27. September 2026
Wer zu stehen meint, sehe zu, dass er nicht falle
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Geliebte im Herrn!
Die Vorfahren der jetzt lebenden Israeliten wurden einst von Gott aus dem Lande Ägypten geführt. Er erwies ihnen staunenerregende Wundertaten. Sie waren unter der Wolke und schritten durch das Rote Meer. Sie wurden in der Wolke und im Meer getauft. Sie aßen geistige Speise und tranken geistigen Trank. Der geistige Fels, der Christus war, begleitete sie. Die Israeliten glaubten zu stehen, das heißt sich im Wohlgefallen Gottes zu befinden. Doch viele von ihnen vergalten Gott seine Güte und Treue mit Ausschweifung und Götzendienst. Zur Strafe wurden sie in der Wüste niedergestreckt (1 Kor 10,5). All das widerfuhr den Israeliten uns zum Vorbild und zur Ermahnung. „Darum sehe zu, wer zu stehen glaubt, dass er nicht falle“ (1 Kor 10,12). Der Apostel spricht vom Stehen und vom Fallen. Mit dem Stehen ist das Leben des Christen im Glauben und in der Gnade gemeint. In seinem Brief an die Römer sagt Paulus zu einem Heidenchristen: „Du stehst durch den Glauben.“ Mit dem Fallen ist der Verlust von Glaube, Gnade und Heil gemeint. Die Dämonen sind gefallene Engel. Jesus offenbart: „Ich sah den Satan vom Himmel fallen“ (Lk 10,18). Paulus sagt von denen, die reich werden wollen, sie fallen in Versuchung und Fallstricke (des Teufels) und viele unnütze und schädliche Begierden, welche die Menschen in den Abgrund des Verderbens stürzen (1 Tim 6,9). Die beiden Verben Stehen und Fallen sind verknüpft mit der Mahnung: Wer steht, der sehe zu, dass er nicht falle. Das Stehen verbürgt also keine unumstößliche Sicherheit. Wer steht, kann ausgleiten, stolpern, straucheln. Davor gilt es sich zu bewahren. Es erhebt sich jetzt die Frage: Wer sind die unter uns, welche zu stehen meinen, und an welche wird die Aufforderung gerichtet, darauf acht zu haben, nicht zu fallen?
I.
Der Selbstsichere meint zu stehen, d.h. vor dem Fall bewahrt zu sein. Wohlbegründetes Selbstvertrauen ist eine Tugend. Durch sie schöpft man die eigenen Kräfte aus und gewinnt das Vertrauen der anderen. Die Selbstüberschätzung ist dagegen eine Gefahr. Paulus schreibt im Brief an die Galater: „Wer vermeint, etwas zu sein, obwohl er doch nichts ist, täuscht sich selbst“ (Gal 6,3). Die Sicherheit der Gottlosen entspringt aus der Hoffart und Vermessenheit. Im Psalm 36 heißt es: „Ich sah den Gottlosen hoch erhaben wie eine Zeder. Ich ging vorüber, und er war nicht mehr.“ Die Selbstsicherheit ist schon manchem zum Verhängnis geworden. Ein Beispiel für Selbsttäuschung ist der Apostel Petrus. „Wenn auch alle an dir irre werden“, versichert er dem Herrn am Ölberg, „so werde ich es nicht tun. Und wenn ich auch mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen.“ Wenig später knickt er vor einer Magd ein und verleugnet seine Jüngerschaft: „Ich kenne den Menschen nicht.“ Dem Sturz des Menschen geht die Überhebung des Herzens vorher (Spr 18,12). Das Buch von der Nachfolge Christi mahnt darum: „Es steht keine Heiligkeit fest, wenn du, Herr, deine Hand zurückziehst. Es nützt keine Weisheit, wenn du nicht regierst. Es hilft keine Tapferkeit, wenn du nicht beistehst. Es dauert keine Keuschheit, wenn du sie nicht schützest. Es nützt keine eigene Wachsamkeit, wenn dein heiliges Auge nicht wacht.“ Zur Vorsicht gehört ein überlegtes Misstrauen gegen sich selbst. Man muss seine eigenen Grenzen kennen. Man muss wissen, wie weit die eigenen Kräfte reichen und wo das eigene Ungenügen beginnt. Nichts ist gefährlicher als die Überschätzung der eigenen Stärke und die Unterschätzung des Gegners. Das größte aller Übel ist nicht die Sünde, sondern die Selbsttäuschung. Bekehrung kann die Sünde tilgen, aber Selbstverblendung verengt sie. Eigenliebe macht Augen trübe. Solange der Mensch sich selbst gefällt, missfällt er Gott (N Chr).
