Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
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6. September 2026

Was ist die Kirche?

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Die Kirche ist das Reich Christi. Sie ist die neue von Christus auf die Erde gebrachte übernatürliche Wirklichkeit, die in irdischen Hüllen sich bezeugende göttliche Wahrheit und Gnade. Der Apostel Paulus nennt die Kirche den Leib Christi. Die Kirche ist der von den Heilandskräften Jesu Christi durchwirkte Leib. Christus ist das Haupt dieses Leibes. Als Haupt macht er den kirchlichen Organismus erst ganz und fertig. Christus und die Kirche lassen sich so wenig voneinander trennen wie das Haupt und sein Leib.

Die übernatürliche Wesenheit der Kirche wirkt sich in erster Linie aus in ihren ursprünglichsten Schöpfungen, in Dogmen, Sitte und Kult. Das Dogma ist nichts anderes als die von der Kirche in unfehlbarem Lehrentscheid zu glauben vorgestellte Offenbarungswahrheit Jesu Christi. Das Dogma birgt die frohe Botschaft von der wunderbaren Wirklichkeit, die Christus in die Welt gebracht hat. Die Dogmen der Christologie beschreiben die Person des Gottmenschen. Die Dogmen von der Erlösung beschreiben das erlöserische Wirken Jesu in seinem Leben, Leiden und Sterben sowie zur Rechten des Vaters. Die Dogmen von der Dreifaltigkeit führen zum Quellgrund des göttlichen Lebens, zu den ewigen innergöttlichen Ausgängen. Die Dogmen von der Gnade sichern die Ungeschuldetheit des Erlösertums Christi und begründen die Grundstimmung der Erlösten: Liebe, Friede, Freude im Heiligen Geiste. Die Dogmen von der Kirche und den Sakramenten beleuchten die Vermittlung des neuen Lebens an die Menschen aller Zeiten. Die Dogmen von den letzten Dingen beschreiben Jesus als Richter und Vollender. Alle Dogmen der katholischen Kirche tragen den Namenszug Christi. Sie führen den lebendigen, erlösenden, regierenden und richtenden Christus uns vor Augen. Die moralischen Dogmen zeigen das Ziel und die Absicht der Kirche, nämlich alle Gläubigen zu einem zweiten Christus zu machen, sie christusförmig werden zu lassen. Die Nachfolge Christi ist der Mittelpunkt der christlichen Sittenlehre. Mit tiefem Ernst und heldischer Kraft ringt die Kirche aller Jahrhunderte um die Umsetzung seines Geistes in Fleisch und Blut, um Jesu Fleischwerdung im einzelnen Menschen.

Der kirchliche Kult ist ein Erinnern an Christus und ein Teilhaben an Christus, an seiner Erlöserkraft, ein Berühren des Saumes seines Gewandes, ein Betasten seiner heiligen Wunden. Es ist der Sinn der kirchlichen Liturgie, den Erlösersegen Christi als heilige Wirklichkeit gegenwärtig, anschaulich und fruchtbar zu machen. Im Vorgang der Taufe reinigt Christi Opferblut die Seele von der Erbschuld und durchtränkt sie mit seinen Lebenskräften, auf dass ein neuer Mensch werde, der Mensch der Gotteskindschaft. Im Sakrament der Firmung sendet Jesus den Geist des Starkmuts und gotterfüllten Glaubens in das erwachende religiöse Bewusstsein, um aus dem Kind Gottes einen Kämpfer Gottes zu machen. Im Sakrament der Buße tröstet Jesus den reuigen Sünder als vergebender Heiland mit dem Friedenswort: Geh hin, deine Sünden sind dir vergeben. Im Sakrament der Ölung tritt der barmherzige Samaritan ans Krankenbett und träufelt Lebensmut und Opferkraft in das wunde Herz. Im Sakrament der Ehe verwurzelt er die Liebe von Mann und Frau in seiner eigenen Liebe und in seiner Treue bis in den Tod. In der Handauflegung der Priesterweihe überträgt er seine messianische Vollmacht, seine Sendegewalt an die vom ihm berufenen Jünger, um durch sie die neuen Menschen zu erwecken. Die Sakramente sind die sichtbare Gewähr, dass Jesus mitten unter uns wirkt. In allen bedeutsamen Wendepunkten unseres Lebens, in seinen Höhen und Tiefen, in Ängsten und Erschütterungen steht Jesus in den Sakramenten da als Freund und Tröster, als Wundarzt und Seligmacher. In den katholischen Sakramenten wird Christus als der Herr der Gemeinde, als ihr geheimer Kraft- und Segensquell gläubig bejaht und erfahren. In ihnen prägt sich das Grundwesen der Kirche aus, das Fortleben Christi in ihr. Doch das Tiefste und Heiligste sind die aufgezählten Sakramente noch nicht. So sehr erschließt sich Jesus seinen Gläubigen, dass er sich selbst als persönliche Gnadenwirklichkeit in den Gläubigen setzt. Er teilt ihnen seine gottmenschliche Persön-lichkeit mit. Er durchlebt seine Gemeinde mit seinem wahrhaften gottmenschlichen Ich. Er tritt in Fleisch- und Blutgemeinschaft mit ihr. Unter den Gestalten von Brot und Wein lebt der Meister unter seinen Jüngern, der Herr inmitten seiner Gemeinde, bis er dereinst wiederkommen wird in sichtbarer Herrlichkeit. Das Altarsakrament ist das stärkste Erinnern an den Herrn, bis er wiederkommt. Darum können wir Jesus nicht vergessen, ob die Jahrhunderte und Jahrtausende dahingehen.

