15. März 2026
Vorsehung
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Geliebte im Herrn!
Es ist ein Glaubenssatz: Gott schützt und regiert alle Geschöpfe durch seine Vorsehung. Im AT offenbart sich Gott als Herrn über die Natur, als Wirker der Geschichte, als Lenker aller Geschicke. Seine Herrschaft über die Natur ist Heil, Schutz und Segen für den Menschen. Sein Walten ist freilich geheimnisvoll, für den Menschen oft unverständlich und furchtbar. Gott wirkt die Geschichte und ist so der Herr der Geschichte und der Zeiten. Das Leben der Völker steht unter seiner Leitung. Sie empfangen seinen Segen und werden von ihm zur Rechenschaft gezogen. Ein Volk kann in der Hand Gottes Zuchtrute werden für das andere. Der Prophet Isaias sieht, wie Gott die Geschichte zu dem von ihm gewollten Ziele hinführt: Er lässt den Perserkönig Kyros wie einen Meteor aufstrahlen, verleiht ihm unerhörte Siege und lässt so durch ihn seine Zeit heranreifen. Den in der Babylonischen Gefangenschaft lebenden Juden gestattete er die Heimkehr nach Palästina. Auch die gottfeindlichen geschichtsbildenden Mächte können nicht anders als den Plänen Gottes dienen. Ziel der ganzen von Gott geleiteten Geschichte ist Christus. Gott erreicht dieses Ziel auch über die Untreue, den Unglauben, den Götzendienst und dem Verrat der Offenbarungsträger. Auch wenn die Menschen Böses tun, müssen sie, ohne dass sie es wissen und wollen, Gottes Heilsplan zur Erfüllung bringen. Das deutlichste und erschreckendste Beispiel dafür wird im NT der Hohepriester Kaiphas sein. Als Prophet, d.h. als Verkündiger einer göttlichen Heilsbotschaft, wird er das Wort sprechen, dass es besser ist, wenn einer stirbt, als dass das ganze Volk zugrunde geht. Er sucht so mit politischen Erwägungen das Todesurteil gegen Christus zu begründen. Aber der Heilige Geist, der ihn als sein Werkzeug benutzt, lässt ihn diese Worte sprechen, um einen ganz anderen Sinn damit zu verbinden, Kaiphas begeht als Prophet ein unausdenkbares Verbrechen. Aber in seinem Verbrechen wirkt Gott das Heil. Auch um den einzelnen und das einzelne kümmert sich Gott. Dessen kann der Gläubige in der Hingabe an Gott innewerden. Gott tritt in das Leben der Menschen ein und leitet sie, so dass sie ihm danken und vertrauen können. Auch die dunklen und rätselhaften Ereignisse im Leben kommen von ihm. „Ich bin der Herr und sonst keiner, ich bin der Bildner des Lichts wie der Finsternis, Bringer des Friedens wie Schöpfer des Unheils“, heißt es beim Propheten Isaias. „Trifft ein Unheil die Stadt, ohne dass der Herr es getan?“, fragt der Prophet Amos.
Im NT wird uns gleichfalls die Versicherung gegeben, dass Gott der Wirker der menschlichen Geschichte ist, und zwar sowohl der Weltgeschichte als auch der Geschichte des einzelnen Menschen. Christus bringt uns die Kunde, dass Gottes Leitung geformt ist von seiner Vatergüte. Gott meint es gut mit den Menschen. Er trägt wirkliche Sorge um sie. Seine Sorge richtet sich auch auf die kleinsten und unscheinbarsten Geschehnisse. Das Bewusstsein, dass Gott, der allmächtige Vater, wacht, soll die menschliche Unruhe und Lebensangst beruhigen (Mt 6,25-34; Lk 12,4-7). Diesem Sachverhalt entspricht die Haltung zu der Petrus auffordert: „Werft alle Sorge auf ihn. Er sorgt für euch.“ Die Vatersorge Gottes lässt sich nicht immer erfahren. Man wird ihrer letztlich gewiss allein im Glauben.
Die Offenbarung von Gottes Vorsehung ist nicht zu verwechseln mit der Zusicherung eines ungestörten, sorglosen Lebens. Der Gott der Vorsehung, von dem Christus spricht, ist nicht gleich einem gutmütigen irdischen Vater, der die Wünsche und Launen seiner Kinder nach mehr oder weniger heftigem Drängen erfüllt. Er ist der Vater, aber zugleich der Herr. Er ist der Vater, der seine Kinder zur Herrlichkeit führen und sie daher von dem Bösen, das sich seiner Absicht widersetzt, in Schmerzen und Plagen befreien will. Er ist der Herr, der die Menschen die steilen und rauen Wegen gehen lässt, die zur Größe führen. Seine Absicht geht nicht darauf, ihnen ein behagliches irdisches Dasein, sondern ihnen die Vollendung zu verschaffen. Seine Vorsehung zielt dahin, die Herrschaft Gottes unter den Menschen zu sichern und voranzubringen. Das Reich Gottes ist der letzte Sinn aller Wege der göttlichen Vorsehung. Die Gottesherrschaft ist in Christus herbeigekommen. Durch ihn soll die ganze Schöpfung der Herrschaft Gottes unterworfen werden. Gott kommt zur Herrschaft in den Menschen, wenn sie sich ihm in Liebe hingeben. Entgegen steht der Gottesherrschaft die Sünde. Sie äußert sich in der Stumpfheit, die das Wort Gottes nicht annimmt. In der Weichlichkeit, die der Verfolgung nachgibt. In der Gier, die an den natürlichen Gütern entsteht. Der ganze Weltengang zielt darauf, die Gottesherrschaft zum endgültigen Sieg zu bringen. Dieser Sieg wird eintreten am Tage des Gerichts. Da werden die Kinder Gottes und die Kinder des Bösen für immer voneinander geschieden werden.
