Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
18. Oktober 2026

Frieden I

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Frieden ist der Zustand eines verträglichen und gesicherten Zusammenlebens von Menschen sowohl innerhalb sozialer Einheiten als auch im äußeren Verhältnis von Gruppen, Gesellschaften oder Organisationen; oder, kürzer gesagt: Frieden ist ein harmonisch geordneter Zustand des Gemeinwesens, das für das Leben einer Gemeinschaft unerlässliche Verhältnis der Ordnung und des Segens. Frieden ist im Christentum ein fundamentaler Grundsatz und ein unablässig anzustrebendes Ziel. Frieden bezeichnet im Alten Testament einen lebensförderlichen Zustand in der Gemeinschaft von der Familie bis zum Volk und zur Völkerwelt, die segensreiche Wechselbeziehung zwischen Mensch und Natur sowie die Versöhntheit mit Gott und Mensch. Frieden meint ein umfassendes Heilsein, einen Zustand der Zufriedenheit des einzelnen (Ps 38,4) oder der Gemeinschaft (Jer 38,4). Der vom Priester zugesagte Frieden (Num 6,26) als Gabe Gottes ermöglicht ein gesegnetes Leben des Menschen in Gerechtigkeit (Ps 85,9ff.). Wo das Verhältnis zu Gott zerstört ist, fehlt der Friede (Jer 30,5). Für die falschen Propheten ist bezeichnend, dass sie vom Frieden reden, wo keiner ist (Jer 6,14; 8,11; Ez 13,10.16). Die messianischen Verheißungen des AT künftigen Glückes betonen vor allem das Geschenk des Friedens (Is 2,2-5; 11,1-9). Der Messias ist Friedensfürst (Is 9,5). Sie finden in dem „Evangelium des Friedens“ (Eph 6,15; Apg 10,36) ihre Erfüllung.

Im Neuen Testament ist das Kommen Jesu die Erfüllung der alttestamentlichen Friedensprophetie (Lk 2,14; Mt 5,9; 21,1ff.). Urheber des Friedens ist Gott (Röm 15,33; 1 Thess 5,23; Hebr 13,20), Mittler des Friedens ist Christus (Röm 5,1; Kol 1,20; Eph 2,14-18). Seine Geburt bedeutete „Friede auf Erden“ für die guten Menschen (Lk 2,14). Der Gottesfrieden heißt darum auch der Friede Christi (Phil 4,7; Kol 3,15). Frieden in diesem Sinn wird in den Segenswünschen des Apostel Paulus für die Leser vom „Gott des Friedens“ (1 Thess 5,23; Röm 15,33) erfleht. Dieser Friede ist Frucht der Rechtfertigung (Röm 5,1) und Wirkung des Hl. Geistes (Röm 8,6; Gal 5,22). Christus vermittelt den Frieden mit Gott durch seine Versöhnungstat (Eph 2,14-17). Durch die Versöhnung im Tod Jesu haben wir Frieden sowohl mit Gott (Röm 5,1; Eph 2,14ff.) wie untereinander (Eph 4,3; Jak 3,18). Dieser Friede ist die durch die Überwindung des Bösen geschaffene neue Weltlage (Lk 10,18; Röm 16,20), die Heil und ewiges Leben ermöglicht (Röm 8,6). Seinem Wesen nach übernatürlich, gründet der Frieden in dem Recht- und Heilsein, das Gott dem Menschen um der Verdienste Christi willen schenkt (Röm 5,1; Eph 2,14-18). Er ist das Ergebnis einer Neuschöpfung (2 Kor 5,17; Gal 6,15), bewirkt durch den Heiligen Geist (Tit 3,5, Joh 3,5f.), und heißt daher auch Frucht des Geistes (Röm 8,6; 14,17; 15,13; Gal 5,22). Die neutestamentliche Offenbarung heißt „Evangelium des Friedens“ (Eph 6,15; vgl. Apg 10,36; Eph 2,17). Jesus begrüßt seine Jünger mit dem Gruß: „Der Friede sei mit euch!“ (Lk 24,36; Joh 20,21). Der Friedensgruß sagt dem Begrüßten in einem performativen Akt Frieden zu und übereignet ihn gleichzeitig. Als Christus von dieser Erde schied, sprach er zu seinen Aposteln: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ Christus vermacht seinen Jüngern den Frieden (Joh 14,27); sein Friedenswunsch überträgt Frieden (Joh 20,19.26). In Vollendung wird der Friede den Guten erst im Himmel zuteil, weil dort keinerlei Kampf mehr besteht. Ein seliges Sterben ist daher ein „Entlassenwerden in Frieden“ (Lk 2,29). Darum wünschen schon altchristliche Grabinschriften wie die Liturgie ein „Ruhen in Frieden“.

Gott ist ein Liebhaber des Friedens. Er ist kein Gott der Verwirrung, sondern des Friedens (1 Kor 14,33). Gott hat uns zum Frieden berufen (1 Kor 7,15). Da wir durch den Glauben gerechtfertigt sind, haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus (Röm 5,1f.). Gott, der Friede ist und Liebe, schlägt seine Wohnung nur in guten, friedfertigen Herzen auf. Wem gefällt, was Gott gefällt, und wem missfällt, was Gott missfällt, der lebt im Frieden mit Gott. Der Frieden auf Erden ist die irdische Entsprechung zur Ehre Gottes in der Höhe (Lk 2,14). Die Gottlosen haben keinen Frieden, spricht Gott der Herr (Is 57,2f.).

