11. Januar 2026
Ideal und Wirklichkeit
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Geliebte im Herrn!
Es besteht eine Spannung zwischen den beiden gegensätzlichen oder doch als Gegensätze empfundenen Begriffen Ideal und Wirklichkeit. Es existiert eine Kluft zwischen den Vorstellungen, die wir uns machen, und den Tatsachen, wie sie wirklich sind. Eine Kluft zwischen Wünschen und Erwartungen und ihrer Erfüllung; zwischen den Werken, die wir tatsächlich zustande bringen, und den Absichten, die uns ursprünglich leiten. Diese Kluft zieht sich nicht nur durch die äußere Welt, die uns umgibt, sondern auch durch unsere eigene Seele. Ja, sie geht selbst durch die Verheißungen und Werke Gottes, und gerade hier wird sie am schmerzlichsten und erreicht eine geradezu furchtbare Tiefe und Weite. Die Wirkung, die dieser Zwiespalt auf uns ausübt, ist immer eine herbe Enttäuschung, eine unstillbare Traurigkeit, eine untröstliche Verwundung, ein Nichtbegreifenkönnen. Wir kommen uns wie verlassen und ohnmächtig, ja wie betrogen vor. Und unter dem Gewicht dieser Empfindungen werden wir leicht irre an den Menschen, an uns selbst, ja an Gott, wir nehmen Ärgernis. Einer der größten Propheten, Jeremias, hat sich bei Gott geradeheraus beklagt: „Herr, du hast mich in die Irre geführt!“ Und der Heiland warnt seine Jünger: „Selig, wer an mir nicht Ärgernis nimmt!“ Dieses Ärgernis ist also nicht eine rein weltliche Angelegenheit, als ob wir bloß von den Menschen und ihrer armseligen Wirklichkeit enttäuscht würden. Es ist wahrhaft ein religiöses und bis in die Nähe Gottes reichendes Problem; eine schmerzliche Spannung, die dem menschlichen und dem christlichen Leben innerlich eigen ist. Wir sind versucht, ein Ärgernis zu nehmen, erstens an der Welt, zweitens an uns selbst, drittens an Gott.
Das erste und häufigste, ja alltägliche Ärgernis, das wir nehmen, kommt von der Welt, die uns umgibt, von den Menschen. Wir hören oft das Hohe Lied vom Menschen und seiner Herrlichkeit. Wie werden die großen Männer und Frauen der Zeit und der Vorzeit uns gepriesen! Aber wenn wir einen Menschen ganz in der Nähe sehen und bis in seine tägliche Kleinwelt hinein kennenlernen; wenn wir ihn so lange in der Nähe haben, dass aller äußere Firnis, alle Schminke und Tünche abfällt; dann entdecken wir oft erschreckend viel Kleinlichkeit, Hässlichkeit und sogar Gemeinheit. Die großen Männer erscheinen nicht mehr groß, die Helden erscheinen feige, die Weisen erscheinen kleinlich und eng. Das Kind erscheint als lästiger, unerzogener und unausstehlicher Quälgeist. Der Vatername, mit dem wir selbst Gott bezeichnen, erweckt in vielen Menschen die peinlichsten und beschämendsten Erinnerungen. Die Mutterliebe, deren Preislied durch alle Zeiten tönt, ist in Wirklichkeit selten ganz rein, groß und heilig. Die Ehe ist nicht so selig, wie sie von den Dichtern besungen wird, ach, Gott, gewiss nicht. Und die Klöster sind nicht von Heiligen bewohnt, wie man es erwartet. Die Priester sind nicht solche seeleneifrigen Hirten, nicht so von Ewigkeitsgedanken erfüllte und von selbstloser Liebe zum Volk getriebene Gottesdiener; wie sie versprechen. Ach, wie klein und erbärmlich erscheint alles Menschliche, alles Politische, ja auch alles Religiöse und Kirchliche, wenn man es ganz in der Nähe sieht. Da erschrecken wir, da entrüsten wir uns, unser Vertrauen wankt, wir nehmen Ärgernis.
