Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Kirche
19. April 2026

Das Gotteshaus

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Der bekannte Millionär Cecil Rhodes ließ vor seinem Tode telefonisch englische Geistliche um Fürbitte anrufen. Er starb, ehe sein Flehruf ankam. Auf dem Sterbelager sagte er: „Ich habe viel gesucht und viel gefunden: Gesundheit, Diamanten, Gold, Länder. Das muss ich nun verlassen. So geht nichts davon mit mir. Was mir aber bleiben wird, das habe ich nicht gesucht und nicht gefunden.“ Seine letzten Worte waren: „So viel zu tun, so wenig getan. Lebt wohl!“ Konkurserklärung seines Lebens. Doch wenn es nur um ein verpfuschtes irdisches Leben ginge. Aber drüben? Welches Schicksal wartet da auf einen solchen Menschen? Und das für eine endlose Ewigkeit? In unseren Städten und Dörfern stehen zahllose Gebäude, die einem einzigen Zweck gewidmet sind: der Anbetung Gottes. Wir nennen sie darum Gotteshäuser. Sie sind Gott geweiht, das heißt schenkend übertragen. Er soll ihr oberster Eigentümer sein. In ihnen soll Gott die geschuldete Anbetung erwiesen werden. In meiner Schulzeit wies der Lehrer im Geschichtsunterricht mit Recht darauf hin, dass es in den meisten Dörfern ein einziges Gebäude von kulturellem und künstlerischem Wert gibt: das Gottesdienstgebäude. Das Gotteshaus soll uns an die erste Frage im katholischen Katechismus erinnern: „Wozu sind wir auf Erden? Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen, ihm in Liebe und Treue zu dienen und so zum ewigen Leben zu gelangen.“ Die Kirche lehrt uns: Gott ist der Ursprung und das Ziel unseres Lebens. Wer nicht an Gott glaubt und an die ewige Vergeltung, dem bedeutet das Gotteshaus nichts. Im Gegenteil! Er flieht es und seine Diener.

I.

Für viele Menschen ist das Gotteshaus nur mehr ein Kunstwerk, das man mit zahllosen Kunstbeflissenen anschaut, in dem man schwätzend und ohne Kniebeuge umhergeht, die Kirche ist eine Sehenswürdigkeit, ein Museum, mehr nicht. Der Kölner Dom ist die wohl berühmteste deutsche Kirche. Er wird jährlich von rund sechs Millionen Menschen besucht. Die meisten davon sind Touristen. Es verwundert einen nicht, wenn von ihnen ein Eintrittsgeld verlangt wird. Als ob der Mensch nur ein brotverzehrendes Wesen wäre und nicht berufen für ein anderes, jenseitiges Leben! Für viele Christen ist die Kirche ein Festraum, ein würdiger Rahmen für Taufe, Hochzeit und Begräbnis. Höchstens dann und wann, an Weihnachten und Ostern, ein Ort für eine gehobene Stimmung der Familie. Wir wollen die Seltenheitsbesucher des Gotteshauses nicht geringschätzen. Sie haben die Verbindung zur Religion, zum Gottesdienst, zur Anbetung nicht völlig verloren. Der Keim in ihrer Seele, der sich nach Gott ausstreckt, kann wachsen. Setzen wir alles daran, den Gottesdienst so würdig und erhaben zu feiern, dass er die Teilnehmer für Gott gewinnt. Aber auch für jeden Christen weckt das Gotteshaus nicht mehr jene lebendige Freude, die in unseren schönen barocken Kirchen zu spüren ist. Die Freude an Gott wurzelt in dem lebendigen, praktizierten Glauben. Wenn der Glaube verkümmert, muss jede Freude, auch die religiöse Freude an Gott, erkranken und schwinden. Wie soll der Mensch noch Freude am Leben haben, wenn er die Mitte seines Lebens, Gott den Herrn, verloren hat? Den Halbgläubigen ist das Gotteshaus ein Alpdruck. Sie fühlen sich hier beengt, verlegen, fremd. Sie behaupten, Erhebung in der freien Natur, am Meer, auf Bergeshöhen zu finden.  Als ich ein Knabe war, sagte der Physiklehrer eines Tages zu mir: „Junge, lauf nicht den Pfaffen nach. Glaub’ nicht an den schwarzen Schwindel. Wenn du beten willst, gehe in den Wald.“ Man kann in der Natur beten, wenn man an die erhabenen Werke des Schöpfergottes denkt. Ja, wenn sie hier nur beten würden! Und wenn man schon in der Natur betet, warum sollte man das Gotteshaus meiden und nicht erst recht dort beten? Denn in der Kirche ist etwas, was in der Natur nicht zu finden ist und durch nicht ersetzt werden kann: Die Kirche ist der Audienzsaal Gottes! Hier spricht Gott zu uns. Hier ist der Sinai des Neuen Bundes. Hier ist der brennende Dornbusch, wo Gott zu uns redet wie einst zu Moses. Die Kirche ist die Lehrstätte der Wahrheit. Der vollen Wahrheit, der ewigen Wahrheit. Nicht menschliche Weisheit hören wir da, sondern Gottes Wort. Predigen können auch solche, die außerhalb der katholischen Kirche sind, vielleicht manchmal besser als wir. Aber die Verkündigung muss unfehlbar sein. Über 600 Sekten verbiegen und verfälschen das Testament Christi. Wir katholischen Christen haben die Wahrheit, nicht weil wir klüger oder besser sind als die Angehörigen fremder Religionen, sondern weil unser Wissen von Gott stammt, von Christus, der Wahrheit in Person, und weil wir daran festhalten, und uns davon leiten lassen.

