17. Mai 2026
Gottes Unwandelbarkeit
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Geliebte im Herrn!
Wie müssen Gott immer besser kennen lernen, um ihn immer mehr zu lieben. Eine wesentliche Eigenschaft Gottes ist seine Unwandelbarkeit. Gott ist völlig unwandelbar und unveränderlich. Wandel oder Veränderung ist der Übergang von einem Zustand in einen anderen. Nach Jak 1,17 gibt es bei Gott, dem Vater der Lichter, keinen Wechsel und keinen Schatten der Veränderlichkeit. Die Unwandelbarkeit oder Unveränderlichkeit Gottes besagt, dass in ihm kein Werden, kein Ablauf, kein Zuwachs und keine Abnahme erfolgt, dass er sonach der in sich Vollendete, der stets Fertige ist. Im AT tritt Gottes Unwandelbarkeit zunächst als die persönliche Sichselbstgleichheit, als unwandelbares Verharren in seinen Ratschlüssen und gnädigen Gesinnungen gegen sein Volk, als unverbrüchliche Treue, als stets gleiche Heiligkeit und Gerechtigkeit hervor. „Nicht ist Gott wie ein Mensch, dass er lüge, nicht wie eines Menschen Sohn, dass er sich ändere“ (Num 23,19). Die Unwandelbarkeit Gottes ergibt sich daraus, dass das reine in sich stehende Sein und die völlige Einfachheit Gottes mit Wandelbarkeit unvereinbar sind. Wandelbarkeit kann es nur geben, wo die Wirklichkeit noch mit Unwirklichkeit, das Sein noch mit der Möglichkeit gemischt ist, so dass Raum für die Verwirklichung bleibt.
Man muss unterscheiden zwischen der Unwandelbarkeit des Wesens Gottes und der Unwandelbarkeit seiner Entschlüsse. Die Unwandelbarkeit des göttlichen Wesens ist unbedingt und notwendig. Diese Notwendigkeit bedeutet keinen unentrinnbaren, einengenden Zwang, sondern wird von Gott mit höchster Klarheit durchschaut und in vollendeter Seligkeit bejaht. Sie gründet in der Vollkommenheit Gottes, die keiner Steigerung und keiner Minderung fähig ist. Gott behauptet seine Wesensvollkommenheit immerfort mit ebenbürtiger Kraft. Der Beter spricht im Psalm: „Himmel und Erde werden vergehen, du aber bleibst, und alle veralten wie ein Kleid. Und wie ein Gewand wechselst du sie, und sie sind gewechselt. Du aber bist derselbe, und deine Jahre nehmen kein Ende“ (Ps 101, 27-28; Ex 3,14).
Die Ratschlüsse Gottes hinsichtlich der Geschöpfe stehen nicht unter dem Gesetz der Notwendigkeit. Mit dem Wesen Gottes wären auch andere Ratschlüsse vereinbar. Es stünde zum Gottsein nicht im Widerspruch, wenn Gott die Erschaffung der Welt oder die übernatürliche Begnadigung des Menschen nicht beschlossen hätte. Wenn freilich Gott einmal einen Beschluss gefasst hat, dann ist er unwandelbar. Die Unwandelbarkeit der einmal gefassten Entschlüsse folgt aus der Unwandelbarkeit seines Wesens, mit dem sie infolge der Einfachheit Gottes identisch sind. Gott hat seine freien Ratschlüsse ebenso ursprunghaft und anfanglos gefasst, wie er Gott ist. Daher gibt es in Gott auch nie einen Wandel der Entschlüsse.