Dieses Ärgernis kommt zum guten Teil von der Übertriebenheit unserer Vorstellungen, die wir uns selbst gemacht oder die man uns eingeflößt hat. Es ist viel Unwahrheit in den Heldengesängen, den Abschiedsreden und den Jubiläumsansprachen, mit denen sich die Menschen selbst zu verherrlichen pflegen. Es kann aber auch nicht verschwiegen werden, dass viel Ärgernis von der Selbstsucht unserer eigenen Erwartungen kommt. Wir erwarten von den Menschen zu viel für uns. Und wenn sie unseren persönlichen Nutzen, unsere Bequemlichkeit, unsere Ehrsucht, Herrschsucht und Genusssucht nicht so befriedigen, wie wir es erwarten, dann sind wir bitterböse vor Enttäuschung. Und endlich kommt das Ärgernis von der allmenschlichen Unzulänglichkeit, von der geschöpflichen Begrenztheit, von dem allzumenschlichen Versagen der Welt. Die Menschen sind eben doch nicht so gottähnlich, wie sie sein könnten; ihre Schwäche, Armseligkeit und Bosheit, ihre Schuld und Sünde ist tatsächlich über alles Begreifen groß.
Das eben ist die allmenschliche Tragik, dass in unserem Geist und seinen Ideen und Idealen eine Unendlichkeit sich auftut, dass wir aber nicht die Kraft aufbringen, dem Flug unserer Gedanken wirklich zu folgen. Darin liegt unsere Größe und Kleinheit zugleich: Das Unsterbliche, Überirdische und Göttliche in uns ist gebunden an Stoffliches, Irdisches und Zeitliches. Wir wissen zu viel, als dass wir unsere Unwissenheit vor uns verheimlichen könnten. Wir können so viel, dass wir immer an unsere Schwäche, Ohnmacht, an die Grenzen unseres Könnens anstoßen müssen. Kein Tier hat eine Ahnung von seiner Begrenztheit. Nur der Mensch weiß etwas von seinem Nichtwissen. Nur er fühlt sein Nichtkönnen, weil er tatsächlich einen Ruf zu Allwissenheit und Allmacht in sich trägt.
Dass dieses Ärgernis an den Menschen nicht zum Schaden werde und zum eigenen Verderben, das ist nun die Forderung einer christlichen Lebenskunst. Dass wir nicht irre werden an den Menschen und bitter und hart und mit zurückstoßender Gebärde uns in den Weltüberdruss und in die Menschenscheu hineinflüchten. Wir können diese Gefahr nur vermeiden, wenn wir nicht nur unsere Vorstellungen läutern von allem Übertriebenen, sondern wenn wir auch unsere Herzen läutern von aller Selbstsucht, die so leicht sich gekränkt fühlt und aus Gekränktheit gleich alles Menschentum verurteilt. Aber auch diese Reinigung von selbstsüchtigen Erwartungen ist noch nicht genug. Wir müssen überdies und vor allem erfüllt sein von einer großen, weiten Güte, die nicht eng und borniert immer nur auf die Schwäche des Menschenlebens starrt, sondern die auch das Große, das Rührende und Erschütternde, das Tragische unseres Menschseins erwägt und überschaut und das Kleine und Armselige an seinem Platze sieht, an seinem kleinen Platze.
