Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Mensch
14. Juli 2019

Der neue Mensch

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Zwei große Ideologien und politische Systeme sind angetreten mit dem entschiedenen Willen einen neuen Menschen zu erzeugen: der Kommunismus und die Sowjetunion auf der einen Seite und der Nationalsozialismus und das Hitlerregime auf der anderen Seite. Der Bolschewismus erklärte es als sein Ziel, einen neuen Kollektivmenschen zu schaffen. Der neue Mensch, der sozialistische Mensch sollte der sein, welcher das Gemeininteresse vor das Eigeninteresse stellt. Die Normen, die das Verhalten des Einzelnen lenken, sollten aus den Interessen des Kollektivs abgeleitet werden. Der Nationalsozialismus bezeichnete es als seine historische Aufgabe, den neuen artbewussten Menschen zu schaffen. Hitler erklärte einmal: „Der Nationalsozialismus ist mehr noch als die Religion, er ist der Wille zur neuen Menschenschöpfung.“ Der neue Mensch sollte spartanische Härte und Anspruchslosigkeit, römischen Stolz und römisches Ethos, englische Herrscherallüre und rassische Moral des Judentums in sich vereinen. Die Versuche, einen neuen Menschen zu schaffen, die von politischen Ideologien ausgingen, sind gescheitert. Im Bolschewismus stellte sich heraus, dass sich der sozialistische Mensch, der stets nur das Interesse der Gesamtheit vor sein eigenes Interesse stellt, nicht bilden ließ. Im Nationalsozialismus zeigte sich, dass der angezielte Herrenmensch, der über andere Menschen herausragt, sich nicht züchten ließ. Die Versuche der Ideologien, einen neuen Menschen zu schaffen, mussten scheitern. Warum? Weil sie von einem falschen Menschenbild ausgingen. Der Mensch, den sie voraussetzten, entbehrt der religiösen Dimension. Ein Mensch ohne Gott ist ein Torso. Ohne die Herkunft von Gott und ohne die Verwiesenheit auf Gott zu beachten, kann man einen Menschen nicht bilden.

Auch das Christentum fordert und verspricht den neuen Menschen. Aber der neue Mensch des Christentums wird nicht von Menschen hervorgebracht, sondern von Gott. „Sind wir doch sein Werk“, schreibt der Apostel Paulus, „geschaffen in Christus Jesus.“ Unter weiter unten: „Der neue Mensch ist nach Gott geschaffen.“ Der Erwerb der Gotteskindschaft geschieht durch Adoption von Gott. Die Christen sind von Gott angenommene Kinder. Gott sandte seinen Sohn, um die unter dem Gesetz stehenden Menschen loszukaufen, damit sie die Annahme an Sohnes Statt empfingen. Dies geschieht, wie Sie alle wissen, durch die Taufe. Dort wächst der Mensch mit Christus zusammen. „Wenn jemand in Christus ist“, schreibt Paulus, „dann ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.“ Der neue Mensch ist also bereits vorhanden. Er ist eine Gabe Gottes. Aber der neue Mensch muss sich auch entsprechend verhalten; das ist seine Aufgabe. Die Wiedergeburt hat also eine objektive und eine subjektive Seite. Sie ist etwas Passives, was der Mensch erfährt. Er wird wiedergeboren aus Wasser und Heiligem Geist; Gott handelt an ihm. Und doch muss der Mensch selbst auch sein altes Ich zerbrechen und den neuen Kräften Raum verleihen, sodass der Erneuerungsprozess vonstatten gehen und voranschreiten kann. Das neue Sein in Christus verlangt ein neues Handeln. Und so ergeht die Mahnung an uns: Legt den alten Menschen ab, der in Verblendung und Begierde zugrunde geht, ändert euer früheres Leben und erneuert euren Geist und Sinn. Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bilde Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Wenn ich in dieser Predigt vom alten und neuen Menschen spreche, sind selbstverständlich nicht die nach Jahren alten Menschen gemeint oder die nach Jahren jungen Menschen. Sondern gemeint ist der Mensch vor Christus und ohne Christus, das ist der alte Mensch, und der Mensch in Christus, das ist der neue Mensch.

