Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Heilige
30. August 2026

Papst Pius X.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Am 3. September begeht die Kirche den Gedenktag des heiligen Papstes Pius X. Er regierte die Kirche von 1903 bis 1914. Giuseppe Sarto legte den Weg vom Kaplan über den Pfarrer, Domherrn und Generalvikar zum Bischof von Mantua und Patriarchen von Venedig zurück. Am 4. August 1903 wurde er zum Nachfolger des Apostels Petrus gewählt. Als er im Konklave gewahr wurde, dass die Wahl auf ihn hinauslief, geriet er in Schrecken. Mit Tränen in den Augen flehte Kardinal Sarto das Kardinalskollegium an, sie möchten doch von seiner Wahl absehen: „Ich bin unfähig und unwürdig. Vergesst mich!“ Er meinte es durchaus ehrlich. Nicht falsche Bescheidenheit riet ihm diese Ablehnung, sondern die Riesenlast der Verantwortung, die er nur allzu deutlich voraussah. Er wurde mit fünfzig von zweiundsechzig Stimmen gewählt. Nun erblickte er in der Wahl den Willen Gottes und nahm die Wahl an, jedoch nicht, ohne die Kardinäle sogleich um ihre Mitarbeit zu bitten: „Helft mir, ich bitte euch, helft mir!“ Sein Hauptziel als Papst war die innere Stärkung der Kirche im Heiligen Geiste. So stellte er seinen Pontifikat unter das Wort: „Alles in Christus erneuern“ (Eph 1,10), und nach diesem Prinzip hat er gehandelt. Er entfaltete eine umfassende Tätigkeit. Ich erwähne nur kurz zwei seiner Unternehmungen. 1. In allen Bistümern Italiens wurden Apostolische Visitationen durchgeführt. Sie räumten mit Nachlässigkeit und Schlamperei auf. 2. Der Papst fasste den zerstreuten Rechtsstoff der Kirche in einem Kompendium, dem Codex Iuris Canonici, zusammen, verbesserte und vervollständigte ihn. Damit kamen Sicherheit und leichte Handhabung der Disziplin in die Kirche. Beides waren große Taten. Ich möchte heute nur eine einzige Tätigkeit des Papstes Pius X. ausführlich vorstellen, nämlich seinen Kampf gegen Trübung und Zersetzung der Wahrheit der Offenbarung und des Glaubens. Der Papst hatte ein feines Gespür für alles Häretische und Unkatholische. Er fasste die irrigen und verderblichen Meinungen unter dem Begriff Modernismus zusammen. Er war überzeugt, dass die zeitgenössischen Irrtümer zur Zerstörung der Kirche, ja sogar des Christentums führen. Damit hatte er recht. Pius X. hat die Vertreter und Anhänger der häretischen Gedanken und Vorstellungen in der Kirche zum Schweigen gebracht. Ihre Wünsche und Absichten vermochte er nicht zu beseitigen. Sie gärten und wucherten weiter. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind die modernistischen Ideen und Vorhaben in vermehrtem Maße aufgetaucht, haben sich verbreitet und in der Theologie weithin durchgesetzt. Es ist deswegen angebracht, die Gläubigen zu unterrichten, vor welchen Verirrungen sie sich hüten müssen.

Was streben die Feinde der Kirche an? Sie wollen die Religion einebnen. Sie ist nach ihrer Ansicht nicht göttlichen, sondern menschlichen Ursprungs. Die Religion entspricht nach ihnen dem menschlichen Innenleben. Sie wird nicht von außen, etwa durch Offenbarung und dogmatische Lehrverkündigung vermittelt. Ihre Wurzel ist vielmehr das praktische Bedürfnis. Religion ist die innere und zum Wesen des (natürlichen) Menschen gehörende Erfahrung Gottes. Zwischen den vielen Religionen bestehen lediglich graduelle Unterschiede. Alle Religionen sind von Menschen gemacht, können frei gewählt und frei aufgegeben werden. Eine absolute, allein richtige und wahre Religion gibt es für die Modernisten nicht.

Nach der Umdeutung des religiösen Phänomens im Allgemeinen gehen die Feinde des Glaubens die christliche Religion an. Die Religion Jesu Christi entsteht nach ihnen nicht durch von außen an den Menschen herantretende Kundgabe Gottes und durch kirchliche Lehrtätigkeit, sondern entspringt dem Innern des Menschen. Die sogenannte christliche Offenbarung ist kein Sprechen Gottes, auch nicht in der Person Jesu Christi. Vielmehr stieg in der Seele Jesu das religiöse Gefühl ins Bewusstsein. Sooft sich dieser Vorgang in anderen Menschen wiederholt, so oft wird der Mensch von der Gottheit innerlich berührt, „offenbart“ sich ihm Gott. Offenbarung geschieht jederzeit, ist nicht auf eine bestimmte Epoche der Vergangenheit eingeschränkt.