II.
Man kann in dieser Welt nicht ohne Risiko leben. Das Risiko oder Wagnis birgt die Möglichkeit, dass eine Handlung einen Schaden oder Verlust zur Folge hat oder mit anderen Nachteilen verbunden ist. Wenn sie trotz des erkannten Risikos gesetzt wird, müssen entsprechende Gründe vorhanden sein, die das Risiko als notwendig oder zulässig erscheinen lassen. Das Bergsteigen ist eine hochstehende Sportart. Sie verlangt Talent, Übung und Vorbereitung. Häufig ist sie mit Gefahren verbunden. Die Zahlen der verunglückten oder abgestürzten Bergsteiger sind erschreckend hoch. Der Nanga Parbat gilt deswegen als der deutsche Schicksalsberg. Die deutsche Expedition im Jahre 1934 endete mit neun Toten. Beim neuerlichen Versuch im Jahre 1937 starben sechzehn Menschen. Als Reinhold Messner 1970 den Berg bezwang, verlor sein Bruder Günther das Leben. Hermann Buhl bestieg den Nanga Parbat nach vielen vergeblichen Versuchen am 5. Juli 1953 im Alleingang, nachdem dreißig Bergsteiger umgekommen waren. Am Mount Everest starben 1996 acht Menschen. Risiken bestehen häufig auch für die Erziehung und die Bewahrung der Religion oder der Sittlichkeit, je nachdem, wie und wo jemand erzogen wird, welche Schule er besucht und welche Bekanntschaften er unterhält. Wenn der mögliche Schaden oder Verlust im Bereich des Religiösen liegt, ist das Eingehen des Risikos in der Regel abzuraten oder sogar als verboten zu betrachten. „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber sein Leben einbüßt?“ (Mt 16,26). Wie leicht setzen sich Menschen über die offenkundigen Gefahren für die Erhaltung des eigenen Glaubens und das religiöse Schicksal ihrer Verbindung hinweg, welche eine Ehe mit einem unreligiösen oder andersgläubigen Partner anstreben! Es wird schon gutgehen, suchen sie besorgte Angehörige zu beruhigen, und sehen doch allenthalben, dass es meist nicht gutgegangen ist. Man muss stets mit seiner eigenen Schwäche rechnen. Hören wir die Warnung des Buches von der Nachfolge Christi: „Niemand kann sich mit Sicherheit öffentlich zeigen, als wer gern verborgen lebt. Niemand kann mit Sicherheit reden, als wer gern schweigt. Niemand kann mit Sicherheit gebieten, als wer gelernt hat, zu gehorchen. Niemand kann sich mit Sicherheit freuen, als wer das Zeugnis eines guten Gewissens in sich hat.“ Sei vorsichtig in allem, was du tust! Der Kluge sieht das Unheil kommen und nimmt sich in Acht. Der Einfältige aber geht weiter und kommt zu Schaden (Spr 22,3). Dem Verwegenen muss zugerufen werden: Wer zu stehen meint, sehe zu, dass er nicht falle.
III.
Die Menschen streben nach Glück. Sie möchten glücklich werden. Sie meinen, dass es ihnen Gott gestattet. Selbst Augustinus schreibt: „Das Glückstreben an sich ist kein Irrweg, denn Gott selbst hat es in das Herz gesenkt.“ Doch der Weg zum Glück ist dornig und abschüssig. Ich glaube, dass das Glück einem Menschen geschenkt werden muss. Wer es sucht, dem entgleitet es. Ehe man ein Gut ersehnt, soll man prüfen, wie es um das Glück derer bestellt ist, die dieses Gut bereits besitzen. Die Süßigkeit der Welt bereitet dem Gaumen wohl einen gewissen Genuss. Aber bald schlägt sie um in herbe Bitterkeit. Zeitliches sättigt nicht. Alles, was unter Gott ist, kann das Herz nicht ausfüllen. Niemals erfüllt ein Geschöpf das Menschenherz. Das Glück ist kein zuverlässiger Begleiter unseres Lebens. Glück und Glas, wie leicht bricht das. Auf die Glücksperiode kann die Pechsträhne folgen. Und wie häufig ist das der Fall! Es ist keine schlechte Angewohnheit, immer mit dem schlimmsten Falle (worst case) zu rechnen. Wenn er nicht eintritt, darf man sich freuen. Wenn er eintritt, werden wir nicht peinlich überrascht. Das Glück ist blind und macht blind. Wenn Gott einen strafen will, macht er ihm entweder die Augen zu oder alle Türen auf. Wen Gott verderben will, dem lässt er alles glücken. Dem Glücksucher wie dem Glücklichen sei zugerufen: Wer zu stehen meint, der sehe zu, dass er nicht falle. Von einem, der bei seinen Planungen und Entscheidungen alles auf eine Karte setzt, also entweder alles gewinnt oder alles verliert, sagt man, er spiele va banque. Genau dies hielt Hermann Göring dem Führer Adolf Hitler mit seiner zum Kriege führenden Politik vor. Der Diktator erwiderte kalt: „Ich habe immer va banque gespielt.“ Mit diesem Spiel hat er mehrere Jahre Erfolg gehabt. Aber einmal hatte die Geduld der Völker ein Ende. Dann hat er alles verloren und eine ganze Welt in Trümmer gelegt.
