als der aller übrigen Menschen. Er hatte nicht die Qualität der Strafe und Buße für die Erbsünde oder für eigene sündige Taten. Er war nicht der Sold der sündigen Gesinnung, sondern die Pforte des Lebens. Er war ein Werkzeug des Heiles. Er diente der Verwandlung des irdischen Lebens in das himmlische. Das Sterben Marias war die Selbstverzehrung des irdischen Daseins in der Glut jener Liebe, die Gott in ihr entzündet hat.

Maria ist nach ihrem Tod sogleich in die ewige Seligkeit eingegangen, aber wiederum anders als die übrigen Sterblichen, die in den Himmel kommen. Denn in die unvergängliche Daseinsweise der himmlischen Herrlichkeit, in die ihre Seele einging, wurde auch ihr Leib hineingezogen. Er blieb nicht der Verwesung des Grabes unterworfen, sondern wurde wieder mit der Seele vereint und durchleuchtet von der Herrlichkeit Gottes. Maria lebt in verklärter Leibhaftigkeit. Das meinen wir, wenn wir sagen, Maria ist in den Himmel aufgenommen worden. Am 1. November 1950 wurde die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel von Papst Pius XII. als Dogma erklärt: „Kraft der Autorität unseres Herrn Jesus Christus, der seligen Apostel Petrus und Paulus und Unserer eigenen verkünden, erklären und definieren wir: Es ist von Gott geoffenbarte Glaubenslehre, dass die Unbefleckte Gottesgebärerin nach Vollendung des irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen wurde.“ Was der Papst feierlich aussprach, war schon längst in der Kirche verbreitete Lehre und Gegenstand der allgemeinen und alltäglichen Verkündigung. So hat das außerordentliche Lehramt in einer feierlichen und endgültigen Weise zur Geltung gebracht, was das ordentliche Lehramt seit langem ausdrücklich vertrat. Der Kirchenlehrer Johannes von Damaskus (675-749) schrieb im 8. Jahrhundert: „Wie sollte Verwesung den Leib ergreifen, der das Leben aufnahm? Das ist bei der Seele und dem Leibe, der Gott selbst aufnahm, unmöglich und völlig ausgeschlossen“ (Joh. v. Dam.).

Zwischen der Auferweckung Christi und der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel besteht ein tiefgreifender Unterschied. Die Auferstehung Christi wurde von den Aposteln verkündet aufgrund der Erscheinungen, die sie vom Auferstandenen am dritten Tage und an den darauffolgenden Tagen gehabt haben. Durch die Erscheinungen wurde die Auferweckung Christi als geschichtliches Ereignis gewährleistet. Für die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel gibt es keine Augenzeugen. Die Aufnahme ist eine von Gott gewirkte Tatsache, aber kein Ereignis, das datiert werden kann. Die Tatsächlichkeit der von Gott gewirkten leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel wird in den ersten fünf bis sechs Jahrhunderten in anderen Glaubenswahrheiten mitüberliefert. Vom 6. Jahrhundert an tauchen deutliche Zeugnisse auf. Die Offenbarung spricht nicht mit ausdrücklichen Worten hiervon. Aber die Tatsache der leiblichen Aufnahme Marias in den Himmel und ihrer leiblichen Verklärung ist in mehreren grundlegenden Heilstatsachen eingeschlossen: in der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu Christi, ihres Sohnes; in der Verheißung unserer eigenen Auferstehung sowie in Marias jungfräulicher Mutterwürde und in ihrer Freiheit von der Erbsünde. So ist der Glaube an ihre leibliche Verklärung durch Schrift und Überlieferung grundgelegt. Papst Pius XII. nannte die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel eine Wahrheit, die sich auf die Heilige Schrift stützt; die tief im Herzen der Gläubigen wurzelt; die mit den übrigen Offenbarungswahrheiten in vollstem Einklang steht; die durch das Studium, die Wissenschaft und Weisheit der Theologen eine lichtvolle Erklärung und Darstellung gefunden hat. Die Kirche hat in der Dogmatisierung nicht eine sich bildende Legende oder eine aus Wunschträumen geborene fromme Volksmeinung als kirchliche Lehre legitimiert. Sie hat vielmehr in zuverlässiger und verbindlicher Weise ausgesprochen, dass die leibliche Verklärung Marias ein Bestandteil der Offenbarung und des Glaubens ist.