Der Friede mit Gott setzt den Frieden mit sich selbst, im eigenen Innern, im Herzen des Menschen voraus. Der wahre Friede besteht darin, dass der Christ sich nicht vom Willen Gottes abbringen lässt und sich nur in dem freut, was Gott liebt. Frieden in der Seele findet nur, wer die entsprechenden Tugenden entwickelt. Gottes Friede kehrt bei denen ein, die demütig und sanftmütig sind und es von ganzem Herzen sind. Die Gnade des Heiligen Geistes sucht immer nur ein demütiges Herz. Wer die rechte Einfalt des Herzens besitzt, wird viel Frieden haben. Wer frei ist von jeder ungeordneten Neigung, der kann sich eines ungestörten Seelenfriedens erfreuen. Es ist kein vollkommener Friede möglich, solange es noch Leidenschaften gibt, die es zu beherrschen gilt. „Verlasse dich, entsage dir, und du wirst großen inneren Frieden genießen“ (N. Chr.). Der Friede ist die Frucht der Gerechtigkeit. Wer Frieden will, der muss Gerechtigkeit üben; beide sind unzertrennlich. „Gerechtigkeit und Friede küssen sich“ (Ps 84,11). Sobald die Ungerechtigkeit in das Herz einzieht, zieht der Friede aus. Frieden im Innern des Menschen besagt die Abwesenheit von schlechten Neigungen, ungeordneten Trieben. Wo der Zwiespalt des Menschen mit sich selbst geheilt wird, da setzt sich der im Zeichen der Gottesherrschaft verheißene Frieden durch. So mahnt das Buch von der Nachfolge Christi: „O könntest du begreifen, wie viel du selbst an innerem Frieden gewinnen und was für große Freude du anderen bereiten würdest, wenn du von ganzem Herzen gut sein und recht tun möchtest!“ Frieden im Innern ist ohne Bereitschaft zum Leiden unmöglich. Denn wir haben in unserem Leben keinen zuverlässigeren Begleiter als das Leid. Wenn man in den Tagen der Trostlosigkeit das Herz zu noch größeren Leiden wappnet; wenn man sich nicht beklagt, als hätte dieses oder jenes große Leiden nicht über einen kommen sollen; wenn man Gott in allen seinen Anordnungen als gerecht und heilig lobpreist, dann wandelt man auf dem rechten Weg. All unser Friede, den wir in diesem elenden Leben erkämpfen, ist im Grunde nur mehr ein demütiges Tragen des Unangenehmen als ein Nichtempfinden des Widrigen zu nennen. Wer sich am besten auf das Leiden versteht, der wird größeren Frieden haben. Denn er ist Sieger über sich selbst, ist Herr über die Welt, in Christi Freund und des Himmels Erbe.

Gott will, dass die Menschen im Frieden miteinander leben. Der Friede von Mensch zu Mensch (Eph 2,13-19; 4,3-6) folgt aus dem Frieden zwischen Gott und Mensch (Röm 5,1; Kol 1,20). Ohne Gott und gar gegen Gott gibt es keinen Frieden unter den Menschen. Das Buch von der Nachfolge Christi sagt uns, wie wir zum Frieden mit anderen gelangen. „Wahren Frieden sollst du nicht auf Menschen gründen. Wenn dein Friede auf irgendeinem Menschen beruht und davon abhängt, dass er so gesinnt ist wie du, wirst du keine Ruhe finden.“ Mit guten, sanften Menschen in Frieden leben, das ist nichts Großes; denn das ist uns allen von Natur aus angenehm. Jedermann lebt gern im Frieden und liebt die, welche eines Sinnes mit ihm sind, mehr als andere. Aber mit harten und verkehrten und zuchtlosen Menschen friedsam leben können, das ist lobenswert und edel. Alle wollen Frieden haben, aber das, was allein Frieden schaffen kann, das wollen nicht alle. Das Buch von der Nachfolge Christi zeigt, was Frieden schaffen kann. „Der Weg in das Land des Friedens verlangt vier Haltungen. 1. Lass es dir angelegen sein, lieber dem Willen eines anderen als deinem eigenen nachzuleben. 2. Wähle immer weniger als mehr zu haben. 3. Setze dich lieber unten an und sei gern untertan. 4. Wünsche und bete immer, dass Gottes Wille in dir vollkommen erfüllt werde. Ein solcher Mensch tritt ein in das Land des Friedens.“ Frieden verlangt Gegenseitigkeit. „Frieden kannst du nur haben, wenn du ihn gibst“ (M. v. E.-Eschenbach). Wenn du willst, dass man dich ertrage, so ertrage du andere. Bewahre dir zuerst Frieden in dir selbst, dann kannst du auch anderen Frieden bringen. Ein Mensch, der den Frieden in sich trägt, verbreitet mehr Segen als einer, der eine große Gelehrsamkeit besitzt.

Amen.

Schrift
Seitenanzeige für große Bildschirme
Anzeige: Vereinfacht / Klein
Schrift: Kleiner / Größer
Druckversion dieser Predigt