Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
13. September 2026

Der ewige Gott

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Es ist ein Glaubenssatz: Gott ist ewig. Das Entscheidende im Begriff der Ewigkeit ist nicht die Anfangslosigkeit und die Endlosigkeit, nicht also die Dauer. Ewigkeit ist anderes und mehr als endlose Dauer (wenngleich sie auch diese in sich begreift). Sie besagt die Sammlung alles Seins und Lebens in einem Punkte. Zeit und Ewigkeit schließen sich daher gegenseitig aus. Der Ausdruck „ewige Zeit“ enthält einen Widerspruch in sich. Lediglich für unsere zeithafte Vorstellungsweise gewinnt die ewige Existenzform die Gestalt der endlosen Dauer. Die Ewigkeit Gottes schließt das Fehlen jeder Aufeinanderfolge von Zuständen, Inhalten und Tätigkeiten in sich. Es gibt keine innergöttliche Geschichte. Gott wirkt Geschichte, aber der geschichtliche Ablauf greift nicht in das göttliche Leben selbst hinein. In Gott gibt es keine Vergangenheit und Zukunft. Er lebt nicht von der Erinnerung und nicht von der Erwartung. Bei ihm ist nur stehendes Heute, stehende Gegenwart. Man muss freilich bei dieser Ausdrucksweise beachten, dass sie der Zeithaftigkeit unserer Vorstellung entnommen ist. Wir können keinen Begriff und keine Vorstellung von der Ewigkeit bilden, es sei denn mit Hilfe eines Zeitbegriffs und einer Zeitvorstellung, da wir unaufhebbar in der Kategorie der Zeit leben. In Gott fallen Jugend und Alter, Ende und Anfang zusammen. Er ist daher ewig jung und ewig alt. Der kennt keine Zeit, durch den die Zeit geworden ist (Aug.). Die Ewigkeit selbst ist Gottes Wesen, die Ewigkeit, die eine Veränderung nicht kennt. Da ist nichts vergangen, als wäre es nicht mehr; nichts liegt in der Zukunft, als wäre es noch nicht. Doch gibt es eines: das ist (Aug.). Bei Gott gibt es kein Morgen, kein Gestern, nur ewiges Heute. Bei ihm gibt es nicht Jahre, die im Kreislauf der Monde sich vollenden, nicht Monate, wo Tag um Tag einander folgt. Sein Tag hat keinen Anfang und kein Ende (Aug.). Er hatte keine Wegdauer zurückzulegen von dem Zeitpunkt, da die Milchstraße wurde, bis zu dem Tag, wo auf Erden der erste Regen fiel. Er hat keine Zeit zugebracht von dem ersten Auftreten des ersten Menschen bis zum Auszug Abrahams. Er ist nicht jünger gewesen zur Zeit, da die Urväter lebten und starben. Er wird nicht älter geworden sein, wenn einmal die Sonne kalt ist wie ein Polarland. Also spricht Gott, Israels König, sein Erlöser, der Gott der Heere: „Ich bin der Erste und der Letzte; außer mir gibt es keinen Gott“ (Is 44,6). „Bevor die Berge wurden, bevor die Welt gebildet wurde, von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du, o Gott“ (Ps 89,4). Ewig ist der Vater, ewig der Sohn, ewig der Heilige Geist.

Die Hl. Schrift spricht die Anfangslosigkeit und die Endlosigkeit und den Mangel der Aufeinanderfolge häufig aus, um die Erhabenheit Gottes über alle Geschöpfe zu veranschaulichen. Im Psalm 90 heißt es: „Allmächtiger, du bist uns Zuflucht, du warst es durch alle Zeiten. Ehe denn die Berge entstanden und die Erde und Welt hervorgebracht, von Ewigkeit zu Ewigkeit bist du, o Gott.“ Im NT wird gesagt, dass bei dem Herrn ein Tag ist wie tausend Jahre und tausend Jahre sind bei ihm wie ein Tag (2 Petr 3,8). Wie Gott ewig ist, so heißen auch die göttlichen Güter und Gaben ewig: ewige Wohnungen, ewiges Haus im Himmel, ewige Herrlichkeit, ewiges Reich. Der hl. Augustinus schreibt: „Wie Gott das Zeitliche bewegt, ohne selbst der zeitlichen Bewegung unterworfen zu sein, so umgreift er die Zeiten, ohne dem Begriff der Zeit zu unterliegen.“ Letztlich ergibt sich die Zeitlosigkeit Gottes aus seinem Wesen als absolutes, in sich ruhendes Sein. Die Vernunft erschließt die Ewigkeit aus der Aseität. Denn wenn Gott das mit absoluter Notwendigkeit durch sich selbst existierende Wesen ist, kann er nie als nicht existierend gedacht werden.

