14. Juni 2026
Gottgläubigkeit und Gottlosigkeit
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Geliebte im Herrn!
Vor kurzem nahm ich an einer Urnenbestattung teil. Sie fand statt ohne einen Religionsdiener, außerhalb der Friedhofskapelle, unter Ausschluss jedes religiösen Wortes oder Zeichens. Es war eine Bestattung in Religionslosigkeit pur. So hatte es der Verstorbene gewünscht. So hatte er gelebt, und so war er gestorben; er war religionslos, gottlos. Religion ist die Erkenntnis Gottes und ein dem Willen Gottes entsprechender Lebenswandel. Der religiöse Mensch kennt Gott; er ist ein Wissender, der unreligiöse ist ein Unwissender; er weiß nichts und will nichts wissen von Gott. Gott lässt sich erkennen. Aus der Bewegung und den Werken, aus der Kontingenz, der Ordnung und der Schönheit der Welt kann man Gott als Ursprung und Ziel des Universums erkennen. Damit aber der Mensch in eine vertraute Beziehung zu Gott eintreten könne, offenbarte sich Gott den Menschen und gab ihm die Gnade, diese Offenbarung im Glauben annehmen zu können. Wer ist Gott? Gott ist ein Wesen aus sich selbst, von unendlicher Vollkommenheit, Schönheit und Glückseligkeit, der Schöpfer und Beherrscher der ganzen Welt. Gott ist allgegenwärtig, ohne alle räumliche Ausdehnung, an jedem Ort ganz zugegen. Die beständige Erinnerung an die Allgegenwart Gottes bringt uns großen Nutzen. Sie schreckt uns vor der Sünde zurück, erhält uns in der Gnade Gottes, treibt uns an zu guten Werken und macht uns unerschrocken. Wer sich als Gottloser um Gottes Offenbarung nicht kümmert, vergeht sich gegen Gottes Willen, verharrt in Unwissenheit und verzichtet auf Erkenntnisse, die von Gott stammen. Der Gottlose weiß nicht, wer die Welt hervorgebracht hat. Dass alles von selbst erstanden sein soll, ist absurd und eine bloße Verlegenheitsauskunft. Der Gottlose steht vor einem Rätsel. Keine Erklärung der Weltentstehung, die von Menschen stammten, ist gesicherte Lehre. Gott erhält die Welt. Das heißt: Er bewirkt, dass die Geschöpfe fortbestehen, solange er will. Gott regiert die Welt. Das heißt: Er leitet alles in der Welt. Nichts geschieht ohne seinen Willen oder seine Zulassung. Durch seine Vorsehung führt Gott seine Schöpfung der Vollendung entgegen. Die Fürsorge der Vorsehung ist konkret und unmittelbar. Sie kümmert sich um alles, von den geringsten Kleinigkeiten bis zu den großen weltgeschichtlichen Ereignissen.
Viele unserer Zeitgenossen verwerfen die Existenz Gottes. Stürzt der Gottglaube, so stürzt damit eine ganze Welt. Mit Gott erlischt das glühende Zentrum der Seele, der Garant und Halt der Persönlichkeit. Der tolle Mensch ruft: „Wohin ist Gott? Ich will es euch sagen: Wir haben ihn getötet – ihr und ich. Wir alle sind seine Mörder. Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutreiben? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittag angezündet werden?“ Gott ist tot, sagt der Gottlose. Wir haben ihn getötet. Nun kann Gott nicht sterben, denn er ist der Allerlebendigste, der Herr des Lebens. Aber sterben kann der Glaube an Gott im Menschen. Und der Gottlose bringt es fertig, diesen Glauben in sich zu zerstören.
Der gläubige Christ glaubt an die Menschwerdung des Sohnes Gottes. Die zweite göttliche Person ist durch die Wirkung des Heiligen Geistes Mensch geworden aus Maria, der Jungfrau. Er hat unter uns gelebt und gewirkt. Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Wir nennen ihn daher den Gottmenschen. In ihm sind zwei Naturen, die göttliche und die menschliche, aber nur eine Person, die göttliche. Wer Christus nicht kennt, weil er ihn nicht kennen will, bleibt außerhalb des größten Ereignisses der Weltgeschichte. Er entzieht sich der Gemeinschaft mit seinem Herrn und Erlöser. Ohne Christus leben bedeutet in einer Armut zu verharren, die durch nichts und niemand ausgeglichen werden kann.