IV.
Der Gedankenlose, der Unbedachte, der Leichtsinnige wiegt sich in Sicherheit, meint fest zu stehen. Er kümmert sich nicht um Gefahren, lacht über Warnungen, lebt in den Tag hinein. Campagna felice nennt der Italiener die wundervolle Landschaft um den Golf von Neapel, wo die Sonne ewig lächelnd am Himmel strahlt, wo in üppiger Fruchtbarkeit Wein, Orangen und Zitronen, Feigen und Pfirsiche gedeihen. Und doch steht über all der Herrlichkeit die Wolke über dem Vesuv und mahnt, dass ein einziger Ausbruch das ganze Paradies in furchtbare Wüste verwandeln kann. Die Trümmer von Pompeji und Herculaneum sind eine bleibende Warnung. Wer vermeint zu stehen, der sehe zu, dass er nicht falle. Die Erdbeben in Venezuela, Kolumbien und Peru heißen uns bedacht und besonnen zu sein. Der Leichtsinnige begibt sich in Gefahren, ohne gehörig zu prüfen, ob er ihnen gewachsen ist. Es ist gefährlich, Klippen und Krisen nicht ernst zu nehmen, und sich mit dem billigen Trost „Es wird schon gut gehen“ zu beruhigen. „Sehet zu, Brüder, wie ihr vorsichtig wandelt, nicht wie Unweise, sondern wie Weise. Erkaufet die Zeit, denn die Tage sind böse“ (Eph 5,15f.). Es ist gefährlich, die Sünde zu bagatellisieren. Allzu leicht gewöhnt man sich an das Sündigen. Leichte Sünden wachsen sich aus zu schweren. „Sage nicht: Ich habe gesündigt, und was hat es mir geschadet? Denn der Herr ist langmütig“ (Sir 5,4). Die Folgen der sittlichen Unordnung zeigen sich nicht immer sogleich. Aber sie wachsen in der Stille. Wer mit dem Teufel zur Herberge geht, muss immer die Zeche bezahlen. „Seht wohl zu, wie ihr wandelt, nicht wie Tore, sondern wie Weise“ (Eph 5,15). Sei nicht übermütig, sondern fürchte dich. Wer zu stehen, sehe zu, dass er nicht falle.
V.
Auch der Egoist meint zu stehen. Er denkt: Ich brauche niemanden. Ich komme allein durch. Er sagt: Je mehr ich für mich selbst sorge, desto besser für mich, desto sicherer bin ich. So schafft und rafft er, wieviel er nur kann. Der Egoismus besteht darin, sein eigenes Glück auf dem Unglück der anderen zu bauen. Der Egoist bedenkt nicht die Vergänglichkeit alles Irdischen, er rechnet nicht mit den Wechselfällen des Lebens. Er meint zu stehen. Jesus schildert das Verhalten eines Egoisten aus dem Gebiet der Landwirtschaft. Eines reichen Mannes Acker trug reichliche Früchte. Er dachte bei sich: Was soll ich tun? Ich habe ja keinen Platz, meine Früchte unterzubringen. Da sagte er sich: So werde ich es machen. Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen. Dort werde ich alle Erzeugnisse und meine Güter unterbringen. Dann werde ich zu meiner Seele sagen: Meine Seele, du hast viele Güter auf manches Jahr bereitliegen. Ruh aus, iss, trink und lass dir’s wohl sein. Gott aber sprach zu ihm: Du Tor! Noch in dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Wem wird dann das gehören, was du aufgespeichert hast? Wer meint zu stehen, sehe zu, dass er nicht falle. Im Jahre 1906 ging der italienische Dampfer „Sirio“ unter, der 800 Auswanderer nach Amerika bringen sollte. Entsetzliche Szenen spielten sich ab bei der Katastrophe. Einer hatte sich, ehe die Wogen das Schiff verschlangen, einen Gürtel umgeschnallt, in dem er sein Barvermögen an Goldstücken untergebracht hatte. So sprang er ins Meer, um sich schwimmend zu retten. Aber die Last des Goldes war zu schwer, die Kräfte versagten. Im letzten Augenblick versuchte er den Gürtel zu lösen. Aber er war zu fest gebunden. Mit dem Aufschrei: „Ich kann mich nicht freimachen!“ sank er in die Tiefe.
