Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Ostern
28. April 2019

Darüber wollen wir dich ein andermal hören

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

„Darüber wollen wir dich ein andermal hören.“ Wenige Sätze im Neuen Testament klingen so sehr nach dem Europa des 21. Jahrhunderts, wie diese Reaktion der Zuhörer auf die Predigt des Apostels Paulus in Athen. Darüber wollen wir dich ein andermal hören, d.h. sie wimmeln ihn ab. Das ist ja ganz schön für dich, so mögen sie gedacht haben, aber für uns ist das nichts. Ist das nicht sehr vertraut? Du bist Christ, nun ja, aber ich bin Mohammedaner, ich umarme die Bäume. Du glaubst an den Christus, ich glaube an den Weihnachtsmann. Die klassische Reaktion der Menschen unserer Zeit ist nicht so sehr der offene Widerstand als vielmehr die völlige Gleichgültigkeit. Doch hatte die Rede des Paulus sehr gut begonnen. Wie kam die Wendung? Wie kam es, dass die Verkündigung in Athen so wenige Früchte brachte? „Darüber wollen wir dich ein andermal hören.“ Das hing mit dem Thema zusammen. Das Thema des Paulus war nämlich die Auferstehung Jesu von den Toten. Mit der Auferstehung Jesu von den Toten hat es Paulus ja immer gehabt. Er behauptete ja, er habe den Auferstandenen gesehen. Und er war der Meinung, die Auferstehung sei der entscheidende Punkt, an ihm hänge das ganze Christentum. „Darüber wollen wir dich ein andermal hören.“ Für Paulus ist die Verkündigung der Auferstehung nicht eine fromme Mär, sondern eine Tatsache, keine Chiffre und nicht ein Hoffnungssymbol, sondern ein geschichtliches Ereignis. Von den fünfhundert Brüdern, die ihn gesehen haben, leben noch viele. Man kann hingehen und sie fragen. „Darüber wollen wir dich ein andermal hören.“ Ist die heutige Zeit so viel anders? Welche Predigten hat man wohl am vergangenen Osterfest gehört? Dass die Liebe stärker ist als der Tod, dass nach jedem Dunkel wieder das Licht des neuen Tages durchbricht und dass nach dem Winter der Frühling kommt. Aber ist das nicht wirklich so? Flüchtet nicht die Verkündigung der Kirche in Abseitigkeiten, statt die Wahrheit zu verkünden: Jesus ist leibhaftig auferstanden! Niemand nimmt Anstoß an einer Osterbotschaft, wonach die helle Kerze das Dunkel erhellt. Niemand stößt sich an harmlosen Bildern und Sprüchen. Aber dass dieser Jesus real, historisch und leiblich von den Toten auferstanden ist, dass sein Grab wirklich leer war, das klingt heute nicht weniger herausfordernd als damals. Und doch verwundert es sehr, dass die Reaktionen der Augenzeugen des Auferstandenen ganz anders sind als die Reaktion der heutigen Hörer der weichgespülten Osterbotschaft. Was berichten die Evangelien von den ersten Zeugen des Auferstandenen? Die Grabwächter erbebten aus Furcht und waren wie betäubt. Die Frauen am Grab entsetzten sich, sie waren bestürzt, sie erschraken, schreibt Lukas, der vielleicht einige von ihnen noch gesprochen hat. Jesus muss die Seinen ermahnen: „Fürchtet euch nicht.“ Die Jünger glaubten dem Bericht der Frauen nicht. Leros, so heißt das griechische Wort, Geschwätz, Weibergeschwätz ist das. Als Jesus ihnen erschien, meinten sie, ein Gespenst zu sehen. Er musste ihnen ihren Unglauben und ihre Herzenshärte verweisen und ihnen zeigen, dass er lebt, indem er spricht, indem er Aufträge gibt, indem er isst. „Darüber wollen wir dich ein andermal hören.“ Damit suchten sie sich der Botschaft des Paulus zu entledigen. Warum? Nun, ganz einfach, weil die damaligen Athener der heutigen Zeit zu sehr glichen. Ein jeder hatte seine Theorie. Der eine war bei Epikur in die Schule gegangen, der andere bei Demokrit. Jeder hatte seinen Lieblingsphilosophen, seine eigenen Auffassungen, jeder irgendwie auf der Suche nach der Wahrheit, jeder war auf seine Weise ein guter Mensch – wie es heute ist, oder wie es heute zu sein scheint. Und nun kommt einer und verkündet: Die Suche ist vorbei. Gott hat einen Menschen eingesetzt als Richter, und er hat ihn beglaubigt durch die Auferstehung von den Toten. Das ist der springende Punkt. Wenn das stimmt, dann ist die Suche vorbei. Wenn das stimmt, dann ist die Debatte vorbei und der Moment der Entscheidung gekommen, der Moment der Umkehr, der Moment der Hinwendung zu diesem Einen. Ja, wenn diese Behauptung wahr ist, dann stimmt es nicht, dass ein jeder nach seiner Fasson selig wird. Vielmehr muss man sagen: Es ist die Suche vorbei. Die Weisheitslehrer, die Philosophen, die Religionsgründer der Geschichte können neben diesem Einen nicht bestehen. Sie stehen nicht auf einer Stufe, denn sie sind alle gestorben, und ihre Gräber kann man vorweisen. Nur von einem gilt: Er ist auferstanden. Wenn das wahr ist, dann ist Jesus der Einzige. Dann ist er nicht ein Lehrer, der den rechten Weg weist, sondern er selber ist der Weg. Dann ist er keiner, der die Wahrheit verkündet, sondern er selber ist die Wahrheit. Dann ist er nicht nur einer, der vom Leben nach dem Tode spricht, sondern er selber ist das Leben. Er ist der einzige Weg, er ist die einzige Wahrheit, er ist das einzige Leben. Das ist der Anspruch Jesu und das ist der Anspruch der Osterbotschaft, nicht weniger und nicht mehr. Das Christentum gründet nicht auf das warme Gefühl des Trostes nach dem langen Winter, sondern auf der tatsächlichen Auferstehung Jesu. Er ist eben nicht nur ins Kerygma auferstanden, wie ein ungläubiger evangelischer Theologe in Marburg sagt, er ist wirklich auferstanden, leibhaftig. Der christliche Glaube hätte sich niemals ausbreiten und halten können, wenn die Faktenlage nicht zutiefst erschütternd gewesen wäre. Kein Apostel hätte seinen Kopf unter das Fallbeil gebeugt, wenn nicht Jesus wirklich auferstanden wäre und er ihn gesehen hätte.

