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Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Sünde
5. Juli 2026

Warum gibt es das Böse?

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Der Mensch hat vor den anderen Lebewesen das Wissen um Gut und Böse, Recht und Unrecht voraus. Das Böse ist ein negativ qualifiziertes Tun oder Verhalten, ein Übel oder Geschick, das die Schöpfung beeinträchtigt, bedroht oder schädigt. Das Böse im ontologischen und metaphysischen Sinne ist der dem Guten entgegengesetzte Seinsbereich, die Macht, die als Ursprung von Leid, Unglück und Zerstörung in der Welt angesehen wird. Das Böse im ethischen Sinn ist das sittlich verwerfliche, religiösen oder ethischen Normen zuwiderlaufende Verhalten und das ihm zugrunde liegende Wollen. In der Heiligen Schrift begegnet die Macht des Bösen in der Gestalt der Schlange als eine von Gott geschaffene Größe, die sich voll Arglist an den Menschen heranmacht und ihn zu einem die Anordnung Gottes pervertierten Tun verführt (Gen 3,1-7). Ethik betrachtet das Böse (wie seine Gegenposition, das Gute) als Möglichkeit und Werk menschlicher Freiheit und Verantwortung. Die Untat des Menschen erscheint als ein in Freiheit geleisteter Nachvollzug der von der Schlange verkörperten Bosheit. Das Böse ist das nicht von Gott Geschaffene und Gewollte, sondern das aus geschöpflicher Freiheit Hervorbrechende. Das moralische Übel geht allein aus der menschlichen Freiheit hervor und qualifiziert das Tun des Bösen als Schuld bzw. Sünde.

Die Menschen sehen die Schrecken des Bösen und leiden unter ihnen. Sie fragen: Warum hindert Gott nicht das Böse, das der Mensch selbst hervorruft? Warum greift er nicht ein angesichts der zahllosen Schlechtigkeiten, Grausamkeiten und Schandtaten, die von Menschen verübt werden? Es ist offensichtlich: Gott hat eine Welt geschaffen, die noch nicht zur Vollkommenheit gelangt ist. Warum hat Gott nicht eine vollkommene Welt geschaffen, in der es nichts Böses geben könnte? Ja: Warum hat Gott die Welt überhaupt gewollt, nachdem sie mit so viel Leid verbunden ist? Das ist die eigentliche Frage, die zu stellen ist. Es war die Freiheit Gottes, in göttlichem Willen und Plan die Welt zu erschaffen, so wie sie ist. Gott beantwortet hierzu keine Fragen. Hätte er nicht diese vollkommene Freiheit, dann wäre er nicht Gott.

Freiheit als Geschenk vollkommener Liebe ist der Grund alles existierenden Leids. Der Mensch ist mit der Freiheit des Willens ausgestattet. Die Willensfreiheit besagt die Fähigkeit zur Selbstbestimmung. Sie ist ein Bestandteil der Gottähnlichkeit des Menschen. Gott mochte dem Menschen dieses hohe Gut nicht versagen. Die Freiheit des Willens ermöglicht es ihm, sich für oder gegen Gottes Gebot zu entscheiden. Gott hat den Menschen in die Freiheit entlassen, indem er ihm das Sittengesetz offenbarte, das er dank seiner Freiheit erfüllen soll. Aus der geschenkten Freiheit erwächst für uns Menschen Verantwortung. Der Wächter der Verantwortung ist das Gewissen.

Was geschähe, wenn Gott das Böse, das Menschen tun, unterbinden würde? Wenn Gott das Böse, das Menschen begehren und tun, hindern würde, würde er das von ihm dem Menschen geschenkte Gut der Freiheit verletzen, widerspräche er seinem eigenen Tun. Wenn Gott ihm die Freiheit zum Bösen entreißt, nimmt er ihm die Freiheit überhaupt, also auch die Freiheit zum Guten. Denn dank der Freiheit und nur dank ihrer gibt es das Gute, also auch das Tun des Rechten nach Gottes Willen. Die Freiheit des Menschen ist unteilbar. Ohne die Freiheit des Willens gäbe es nicht die heiligen Apostel und Martyrer, nicht die heiligen Frauen und Jungfrauen, nicht den heiligen Franz von Assisi, nicht den heiligen Bonifatius, nicht den heiligen Maximilian Kolbe. Denken Sie auch an Männer wie Friedrich Olbricht und Claus von Stauffenberg! Sie hatten hohe Stellungen in der deutschen Wehrmacht und hätten auch nach einem verlorenen Krieg ihr Auskommen gefunden. Ihr frei gewählter Widerstand gegen ein mörderisches Regime brachte ihnen wie den Feldmarschällen Witzleben, Kluge und Rommel den Tod. Niemand hat sie gezwungen, ihr Leben für andere hinzugeben. In voller Freiheit und aus lauterer Gesinnung haben sie sich geopfert für ihre Brüder und Schwestern.