Der Mensch findet durch den Glauben zu Gott. Der christliche Glaube ist die durch Gottes Gnade erlangte feste Überzeugung, dass alles wahr ist, was Jesus gelehrt hat und was in seinem Auftrag die katholische Kirche lehrt. Der Gottlose ist der Ungläubige. Er will nicht glauben. So verschließt er sich der Wirklichkeit Gottes. Seiner geistigen Ausrüstung fehlt die wichtigste Realität. Er ist ein Ignorant. Ihm fehlt der Vater. Der Gottlose kann niemals sprechen: Vater unser im Himmel; denn er kennt diesen Vater nicht. Die Geschöpfe schulden ihrem Schöpfer Anbetung. Gott anbeten heißt, ihm in Ehrfurcht und Unterwerfung als den Schöpfer und Retter, den Herrn und Meister von allem, was existiert, als unendliche und barmherzige Liebe anzuerkennen. Im Gebet nimmt sich der Christ Zeit für Gott, lenkt seine Gedanken auf Gott hin, den er als Grund seines Lebens bekennt. Die Erfahrung der Nähe Gottes stärkt den Menschen zur Bewältigung der Mühen und Plagen des Alltags. Wer Gott nicht anbetet, versäumt seine erste und höchste Pflicht. Das Gebet ist die unerlässliche Voraussetzung, um die Gebote Gottes halten zu können.
Das Aufgeben des Gottesglaubens bedeutet für den Einzelnen eine untragbare Belastung: „Du wirst niemals mehr beten, niemals mehr anbeten, niemals mehr im endlosen Vertrauen ausruhen. Du versagst es dir, vor einer letzten Weisheit, letzten Güte, letzten Macht stehen zu bleiben und deine Gedanken abzuschirren. Du hast keinen fortwährenden Wächter und Freund für deine sieben Einsamkeiten. Du lebst ohne Ausblick auf ein Gebirge, das Schnee auf dem Haupte und Glühen in seinem Herzen trägt. Es gibt für dich keinen Vergelter, keinen Verbesserer letzter Hand mehr. Es gibt keine Vernunft in dem mehr, was geschieht, keine Liebe in dem, was dir geschehen wird. Deinem Herzen steht keine Ruhestatt mehr offen, wo es nur zu finden und nicht mehr zu suchen hat. Du wehrst dich gegen irgendeinen letzten Frieden, du willst die ewige Wiederkehr von Krieg und Frieden. Mensch der Entsagung, in alledem willst du entsagen? Wer wird dir die Kraft dazu geben? Noch hatte niemand diese Kraft.“
Der gläubige Christ besitzt ein untrügliches Sittengesetz. Gott gibt ihm Weisung für sein Leben durch die Gebote, die er erlässt. Der Gottlose ist nicht ohne Moral. Er bildet sie sich selbst oder übernimmt sie aus der Umwelt. Eine von der religiösen Grundlage losgelöste Moral jedoch ist eine Illusion. Sie ist ein Gesetz ohne Gesetzgeber. Gottgewollte Sittlichkeit trotzt der Moral der Beliebigkeit.
Jeder Mensch erlebt, dass er schuldig wird. Die Schuld ist eine drückende Last. Der Gläubige weiß, dass es eine Vergebung der Sünden gibt. Gott vergibt dem reuigen Sünder seine Verfehlungen. Er hat der Kirche die Vollmacht zur Sündenvergebung übertragen. Der Gottlose vermag seine Schuld vor Gott nicht einzugestehen; er spricht allenfalls von einem begangenen Fehler oder schiebt die Verantwortung für die Schuld anderen Menschen oder den Umständen zu. Der Gottlose verkostet nie den Frieden, den der reuige Sünder in der Vergebung der Sünden erfährt.