Die Feinde der Kirche bestreiten, dass es überzeitliche religiöse Wahrheit gibt. Wahrheit ist immer relativ, sie ist stets abhängig von dem Standpunkt, dem Milieu, der Erziehung, der Kultur des jeweiligen Einzelnen. Wahrheit ist das, was jeder einzelne dafür hält. Eine allgemeine, für alle verbindliche und die Zeiten durchhaltende Wahrheit existiert nicht. Das gilt auch für das Christentum. Die christliche Lehre nach modernistischer Ansicht war in ihren Anfängen jüdisch, wurde danach zunächst paulinisch, dann johanneisch, schließlich hellenistisch und allgemein. Eine Heilige Schrift als Kompendium der Wahrheit existiert nach den Feinden des Glaubens nicht. Die Bibel ist ein Buch wie jedes andere und steht auf einer Ebene mit dem Koran und dem Veda. Die sogenannten heiligen Schriften sind nichts anderes als eine Sammlung von außerordentlichen Erlebnissen gottbegeisterter Menschen. Zu glauben, Gott sei der Urheber der Heiligen Schrift, beruht auf Einfalt und Unwissenheit. Die Schrift ist wie jede andere rein menschliche Urkunde zu interpretieren. Nichtkatholische Exegeten haben den wahren Sinn der Heiligen Schrift getreuer ausgedrückt als katholische. Die Feinde Gottes entkleiden Jesus Christus seiner göttlichen Würde. Christus wird Sohn Gottes genannt, nicht weil er es wirklich und wesentlich ist, sondern weil er der Messias ist, ein jüdischer Prophet. Aus der Geschichte Christi ist alles zu streichen, was nicht natürlich ist und nicht jeden Tag geschieht. Der Christus der Geschichte ist der einzig wahre, der Christus des Glaubens ist ein Produkt frommer Verehrung. Die Lehre vom Sühnetod Jesu ist keine Lehre der Evangelien, sondern stammt von Paulus. Jesus hat sein Sterben nicht so verstanden. Die Auferstehung Christi ist nicht eine geschichtliche Tatsache, sondern eine Behauptung der Verehrer Christi, die aus ihrer Verehrung geboren ist. Geschichtlich ist nur der Glaube an die Auferstehung.

Die Feinde des Glaubens leugnen die übernatürliche Wirklichkeit der Kirche. Die Kirche ist nach ihnen nicht von Christus gegründet, sondern von seinen Anhängern. Jesus hatte nicht die Absicht, eine über Jahrhunderte fortdauernde Gemeinschaft zu gründen. Das Papsttum ist nicht von Christus geschaffen, sondern vom Machtwillen der Menschen erzeugt. Simon Petrus hatte niemals auch nur eine Ahnung, dass ihm von Christus der Primat in der Kirche übertragen wurde. Entsprechend diesen vermeintlichen Erkenntnissen sind die Forderungen, welche die Feinde der Kirche an sie stellen. Die zentralisierte Autorität muss dezentralisiert werden. Die Autorität in der Kirche muss demokratische Formen annehmen. Der Unterschied zwischen Klerus und Laien ist hinfällig. Die Laien haben den gleichen Anteil an der Leitung der Kirche wie die Kleriker. Wie die (parlamentarische) Demokratie soll die katholische Kirche geleitet werden durch Diskussion, Kompromiss und Beschlüsse. In der Debatte soll sich herausstellen, was heute zumutbar ist, was man gemeinsam als Glaube und als sittliche Leitlinie ansehen kann. Die Kirche soll synodal werden. Gemischte Versammlungen von Klerikern und Laien sollen ihre Glaubens- und Sittenlehre formulieren und gegebenenfalls verändern, sie „zeitgemäß“ machen, den wechselnden Mehrheitsmeinungen der Bevölkerung anpassen.