Der Mensch, der Gott gehorsam ist, der seinen Willen tut, ehrt ihn, erfüllt seinen Lebensberuf, beschreitet den Weg zur himmlischen Vollendung. Der Mensch, der in die Sünde verstrickt ist, kann sich bekehren, das Böse abstoßen und sich dem Guten zuwenden. In Gottes Augen war es richtiger, aus Bösem Gutes entstehen zu lassen, als das Böse überhaupt nicht zuzulassen (Aug.). Der Freiheitsgedanke, die Freiheitsliebe Gottes ist offenbar so groß, dass er Unrecht, Leid und Sünde um der gewährten Freiheit willen in Kauf nimmt. Ein Geheimnis der Gerechtigkeit Gottes ist es, dass er dem Menschen den freien Willen lässt, auch dann, wenn der Mensch sich mit diesem Willen ins Unglück und in die Hölle stürzt. Wie hoch für Gott der Wert der Freiheit ist, ermisst sich vielleicht aus der Tatsache, die er sie auch seinen ersten Geschöpfen, den Engeln, gewährt hatte. Sogar sie konnten sich gegen oder für ihn entscheiden. Und wenn er dies dort schon zuließ, warum sollte er es für seine irdischen Geschöpfe, für die Menschen, nicht wollen?

Gott lässt manches Böse zu, das heißt: er hindert es nicht, obwohl er es könnte. Dieses Zulassen ist kein Erlauben; denn was man erlaubt, das billigt man. Doch weiß Gott auch das Böse, das er zugelassen hat, zum Guten zu wenden. Gott ist imstande, das vom Menschen angerichtete Böse zum Guten zu lenken. Er vermag aus den Übeln Gutes zu schaffen. Gott versteht, auch auf krummen Linien gerade zu schreiben. Ein Beispiel: Die Juden wurden in die Gefangenhaft nach Babylon geführt. Die Wegführung war ein schreckliches Unglück für das Volk Israel. Doch es diente dazu, dass die Heiden Kenntnis erhielten vom wahren Gott und vom kommenden Erlöser. Manche Böse werden am Leben erhalten, damit Gute aus ihnen entstammen (Aug.). Adolf Hitler war ein Menschheitsverbrecher. Seine Beseitigung hätte die Erde befreit. Doch alle Attentatspläne und selbst die Attentate scheitern. Er blieb am Leben und handlungsfähig bis zu seinem Selbstmord. Hat Gott ihn bewahrt, wie er selbst meinte? Aber warum? Vielleicht deswegen, dass niemand sagen konnte: Hätte er länger gelebt, wäre es ihm vielleicht gelungen, zum Sieg und Frieden zu gelangen.

Jeder Böse ist dazu auf der Welt, dass er zur Besserung kommt, oder aber dass durch ihn die Guten geprüft werden. Als Künstler bedient sich Gott auch des Teufels; wüsste er nicht sich seiner zu bedienen, ließe er ihn überhaupt nicht existieren. Das Schlechte wird durch Strafen in Ordnung gebracht. Es gibt in unserer Welt nicht selten eine erstaunliche Übereinstimmung zwischen Schuld und Strafe. Gott weiß die Sünde des Menschen so zu denken, dass gerade das, was ihm beim Sündigen Genuss war, ein Werkzeug der Bestrafung wird (Aug.).

Das Leiden, das unverdiente, das unerträgliche Leiden ist eine schwere Last in unserem Leben, auf dieser Erde, diesem Tal der Tränen. Doch bedenken wir: Christen sind wir nur um der künftigen Welt willen. Niemand erhoffe sich die Güter der Gegenwart, niemand verspreche sich irdisches Glück von daher, dass er ein Christ ist. Die Rätsel unseres Lebens werden uns erst beim Gericht Gottes über uns und die gesamte Menschheit entschlüsselt werden. Wir sind gehalten, den künftigen Ausgleich zu erwarten. Es wird ein Gericht kommen, das nach Verdienst vergilt, den Guten Gutes, den Bösen Böses. Wir brauchen nur gut zu sein, dann können wir in Seelenruhe den Richter erwarten. Amen.

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