4. Oktober 2026
Franz von Assisi
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Geliebte im Herrn!
Am 3. Oktober 2026 begehen wir die achthundertste Sterbetagsfeier des heiligen Franz von Assisi. Das Leben, das aus Franz hervorsprudelt, stellt sich schon der ersten und oberflächlichsten Charakterisierung dar als Liebe, dieses Wort im heiligsten und zugleich kräftigsten, im reinsten und ursprünglichsten, im göttlichen Sinne gemeint. Als Liebe, als ein warmes und herzliches und ganz spontanes Fühlen mit jeglicher Kreatur und mit dem Schöpfer aller Kreatur selbst. Da war nichts sichtbar von dem für uns unentbehrlichen technischen Apparat der Liebe, den Geboten und Pflichten der Liebe, von der Kasuistitk der Liebe. Es war eine Liebesfähigkeit gegenüber allem Seienden in dieser weiten und geräumigen Seele, in diesem mit ausgespannten Armen auf alle Wesen zugehenden Menschen. Selbstverständlich hatte diese Hingabe ihre Grade und Abstufungen, je nach dem Wert und nach der Liebenswürdigkeit eines jeglichen Wesens. Selbstverständlich wurde sie Gott und dem Gekreuzigten und dem armen Kind von Bethlehem gegenüber zu einer verzehrenden, hingerissenen Liebestrunkenheit in einer selbstvergessenen Nachfolge, in einem demütig glückseligen Diensteifer. Den aussätzigen Bettlern, den armen Vögeln und den armen Lämmern gegenüber wurde sie zu einem brüderlichen Mitleid, den Feinden und Wölfen, den Sündern und Verirrten gegenüber wurde sie zu einer väterlichen Sorge und zu einem rührenden Ernst. Den Verfälschern und Feinden der Liebe, der Armut, der Einfalt gegenüber wurde sie zu einer flammenden Lohe, zu einer metallenen Härte und Schneidigkeit der Abwehr. Aber im Grunde war es immer das gleiche lebendige Wesen, das Armeausbreiten, das Umfangen und Aufnehmen, das Bejahen und Betreuen, mit dem dieser Heilige allen Dingen und Wesen entgegenlief. Das allumfassende Liebesleben des hl. Franz entfließt nicht einer schwärmerischen Stimmung, sondern einem herben Leiden. Seine Liebe kam aus den Tiefen seiner Seele, wo es dunkel und ernst war; sie kam aus strengen und zitternden Gedanken über Gott und Welt und Sünde und Gericht und Zeit und Ewigkeit. Er konnte an allem so herzlich teilnehmen, weil er unter einer drückenden Verantwortung stand, weil er alles Sein und Dasein, alles Leben und Lebendige so gewaltig ernst nahm. Seine Lebensanschauung war voll von den Schauern ewiger Belastungen und Notwendigkeiten. Franz konnte unsagbar lieb und weich und gütig sein in der Behandlung anderer Wesen, aber nur, weil er zuerst in sich alles Harte erweicht, zermalmt, erdrückt hatte, weil er mit unerbittlicher Strenge die Führung seiner Hand und die Bewegungen seiner Zunge und den Blitz seiner Augen überwachte. Franz war ein eiserner Diktator, ein Gewaltmensch, ein Tyrann gegen alle Regungen seiner eigenen Natur. Und so konnte er sich loslassen auf andere Wesen, ohne sie zu stoßen oder zu treten. Er konnte harmlos und fröhlich lachen, aber erst, als er für sich selbst ganz anspruchslos und zufrieden geworden war und nichts mehr begehrte von all den Dingen, um welche die Menschen streitend einander weinen machen. Franz hatte offene Augen für die Schönheiten der Erde, aber erst, seitdem er über sie hinausgeschritten war und sie unter sich gelassen hatte. Franz hat Menschenherzen gefunden und gefangen, aber nur, weil er ausgezogen war in die Einsamkeit, um Gott zu suchen; da liefen sie ihm alle nach.
