22. Februar 2026
Sei nicht übermütig
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Geliebte im Herrn!
Der Apostel Paulus vergleicht in seinem Brief an die Römer die ungläubig gebliebenen Juden mit den aus dem Heidentum bekehrten Christen. Die Juden wurden wegen ihres Un-glaubens verworfen, die Christen dank ihres Glaubens gerettet. Daran knüpft der Apostel die Mahnung: „Sei nicht übermütig, sondern fürchte dich.“ Sie ist an die Christen gerichtet. Wie Gott der Juden nicht geschont hat, könnte er auch der Christen nicht schonen. In die gleiche Richtung weist ein anderes Wort des Apostels Paulus: „Wer meint zu stehen, der sehe zu, dass er nicht falle“ (1 Kor 10,12). Es sind viele Eigenschaften, Verhältnisse und Ereignisse im Leben, die dazu raten oder verpflichten, mit Unwägbarkeiten, Gefahren und Risiken zu rechnen, wachsam zu sein. Das Unvorhersehbare gehört zum Wesen der Gefahr. Niemand darf sich versprechen, inmitten der Gefahren über die Gefahren erhaben zu sein.
Jedermann kann und soll seine Qualitäten und Vorzüge kennen. Es gibt ein berechtigtes Selbstwertgefühl; es ist die gefühlsbezogene Seite des Selbstbewusstseins bzw. der Selbsteinschätzung. Die positive Selbstachtung kann zu der übersteigerten Selbstüberschätzung führen, zu der Selbstgefälligkeit. Selbstgefällig ist, wer sich selbst so gefällt, dass er darüber seine Defizite und Mängel vergisst. Selbstgefälligkeit entartet leicht zu Hochmut. Hochmut ist das ungeordnete Begehren, mehr zu sein bzw. sich höher zu stellen, als man ist. Der Hochmut ist eine ungerechte Selbsteinschätzung, eine Selbstüberhebung, das ungeordnete Streben nach eigener Auszeichnung. Der Hochmütige schreibt seine Vorzüge sich selbst zu, statt sie auf Gott zurückzuführen. Er entreißt Gott, was ihm gehört. Er benimmt sich Gott gegenüber, als ob er ihn nicht brauchte und ihn nicht zu fürchten hätte. Die Vorzüge, die jemand hat, beruhen nicht auf eigenem Verdienst, sondern auf der Freigebigkeit Gottes. Ihm ist zu danken; man soll sich selbst nichts einbilden. Die Qualitäten, die Gott geschenkt hat, können von ihm auch entzogen werden. Daher ist die Warnung ernst zu nehmen: Fürchte dich! Der Hochmut ist geschichtlich die Ursünde der Engel und der Menschen. Die Erfahrung der Jahrhunderte macht es kund, wie so viele, die auf ihre eigenen Kräfte bauten, zur Strafe für Hochmut und Selbstgerechtigkeit tief gefallen sind. Am 1. August 1914 begann der Erste Weltkrieg. Die deutschen Soldaten zogen siegesgewiss an die Front. Auf die Eisenbahnwagen schrieben sie: „Jeder Stoß ein Franzos, jeder Schuß ein Ruß.“ „Zu Weihnachten sind wir wieder zu Hause.“ Doch es kam anders. Auf die anfängliche Siegesgewissheit folgte ein über vierjähriger verlustreicher und am Ende verlorener Krieg. Die falsche Einstellung wiederholte sich dreißig Jahre später. Grundfehler der Zeit von 1933 bis 1945 in Deutschland war die maßlose Selbstüberschätzung der eigenen Kraft und die unangebrachte Unterschätzung der Gegner und Feinde. Von Hitler ist die beinahe unglaubliche Äußerung überliefert, die sowjetische Armee sei nicht mehr als ein Witz. Schon im Winterkrieg 1941/42 brachte sie der Wehrmacht eine verlustreiche Niederlage bei. Die deutsche Führung kannte das Wort nicht: Sei nicht übermütig, sondern fürchte dich. Hochmut verblendet. Der Hochmütige wird blind für seine eigene Unzulänglichkeit. Der heilige Augustinus bekennt: „Zur Strafe für den Hochmut meiner Seele war ich taub geworden vor dem Klirren der Kette meiner Sterblichkeit.“
Die Selbstüberhebung kann zur Vermessenheit entarten. Vermessenheit ist eine der göttlichen Ordnung zuwiderlaufende Zuversicht auf Gottes Hilfe und Gnaden sowie die Erwartung des ewigen Heils trotz eigener Unbußfertigkeit. Der Vermessene sucht sein beharrliches Sündenleben durch Gottes Güte zu decken. Im Buch der Weisheit spricht der beharrliche Sünder: „Ich habe gesündigt, und was ist mir passiert? Gar nichts.“ Weil Gott häufig nicht sofort auf die Sünde die Strafe folgen lässt, meint der Vermessene, Gott sei unfähig oder unwillig zu strafen. Der Teufel versuchte in der Wüste, Jesus zu vermessenem Vertrauen zu bewegen. Er stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann stürze dich hinab. Denn es steht geschrieben: Deinen Engeln hat er befohlen, sie werden dich auf Händen tragen, damit dein Fuß ja nicht an einen Stein stoße.“ Jesus sagte ihm: „Wieder steht geschrieben: Du sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen.“ Vermessenheit ist eine Sünde gegen den Heiligen Geist. Vermessenheit in der Regierung endet in der Regel in einer Katastrophe. Hitler betrieb jahrelang eine abenteuerliche Politik der Gewalt und des Betrugs. Vor sich und seinem Volk behauptete er fortwährend, er werde von der Vorsehung geleitet. Als er sich nach einer beispiellosen Katastrophe zum Selbstmord entschloss, sprach er nicht mehr von der Vorsehung. Auf vielen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens werden Wettbewerbe veranstaltet. Wettbewerbe sind Kämpfe zwischen Bewerbern um einen Siegespreis. Den Siegern in den Wettkämpfen werden Titel und Trophäen, Prämien und Medaillen verliehen. Schon im Vorfeld der Kämpfe suchen manche ihre Gegner durch Rühmen ihrer Kraft und Fähigkeit einzuschüchtern. Es sei an den Boxer Cassius Clay alias Muhammed Ali erinnert. Er bezeichnete sich als den Größten und den größten Boxer aller Zeiten. Er ließ keine Gelegenheit aus, seine Gegner schon vor dem Kampf zu demoralisieren. Er prophezeite die Runden, in denen er zum K.O. gegen sie ansetzen werde. Lange Zeit blieb er Sieger in zahlreichen Kämpfen. Aber auch er kam an eine Grenze. Gegen J. Frazier musste er eine Niederlage hinnehmen. Das Wort der Heiligen Schrift „Sei nicht übermütig, sondern fürchte dich“ war ihm vermutlich unbekannt.