Dogma, Sitte und Kult offenbaren in erster Linie das Bewusstsein der Kirche, übernatürlicher Herkunft, Christi Leib zu sein. Dieses Bewusstsein beherrscht aber auch den Geist ihrer Ordnungen und Einrichtungen. Christus, der Verklärte, ist der Quellgrund ihrer Gewalten und Vollmachten. Daher können sie nur in seinem Namen geübt werden. Das ganze Verfassungsleben der Kirche ist von oben her, von Christus bestimmt. Die Autorität, die Vollmacht kommt nicht von unten, von der Gemeinde, sondern von oben, von Christus. Von dem in Christus offenbar gewordenen Gott fließt der Strom der neuen Gewalten über die Apostel zur Kirche. Die Apostel wirkten nicht kraft eigenen Rechtes, sondern als Abgesandte und Stellvertreter Christi (Lk 10,16; Mt 10,46). Die Apostel bestellten ihrerseits durch Handauflegung die Erstbekehrten zu Vorstehern. Nicht die Gemeinden waren also die Träger der apostolischen Vollmachten, sondern die im Namen Christi von den Aposteln an ihrer Statt gewählten „Ältesten“, „Vorsteher“, „Aufseher“. Nach dem Hinscheiden der Apostel waren es wieder diese Ältesten, welche ihre Sendegewalt durch Handauflegung weitergaben und die neu entstehenden Gemeinden um die mit der Sendegewalt Betrauten sammelten. Das kirchliche Amt ruht also auf der apostolischen Nachfolge (successio apostolica), auf der durch Handauflegung erfolgenden Fortleitung jener Sendegewalt, welche die Apostel von Christus empfangen haben. Diese Sendegewalt ist ihrem inneren Wesen nach nichts anderes als die messianische Vollmacht Jesu. So steht Jesus selbst hinter dem kirchlichen Amt. Christus ist die Hauptursache (causa principalis) aller kirchlichen Funktionen, ihr letzter Kraftquell und Wirkungsgrund. Der Mensch ist nur Werkzeug (causa instrumentalis) von all dem, was Christus selbst in der Kirche lehrt und heiligt und anordnet. Das Amt in der Kirche ist wesentlich Dienst Christi, das heißt ein Dienst, der im Namen und Auftrag Christi allein vollzogen wird und von der Autorität Christi ausschließlich seine Bedeutsamkeit hat. Das Wesentliche seiner Leistung ist von persönlichen Vorzügen und Schwächen durchaus unabhängig. Sein Predigen und Regieren geschieht in der Vollmacht Christi. Nicht er tauft, sondern Christus tauft durch ihn. Das kirchliche Amt will nichts anderes als den großen urchristlichen Gedanken schützen, dass in der Kirche nur eine Autorität zu Recht besteht, nur ein Lehrer, ein Gnadenbringer, ein Hirt: Christus der Herr.

Auch das kirchliche Lehramt ist an das Wort des Herrn gebunden. Wenn der katholische Priester das Wort Gottes verkündet, so predigt Christus selbst durch ihn. Weil die Lehrverkündigung der Kirche an Christus ausschließlich gebunden ist, darum hält die Kirche trotzig und starr an der überkommenen Christusbotschaft fest. Darum gibt es bei ihr kein Liebäugeln und kein Verbrüdern mit dem Zeitgeist. Ihr Lehren ist und will nichts anderes sein als ein Fortüberliefern der von den Aposteln verkündeten Botschaft Christi. Die Geschichte der kirchlichen Lehrverkündigung ist nichts anders als die Geschichte ihres zähen Festhaltens am Evangelium Jesu.

Noch unmittelbarer (als hinter dem kirchlichen Lehramt) steht Christus der Herr hinter dem sakramentalen Wirken in der Gemeinde. Die „sakramentale“ Gnade (die im Unterschied zu der vorübergehenden „wirkenden“ Gnade eine dauernde Gottverbundenheit schafft) wird nicht durch die persönlichen, sittlich-religiösen Bemühungen des Sakramentenempfängers erzeugt; sie wird gewirkt durch den bloßen Vollzug des sakramentalen Zeichens (ex opere operato). Indem die Verbindung von Ding und Wort (die jedem Sakrament eigentümlich ist) nach der Absicht der Kirche am Empfänger vollzogen wird, wird das sichtbare Zeichen zum „Werk Christi“. Es wirkt die im Symbolgehalt des Zeichens angedeutete sakramentale Gnade. Die religiös-sittliche Bemühung des mündigen (erwachsenen) Christen ist nicht die wirkende Ursache der Begnadung (causa efficiens), sondern bereitet nur darauf vor (causa dipositiva). Die Wirkursache der Gnade ist ausschließlich Christus selbst. Ob die dargebotene sakramentale Gnade auch wirklich für mich wirksam wird, das hängt von dem Ernst ab, mit dem ich mich der zuvorkommenden Gnade geöffnet und auf den Sakramentsempfang vorbereitet habe. Der katholische Sakramentsbegriff setzt also, sofern er auf die persönliche Aneignung der sakramentalen Gnade hinzielt, die religiös-sittliche Mitwirkung des Empfängers voraus.

Die Menschen, die Amtsträger in der Kirche stellen sich nicht vor oder über die Kirche. Die Kirche als der Leib Christi vollzieht vielmehr ihren Dienst mit ihrer Hilfe als Gottes Werkzeuge. Gottes Wahrheit und Gnade kommen zu den Menschen durch auserwählte und ausgerüstete Personen, die Gott dafür bestellt hat.

Amen.

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