Die Kirche hat Franz seine Eigenmächtigkeiten und Formlosigkeiten nie vorgeworfen; niemand hat sie ihm ernsthaft und ehrlich verdenken können. Denn seine Formlosigkeit und Maßlosigkeit hatte nichts Umstürzlerisches, nichts Revolutionäres. Franz hat nichts Bestehendes angegriffen. Naturen von so reiner Religiosität und von so echter und keuscher Lebendigkeit, wie Franz eine war, bewegen sich in einer Dimension, die jenseits von Gesetz und Gebot liegt; sie können selbst den Buchstaben verletzen, ohne dass dieser Buchstabe ihnen zürnt und sich an ihnen rächen möchte. Franz war zu der heiligen Brautschaft mit der Armut berufen, und so hat er im Grunde seines Lebensinstinktes doch das Richtige geahnt, wenn er keine äußeren Zugeständnisse machen wollte. Worin sich Franz täuschte, was er unrichtig und ungenügend eingeschätzt hat, das war die Annahme, dass auch in anderen Menschen, in seinen Brüdern, in den Tausenden von Minderbrüdern, die ihm zuströmten, ein ganz ähnlich reiches und starkes Leben von innen heraus sprudle. Er wusste nicht, dass sie in ihrer großen Mehrzahl nicht von innen heraus lebten, ja es nicht einmal konnten, wie er es tat, sondern dass sie nur von den Wirbeln seines eigenen Lebensstromes ergriffen und zu ihm hingerissen waren. Aber weil seine Jünger und Nachfolger nicht mehr so aus eigener Fülle lebten und leben konnten, darum mussten für sie andere Gesetze gelten als für ihren Vater. Darum bedurften sie äußerer Hilfsmittel und Schutzmaßregeln, wenn nicht die winzigen Tröpfchen des Franziskuslebens, die in sie eingefallen waren, gefährdet und missbraucht werden sollten. Ugolino, der kluge Kardinal, hat mit vollem Recht erkannt: Nur Franziskusnaturen kann man so frei und harmlos herumziehen lassen. So souverän alle äußeren Normen und Vorsichten und Rücksichten außer Acht lassen, das kann nur einem so innerlich geformten und in sich selbst gesicherten Menschen erlaubt werden, wie Franz es war. Für alle anderen, die unvergleichlich weniger reich und stark waren, bedurfte es der Regeln, der festen Häuser, der sicheren Einkünfte, der Vorbereitung und Prüfungszeit, überhaupt des ganzen weisen Apparates kanonischer Gesetze, wenn überhaupt etwas von dem köstlichen Leben, das in Franz aufgequollen war, gerettet werden sollte, für diese Jünger selbst und für die Christenheit. Es war ein Glück für das Franziskusleben, dass die Kirche es zu einem franziskanischen gemacht hat; sonst wäre von den Schätzen, die dieser Begnadete in seiner Seele trug, sehr wenig wirksam und segensreich geworden. Ja es hätten diese Feuerfunken, die aus der lodernden Franziskusseele in die Welt fielen, einen Feuerbrand von verheerender Furchtbarkeit entzünden können. Haben sie doch ohnehin schon glühend und rollend, mit brausender Heftigkeit ihren Weg durch die Seelen und durch die Zeiten genommen.
Hier beginnt nun die Tragik des Franziskus, hier beginnt sein Schmerzensweg von ungeahnter Bitterkeit. Da war zunächst die unausweichliche Erkenntnis, dass seine Brüder nicht in gleicher Weise den Geist hatten, wie er es vorausgesetzt hatte. Wie musste er gekränkt und erschüttert sein von den täglich sich aufdrängenden Erscheinungen von Stolz, Bequemlichkeit, Besitzgier, Mangel an Einfalt und Schlichtheit in seinen Jüngern. Jede Geistestrübung in einem seiner Brüder empfand er als eigene Verwüstung und Schuld. Von anderer Seite wirkten die Eingriffe seiner Freunde und die Forderungen der kirchlichen Obrigkeit zerstörend auf seine Lebensideale. Die Forderungen praktischer Klugheit, die Gunstbezeugungen und Privilegien, die Gebote des Kirchenrechts erschienen ihm als Abstriche, die das lautere Ideal der Armut, der Anspruchslosigkeit und der Besitzlosigkeit aufzuheben schienen. In der Regel von 1223, die von Papst Honorius III. bestätigt wurde, sah er etwas Fremdes und Unbegreifliches, eine fremde Macht, die ihm seine besten Gedanken aus den Händen nahm. Franz hat mit den wohlwollenden Freunden gerungen, vielleicht mit der Todesangst eines Menschen, dem man sein Himmelreich zerschlagen will. Aber dem Einspruch und Willen der kirchlichen Autorität hat er sich gefügt; wir haben nicht das leiseste Zeichen, dass er sich dagegen aufgelehnt hat. Seine kindliche Kirchlichkeit war nichts anderes als das Genie des Menschen, der mit unfehlbarer Sicherheit den richtigen Weg geht, und sei es auch ein Kreuzweg, auf den die Tropfen seines Blutes fallen; er geht ihn, weil er aus innerem Gesetz seines eigenen Weges ihn gehen muss. Franz war wesenhaft, ja genial katholisch. Franz war mit seinem ganzen Wesen eingegangen in den freien weiten Kirchenraum des Katholischen, und dort schwebte er. Dort konnte ihm unsagbar weh geschehen, aber einen Konflikt und ein mühseliges Überwinden von Konflikten konnte es für ihn nicht geben.
Die lebendigen Quellen, die in Franz von Assisi entsprangen, sind nicht versiegt. Seit achthundert Jahren tränken sie die Christenheit. Die Franziskusseele hat gerade die ernstesten Menschen aller kommenden Jahrhunderte angeregt und ergriffen, hat eine wahre Leidenschaft für Armut, einen heißen Hunger nach Vollkommenheit, einen glühenden Willen zur vollkommenen Nachfolge Jesu entzündet, in Tausenden und Abertausenden. Es gab nur einen Franziskus, einen einzigen von dieser ganz einmaligen Art und Lebendigkeit und Reinheit und Innigkeit und einfältigen Größe, wie Franz es war. Aber an diesem einzigen haben sich zahllose Menschen entzündet und erweckt. Er hat nicht nur eine neue Lebensform geschaffen, sondern neues Leben selbst der Zukunft übermacht. Franz von Assisi hat in schwerstem inneren Leid den Beweis erbracht, wie ungetrübt lauter sein Leben war, wie weit seine Seele entfernt war von Eigenwille, Eigensucht, Rechthaberei, persönlicher Leidenschaft und eigensüchtigem Willen der Selbstgeltung und Selbstdurchsetzung. Er war vielleicht der Heilige, der seinem Herrn und Meister am ähnlichsten geworden ist.
Amen.