Die Feinde der Kirche verwerfen den übernatürlichen Ursprung und Inhalt der kirchlichen Sakramente. Die Sakramente gehen nach ihnen nicht auf Christus zurück, sondern auf die Apostel und ihre Nachfolger. Sie entstehen aus dem Drang des menschlichen Herzens, die Religion sinnlich zu bekennen und zu betätigen. Die Sakramente haben lediglich den Zweck, die Gegenwart des Schöpfers ins Gedächtnis der Menschen zurückzurufen. Die Taufe ist von der Gemeinde eingeführt worden. Die Unterscheidung von Taufe und Firmung ist nachapostolisch. Das Priestertum ist aus der Übung entstanden, dass einige aus der Gemeinde dem Abendmahl vorzustehen pflegten. Bischöfe und Priester wurden nicht bestellt, um Sendung und Voll-macht der Apostel fortzusetzen. Einen Weihecharakter, ein unauslöschliches Siegel, das den Priester Christus verähnlicht, gibt es nicht. Die Beschränkung der Fähigkeit zum Empfang der Priesterweihe auf Angehörige des männlichen Geschlechtes ist aufzugeben.

Wie sich aus der kurzen Zusammenstellung der Thesen der modernistischen Theologie ergibt, gilt folgendes: Die modernistische Theologie ist ungläubig. Der Unglaube zerstört den göttlichen Ursprung der christlichen Religion. Die modernistische Theologie ist gottfeindlich. Sie leugnet die Transzendenz, die Weltüberlegenheit Gottes des Schöpfers. Die Gottheit ist nicht wesentlich vom Menschen verschieden. Gott ist im Menschen immanent. Der Seelengrund ist die Immanenz Gottes im Menschen. Die modernistische Theologie ist christusfeindlich. Sie drückt die Person des göttlichen Erlösers zu einem bloßen Menschen herab. Die modernistische Theologie ist offenbarungsfeindlich. Sie leugnet die Berufung der Propheten durch Gott und die Kundgabe göttlicher Geheimnisse durch Christus und seine Apostel. Die modernistische Theologie ist glaubensfeindlich. Der Glaube ist für sie ein inneres Gefühl, das aus dem Bedürfnis nach Gott entsteht und aus dem Unterbewusstsein emporwächst. Die modernistische Theologie ist kirchenfeindlich. Sie leugnet die Stiftung der Kirche durch den historischen Christus, ihre gottgegebene Verfassung und ihre lehramtliche Unfehlbarkeit. Eine Kirche, die auf Mehrheitsbeschlüssen beruht, ist eine bloße Menschenkirche. Sie ist genauso machbar wie alles andere in der Welt. Sie trägt nichts Bleibendes und nichts endgültig Verbindliches in sich.

Es ist offensichtlich, dass die unter dem Namen Modernismus zusammengefassten Ansichten und Vorstellungen diametral dem christlichen Glauben widersprechen. Aus der Gewissheit und Verbindlichkeit des christlichen Glaubens wird eine kulturspezifische, geschichtlich bedingte, ja subjektive religiöse Option. Wenn die genannten Verirrungen sich dauerhaft durchsetzen sollten, ist das Ende der katholischen Kirche und des gesamten Christentums gekommen. Alle, die sich die modernistischen Losungen zu eigen gemacht haben, sind zumindest innerlich aus der katholischen Kirche, der einen und einzigen Kirche Christi, ausgeschieden. Von ihnen gilt das Wort des Apostels Johannes: „Sie haben nicht zu uns gehört. Denn hätten sie zu uns gehört, so wären sie geblieben“ (1 Joh 2,19). Wer am Glauben der Kirche festhalten will, muss der modernistischen Theologie widerstehen und sich an ihre Verwerfung durch den heiligen Papst Pius X. halten. Papst Pius X. hat den Modernismus, das Sammelbecken aller Irrtümer, entschieden bekämpft. Er hat ihn und seine Vertreter aus der Kirche ausgeschieden. Aber die modernistischen Ansichten und Vorstellungen lebten weiter in den abgefallenen Theologen und ihrem Anhang. In der Tschechei organisierten sie sich in der 1920 gegründeten Hussitischen Kirche. Die modernistischen Verirrungen blieben eine andauernde Versuchung. Unterschwellig übten sie auf manche Theologen eine gefährliche Anziehung aus. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und seinen Begleitumständen wagten sie sich bei zahlreichen Theologen hervor. Der Kampf des heiligen Papstes Pius X. gegen den Modernismus ist zu neuer Aktualität erstanden. Seine Lehren und Maßnahmen sind heute so unerlässlich wie gestern. Die gläubigen Theologen sind aufgerufen, ihm entschiedene Gefolgschaft zu leisten.

Amen.

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