Der Auferstandene stirbt nicht mehr. Er nahm bei der Himmelfahrt seinen verklärten Leib mit und wird, im Gegensatz zu anderen Sehern und Visionären, niemals sterben. Er entkam nicht nur dem Tod, er hat den Tod entmachtet. Von ihm heißt es in der Apokalypse: „Ich war tot, und doch lebe ich jetzt in alle Ewigkeit, und ich habe die Schlüssel des Todes und der Unterwelt.“ Wenn das wirklich so ist, wenn Jesus wirklich auferstanden ist, dann ergeben sich daraus fünf Folgen. Erstens: Eine radikale Neubewertung des Lebens, des Leibes und der Materie. Ja, es gibt ein Leben nach dem Tode, weil Jesus der Lebendige ist und dieses Leben verbürgt. Es ergibt sich eine Neubewertung des Leibes. Das Christentum hat immer den menschlichen Leib ernst genommen. Den Kranken muss geholfen werden, Ungeborene darf man nicht abtreiben, Sieche darf man nicht töten, und die christliche Lehre über die Geschlechtlichkeit ist keine Ansammlung von prüden Regeln, sondern ist die Anweisung, den Tempel des Heiligen Geistes zu schützen und zu heiligen. Zweitens: Wenn Jesus wirklich auferstanden ist, dann ist er nicht einer unter vielen, sondern er ist der Einzige, der Einmalige, der Absolute, der Herr und König. Er stellt vor die Entscheidung: Willst du dem Auferstandenen dein Leben geben und ihn als Herrn über dich bekennen? Drittens: Wenn Jesus auferstanden ist, dann ist unsere Hoffnung unerschütterlich. Was an ihm geschehen ist, das wird, das muss an uns geschehen. Die Hoffnung auf die Auferstehung ist exakt jene, die die ersten Christen selbst zum Martyrium bereitmachte. Viertens: Wenn Jesus auferstanden ist, dann kann man ihm begegnen, im Glauben. „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt“, versichert er seinen Jüngern. Im Glauben wird Jesus persönlich erfahren: Er lebt. Er ist bei uns, er bleibt bei uns. Wenn die kleine weiße Hostie erscheint, dann wissen wir: Er ist da. Fünftens: Wenn Jesus von den Toten auferstanden ist, dann lebt er heute noch und wird im Himmel nicht bleiben, sondern wiederkommen in Herrlichkeit. Alle werden ihn sehen, auch die, die zu Paulus gesagt haben: Wir wollen dich ein andermal hören. Alle werden ihn sehen, auch die, die ihn durchbohrt haben. Das Christentum, meine lieben Freunde, ist keine bloße Weltsicht. Es ist die Berührung einer Person, die eine andere Realität eröffnet. Das Christentum ist gewiss Hoffnung und Trost, aber das Evangelium ist nicht wahr, weil es Hoffnung und Trost spendet, sondern es spendet Hoffnung und Trost, weil es wahr ist, weil es historisch gesichert ist, auf wahren Augenzeugenberichten ruht. Und deren zentrale ist der Tod und die Auferstehung des Gottmenschen Jesus Christus. Jesus lebt und wird auch uns lebendig machen.

Amen. Alleluja.

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