Aber die Gewissheit des Christentums, dass der Mensch in Christus ein neuer Mensch ist, diese Gewissheit der Christen, neue Menschen zu sein, wird bestritten. Die Gegner unserer Religion sagen: Das Christentum hat versagt, den neuen Menschen gibt es nicht, die Christen enttäuschen, von religiös-sittlichem Hochstand ist bei ihnen keine Rede, es gibt keine neuen christlichen Menschen; so sagen unsere Gegner. Ich behaupte: Der neue Mensch, den Gott geschaffen hat, der nach Christus gebildet ist, der aus dem Geiste lebt und der gute Früchte bringt, dieser neue Mensch ist schon da. Ich will versuchen, diese Behauptung zu beweisen. Der neue Mensch ist zu allererst der gläubige Mensch. Gläubige sind jene Menschen, die Gott Gehorsam leisten, die seine Offenbarung annehmen, die sich im Glauben Christus, dem Gottessohn, übereignen. Es gibt nicht nur Skeptiker, Zweifler, Abständige und Abgefallenen, nein, es gibt auch Gläubige, neue Menschen, mit einer neuen Sehkraft, die den alten Menschen fehlt. Und dieser Glaube, den sie in sich tragen, ist lebensnotwendig, nein, ist heilsnotwendig. Ohne Gnade ist es unmöglich, Gott zu gefallen. Wer zu Gott hinzutreten will, muss glauben, dass er existiert und dass er denen, die ihn suchen, ein Vergelter wird. Das tun die neuen Menschen. Das ist der enorme Unterschied zwischen den neuen und den alten Menschen, dass die ersteren glauben. Der Glaube eröffnet eine neue Dimension.

Der Mensch muss seinen Gott und Schöpfer anbeten, wenn er seinsgerecht leben will. Er verdankt sich und sein Leben der Macht und der Vorsehung Gottes. Er muss ihn als Herrn und Richter, als Erlöser und Seligmacher anerkennen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen.“ Das tun die neuen Menschen. Sie beten an, sie fallen auf die Knie, sie falten die Hände, sie richten ihr Herz auf zu Gott; und das ist ein Zeichen, dass sie neue Menschen sind. Der alte Mensch ist nicht ohne Verehrung. Aber er verehrt nicht den wahren Gott, sondern Götzen. Paulus nennt im Brief an die Philipper einen solchen Götzen: „Ihr Gott ist der Bauch.“

Der alte Mensch betet nicht. Gebet ist die Erhebung des Geistes und des Herzens zu Gott in der Absicht, ihn zu ehren. Dies geschieht durch Anbetung, Danksagung und Bitte. Der Mensch darf nicht stumm bleiben gegenüber Gott. Er muss zu ihm sprechen, wenn er recht leben will. Das Gebet ist wesensnotwendiger Ausdruck der personalen Beziehung des Menschen zu Gott und der Verpflichtung des Menschen gegenüber Gott. Das Beten ist eine strenge Pflicht. Gott hat seine Gnade an das Gebet geknüpft. Der neue Mensch betet, er erfüllt diese Pflicht. Er ruft den Segen des allmächtigen Gottes auf die schuldbeladene Erde herab. Einst, meine lieben Freunde, hatte Gott beschlossen, die Lasterstadt Sodoma zu vertilgen. Da fiel ihm Abraham in die Arme. „Vielleicht“, sagte er zu Gott, „gibt es fünfzig Gerechte. Willst du wirklich sie mit den anderen Ungerechten vertilgen?“ Der Herr antwortete: „Fände ich in Sodoma fünfzig Gerechte, will den Ort um ihretwillen verschonen.“ Aber dem Abraham kamen Zweifel, ob die fünfzig Gerechte aufzubringen sind. Er schraubte die Zahl immer weiter herunter: vierzig, dreißig, zwanzig. „Ja, wenn es nur zehn Gerechte gibt; würdest du dann die Stadt noch verschonen?“ Der Herr antwortete: „Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten.“ Ich bin überzeugt: Das ist heute die Aufgabe der neuen Menschen: Das furchtbare Strafgericht über diese gottvergessene Erde wäre längst ergangen, wenn nicht die neuen Menschen ihre Gebete, ihre flehentlichen Rufe an den Himmel richten würden. Sie halten den Zorn Gottes ab. Das ist ihre unerlässliche Aufgabe.

Der Mensch ist verpflichtet, Gott Anerkennung und Anbetung zu erweisen. Er erfüllt diese Pflicht im Gottesdienst. Nicht Gott bedarf des Gottesdienstes, aber wir Menschen bedürfen des Gottesdienstes. Wir erfahren darin, dass unser Sein von Gott abhängig ist und dass unsere Würde als Ebenbilder Gottes von Gott stammt. Indem sich das Geschöpf im Gebet anbetend Gott unterordnet, ordnet es sich seiner Macht ein, gewinnt es die rechte Ordnung für sein eigenes Leben. Das geistige Geschöpf ist gerufen, die stumme Sprache der Natur durch den Gottesdienst zum Sprechen zu bringen. Es sind die neuen Menschen, die Gott gebührende Ehre erweisen und für ihre Mitmenschen bei Gott eintreten. Der alte Mensch vergisst im gottfernen Wochenende den Gottesdienst. Er versteht nicht zu beten, und er will nicht beten.

