Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
8. Februar 2026

Genuss oder Entsagung

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Das Christentum spricht oft und eindringlich von der Notwendigkeit zu entsagen. „Ich beschwöre euch“, ruft der heilige Paulus, „dass ihr den fleischlichen Begierden entsaget.“ Er vergleicht den Christen mit einem Sportler, der auf Genussmittel verzichtet, um seinen Körper zu stählen für den Sieg im Wettkampf. Die Anweisungen zu einem höheren religiösen Leben, die sich in der christlichen Literatur so zahlreich finden, kann man zusammenfassen in die zwei Worte: Sustineabstine. Ertrage und entsage. In der Tat fordert das sittliche Gebot oft eine unbedingte und rücksichtslose Entsagung von uns. Die Kirche hat uns weitere Entsagungen auferlegt, besonders auf dem Gebiet der Nahrungsaufnahme in Form von Fasten- und Abstinenzgeboten. Nun lehrt die Erfahrung, dass es Möglichkeiten des Genusses gibt, die den Menschen nicht herabziehen. Jedes frohe Gefühl ist doch ein Genuss, und ohne Freude kann kein Mensch menschlich und menschenwürdig leben. Genuss und Entsagung lassen sich in harmonischer Weise vereinbaren. Wie ist der Mensch beschaffen, der zum Genuss und zur Entsagung in rechter Weise eingestellt ist? Wir können zeigen, dass er erstens ein freier Mensch, zweitens ein ganzer Mensch und drittens ein guter Mensch sein muss.

In der Frage: Genuss oder Entsagung muss die Freiheit ein entscheidendes Wort haben; denn die Freiheit ist tatsächlich vom Genuss bedroht. Jede Art von Genuss, besonders der niedere, bloß sinnliche Genuss hat etwas Gewaltsames an sich. Er überwältigt den Menschen, reißt ihn mit sich fort, und vor allem trägt er in sich das furchtbare Gesetz der Unersättlichkeit. Jede Erfüllung bringt das Verlangen entweder gar nicht oder nur auf eine kurze Weile zum Schweigen. Die Ansprüche des Genusses melden sich immer wieder und werden, wenn sie auf Nachgiebigkeit stoßen, immer energischer, ja immer drohender. Daher bedeutet jede Lust eine Bedrohung unserer inneren Freiheit; wir werden ihr immer geneigter, wir werden versucht, ihr gänzlich zuzufallen, ihr zu verfallen, zu Sklaven ihrer schmeichelnden Lockung, ihrer Laune und ihrer Unersättlichkeit zu werden. Darum heißt die erste Forderung, die wir in jedem Genuss unbedingt erfüllen müssen: Freiheit! Frei bleiben, innerlich frei! Nur der Mensch, der auch verzichten kann, der jederzeit ein Opfer an Lust, an Genüssen, an Bequemlichkeiten bringen kann, nur der darf es wagen, in den Strom, ja in den Strudel und in den Sturm des Genießens hineinzugehen. Wenn er aber anfängt, sich zu verlieren, die ruhige Überlegung, den klaren Sinn einzubüßen; wenn seine Lebensführung, sein Charakter, seine Pflicht anfängt zu wanken; wenn er sein Leben und seine Lebenserfüllung abhängig macht von der gnädigen Laune einer wechselnden Lust; wenn er gar klagt: ich kann nicht leben ohne dich, ich gehe zugrunde ohne dich; dann ist seine Freiheit in Gefahr oder schon verloren. Dann kann nur die Entsagung retten, und Entsagung ist oft gleichbedeutend mit schleuniger Flucht. Gewiss, wir können nicht leben ohne Freude. Aber wir können leben, ohne an eine bestimmte Freude versklavt zu sein. Wenn irgendeine Freude Aussicht hat, mit uns gehen zu dürfen, unzertrennlich, auch noch in der Ewigkeit drüben, dann ist es die Freude, die wir jederzeit in Gottes Hände zu legen bereit sind. Es folgt somit: Nur der innerlich freie Mensch, der stets zur Entsagung bereite Mensch ist imstande, wirklich und tief, fruchtbar und dauernd zu genießen. Es gilt auch hier das wunderbar tiefe Wort unseres Heilandes: Wer gewinnen will, der muss verlieren können, muss zum Entsagen bereit sein. Wer sich aber an etwas klammert mit verzweifeltem Eigensinn, der wird alles verlieren.

