Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
2. August 2026

Gott prüft

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Das Wort „Prüfung“ ist dem Menschen von heute gar wohl bekannt. Denn es begleitet ihn durch Kindheit, Jugend und reifes Alter. Wir alle kennen die Reifeprüfung, das Abitur, im Gymnasium, und die Meisterprüfung im Handwerksberuf. Prüfung ist die Feststellung der Leistungen und Fähigkeiten vor oder nach einer Ausbildung. Das Bestehen einer Prüfung ist eine Qualifizierung, die Berechtigungen verleiht. Das Wort Prüfung wird aber auch vom Leben und von den Lebensumständen gebraucht. Anforderungen an unsere Leistungsfähigkeit und Widerstände gegen unsere Kraft werden häufig als Prüfungen bezeichnet. Eine besondere Bedeutung kommt dem Begriff der Prüfung im moralischen Leben zu. Hier besagt er so viel wie die Erprobung der sittlichen Tüchtigkeit. Bestimmte Lagen und Verhältnisse werden als Gelegenheiten zur Durchsicht, Erforschung und Überprüfung der Willenskraft und Standfestigkeit eines Menschen verstanden. Ihnen kommt eine besondere Bedeutung zu, wenn Gott als ihr Urheber begriffen wird. Dass Gott prüft, durchzieht die ganze Heilige Schrift, aber ebenso unser eigenes Leben. Gott hat jedem Stern seine Lasten zugewogen. Er hat auch jedem Menschen zugewogen, was er tragen kann und tragen muss, um vollkommener werden zu können. Gott prüft den Frommen wie den Gerechten (Ps 10,6). Abraham, der Stammvater der Israeliten, wurde von Gott auf die Probe gestellt. Er forderte ihn auf, seinen einzigen Sohn zu opfern. Er unterwarf sich willig dem Befehl Gottes. Doch Gott erließ ihm die Ausführung. Er hatte gesehen, dass Abraham gottesfürchtig war, und er hatte die Probe bestanden. Auf der Wüstenwanderung murrte das Volk wegen des Mangels an Nahrung. Doch der Herr versprach, Brot vom Himmel regnen zu lassen, das die Israeliten einsammeln sollten. Das geschah, um sie auf die Probe zu stellen, ob sie nach seiner Weisung wandeln wollten oder nicht. Unter den jüdischen Verbannten in Babylon befand sich der fromme Tobias. Als er einmal müde nach Hause kam und einschlief, fiel aus dem Schwalbennest warmer Kot auf seine Augen und er wurde blind. Diese Prüfung ließ der Herr über ihn kommen. Er sollte der Nachwelt ein Beispiel der Geduld geben. Der Verfasser des Buches Tobias kommentiert diesen Vorfall mit den Worten: „Weil du Gott wohlgefällig warst, musstest du dich bewähren in der Prüfung“ (Tob 12,13).

Prüfungen Gottes sind Unglück und Glück, Leid und Freude, Versuchung und Not, Krank-heit und Schmerz, alle Schickungen und Fügungen unseres Lebens. Jedes Ungemach, das uns heimsucht, enthält eine Botschaft Gottes. An uns ist es, sie zu entschlüsseln. „Trifft dich ein Schmerz, so halte still, und frag dich, was er von dir will. Der liebe Gott, er schickt dir keinen, nur darum, dass du solltest weinen.“

Prüfung im Sinn der Erprobung der sittlichen Tüchtigkeit (tentatio probationis) ist von der Versuchung (tentatio seductionis) zu unterscheiden. Prüfungen sind keine Versuchungen. Prüfungen gehen von Gott aus, Versuchungen stammen vom Satan. Prüfungen wollen den Menschen nicht zum Bösen verführen, Versuchungen zielen auf den sittlichen Ruin des Menschen. „Keiner sage, wenn er versucht wird, er werde von Gott versucht. Gott kann nicht zum Bösen versucht werden; er versucht auch selbst niemand“ (Jak 1,13). Zwischen Versuchungen und Prüfungen kann ein Zusammenhang bestehen. Gott stiftet Versuchungen nicht an, sondern lässt sie nur zu. In der Zulassung kann die Absicht Gottes liegen, sie als Prüfung zu benutzen.