Das Wort und der Begriff Vorsehung ist leider nicht gegen Missbrauch gefeit. Kein Politiker des 20. Jahrhunderts hat die „Vorsehung“ so häufig in Anspruch genommen wie Adolf Hitler. Die Berufung auf die Vorsehung hatte den Zweck, die eigenen Entschlüsse irrational abzusichern. Er redete sich selbst ein, dass alle seine Entscheidungen von der Vorsehung gutgeheißen und legitimiert seien. „Ich gehe mit traumwandlerischer Sicherheit den Weg, den mich die Vorsehung gehen heißt.“ Dieser Weg war eine Kette von Lügen, Täuschungen, Drohungen und Gewalt. Die Vorsehung war für ihn die pseudo-metaphysische Projektion der eigenen Wünsche, Hoffnungen und Strebungen, ein Vehikel seiner Selbstgewissheit. Er wollte als das Organ Gottes in der Lenkung der Völker erscheinen. Seine Verbrechen beging er mit Vorliebe in der Verkleidung des Retters. Durchweg hat er das Unausdenkbare gedacht. In seinen Äußerungen schlug stets ein Element äußerster Unerschrockenheit vor der Wirklichkeit durch, das nicht frei von wahnhaften Zügen war. Hitler bedurfte der Selbsttäuschung, um überhaupt handeln zu können. Nur durch eine Art Vorspiegelungswahn war er aktionsfähig. Er war unfähig, einen Gedanken eng an der Wirklichkeit zu Ende zu denken. Stets hob er irgendwann vom Boden der Realität ab und führte seine Überlegungen nicht rational, sondern visionär zum Abschluss. Er besaß die unanfechtbare Sicherheit des Ideologen. Er bewegte sich in maßlosen Verhältnissen; sein Glaube an sich wuchs mit jedem Rückschlag. Seine Erfolge verdankte er dem Doppelspiel von Einschüchterung und Versprechen. Alle seine Unternehmungen waren auf rasches Gelingen angelegt; er konnte nichts wachsen und reifen lassen. Die Vorsehung wirkt langsam, nur der Teufel ist ständig in Eile.
Gott ist es, der letztlich das Leben der Völker, der Kirche und des einzelnen Menschen in seinen großen Zusammenhängen und in den Alltagsgeschehnissen gestaltet. Gott gibt dem Menschen, der mit allen Kräften nach dem Reiche Gottes trachtet, alles, dessen er bedarf. Was er freilich braucht, weiß der Mensch selbst nicht. Das weiß letztlich Gott allein. Vorsehung muss nicht Wohlergehen und Erfolg bedeuten. Gott kann auch Misserfolg und Entbehrung schicken. Sie muss nicht bedeuten, dass die Arbeit Frucht bringe und die menschlichen Beziehungen sich erfüllen. Die schönsten Dinge können zerbrechen. Es kann sein, als sollten die Fragen Warum und Wozu keine Antwort bekommen. Worum es eigentlich geht, ist das Werden des Reiches Gottes. Dafür können Gesundheit, Besitz, Erfolg Hilfen, aber auch Hindernisse sein. Was der Mensch Unglück nennt, kann ebenso gut schaden wie nützen. Wer an die Vorsehung glaubt, der glaubt in Gottes Geheimnis hinein. Die Vorsehung bedeutet also für den Menschen keine Sicherung in den Dingen dieser Erde. Sie lässt ihn in der Unsicherheit. Aber gerade in dieser Unsicherheit ist er geborgen in Gottes fürsorgender Macht. Die Wege der Vorsehung verlaufen also im Dunkeln. Wir können sie nicht nachprüfen und nachrechnen. Wir können die Vorsehung nur im Glauben, nicht im Schauen bejahen. Der Vorsehungsgläubige weiß seine Lebenslose in den Händen eines gütigen, in Liebe sich zuneigenden, allmächtigen Vaters, der alles, wenn auch durch schwere und harte Schicksale hindurch, dem Heile entgegenführt.
Der göttliche Weltplan ist unwandelbar. Dennoch unterscheidet er sich von der unentrinnbaren Gesetzlichkeit der Natur und von dem unausweichlichen Schicksal, das seine Lose blind verteilt. Der Vorsehungsgläubige weiß seine Geschicke in den Händen eines gütigen und allmächtigen Vaters, der alles dem Heil entgegenführt, wenn auch durch schwere und harte Schickungen. Gott nimmt die Sache des Menschen in seine starken Hände. Da endet das Leben nicht im Untergang, sondern in der Vollendung in Gottes Reichtum. Der Tod ist der Untergang eines kargen, der Aufgang eines reichen Lebens. In der Welt, die von der Vorsehung durchwaltet wird, trifft den Menschen kein Ereignis, das nicht auf sein Heil hin geschähe. Was geschieht, kommt von Gott her. Es ruft mich an. Es fordert mich auf. Darin soll ich leben und handeln und wachsen und der werden, der ich nach Gottes Willen werden soll. So wird die Vorsehung zu einer immerwährenden Aufgabe für den Menschen. Gott wirkt in das menschliche Leben hinein, indem er den Menschen zu sich heranruft. Er spricht zum menschlichen Geist, indem er ihn zur Selbsttätigkeit antreibt. Die Unwandelbarkeit der göttlichen Vorsehung macht also das eigene Tun des Menschen nicht überflüssig, sondern gibt ihm erst Sinn, Kraft und Zuversicht.
Amen.