Die Welt kann nur einen friedlichen und heilvollen Verlauf nehmen, wenn die Menschen Gottes Gebote beachten. Der neue Mensch weiß um diesen Zusammenhang. Er kennt und beobachtet die Gebote Gottes. Er weiß um das Herzensanliegens des Sohnes Gottes: „Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch sage.“ Der alte Mensch lässt sich von Gott nichts sagen. Er bestimmt nach seinem Nutzen, was er tun und lassen will und vergeht sich damit gegen Gottes Macht, der gesagt hat: Du darfst und du darfst nicht. Der Ungehorsam gegen Gott, die Auflehnung gegen Gott kann nicht ungestraft bleiben. Gott lässt seiner nicht spotten. Doch der alte Mensch, der Mensch ohne Christus macht sich nichts aus dem Ungehorsam gegen Gott. Die Sünde existiert für ihn nicht. Er lebt ohne Reue und ohne Umkehr. Das unterscheidet ihn von dem neuen Menschen. Auch der neue Mensch kennt – Gott sei es geklagt – die Sünde. Er kennt die Schuld. Aber er bekehrt sich in Reue und Buße. Jede Kirchengemeinde kennt ihre verlorenen Söhne und verlorenen Töchter. Wir Priester erleben doch immer wieder, was Papst Leo vor sechszehnhundert Jahren geschrieben hat: „Aus Gottlosen werden Gerechte, aus Geizigen Mildtätige, aus Unenthaltsamen Jünger der Keuschheit, aus jenen, die die Welt liebten, eifrige Anhänger des Himmlischen.“ Die Bekehrten sind ein Triumph der Gnade, ein lebendiger Gottesbeweis. Aus alten Menschen vor Christus und ohne Christus werden neue Menschen in Christus. Manche Unbekehrte spotten über Bekehrungen im hohen Alter. Meine lieben Freunde, der Spott ist völlig unberechtigt. Im Abstand von Jahren und Jahrzehnten denkt man eben anders über sein Leben, da wiegen Auflehnung und Ungehorsam gegen Gott schwerer als in jungen Jahren. Späte Bekehrung ist nicht zu spät.

Das übergreifende Merkmal des alten Menschen vor Christus und ohne Christus ist die Fesselung und die Verlorenheit durch die Geschlechtslust. Von Beherrschung, Überwindung, Enthaltsamkeit und Verzicht will der alte Mensch nichts wissen. Das Ausleben der Geschlechtlichkeit ist nach Ausweis aller Zeugen und Statistiken für den alten Menschen unerlässlich. Aber es gibt auch auf diesem Gebiete neue Menschen. Ich denke an die Mädchen und Frauen, an die Jungen und Männer, die in dieser Welt der Unzucht die gottgewollte Keuschheit und Enthaltsamkeit bewahren oder sich wenigstens darum bemühen. Der neue Mensch weiß, dass sein Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist. Er hält ihn frei von allem Missbrauch vor der Ehe, in der Ehe, in einem reinen enthaltsamen Leben. In der Urzeit des Christentums gibt Theophilus in einem Briefe ein Bild des urchristlichen Lebens: „Bei uns herrscht Mäßigkeit, wird Enthaltsamkeit gepflegt, die Einehe beobachtet, die Keuschheit bewahrt, alle Ungerechtigkeit verbannt, die Sünde mit der Wurzel ausgerottet, das Gesetz befolgt, Gottesfurcht geübt, Gott in Wort und Werk bekannt.“