In Gott ist zwar Bewegung, aber keine Veränderung. Im AT sagt Gott: „Ich, der Herr, habe mich nicht verändert“ (Mal 3,6). Und der Beter bekennt: „Die Himmel, das Werk deiner Hände, werden vergehen, du aber bleibst. Sie alle altern wie ein Gewand. Du wechselst sie wie ein Kleid. Sie zerfallen. Du aber bleibst derselbe. Deine Jahre haben kein Ende“ (Ps 102,27f.). Alles Werdende muss selbst wieder verursacht sein. So führt es zu einem letzten Grund, der von Aristoteles als das „unbewegt Bewegende“ angesehen wurde und von der philosophischen Theologie der Scholastik zum subsistierenden Gott erhoben wurde. Gott ist der unbewegt Bewegende, die überwerdehafte Ursache alles Werdens und kann insofern dem Werden nicht unterworfen sein. Thomas von Aquin erschließt die Unveränderlichkeit Gottes aus seiner reinen Wirklichkeit, seiner gänzlichen Einfachheit und der Fülle seiner Seinsvollkommenheit (S.th. I q. 9 a.1 und 2). Auf die Frage, wie sich die zeitlose Unveränderlichkeit Gottes zu der erfahr-baren Veränderlichkeit seines Wirkens verhalte, gibt Augustinus die Antwort: „Wir erachten die Vorstellung als unzulässig, dass Gott sich anders verhalte, wenn er feiert, als wenn er wirkt. Er darf überhaupt nicht als bewegt in dem Sinne hingestellt werden, als trage sich in seiner Natur etwas zu, was vorher nicht da war.“ „Gott weiß ruhend zu handeln und handelnd zu ruhen.“ Gott beharrte ohne die geschaffenen Dinge mit einer anfanglosen Ewigkeit in nicht geringerer Glückseligkeit. Daran ändert auch die Menschwerdung nichts. Papst Leo der Große bekennt in seinem Brief an Bischof Flavian von Konstantinopel (449): „Christus, vor den Zeiten bleibend, begann, in der Zeit zu sein. Der Herr über das All verhüllte die Unermesslichkeit seiner Hoheit und nahm Knechtsgestalt an. Der leidensunfähige Gott war sich nicht zu schade, leidensfähiger Mensch zu sein.“ Die Menschwerdung des Logos ist keine Veränderung des göttlichen (unveränderlichen) Logos, sondern die Veränderung liegt einzig auf der menschlichen Natur Jesu.
Wenn in der Schrift von Gesinnungsänderungen Gottes die Rede ist, so sind das Aussagen über Gott nach der Analogie unserer menschlichen Vorstellung (z.B. Reue, Nachsicht, Verzeihung, Grimm). Analoge Redeweisen sind als menschliche Beurteilungen, nicht als das Wesen Gottes selbst betreffende Bewegungen und Zustände zu verstehen. Wir sprechen von Gott, wie wir von den Menschen sprechen, wissen aber, dass unsere Aussagen über Gott mehr unähnlich als ähnlich sind. Die Rede von den Beleidigungen, die Gott zugefügt werden, und von der Reue, die Gott zeigt (Gen 6,6), verfolgen ein unaufgebbares religiöses Anliegen: das der Anerkennung eines lebendigen, mit den Menschen mitgehenden, mit ihnen in einer „Partnerschaft“ verbundenen Gottes, den dies menschliche Handeln auch wirklich angeht und betrifft. Doch darf dieses Betroffensein weder mit menschlichen Affekten gleichgesetzt noch in seiner Modalität als zeitliches Auf und Ab gedacht werden. Das „Leiden Gottes“ an der Sünde und der „Schmerz“ Gottes lassen sich bestimmen als Weisen jener alles menschliche Maß übersteigenden Liebe, die auch das Widergöttliche betrifft und überwindet. Die „Reue“ Gottes lässt sich verstehen als Ausdruck derjenigen göttlichen Liebe, die sich dem Sünder richtend und sorgend zuwendet. Gott wird durch das Werk der Erlösung, durch unsere Reue oder unser Gebet nicht umgestimmt. Gott ist nicht wie der Mensch Stimmungen unterworfen, sondern immer mit gleicher ebenbürtiger Kraft des Willens und heller Einsicht des Erkennens dem Guten (das er selbst ist) zugewandt, also die in sich stehende tätige Liebe zum Guten, die Liebe, die Person ist, die ihr eigenes Leben ist. Die Erlösung ist das Werk dieser göttlichen Liebe. Indem sie geschah, wurde die Erde wieder der Liebe Gottes würdig. Die Veränderung liegt also jeweils auf Seiten des Geschöpfes. Der absolut einfache, unendlich inhaltvolle Akt des göttlichen Willens äußert sich in verschiedener Weise, je nach der Beschaffenheit des Geschöpfes, auf das er trifft. Die religiösen Akte können daher von Gott nichts erbetteln oder erzwingen, behalten aber trotz Gottes Unveränderlichkeit ihre Bedeutung. Wenn Gott uns