Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
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25. Oktober 2026

Frieden II

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Die Kirche soll nach Christi Willen ein Reich des Friedens sein. Hier soll der gläubige Mensch Ruhe finden für seine Seele. Die Kirche verfügt über Mittel und Einrichtungen, die Gläubigen zum Frieden zu führen und im Frieden zu erhalten. Die Kirche verkündet in ihrer Liturgie unablässig das Evangelium des Friedens. In jeder heiligen Messe fleht sie wiederholt um Frieden. Ich erinnere nur an die dritte Anrufung des Lammes Gottes und das folgende Friedensgebet vor der heiligen Kommunion. Ein Heilmittel des Friedens ist das Sakrament der Buße. Hier wird der Friede mit Gott und mit den Brüdern und Schwestern neu geschenkt. Die Beichte ist wahrhaft das Sakrament des Friedens, weil sie die Versöhnung mit Gott und der Kirche bringt. Dem Frieden in der Kirche dient deren hierarchische Ordnung. Es gibt Stufen der Führungsberechtigung und der Verantwortung, die beobachtet werden wollen. Der Pfarrer leitet eine örtliche Gemeinde. Der Bischof steht einem Teil der Gesamtkirche vor. Der Papst waltet als Oberhirt der ganzen Kirche. Die Über- und Unterordnung ist nach Gottes Willen verpflichtend. Der Christ ist zur Einordnung und zum Gehorsam gegen die recht gebietenden Organe der Hierarchie verpflichtet. Einordnung und Gehorsam schaffen Ordnung und Frieden in der Kirche. Aus dem Unwillen, sich dem Befehl eines Oberen zu beugen, entstehen Zerwürfnisse, Streitigkeiten und Spaltungen. Wenn Glieder einer Pfarrei gegeneinander stehen, zerfällt die Gemeinde. Wenn Bischöfe dem Papst widerstehen, bilden sich schismatische Sonderkirchen. Wenn Theologen ihre Meinung gegen die Lehre der Kirche setzen, verführen sie die Gläubigen und bereiten dem Abfall den Weg.

Die christliche Gemeinde ist der Verband von Gläubigen, der einem Priester zur Seelsorge übertragen ist. Die Gemeinde ist die rechtliche und organisatorische Grundlage, auf der sich die Einheit und Gemeinschaft des Glaubens, des Gottesdienstes und der Nächstenliebe aufbaut. Die christliche Gemeinde soll eine Stätte des Friedens sein. Doch die Menschen sind unterschiedlich geartet, haben verschiedene Vorlieben und Abneigungen. Dabei kann es zu Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen, im schlimmsten Fall zu Zwistigkeiten und Zerwürfnissen kommen. Der eine schätzt die Stille in der heiligen Messe. Der andere drängt auf ständiges lautes Beten. Der eine liebt den Duft des Weihrauches. Der andere möchte ihn vermieden sehen. Der eine singt gern und viel in der heiligen Messe. Der andere wünscht mehr Stille zum persönlichen Gebet. Der eine fordert, dass die Fenster geöffnet werden, um Luft hereinzulassen; der andere drängt darauf, sie zu schließen. Dem einen zelebriert der Priester die Messe zu schnell, einem anderen zu langsam. Der eine schätzt eine ausgiebige Predigt, in der ein Kerngedanke richtig entfaltet wird. Der andere sieht nur darauf, so bald wie möglich die Kirche verlassen zu können. In jeder Gemeinde gibt es Dinge, die einem gefallen, und andere, die einem nicht gefallen. Wenn jeder auf seine Meinung beharrt, zerfällt die Gemeinde. Es gilt die Mahnung: Vertraget einander! Gebt nach, ohne zu murren! Verzichtet auf die eigene Meinung! Entschlagt euch eigener Ansprüche! Unterlassen Sie das Eifern, Schimpfen und Drängen gegeneinander! Ertragen Sie sich in Nachgiebigkeit und Entgegenkommen!