Das zweite Ärgernis nehmen wir an uns selbst. Nicht alle Menschen gelangen dazu. Vielleicht ist es nur eine kleine Minderheit, die dieses Ärgernis erlebt. Wenn ein Mensch endlich dazu gelangt, die Verheißungen, die er sich selbst machte, zu vergleichen mit den Erfüllungen, die er sich selbst gab. Wenn er die hohen und stolzen Vorstellungen, die er über sich selbst gefasst hat, vergleichen lernt mit der Wirklichkeit seines Wesens. Einem ehrlichen Menschen geht es zuweilen ahnungsweise auf in einer furchtbaren Stunde, dass er über sich selbst weinen, bitterlich weinen muss. Dann hat er dieses heilige und heiligmachende Ärgernis an sich genommen. Ein solches Ärgernis nehmen können an sich selbst ist eine Gnade und ein Ansatz zu etwas Großem. Es beweist, dass es diesem Menschen nicht an Selbsterkenntnis und Ehrlichkeit fehlt. Es fragt sich aber, ob sein Lächeln über sich selbst zu einem Hohngelächter umschlägt; ob seine Selbstanklage zu einer Selbstverdammnis ausartet; ob er auch in dem bitter wehtuenden Ärgernis, das er an sich selbst nehmen musste, noch demütig und gütig und geduldig gegen sich selbst und vertrauend gegen Gott bleibt. Es ist eine der entscheidendsten Stunden, die ein Mensch erleben kann, die Entscheidung, wie er das Ärgernis an sich selbst nimmt, annimmt, aufnimmt und trägt und welche Folgerungen er daraus zieht. Ein Ärgernis hat Kain an sich genommen, und es ward ihm zur eigenen Verwünschung. Judas hat ein Ärgernis an sich genommen, und es ward ihm zum Selbstmord. Aber auch der verlorene Sohn hat ein Ärgernis an sich genommen, und es ward in ihm zu einer wundervollen Reife, in Demut, Empfänglichkeit und Bereitwilligkeit. Ein Ärgernis hat Petrus an sich genommen, und es ward in ihm zu der stillen und ernsten Größe eines guten Hirten. Ein Ärgernis hat auch Magdalena an sich genommen, und es ward ihr zu einem großen Schweigen und einem schweigenden Weinen, zu kostbaren Tränen, zu einer allbereiten und alles vermögenden Liebeskraft.
Eine dritte Welt des Ärgernisses betreten wir, wenn wir von dem Ärgernis an Gott reden. Die Gründe, warum ein Mensch Ärgernis an Gott nehmen kann, sind sehr verschieden. Vielleicht gehören sie alle in drei Klassen. Der erste Grund ist ein Beweis von seelischer Kleinheit und einer Armseligkeit des Gottesgedankens, des Gottesglaubens. Wenn nämlich ein Mensch deshalb Ärgernis an Gott nimmt, weil dieser Gott ihm seine Wünsche und seine Gebete nicht so buchstäblich und nicht so pünktlich erhört und erfüllt, wie er sich denkt und erwartet. Das ist ein weit verbreitetes und eigentlich primitives Ärgernis; als ob Gott nur dazu da wäre, die kleinen und kleinsten Wünsche eines engstirnigen Menschen zu erfüllen. Dieses Ärgernis beweist nicht nur eine Kleinheit im Denken, sondern auch eine Enge des Herzens, eine selbstsüchtige Art, alle Dinge, ja selbst den großen Gott zu messen an der eigenen Geringfügigkeit.