manches nur auf unsere Bitte hin gewährt, so liegt der Grund nicht darin, dass er durch die Bitte milde gestimmt wird, während er ohne die Bitte streng bleibt. Der Grund hierfür liegt vielmehr darin, dass Gott dem Menschen nichts aufnötigt, weil er seine Freiheit achtet; dass er dem Menschen daher nur zuteilwerden lässt, was dieser entgegenzunehmen bereit ist. Die klarste und lebendigste Bereitung des menschlichen Herzens für die von Gott ihm zugedachten Werke liegt in der Bitte an Gott, den Spender aller Gaben. Im Bittgebet bekennt nämlich der Mensch seine eigene Begrenztheit und Schwäche. Er versteht sich darin als Geschöpf, und zwar als sündiges Geschöpf. Zugleich bekennt er sich zum Reichtum und zur erbarmenden Güte Gottes, von der er erwartet, was er sich selbst nicht zu geben vermag. Er gibt daher im Bittgebet Gott die Ehre. Das Bittgebet wird so zur Verherrlichung Gottes. Gott hat nun von Ewigkeit her beschlossen, dass dieses so verstandene Bittgebet die Voraussetzung dafür sein soll, dass die in seinem ewigen Heilsplan dem Menschen zugedachten Wirkungen in der Zeit eintreten. So steht die Unwandelbarkeit Gottes auch nicht entgegen der lebendigen Schilderung, welche die Schrift vom Kommen und Gehen Gottes, von seinem Sprechen und Trösten, seinem Wirken und Handeln in der Geschichte gibt. Die Schriftzeugnisse weisen darauf hin, dass die in Gottes ewigem (und unwandelbarem) Geschichtsplan beschlossenen Heilswirkungen vom Menschen in der Zeit erfahren werden. Die innerhalb der Geschichte aus dem ewigen Weltplan Gottes kommenden (heilsmächtigen) Ereignisse bedeuten Anrufe Gottes an den Menschen in seiner jeweiligen geschichtlichen Situation.
Das menschliche Nein gegen Gott ist gewissermaßen eine Provokation für die Liebe Gottes; sie macht daraufhin einen noch größeren Aufwand, um den Menschen zu retten. So hat Gott, nach dem ersten Einsatz für die Welt und den Menschen in der Schöpfung, nach dem Versagen der Menschen einen zweiten, größeren gemacht: in der Menschwerdung und Erlösung. Er wird am Ende der menschlichen Geschichte einen letzten Einsatz für den Menschen machen, um die menschliche Gemeinschaft und die ganze Welt zur Vollendung zu führen. Auch diese Steigerung des Einsatzes Gottes für den Menschen innerhalb der Geschichte trägt keinen Wandel in Gott hinein. Denn in jedem geschichtsmächtigen Wirken Gottes tritt nur in der Zeit hervor, was Gott (der das Ganze des Geschichtsverlaufs und der Weltentwicklung überschaut) von Ewigkeit her beschlossen hat. Es tritt auch in jenem Augenblick hervor, in dem es nach Gottes ewigem Haushaltsplan hervortreten soll. Der jeweilige neue Einsatz Gottes für den Menschen bedeutet nicht, dass er jeweils einen neuen Rettungsversuch beschließt, nachdem der vorausgehende gescheitert ist. Er bedeutet vielmehr die zeitliche Verwirklichung des ewig Beschlossenen. Ja, gerade die Unwandelbarkeit Gottes gibt uns Gewähr, dass Gott trotz seiner Aufmerksamkeit auf das Ganze und auf die ungezählten Einzelheiten innerhalb der Welt und der Geschichte sich nicht verliert (wie ein Mensch sich verliert, wenn er sich allzu vielen Aufgaben widmet). Die Unwandelbarkeit Gottes (die Ausdruck der Seinsbeständigkeit und der Kraft seiner schöpferischen Liebe ist) gibt unserem Einvernehmen mit ihm Sicherheit und Dauerhaftigkeit. Die Unwandelbarkeit Gottes gewährt uns die Zuversicht, dass er treu zu seinen einmal gefassten Beschlüssen steht; dass es ein vollendetes Sein gibt, auf das hin unser Werde-Sein, frei von Ziellosigkeit und Richtungslosigkeit, unterwegs ist. Eine förmliche Veränderung Gottes würde das Gottesbild dem Mythos preisgeben.
Nichts ist tröstlicher, als dass Gott unveränderlich ist. Nun sind wir gewiss, dass er der bleibt, als den er sich uns im Anfang geoffenbart hat. Wir wissen jetzt, was wir an ihm haben, in guten und in schlimmen Tagen. Immer gab es Menschen, die versuchten, Gott nach ihrem eigenen, jeweiligen sittlichen Zustand umzumodeln, ihn zu sich herabzuziehen. Vergebens! Gott bleibt, was er ist, ohne sich selbst zu ändern, aber auch ohne sich von den Menschen verändern zu lassen. Lassen wir ihn in seiner Erhabenheit und bilden uns nach ihm, statt ihn nach uns.
Amen.