Auch der freie, also der zur Entsagung bereite Mensch wird noch oft genug in die Lage kommen, seine Bereitschaft erfüllen und tatsächlich verzichten zu müssen. Das wird dann geschehen, wenn der Genuss die Ganzheit seines Lebens bedroht. Etwas Ganzes kann nur der Mensch sein, der in die gesamte Wirklichkeit, also auch in die Unendlichkeit Gottes und damit in den Zusammenhang der von Gott geschaffenen Welt eingeordnet ist. Der Mensch muss immer etwas Ganzes sein wollen, das heißt die Gesamtheit seiner Kräfte, seiner Stellungen, seiner Aufgaben und Verantwortungen berücksichtigen und erfüllen. Jeder Genuss ist nur ein Ausschnitt und nicht das Ganze. Dieser Ausschnitt muss in das Ganze hineingestellt werden. Die Erholungsstunden müssen in Einklang gebracht werden mit den Anlagen und Kräften, mit den Erfordernissen des Berufslebens, mit der Verantwortung, die ein Mensch trägt für die Gemeinschaften, in denen er lebt, für sein Volk und seine Kirche. Das ist das Geheimnisvolle, ja Tragische unseres Lebens, dass selbst unsere einsamsten Stunden und unser Tun und Treiben in den einsamsten Stunden Wirkungen auslösen, die bis in die Tiefen unserer Seele, bis in die Weiten unseres sozialen Lebens, bis in die Ewigkeit Gottes hineinreichen. Darum müssen wir sie sehen, bedenken, prüfen, müssen uns und anderen, vor allem Gott Rechenschaft davon geben. Darum haben ernste Menschen aller Zeiten eine gewisse Scheu in ihrer Seele getragen gegenüber jeder Art von Lust, auch wenn es nur die alltägliche Lust des Gaumens, des Essens und Trinkens war. Sie hatten ein sicheres Gefühl, dass es unstatthaft sein müsse, sich irgendeine Lust bloß um ihrer selbst willen zu verschaffen. Wir sollen uns auch in einer harmlosen Fröh-lichkeit nicht der Ausgelassenheit hingeben, dürfen nie vergessen, dass wir immer noch und in jedem Augenblick Kinder Gottes, Jünger Christi, Bürger eines Volkes, Glieder einer Familie sind. Wer das niemals vergisst, der ist ein ganzer Mensch und führt ein ganzes Leben. Er lässt jede Freude, jeden Tropfen Lust, der ihm geschenkt wird, einmünden in den gesamten Strom seines Lebens. Er verliert und vergeudet nichts, er macht sich nicht unwürdig der Lust, die er genießt.

Aber eine ganz lebendige Beziehung zur Freude hat erst der gute Mensch. Er ist der schöpferische, der aufbauende Mensch, der lebendigmachend wirkt auch im Umkreis seines eigenen Lebens. Er muss die Mitteilung an andere freilich oft erkaufen durch Opfer an sich selbst, durch Verzicht auf Eigenes. Für den guten Menschen wird das Problem „Genuss oder Entsagung“ in erster Linie und auf weite Strecken gelöst zugunsten der Entsagung. Dennoch wird er kein freudeloses Leben führen. Der gute Mensch wird dadurch aufgeschlossen für andere, teilnehmend und mitteilend, dass er selbst auch der Freude in seinem Herzen Eingang gewährt. Der Mensch muss selbst lebendig sein, hell und reich, wenn er anderen etwas bedeuten soll, und diese Helligkeit gewinnt er nur durch die Freude.

Es gibt eine seelische Haltung, wo jeder Genuss auch eine Entsagung bedeutet. Das ist jene Art von Demut, die ein Sich-selbst-Vergessen, ein Sich-selbst-Zurückstellen beinhaltet. In der ganz großen, ganz getreuen Liebe will man es nicht besser haben als der Geliebte. So will die Seele ihrem Heiland ähnlich werden auch in Schmach und Schmerz, will es nicht besser haben, als er es gehabt hat, will lieber entbehren als besitzen, wird schamrot im Angesicht des Gekreuzigten ob einer Behaglichkeit, die man notgedrungen genießt. So kommt der Mensch zum Verständnis der seltsamen Wendung des heiligen Paulus: „Die da weinen, seien, als weinten sie nicht, und die sich freuen, als freuten sie sich nicht, die diese Welt gebrauchen, als machten sie keinen Gebrauch davon; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“ Diese Traurigkeit ist zugleich eine tiefe Fröhlichkeit, ein unbeschreiblicher Friede, wie ihn Christus den Seinen verheißen hat: „In der Welt“, sagt er, „werdet ihr Bedrängnis haben, ihr werdet weinen und traurig sein. Aber meinen Frieden gebe ich euch, meinen Frieden hinterlasse ich euch.“ Der Mensch, der in diese Mitte vorgedrungen ist, wird selbst zu einer Mitte für alle Geschöpfe, ob er sie zu sich kommen lässt oder ob er sie ziehen lässt. Sein Genuss wie sein Entsagen gereichen allen Dingen zum Besten. Er gleicht darin seinem Heiland, der die Welt erlöst hat durch die schmerzensreichen wie durch die freudenreichen und die glorreichen Geheimnisse seines Lebens.

Amen.

Schrift
Seitenanzeige für große Bildschirme
Anzeige: Vereinfacht / Klein
Schrift: Kleiner / Größer
Druckversion dieser Predigt