Die Botschaft von der Auferstehung von den Toten hat für den bloß nach den Maßstäben der Erfahrung denkenden Menschen etwas Beunruhigendes, ja etwas Unglaubliches. Als Paulus sie vor dem römischen Richter Festus verkündete, wurde er von ihm ebenso verlacht wie die Athener sich über ihn lustig machten, als er auf dem Aeropag von der Auferstehung der Toten sprach. Solange die Auferstehung von den Toten nur im Wort verkündet und nur im Wort geglaubt wird, kann man sich über ihre Tragweite für unser Selbstverständnis und für unser Weltverständnis hinwegtäuschen. Man kann gewissermaßen ausweichen. Die Auferstehung Marias bringt uns den Realitätscharakter des Auferstehungsglaubens mit großer Intensität nahe. Man muss ihm standhalten und ihn entweder beglückt bejahen oder verärgert verneinen. So hat das Dogma für den christusgläubigen Menschen eine kritische Funktion. An ihm gerät der Glaube in eine Entscheidung, die seinen Ernst offenbart oder seine Schwäche entlarvt. Für den christusgläubigen Menschen wird die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel ein Unterpfand dafür, dass die Auferstehung des Herrn Wirklichkeit ist und dass unsere eigene Auferstehung Wirklichkeit sein wird. An ihr wird sichtbar, dass die Christusverbundenheit sich im Leibe auswirkt. Erst in seiner Gesamtexistenz ist der Mensch ein Abbild des auferstandenen Herrn. Wenn dies an Maria schon geschah, so hat das seinen Grund in ihrer besonderen Beziehung zu Christus. Es hat jedoch darüber hinaus für uns einen vorbildhaften Charakter. An ihrer Aufnahme in den Himmel wird die Dynamik, die Christus über seine Gläubigen ausübt, greifbar.

Wir bekennen im Glaubensbekenntnis die Auferstehung des Fleisches, die wir erwarten. Die Auferweckung von den Toten wird das Hauptereignis bei der zweiten Ankunft Christi sein. Für Maria ist es schon vorweggenommen. Auch ihre Auferstehung wird bei der zweiten Ankunft Christi in der Öffentlichkeit des Himmels und der Erde proklamiert werden. Aber die Auferstehung selbst ist schon geschehen. Für jeden Menschen ist die gläubige Verbundenheit mit Christus dem Auferstandenen und die Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist der Grund der Auferstehung. Die Verbundenheit mit Christus und die Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist ist bei der jungfräulichen, sündlosen Gottesmutter von einer anderen Qualität als bei den übrigen Menschen. Die Verbundenheit mit Gott ist bei ihr nie durch ein sündiges Widerstreben getrübt gewesen. Maria hat daher eine ungestörte Aufnahmefähigkeit für Gottes Einwirkung. Gott kann sich in ihr ohne Hemmnisse durchsetzen und darstellen. Es ist daher zu erwarten, dass sie, die die Ersterlöste ist, auch die Vollerlöste ist. Zur Vollerlösung gehört die leibliche Verklärung. Gott macht keine halben Sachen.

An der leiblichen Verklärung Marias wird sichtbar, zu welcher Höhe der Vollendung der Mensch durch Christus emporzusteigen vermag. Maria herrscht mit Christus im Himmel. Sie ist die Königin des Himmels. Im Blick auf Maria wird die Hoffnung auf unsere eigene Auferstehung und Verklärung neu belebt. An Maria sehen wir, dass die Verheißungen Christi nicht leere Worte sind, sondern in Erfüllung gehen. In ihr gewinnt unser Glaube an den auferstandenen Christus und die Hoffnung auf unsere eigene Auferstehung sichtbare Gestalt. Letztlich ist leibliche Aufnahme Marias in den Himmel eine Offenbarung von Gottes Macht und Herrlichkeit. Nicht aus eigener Kraft kann sich der Mensch zu dieser Vollendung erheben. Nur Gott kann sie ihm schenken. Der himmlische Vater wirkte sie an Maria durch Christus im Heiligen Geiste. So gereicht die Verkündigung des Dogmas zum Ruhme der allerheiligsten Dreifaltigkeit. Gott gebührt die Ehre.