Was das Verhältnis der göttlichen Ewigkeit zur Zeit betrifft, so ist Gott der Schöpfer auch der Zeit, sofern er der Schöpfer der im Modus der Zeit existierenden Welt ist. Es ist ein undurchdringliches Geheimnis, wie Gott, der in der Weise der Ewigkeit existiert, die Welt, die in der Weise der Zeit existiert, denken, wollen, lieben, erschaffen, umfangen und erhalten kann. Manche fragen, was Gott vor der Schöpfung tat. Die Antwort lautet: Er ist in ewigem Selbstbesitz er selbst. Da es in ihm und für ihn kein Vorher und Nachher gibt, bringt der Beginn und der Verlauf der Welt keine Änderung in sein Leben. Streng genommen kann man gar nicht fragen, was Gott vor, in und nach Erschaffung der Welt tut. Denn in seinem Handeln gibt es kein Früher und Später, kein Anfangen und kein Aufhören. Nur von unserer zeithaften Vorstellungsweise kann man die Frage überhaupt stellen. Der hl. Augustinus schreibt von Gott: „Alle Zeiten hast du geschaffen, und vor allen Zeiten bist du, und nie gab es eine Zeit, wo keine Zeit war.“ Jedem Teilchen der geschaffenen Zeit ist Gott in seiner Ganzheit, die absolute Einfachheit ist, gegenwärtig. Daher gibt es in ihm keine Erinnerung und keine Erwartung der kommenden und vergehenden Dinge. Er schaut sie nur als etwas Gegenwärtiges. Diese jedoch stehen zur Ewigkeit im Verhältnis des Verursachten zur alles tragenden Ursache, solange sie existieren.

Die Ewigkeit Gottes und die in ihr sich ausdrückende Seinsbeständigkeit ist der Grund dafür, dass wir nicht dem Nichts entgegengehen, sondern dem ewigen Sein Gottes. Unsere Endlichkeit ist keine totale. Bloß die irdische Weise unseres Daseins geht dem Ende entgegen. Wir haben die Aussicht auf Teilnahme am ewigen Leben Gottes. Unser Leben wird dadurch ein Pilgerweg zur Vollendung in Gott, zu jenem Zustand, in dem es umgewandelt wird zur unverhüllten Teilnahme am ewigen Leben. Der an Gott Glaubende kennt keine heroische Verzweiflung. Die Haltung, die dem pilgernden Menschen am besten angemessen ist, das ist die Hoffnung. Er schreitet einem Ziel entgegen, an dem Gott auf ihn wartet. Schon in diesem Leben ist der Keim für die Teilnahme am ewigen Leben Gottes in uns eingesenkt; er bürgt für die volle Entfaltung im Zustand des Himmels. Daher ist keine unserer Handlungen in vollem Sinne vergänglich. Sie sinken in die Ewigkeit Gottes hinab und werden dort in ihrer Werthaftigkeit aufbewahrt als unser Eigentum. Je mehr wir uns an Gott, den Ewigen, hingeben, um so stärker wachsen wir in sein ewiges Leben. Daher erschöpft sich unser Leben nicht im Aufgehen in der jeweiligen Stunde, im Besorgen und Fürsorgen. Jede von der Stunde gestellte Aufgabe wird vielmehr umfasst von der Ewigkeit Gottes. Jedes Hier und Heute ist von Gott geschaffen und bekommt dadurch Sinnhaftigkeit und Verpflichtung. Francis Thompson schreibt in dem Werk „Der Jagdhund des Himmels“: „Und alles, was ich einst dir nahm, nicht nahm ich’s, um dir weh zu tun. Ich nahm es nur, damit in meinen Armen du es mögest suchen. Was du in Kinderunverstand verloren glaubtest, das habe ich aufbewahrt für dich dort, wo du Heimat hast. Erhebe dich, ergreife meine Hand und komm.“

Ewigkeit ist die Seinsweise Gottes. Durch sie ist Gott innerlich und wesentlich vom Geschöpf verschieden. Die Seinsweise der Ewigkeit besagt die unermessliche Fülle des Seins und Lebens in höchster Einfachheit ohne Werden und Wachsen, ohne Zerstreuung in Früher, Jetzt und Später. Im „Jetzt“ Gottes ist ein für allemal alles festgesetzt und beschlossen. Jeglicher Entschluss über jedes Ding ist gefasst und abgeschlossen. Nichts gibt es, was erst überlegt werden müsste, was nicht vollkommen erwogen wäre. Alles ist bestimmt und entschieden, was nur je geschehen wird oder nicht. Dort sind auch wir gezählt und gewogen; gewogen sind auch alle unsere Werke. Dort ist uns schon heute ewige Strafe bereitet oder ewiger Lohn; in ihm herrschen wir mit allen Heiligen oder brennen wir im Feuer der Hölle mit den Verdammten und Dämonen. Die Ewigkeit des göttlichen Wissens und der göttlichen Ratschlüsse nimmt alles voraus. Was in der Zeit geschieht, dort ist es bereits bestimmt, als wäre es geschehen. Gott besitzt sein ganzes unendlich vollkommenes Sein und Leben in unwandelbarer Größe aus und durch sich selbst in jedem gedachten Moment seines ewigen Daseins. Nach Boethius ist die Ewigkeit der stets ganze und vollkommene Besitz eines in sich unbegrenzten Lebens. Plotin erklärt: Ewigkeit ist Leben, das identisch bleibt, welches das Ganze stets gegenwärtig hat.

Amen.

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