Jawohl, meine Freunde, der neue Mensch ist schon da. Er ist der Mensch der Tugenden, der erlangten und der zu erlangenden Tugenden. Tugenden sind Fertigkeiten im Guten, die der Mensch durch permanente Übung erwirbt. Der alte Mensch will ankommen, er will gelten, beachtet sein, Anerkennung und Ehre sucht er. Er ist selbstgefällig und eitel. Eigenruhm und Überheblichkeit prägen den alten Menschen. Er ist der Mensch, der mit den Ellenbogen arbeitet, um voranzukommen. Der neue Mensch ist anders. Er unterscheidet sich vom alten Menschen durch Bescheidenheit und Demut; das ist sein besonderes Kennzeichen, das ist das katholische Kennzeichen. Er ist bereit und gewillt, zurückzutreten hinter anderen, Fehler und Versagen einzuräumen, sich mit einem hinteren Platz zu begnügen. Prahlerei und Selbstruhm gehen ihm ab. Dünkel, Selbstgefälligkeit und Größenwahn haben bei ihm keine Stelle. Sogar die Kunst der Selbstdarstellung ist dem neuen Menschen versagt, zu seinem eigenen Schaden, denn wenn man sich selbst gut darzustellen weiß, kommt man an, kommt man weiter. Der alte Mensch sucht alle Möglichkeiten zum Genuss: ein behagliches Ambiente, eine gehobene Lebensweise, mindestens zwei Urlaube an einem Strand im Jahre. Der neue Mensch handelt anders. Er sagt nicht: Ich kann mir alles leisten, er sagt: Ich will mir nicht alles leisten. Ich will einfach und genügsam leben, eingedenk der zahllosen Menschen, die nicht einmal das Existenzminimum haben. Der alte Mensch ist leidensscheu, leidensunwillig. Er flieht vor dem Leid und sieht in ihm lediglich eine unerwünschte Unterbrechung des Lebens, das er sich so angenehm und so schön wie möglich zu gestalten sucht. Der neue Mensch schaut im Leiden auf das Bild des Gekreuzigten. Die Religion, die einen gepeitschten Sklaven auf die Altäre stellt, diese Religion versteht etwas vom Leiden. Der Herr und Meister ist dem neuen Menschen mit Schmerzen und Qualen vorangegangen. Er weiß, dass er ihm folgen muss. Der neue Mensch versteht, zu leiden. Der Schmerz, so weiß er, ist der große Lehrer des Menschen. Unter seinem Hauch entfalten sich die Seelen. Der neue Mensch, der leidenswillige Mensch ist schon da. Es gibt sie noch, und ich habe sie erlebt, die geduldigen, demütigen, selbstlosen Frauen, die ein Leben lang aushalten mit einem eigensüchtigen, unbeherrschten und untreuen Mann. Ich kenne sie, die krebskranke Mutter von sechs Kindern, deren Mann sich mit einer anderen vergnügt, ich kenne sie. Der alte Mensch fürchtet den Tod. Denn er beendet das irdische Leben, das er so sehr geliebt hat. Der alte Mensch sprach in Oliver Cromwell in seiner Todeskrankheit: „Ich möchte länger leben.“ Der neue Mensch versteht, zu sterben. Er hat unzählige Male zu Maria gerufen: Bitte für mich in der Stunde des Todes. Und Maria, das weiß er, wird seine Bitte erhören. Als Theresia von Lisieux in ihrer Miliartuberkulose ans Sterben kam, fragte sie der Hausgeistliche: „Sind Sie bereit, den Tod mit Ergebung anzunehmen?“ Theresia antwortete: „Mein Vater, ich finde, dass man der Ergebung nur bedarf zum Leben, der Gedanke an den Tod dagegen erfüllt mich mit Freude.“ Der Freiherr von Gagern fand mit seiner ganzen Familie zum katholischen Glauben. Eine seiner Töchter, Karoline, schickte er in ein katholisches Internat, aber sie wurde von der Tuberkulose ergriffen und musste sterben. In ihrem letzten Gespräch mit dem Vater sagte dieses todkranke Kind: „Lieber Vater, ich danke dir für alles, was ich von dir empfangen habe, aber für nichts bin ich dir dankbarer als für das Gut des wahren katholischen Glaubens; in ihm stirbt es sich so gut.“ Der alte Mensch ist gekennzeichnet durch Eigennutz und Eigensucht. Er geht auf in der Sorge für seine eigenen Vorteile. Er ist berechnend und denkt fast nur an sich. Der neue Mensch ist anders. Ich verweise auf die zahlreichen Christen, die sich des Nächsten annehmen, selbstlos helfen und Gutes tun. Noch immer, meine lieben Freunde, noch immer sind gläubige katholische Christen in den Pflegeberufen überdurchschnittlich zahlreich vertreten. Der neue Mensch ist schon da. Ich denke an die ungezählten katholischen Männer und Frauen, die ihr Einkommen und Vermögen für mildtätige und gemeinnützige Zwecke verwenden, statt sich selbst ein luxuriöses Leben zu verschaffen. Noch immer stammen die meisten Spenden für gute Zwecke von gläubigen Menschen, von neuen Menschen.