Dann gibt es eine Stufe des Ärgernisses an Gott, die unvergleichlich höher liegt. Es geht aus der Furcht, ja aus der Ehrfurcht vor Gott hervor. Wenn ein Mensch sich ganz Gott anvertraut und hingegeben hat mit letzter Bereitwilligkeit, und dieser Gott schweigt, bleibt fern, streckt keine Hand aus, das Opfer anzunehmen; schenkt in keiner irgendwie spürbaren Weise seine Führung, sein Interesse, sein Entgegenkommen, dann erwacht in dem bereitwilligen, dienstwilligen, opferwilligen Menschen der furchtbare Gedanke: Gott will mich nicht, er will mein Opfer nicht, er schaut nicht einmal her auf meine Gabe, ich kann ihm nichts sein, er ist zu groß für mich, und mein guter Wille ist zu gering und arm. Gewiss, ich kann nichts bieten diesem großen Gott, ich kann nicht erwarten, dass mein Angebot einen Wert hätte vor ihm; aber ich hätte doch von seiner Größe und Güte hoffen dürfen, dass er auch mit meiner Kleinheit und Armut etwas anfangen, etwas daraus machen kann. Nun hat er mich anscheinend aus den Augen und aus dem Herzen verloren. Bin ich so wenig, dass selbst er und sein unendlich klares, helles und allsehendes Auge mich nicht mehr zu sehen, zu entdecken vermag? Was soll ein solcher Mensch noch erwarten, wenn selbst Gott nichts von ihm will? Worauf soll er sich noch freuen, wenn selbst Gott, der unendliche, großherzige Gott, keine Freude mehr an diesem Geschöpf aufzubringen vermag? Ja, dieses Leid ist groß und schrecklich, aber es ist noch nicht die höchste Stufe.
Die letzte und oberste Stufe des Ärgernisses an Gott erreicht der Mensch, in dem sogar die Liebe zu Gott Ärgernis nehmen muss. Ein Mensch, der in diese letzte Dunkelheit hineingeht, hat eine solche Liebe zu Gott, dass ihm ist, als genüge selbst Gott den Erwartungen dieser Liebe nicht. Er hat eine solche Vorstellung von der Größe Gottes, dass ihm alle Gotteswerke zu klein erscheinen, nicht Ehre genug einbringen für Gott. Er hat eine solche Vorstellung von der Güte Gottes, dass es ihn dünkt, als ob alle Werke Gottes diese Güte nicht genügsam zum Ausdruck brächten. Einem solchen Menschen ist der ganze von Gott geschaffene Sternenhimmel noch ein Grund zur Betrübnis, weil er findet, dass er die Herrlichkeit Gottes noch zu wenig rühme. Die von Gott gegründete Kirche ist ihm ein unstillbarer Kummer, weil sie nicht so heilig und umfassend, so rein und mächtig ist, dass alle Menschen um ihretwillen den Vater im Himmel preisen, wie man ihn preisen sollte. Selbst die heiligen Sakramente sind nicht so wirksam, dass man daran die Süßigkeit Gottes verspüren und gebührend anerkennen könnte. Ein solcher Mensch ruft zu Gott mit stummer Gebärde, mit sehnsüchtigen Augen, mit einem heißen und leeren Herzen. Warum, o Herr, warum zeigst du dich nicht so, wie du bist? Warum verhüllst du dich? Das ist das große Leid der Heiligen, das Leid der von der Liebe Geblendeten, die Gott nicht mehr erkennen können in den Gestalten, in denen er sichtbar wird. Alle seine Offenbarungen erscheinen ihnen wie eine allzu arme Verkleidung, alle seine Erscheinungen wie eine Verhüllung, alle seine Lichtstrahlen wie eine Dunkelheit gegenüber der Lichtfülle, die doch in ihm ist. Der Mensch, der dieses wundersam schreckliche und heilige Ärgernis an Gott selbst nimmt, wandelt im Lande der Wirklichkeit, und weit drüben sieht er das Land der Erscheinungen, der Gleichnisse und der Schatten. Er steht dort, wo Gott wirklich steht, und er leidet darunter, dass es außer Gott nur ein so armseliges Sein gibt. Er ist vorgedrungen bis zur wahren Wirklichkeit und hat entdeckt, dass alles außer Gott nur ein unvollkommenes Abbild Gottes ist, dass alle Namen ihn nicht nennen, alle Gestalten ihn nicht enthüllen, alle Werke ihm nicht gleichen. Er steht vor der Erkenntnis, dass Gott ein einziger und unvergleichlicher Gott ist, von dem es kein Bildnis gibt und den kein Geschöpf würdig vertreten kann.
Amen.