Der Mensch braucht Verbundenheit, Zusammenschluss, Gemeinschaft. Gott hat für die Gläubigen die Kirche als Hort der Zusammengehörigkeit gegründet. Die katholische Kirche ist eine sichtbare, von Christus gegründete Anstalt, das Volk Gottes, in dem die Menschen für den Himmel erzogen werden. Die Erziehung geschieht durch das dreifache Amt, das Lehramt, das Priesteramt und das Hirtenamt. Der Herr und König der Kirche ist Christus, ihr unsichtbares Haupt. Die Wahrheit von der Gemeinschaft der Heiligen spendet Trost und Frieden. Wer sie nicht bekennt, verbleibt in Einsamkeit und Isolation. Die Christen sind durch den Empfang des Taufsakraments neue Menschen geworden. Sie sind befreit aus ihrer Isolierung und Vereinzelung; sie lassen die Leere und Sinnlosigkeit hinter sich; sie gehen über zur Lebensgemeinschaft mit dem Dreifaltigen Gott. Die durch Gottes Gnade Gerechtfertigten gewinnen die Einwohnung des Heiligen Geistes (Röm 8,9.11). Paulus erinnert die Christen in Korinth: „Wisst ihr nicht, dass ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1 Kor 3,16). Eine größere Begabung, eine höhere Auszeichnung kann es für den Menschen nicht geben als die Gemeinschaft mit Gott.
Der Mensch besitzt eine unsterbliche Seele. Die Seele ist geistig und darum unsichtbar. Sie ist das Lebensprinzip des Menschen. Der Gottlose spricht: Mit dem Tode ist alles aus. Wer in der Todsünde lebt und sich vor der künftigen Vergeltung fürchtet, spricht so. Christus sagt: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können“ (Mt 10,28). Dem reumütigen Schächer verheißt er: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein“ (Lk 23,43). Die Verbrennung des entseelten Leibes vermag der Seele nichts anzuhaben. Das Feuer, das den Leib eines Verstorbenen verzehrt, ist ohnmächtig gegenüber seiner Seele. Der Geist ist unbrennbar. Der Gottlose leugnet die Unsterblichkeit des Menschen. Er sagt: Es ist noch keiner wiedergekommen von denen, die gestorben sind. Das stimmt nicht. Jesus, der Sohn der Maria, ist verklärt und verwandelt dem Grab erstiegen.
Im Tod des Menschen trennt sich die Seele vom Leibe und geht in das Reich der Geister über; der Körper aber verwest und wird zu Asche. Sogleich nach dem Tode tritt das besondere Gericht ein. Nach dem besonderen Gericht kommen die Seelen der Menschen in den Himmel oder in die Hölle oder in das Fegefeuer. Der Himmel ist der Ort des ewigen Friedens und der unaussprechlichen Freude. Der Christ lebt in dem Bewusstsein, dass er im Sterben zum Herrn geht. Am Ende gibt es nur zwei Arten von Menschen. Einmal die, welche zu Gott sagen: Dein Wille geschehe. Sodann die, zu denen Gott sagt: Dein Wille geschehe. Alle, die in der Hölle sind, erwählen sie. Ohne diese Selbstwahl könnten sie nicht in der Hölle sein. Das Fegefeuer ist die Stätte, wo die Seelen jener Menschen, die zwar ohne schwere Sünde gestorben sind, aber ihre Sünden noch nicht vollkommen abgebüßt haben, eine Zeitlang leiden müssen. Die Seelen schauen Gott nicht und haben große Schmerzen auszustehen. Gott hat den Menschen zur Unsterblichkeit berufen. Der Gläubige schaut aus nach einem seligen Leben in Gott. Er weiß, dass mit dem Tode nicht alles aus ist. Für den Atheisten gibt es keinen liebenden Gott und keine Seligkeit. Ein Mensch ohne Religion ist ein Wanderer ohne Ziel, ein Fragender ohne Antwort, ein Ringender ohne Sieg und ein Sterbender ohne neues Leben.
Amen.