Ich lasse mir nicht ausreden, dass das Christentum eine Erfolgsgeschichte ist. Der neue Mensch ist nicht nur ein Versprechen, der neue Mensch ist da. Ich erinnere an die zahllosen bekannten und unbekannten Heiligen. Ihr Leben ist ein Zeugnis für die Kraft der Gnade und die Macht des Willens. Ihre heroische Nächstenliebe, ihre heroische Gottesliebe bezeugen ihren Wandel in der Neuheit des Gnadenlebens. Welche Religion kann eine Frau vorweisen wie Katharina von Siena? Mit einem Leben der Entsagung und der Aufopferung für die Pestkranken, durch Wunderwerke ausgewiesen, mit der Sehergabe ausgestattet, mit der Gewalt, die größten Sünder zu bekehren, von Gott beschenkt. Und das alles nicht etwa im Nebel der Sage und der Legende, sondern beglaubigt von Juristen, von Bischöfen und Fürsten. Welche Religion kann einen Mann neben Aloysius von Gonzaga stellen? Er stammte aus bestem Hause. Er wurde am spanischen Königshof erzogen. Ihm standen hohe Posten in der Welt offen. Er sollte als Erstgeborener die Nachfolge seines Vaters als Markgraf antreten. Aloysius entsagte allen Ansprüchen, weihte sich Gott in einem armen und frommen Leben, diente den Pestkranken, die ihn mit ihrer Krankheit ansteckten und starb im Alter von 23 Jahren. Welche Religion vermag einen Bekenner aufzubieten, der wie der heilige Dompfarrer Bernhard Lichtenberg in Berlin öffentlich für die verfolgten Juden eintrat und dafür mit Verhaftung und dem Tod bezahlte? Kennen Sie einen zweiten? Welche Religion hat einen Zeugen, der neben den heiligen Maximilian Kolbe gestellt werden könnte, der freiwillig und ungezwungen den Marsch in den Todesbunker, in den Hungertodesbunker antrat, um ihn einem Familienvater zu ersparen? Und noch ein Beispiel aus jüngster Zeit. Gianna Beretta war das zehnte von dreizehn Kindern ihrer Eltern. Sie war ausgebildete und praktizierende Kinderärztin. In vier Jahren Ehe brachte sie drei Kinder zur Welt. Als sie zum vierten Mal empfing, wurde ein Tumor in ihrer Gebärmutter festgestellt. Die Ärzte rieten zur Abtreibung und Entfernung der Gebärmutter. Gianna lehnte beides ab. Sie gebar ihr viertes, gesundes Kind. Wenige Tage später am 8. April 1962 ging sie in die Ewigkeit mit dem Gebet auf den Lippen: „Jesus, ich liebe dich.“ Johannes Paul II. hat sie 2004 heiliggesprochen. Aristides, der Verteidiger des katholischen Glaubens in der Urzeit, schrieb im Jahre 130 in seiner Schutzschrift für die Christen an den Kaiser Hadrian: „Wahrhaft neu ist dieses Volk, eine göttliche Mischung ist in ihm.“ Ja, der neue Mensch, meine lieben Freunde, ist schon da. Er ist unübersehbar. Lassen Sie sich Ihre Zugehörigkeit zu den neuen Menschen nicht madig machen. Lassen Sie sich Ihre Überzeugung, dass Sie der neuen Menschheit angehören, nicht miesmachen, nicht ausreden. Gewiss, unsere neuen Menschen, unsere gläubigen, guten katholischen Christen sind nicht vollkommen; das wissen sie selbst am besten. Aber sie streben danach, vollkommen zu werden. Sie achten die Gebote Gottes und sie bemühen sich, sie zu erfüllen. Der Vorgang der Heiligung ist nie abgeschlossen, solange man auf Erden wandelt. Es darf auch nicht vergessen werden: Der Satan fällt die Guten mehr an als die Bösen, denn die Bösen hat er ja schon, die Guten will er haben. Der neue Mensch ist schon da. Aber er ist noch zu selten, er deckt sich nicht mit den katholischen Christen, was er aber sollte. Er umfasst nur einen Bruchteil derer, die in der Taufe Christus angezogen haben. Daher gilt: Wir alle müssen arbeiten, streben, kämpfen, dass wir in der Neuheit des Christenlebens wandeln, dass wir unserem Herrn Ehre einlegen. Gott wird nicht größer, wenn wir ihn verehren, aber wir werden größer, wenn wir ihm dienen.

Amen.

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