„Friede sei diesem Hause und allen, die darin wohnen“, heißt es in dem Ritus des Haussegens. Die Familie, das Heim, die Wohnung soll ein Ort des Friedens sein. Dort soll der Mensch sich heimelig und wohl fühlen. Doch Zank und Streit sind vielerorts keine unbekannten Erscheinungen. Unfrieden entsteht zumeist durch Reden. Daher gilt: Weniger reden. Vor jedem Reden überlegen: Ist das notwendig, nützlich, aufbauend, was ich sagen will? Wir könnten viel Ruhe und Frieden haben, wenn wir uns Kopf und Herz nicht so sehr marterten mit dem, was andere reden und tun und was uns doch eigentlich gar nichts angeht. Der kann nicht lange im Frieden leben, der sich in fremde Dinge mischt. Was andere tun und reden, darüber erlaube dir nie ein unüberlegtes Urteil, und mische dich nicht in Dinge, die dir nicht anvertraut sind. Ein weiteres Mittel, Frieden im Hause, in der Familie, in der Nachbarschaft zu halten, liegt in gerechtem Verhalten gegenüber dem Nächsten. Deine Handlungen kannst du alle schön färben und in mildem Lichte erscheinen lassen; aber fremde Entschuldigungen willst du nicht gelten lassen. Wenn du nach dem Gesetz der Gerechtigkeit richten wolltest, müsstest du dich selbst anschuldigen und deinen Bruder oder deine Schwester entschuldigen. Wenn du willst, dass andere dich ertragen, so ertrage du sie zuerst. Nachgeben, auf eigene Wünsche und Vorlieben verzichten, anderen den Vortritt lassen, selbst zurücktreten, das sind Mittel, den Frieden zu bewahren. Es gibt Menschen, die dauerhaften Frieden in sich haben und auch mit anderen in Frieden leben. Es gibt aber auch Menschen, die weder in sich Frieden haben noch andere in Frieden lassen. Endlich gibt es Menschen, die in sich selbst Frieden haben, aber sich auch bemühen, andere zum Frieden zurückzuführen.

Frieden soll auch unter den Völkern bestehen. Wenn die Regierenden ihre Entschlüsse und Handlungen an der Gerechtigkeit ausrichten, müssten normalerweise Konflikte ausgeschlossen sein, freilich vorausgesetzt, dass alle sich der Gerechtigkeit beugen. Es ist also Einsicht verlangt in Entscheidungen und Regelungen, die gerecht sind. Unstimmigkeiten, Meinungsverschiedenheiten, Reibungen und Zerwürfnisse scheinen freilich unvermeidlich zu sein. Aber es kommt darauf an, wie man sie austrägt. Krieg ist die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Staaten. Die Kriegsursachen sind meistens traurig und beschämend: Interessengegensätze, Macht- und Herrschaftskonflikte, Legitimationsdefizite politischer Herrschaft, konkurrierende Gebietsansprüche. Zwei verheerende Weltkriege haben die Menschen nicht davon abgehalten, erneut übereinander herzufallen. Die Aussichten für Frieden auf der Erde sind düster. Eines dürfte gewiss sein: Der Weltfriede kommt nicht heute und nicht morgen. Er kommt erst dann, wenn das Reich Gottes seine Tage vollendet. Er kommt erst am Silvesterabend der Weltgeschichte.

Es ist ein erschütterndes Bild, mit dem die Schlussszene in „Siegfrieds Tod“, dem zweiten Teil von Hebbels „Nibelungen“, beginnt. Die Leiche Siegfrieds wird vor das Portal des Domes getragen. Der Hofkaplan steht mit anderen Priestern drinnen seitwärts an der Tür des Domes, indes die Leichengäste das Portal umringen. Da klopft es draußen an der Tür. „Wer klopft?“, fragt der Kaplan. Von draußen wird ihm die Antwort: „Ein König aus den Niederlanden, mit so viel Kronen, als er Finger hat.“ Doch der Kaplan erwidert: „Den kenn’ ich nicht.“ Wieder klopft es draußen, und der Kaplan fragt von neuem: „Wer klopft?“ Die Antwort lautet: „Ein Held der Erde, mit so viel Trophäen, als er Zähne hat.“ Und wieder antwortet der Kaplan: „Den kenn’ ich nicht.“ Die Tür bleibt verschlossen. Da klopft es zum dritten Mal. „Wer klopft?“, fragt der Kaplan. Und diesmal kommt die Antwort: „Dein Bruder Siegfried, mit so viel Sünden, als er Haare hat.“ Auf dieses Wort hin ruft der Kaplan: „Tür auf!“ Die Tür geht auf, und Siegfrieds Leichnam wird hineingetragen. Der Kaplan empfängt ihn mit den Worten: „Du bist willkommen, toter Bruder, du suchst den Frieden hier.“ So ist es. Der Friede Gottes wird nicht erkauft, und wäre es durch goldene Königskronen; er wird nicht erstritten, und wäre es durch tausend Schlachtensiege; er wird von Gott geschenkt, aber nur denen, die allen Erdenhochmut von sich tun und ganz still und demütig an Gottes Tür pochen.

Amen.

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