Prüfungen haben in der Absicht Gottes eine dreifache Bedeutung. Prüfungen sind einmal der Beweis des Vertrauens, das Gott auf den Menschen setzt. Er traut ihm zu, sie zu bestehen. Den größten Menschen, den Heiligen, hat Gott in der Regel das Schwerste geschickt, weil er ihnen am meisten zutraute. Nicht Nichtstun und Wohlleben, sondern Leid und Gefahr haben den Heiligen die leuchtenden Kronen um die Stirn gewunden. Den Heiligen hat es noch nicht gegeben, und dabei wird es bleiben, dem Schmerz nicht wehe täte und Lust nicht wohl. Die Kinder der Erde beteuern ihre Liebe mit Rosen; der Herr des Himmels aber schickt Dornen als Boten seiner Liebe (Faulhaber). Der Diakon Laurentius wurde auf einem glühenden Rost gemartert, weil er sich weigerte, die heiligen Bücher auszuliefern und das Vermögen der Kirche preiszugeben. An seinem Geburtstag für den Himmel beten wir: „Du hast mein Herz geprüft, o Herr, und mich heimgesucht bei Nacht. Im Feuer hast du mich erprobt, doch fand sich kein Unrecht an mir.“ Franz von Assisi wurde durch Haft und Krankheit vom lebensfrohen Kaufmannsohn zum großen Nachfolger des Heilands. Johannes von Capistrano wurde durch Kerker, Verlust seiner Verlobten und seines Vermögens vom Richter und Edelmann zum gewaltigen Bußprediger. Der himmlische Vater hat über seinen Sohn schwerste Prüfungen kommen lassen. Am Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit durfte der Satan versuchen, ihn von seiner messianischen Sendung abzubringen. In seinem engsten Jüngerkreis musste er einen Verräter dulden. Das Wissen, was ihm bevorsteht, wirft ihm am Ölberg zu Boden. Die grausame Strafe der Kreuzigung lässt ihn als ersten der drei Gekreuzigten den Tod erleiden. Jesus hat alle Prüfungen im Gehorsam gegenüber dem himmlischen Vater bestanden. Er konnte sein geprüftes Leben beenden mit dem Wort: „Es ist vollbracht.“

Prüfungen sind sodann der Beweis der Liebe Gottes. Er gibt dem Menschen Gelegenheit, seinerseits die Liebe zu beweisen. Das ist die große Frage Gottes an den Menschen: „Mein Kind, ist deine Liebe zu mir auch tragfähig? Ist es dir ernst mit deiner Treue?“ Die Prüfung bringt es an den Tag. Der Mensch kennt sich nicht, wenn er sich nicht in der Versuchung kennen lernt (Aug.). Gott kennt unsere Herzen, und doch prüft er sie. Er kennt sie. Warum prüft er sie dann? Um deinetwillen, auf dass du dich kennen lernest und jenem dankest, der dich schuf (Aug.). Die Echtheit der Liebe, jeder Liebe, zeigt sich am deutlichsten dann, wenn einer bereit und fähig ist, für den Geliebten und um des Geliebten willen zu leiden. Dann offenbart sich die Selbstlosigkeit der Liebe.

Was sind Prüfungen in der Absicht Gottes? Sie sind drittens das große Mittel der Auslese in seiner Hand. Gott schaut sich seine Leute an, bevor er sie in seine innige Gemeinschaft auf-nimmt, ob sie Spreu oder Weizen sind. Das Buch der Weisheit erklärt seine Absicht: „Nach kurzer Leidenszeit empfangen sie großes Glück; denn Gott prüfte sie und fand sie seiner würdig“ (Sap 3,5). Wir brauchen uns nicht zu verwundern, wenn er das Mittel auch bei uns anwendet; es kann nicht anders sein. Wer von uns kann sagen, er habe eine Läuterung nicht nötig? Vergebens suchte ein Pfarrer eine Kranke zu trösten. Da hörte man draußen den Schlag der Drescher in der Scheune. Das gab ihm einen Gedanken ein. „Warum dreschen sie?“, fragte er. „Damit das Korn aus den Ähren fällt.“ „Und wie lange dreschen sie?“ „Bis alles Korn heraus ist.“ „Länger nicht?“ „Nein.“ „Sehen Sie“, sagte der Pfarrer, „genauso ist es mit unserem Leiden. Gott schlägt uns, um alles gute Korn aus uns herauszuholen. Hat er sein Ziel erreicht, dann hat auch das Leiden ein Ende.“

Wie sollen wir uns in Prüfungen verhalten? Gottes Auge ruht auf uns. Sind wir bereit, auf seine Absichten einzugehen? Bernhard Lichtenberg, der große Berliner Heilige, war es. Er lebte nach dem Grundsatz: „Wie Gott will, ich halte still.“ Wir müssen entschlossen sein, auf die Absichten Gottes einzugehen, wenn er Prüfungen über uns kommen lässt. Alfons vom Liguori betete: „O Wille meines Gottes, du bist meine ganze Liebe!“ Theresia von Lisieux erklärte: „Ich bitte um nichts mehr mit Ungestüm außer darum, dass der Wille Gottes sich an meiner Seele erfülle. Im Himmel wird Gott all meinen Willen erfüllen, weil ich auf Erden nie meinen Willen tat.“ Das Harren auf den Herrn muss gegenüber der Prüfung die Grundhaltung des Christen sein.

Gott lässt die Bewährung in der Prüfung nicht unbelohnt. Der Apostel Jakobus versichert uns: „Selig der Mann, der in der Prüfung besteht! Hat er sich bewährt, wird er die Krone des Lebens empfangen, die Gott denen verheißen hat, die ihn lieben“ (Jak 1,12). Die Gott am schwersten prüft, lohnt er am herrlichsten. Im Buch der Weisheit wird das Los der Guten im Jenseits geschildert. „Nach kurzer Leidenszeit empfangen sie großes Glück. Denn Gott prüfte sie nur und fand sie seiner würdig. Wie Gold im Ofen erprobt er sie und nahm sie wie ein Brandopfer an“ (Sap 3,5f.).

Amen.

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