II.

Aber es geht um mehr als nur das Wort Gottes. Wir sind sündige Menschen. Im Gotteshaus wird uns nicht nur der Weg gezeigt, der uns zum Himmel führt. Im Gotteshaus werden uns auch die Gnadenmittel gespendet, die uns den Himmel öffnen. Die Kirche ist der Abendmahlssaal Christi. Gewiss: Gott ist geistig, mit seiner Kraft und Macht überall gegenwärtig. Aber sakramental, verhüllt unter der Brotsgestalt, hat der Sohn Gottes hier seinen Wohnsitz aufgeschlagen. Das rote Licht vor dem Tabernakel kündet uns Christi Gegenwart mit Fleisch und Blut, mit Gottheit und Menschheit. „O Christ, hie’ merk, den Glauben stärk und schau dies Werk! Das höchste Gut, Gott selbst hier ruht mit Fleisch und Blut!“ Im katholischen Gotteshaus wird durch den Dienst des geweihten Priesters täglich in der heiligen Messe Golgotha gegenwärtig. „Der ganze Mensch erschauere, die ganze Erde bebe, der Himmel juble laut, wenn auf dem Altar Christus, der Sohn Gottes, in der Hand des Priesters ist. Wunderbare Größe und staunenswerte Herablassung! Erhabene Demut! Demütige Erhabenheit, dass der Herr des Alls, Gott und Gottes Sohn, sich so erniedrigt, um sich zu unserem Heil unter der bescheidenen Gestalt des Brotes zu verbergen“ (Hl. Franziskus, Schreiben an das Kapitel, Kap. 2). Im Sakrament des Altares ist der Gott und Mensch Jesus Christus mit seiner Gnadenfülle zugegen. Im Geheimnis der Eucharistie wird das Opfer des Sohnes Gottes, am Kreuze geschehen, gegenwärtig, wird das Werk der Erlösung gleichsam von neuem vollbracht. Ja, so ist es: „Wenn der Priester am Altar die heiligen Geheimnisse feiert, verherrlicht er Gott, erfreut er die Engel, erbaut er die Kirche, hilft den Lebenden, verschafft den Toten die ewige Ruhe und macht sich selbst teilhaftig alles Guten.“ Hier ergeht an uns die Mahnung: Christus opferte sich am Kreuze; opfere du auch dich. Opfere dich mir und gib dich ganz für Gott hin, und dein Opfer wird angenehm sein.

Die Kirche ist der Audienzsaal Gottes, sie ist der der Abendmahlssaal Christi; sie ist drittens der Kursaal des Heiligen Geistes. Die Kirche ist keine Anstalt für Umweltverbesserung, sie ist keine Bar für Unterhaltung, nein, sie ist Sanatorium der Seele. Hier setzt Jesus fort, was er während seines Lebens hienieden getan hat: er ruft die Sünder zu sich. Der Gesang der Vögel in Flur und Wald ist lieblich und stimmungsvoll; aber er reinigt nicht von Sünden und teilt keine Gnaden aus. In der Kirche aber wirkt der Internist der Seele, der Heilige Geist. Hier werden wir rein. Hier werden wir angetan mit dem hochzeitlichen Gewand der heiligmachenden Gnade in der Abwaschung der Taufe und in der Vergebung des Bußsakramentes. Hier ist das Brot des Himmels für unsere unsterbliche Seele. Gott braucht keine Kirchen. Aber der Mensch braucht sie. Denn in unseren Kirchen finden wir etwas, was wir in der Natur nicht finden und was uns auch die anderen Religionen nicht geben können: die Wahrheit Christi, seine Gegenwart, seine Gnadenmittel. Hier findet die sündige Seele Heilung, hier ist der Kursaal des Heiligen Geistes, hier ist die Pforte des Himmels. So wird jede Kirche eine Lehrstätte göttlicher Wahrheit, eine Heilstätte der sündigen Seele durch die Ausspendung der heiligen Sakramente, eine Erziehungsstätte zu richtigem Beten, eine Mahnstätte zu gottgefälligem Leben, eine Opferstätte des unbegreiflichen Wunders der heiligen Messe, eine Troststätte leidgeprüfter Seelen, eine Wohnstätte Christi im Tabernakel, eine Thronstätte des Allmächtigen unter den Menschen. Als Gnadenstätte wird das Gotteshaus zur Geburtsstätte des ewigen Lebens schon auf Erden, eine Auferstehungsstätte für die im Herrn Entschlafenen. So wird die Kirche zur Heimstätte der Gemeinde, zur Feststätte der hohen Tage des Lebens und des Jahres. Freilich, wer verstockt nicht in die Kirche gehen will, dem wird die Bundesstätte des Herrn des Himmels und der Erde einst zur Gerichtsstätte. „Noch stehen Kirchen allerorten, aufgetan mit hohen Pforten. Kommst du? Dankest du? Hältst du Rast? Bleibst du ferne, fremder Gast? Gottes Haus, du lieber Christ, Pfand der ewigen Heimat ist.“

Amen.

Schrift
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