Der Herr hat wiederholt vor den Gefahren des Besitzdranges gewarnt. Sammelt euch nicht Schätze auf Erden. Wo Rost und Motten sie verzehren. Wo der Dieb kommt. Dem Herrn war die Unsicherheit bekannt, die mit dem Vertrauen auf Geld und Reichtum verbunden ist. Das Land eines reichen Mannes gab guten Ertrag. Da überlegte er bei sich: Was soll ich machen? Ich habe nicht Raum genug, wo ich meine Ernte aufspeichern kann. Und er sagte: So werde ich es machen: Ich reiße meine Scheunen ein und baue größere, dort werde ich meine ganze Frucht und alle meine Habe aufspeichern. Dann werde ich zu meiner Seele sprechen: Seele, du hast viele Güter da liegen auf viele Jahre, ruhe aus, iss und trink und lass es dir wohl sein. Gott aber sprach zu ihm: Du Tor, in dieser Nacht wird man dein Leben von dir fordern. So wird es jedem gehen, der Schätze für sich aufhäuft, statt reich zu werden bei Gott.
Mancher Mensch vertraut auf sein Glück. Glück ist die Erfahrung der Freude angesichts der Erfüllung von Erwartungen, Hoffnungen und Wünschen. Glück beinhaltet sowohl günstige Führung der Geschehnisse, des Schicksals, als auch den Zustand des Wohlbefindens, der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben. Als Mittel zur Erreichung von Glück werden die verschiedensten Glücksgüter angestrebt: Hab und Gut, Kapital, Wertpapiere, Amüsement, Vergnügen, Belustigungen, Genuss, Schwelgereien. Viele Dichter und Denker misstrauen dem Glück. Glück kann man nicht einplanen. Glück ist unberechenbar. Glück ist blind (Cicero). Dem größten Glück muss man am wenigsten trauen. „Wenn einem das Glück am allermeisten schmeichelt, pflegt es einen am allerersten zu betrügen“ (Kaiser Konrad I.). „Beleidige nicht das Glück durch Torheit, Übermut. Der Jugend Fehler wohl begünstigt es, doch mit den Jahren forderts mehr“ (Goethe). „So manche Stufe, mancher Schritt führt dich zum Glück. Ein einziger verfehlter Tritt bringt dich zurück.“ „Keinen sah ich fröhlich enden, auf den mit immervollen Händen die Götter ihre Gaben streun“ (Schiller). „Den stolzen Sieger stürzt sein eigenes Glück“ (Schiller, Jungfrau von Orleans). „Nie waltet im Leben das Glück lauter und frei vom Leide“ (Sophokles). „Glück und Glas, wie leicht bricht das! Mein Glas zersprang, als es am lautesten klang. Als ich es anstieß auf gutes Glück, ging es in Stücke“ (Rückert). Auch in Bezug auf das Glück ist die Mahnung des Apostels Paulus angebracht: Sei nicht übermütig, sondern fürchte dich.
Über unserer Existenz steht der Tod. Das gläubige Volk singt richtig: „Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu.“ Die Heilige Schrift versichert uns: „Wir haben hier keine bleibende Stätte, sondern trachten nach der zukünftigen“ (Hebr 13,14). Unsere Verfehlungen, Schwächen und Sünden verdienen Strafen von dem gerechten Richter. Mit jedem Tag kommen wir dem Gericht näher. Der Herr warnt uns: „Fürchtet den, der Leib und Seele in die Hölle stoßen kann“ (Mt 10,28). Die Heilige Schrift ist das Buch des Trostes und der Freude, aber auch der Mahnung und Warnung. Sei nicht übermütig, sondern fürchte dich. Wer steht, der sehe zu, dass er nicht falle. Wirkt in Furcht und Zittern euer Heil (Phil 2,12). Einige Männer brachten Jesus die Nachricht, dass Pilatus das Blut von Galiläern mit dem Blut der Opfertiere, die sie eben im Tempel von Jerusalem darbrachten, vermischt hatte. Jesus entgegnete ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer, weil sie das erlitten haben, größere Sünder waren als alle anderen Galiläer? Keineswegs, ich sage euch; wenn ihr euch nicht bekehrt, werdet ihr alle gleichfalls zugrunde gehen. Oder meint ihr, dass jene achtzehn, auf die der Turm am Teich Siloe stürzte und sie erschlug, schuldiger waren als alle anderen Bewohner Jerusalems? Keineswegs, ich sage euch; wenn ihr euch nicht bekehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.
Amen.