Das menschliche Leben ist begleitet von Sorgen. Sorge ist das ängstliche Abwarten auf etwas Bedrückendes. Es gibt sorglose Menschen. Der sorglose Mensch will nichts wissen von Anfechtungen und Versuchungen. Er hält sich gegen solche gefeit. Ist er das wirklich? Versuchungen sind Erfahrungen, durch die glaubende Menschen von ihrem Gehorsam gegen Gott abgebracht werden sollen. Es wird ein Anreiz zur Sünde hervorgerufen, so dass es zu einem Kampf zwischen Begierde und Pflicht kommt. Versuchungen begleiten uns während unserer ganzen irischen Laufbahn. Solange wir in der Welt leben, können wir nicht ohne Anfechtungen und Versuchungen sein. Kein Stand ist so heilig, kein Ort so abgeschieden, wo es nicht Widerwärtigkeiten und Versuchungen gäbe. Die Hauptquelle der Versuchung ist das ungeordnete Triebleben. Der Trieb ist uns angeboren und ist nicht auszutilgen. Es liegt nicht in der Macht des Menschen, das Triebleben so niederzuhalten, dass es sich überhaupt nicht regt. Die Versuchung knüpft meist an die Begierlichkeit an. Dem Anreiz folgt die Empfindung, dieser die Ablehnung oder die Einwilligung. Erst durch die Einwilligung wird die Versuchung zur Sünde. Nur mit Hilfe der Gnade vermag der Mensch alle Versuchungen zu bestehen. Er darf dieser Gnade in jeder unverschuldeten Versuchung gewiss sein (1 Kor 10,13; Jak 4,6; 1 Petr 5,5). Die Heilige Schrift berichtet uns häufig von Versuchungen. Die Bewohner von Sennaar sprachen zueinander: „Auf! Wir wollen uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis in den Himmel reicht“ (Gen 11). Der geplante Turmbau war ein Akt der Auflehnung gegen Gott. Das gigantische Werk sollte ihre Einheit, die Gott nicht wollte, trotzig versinnbilden. Gott ließ seiner nicht spotten. Er verwirrte und zerstreute die Menschen, so dass sie den Turmbau nicht vollenden konnten. Beim Christen steht viel auf dem Spiel: Die Gefahr des Absturzes von der Höhe, auf die ihn Christus mit seinem Erlösungswerk gehoben hat. Die Gefahr des Verlustes von Wahrheit und Gnade. Die Gefahr des Ausschlusses vom ewigen Leben. Der Weise hütet sich vor dem Bösen. Der Tor setzt sich darüber hinweg und fühlt sich sicher (Spr 14,16). Unsere Sorgen richten sich auch auf die Umwelt. Unberechenbar sind viele Naturerscheinungen. Trockenheit und Überschwemmungen entziehen sich regelmäßig der Voraussage. Harmlose Bäche können zu tobenden Flüssen werden. Denken wir an die Flutkatastrophe im Tal der Ahr. Ungezählte Bakterien bedrohen Gesundheit und Leben. Die Coronainfektion hat ganze Länder heimgesucht, hat Krankheit und Tod über zahllose Menschen gebracht. Wir sind alle auf Arbeit und Verdienst angewiesen. Vom Gedeihen der Wirtschaft hängen unser Unterhalt und unsere Alterssicherung ab. Rezession und Arbeitslosigkeit können Millionen von Menschen ins Elend werfen. Wie kann man angesichts dieser Sorgen sorglos sein? Dem Sorglosen sei zugerufen: Wer vermeint zu stehen, sehe zu, dass er nicht falle. Ein vermessener Mensch macht sich selbst viel Unglück. „Sei nicht hoffärtig, sondern fürchte dich“ (Röm 11,20).
Amen.