Und noch etwas, das nicht vergessen werden darf. Der Glaubenssatz von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel bekräftigt die königliche Würde Mariens. Maria ist Königin im Himmel, weil sie alle Engel und Heiligen überragt. Ihre einzigartige Vorrangstellung ergibt sich aus ihrer Würde als Gottesmutter sowie aus ihrer alle Heiligen übertreffenden Heiligkeit. Goethe war diese Tatsache wohl bewusst. Der Doctor Marianus im Faust II sieht in der Höhe unter den seligen Frauen „die Herrliche mittendrin, im Sternenkranze, die Himmelskönigin, ich seh's am Glanze. Jungfrau, rein im schönsten Sinn, Mutter, Ehren würdig, uns erwählte Königin.“

Die selige Jungfrau wurde deshalb über alle Chöre der Engel erhoben, dass sie immerdar als milde Mittlerin für die Sünder eintrete (Albert). Von ihr gilt analog, was wir vom Herzen Jesu bekennen: Sie ist reich für alle, die sie anrufen. Der Vater der Erbarmung hat seine Gnaden nicht an den Himmel gehängt wie seine Sterne, er hat sie nicht in der Tiefe des Meeres versteckt wie seine Perlen. Er hat sie in Mutterhände gelegt, und die sind immer bereit auszuteilen. Die Königin des Himmels ist die Mutter der Barmherzigkeit. In dem Drama „Gespenster“ von Henrik Ibsen bricht der arme Oswald im Wahnsinn zusammen unter der Last der Vatersünden und dem Fluch der eigenen Schuld. Er sieht die Nacht aufsteigen, die sich wie ein schwarzes Gewölk über seinen Geist legen will. Schon verwirren sich seine Gedanken. Da schaut er durchs Fenster in die große, rote Abendsonne. Nach ihr streckt er die Hände aus und ruft: „Die Sonne, Mutter, gib mir die Sonne!“ Ja, diese Sonne gibt es; es ist die verklärte Jungfrau Maria. Sie ist die Sonne, die nicht untergeht. Der Apokalyptiker Johannes hat es gesehen: „Ein großes Zeichen erschien am Himmel: eine Frau, mit der Sonne umkleidet, zu ihren Füßen der Mond, auf ihrem Haupt ein Kranz von zwölf Sternen.“ In Amsterdam saßen drei Herren nach der Aufführung eines Oratoriums in einem Hotel beisammen, als tief in der Nacht der Komponist Max Reger den Raum betritt. Er fragte den einen, ob er katholischer Priester sei, und auf dessen Ja bittet er ihn um eine Unterredung unter vier Augen. An einem Nebentisch enthüllt er ihm die Todesahnungen, die mit furchtbarer Wucht auf ihm liegen; er müsse noch in dieser Nacht mit dem Himmel abrechnen und bitte, eine Lebensbeicht ablegen zu dürfen. Auf dem Zimmer des Priesters angelangt, wirft sich Reger dem Priester erschüttert zu Füßen: „Ich fühle den Tod in meinen Adern und will mich mit meinem Schöpfer aussöhnen, noch jetzt auf der Stelle.“ Er möge ihm helfen, er habe seit seiner Jugend nicht mehr gebeichtet. Es geschah, und Reger machte seine Rechnung mit Gott. Am nächsten Morgen traf Reger wieder mit dem Priester zusammen. „Hochwürden, nein, ich nenne dich von jetzt an meinen besten Freund. Du hast mich gerettet; denn ich weiß, ich sterbe bald. Jetzt bin ich glücklich und ruhig. Ich habe nichts mehr auf dem Gewissen. Ich sagte gestern, ich möchte noch das Vaterunser komponieren. Das will ich zurücknehmen und lieber ein Salve Regina in Töne setzen für mein Begräbnis, zu Ehren der Gottesmutter, die mich zu dir geführt hat. Denn wenn ich auch nie meinen Glauben betätigt habe, ein Ave Maria habe ich doch von Zeit zu Zeit gebetet.“ Das war am 23.3.1916; am 11. Mai war Reger tot. Maria hat ihn gerettet. Und sie rettet noch viele andere. Der Doctor Marianus im Faust II richtet das Bittgebet an Maria: „Dir, der Unberührbaren, ist es nicht benommen, dass die leicht Verführbaren traulich zu dir kommen. In die Schwachheit hingerafft, sind sie schwer zu retten. Wer zerreißt aus eigener Kraft der Gelüste Ketten? Darauf antwortet der Chor der Büßerinnen zu Maria gewandt: „Du schwebst zu Höhen der ewigen Reiche, vernimm das Flehen, du Ohnegleiche, du Gnadenreiche.“ Wir wollen uns ihnen anschließen und rufen: Maria, Mutter, Königin! Du schwebst zu Höhen der ewigen Reiche, vernimm das Flehen, du Ohnegleiche, du Gnadenreiche.

Amen.

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