Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
1. Februar 2026

Diesseits und Jenseits

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Man hat das Christentum eine Jenseits-Religion genannt. Von den einen war diese Bezeichnung als Lob gedacht, weil das Christentum den verzagten Pilgern in diesem Tal der Tränen den trostvollen Hinweis auf ein besseres Jenseits gebe. Von den anderen aber war die Bezeichnung als Tadel gemeint, weil das Christentum die Menschen ablenke von den Diesseits- und Gegenwartsaufgaben. Diese widersprechende Beurteilung zeigt, dass hier eine gewisse Spannung ist und dass es für den gläubigen Christen nicht ganz leicht sein kann, das rechte Verhältnis zum Diesseits wie zum Jenseits einzunehmen. Der Jenseitsglaube bedeutet, dass unser Dasein über den Tod hinaus fortdauert, dass also unser Leben diesseits des Grabes nicht das Ganze ist, sondern nur ein winzig kleiner Bruchteil. Die kleine Weile vor dem Tod ist nicht nur kurz und vergänglich, sondern auch von unendlich geringerer Vollkommenheit als das Leben, das wir im Jenseits erwarten. Sie ist nur eine Vorstufe des ewigen Lebens, sie ist die schnell überstandene Hinreise ins Vaterhaus. Das wesentliche, das vollkommene, das selige Leben kommt erst im Jenseits. Daraus scheint zu folgern, dass unser Leben im Diesseits nicht allzu wichtig genommen werden darf. Es scheint nicht von Bedeutung, was wir in dem diesseitigen Leben schaffen und erreichen, da doch alles vergänglich ist, da es doch für das jen-seitige Leben gleichgültig ist, ob einer im Diesseits eine große oder eine geringe Rolle spielte. Da es nicht darauf ankommt, wie es sich gestaltet, so hat es offenbar keinen besonderen Wert mit allem, was es enthält und umfasst. Wenn also der Jenseitsglaube das Diesseits in solcher Weise entwertet und herabsetzt, dann lähmt es offenbar die Kräfte, die wir im Diesseits einzusetzen hätten, und macht uns dadurch gleichgültig, weltfremd und lebensfremd, ja lebensuntauglich, lebensunfähig. Tatsächlich ist nach dem richtig verstandenen Jenseitsglauben kein Widerspruch zwischen Diesseits und Jenseits. Es gibt eine Haltung, die dem Jenseits gerecht wird und gleichzeitig die berechtigten Ansprüche des Diesseits erfüllt. Wir haben die schwere Aufgabe, das Diesseits und das Jenseits nicht auseinanderzureißen. Das Jenseits gibt dem Diesseits seinen Sinn, seinen Wert und seine wahre Gestalt. Im Lichte des Jenseits erscheint das Diesseits erstens als eine Verheißung, zweitens als eine Erfüllung.

Das Diesseits enthält in sich die Verheißung des Jenseits. Das heißt: Es ist die Vorbereitung auf das Jenseits, es bringt sogar die Entscheidung für die endgültige und ewige Gestaltung des Jenseits. Was wir dereinst sein und wie wir leben werden, das wird jetzt entschieden. Daraus folgt, dass das diesseitige Leben nicht gleichgültig sein kann; dass es vielmehr von ungeheurem Wert und von einer bangemachenden Größe ist. Das Jenseits ist, wenn es selig und schön werden soll, die selige Liebesgemeinschaft mit Gott. Diese Liebesgemeinschaft muss sich aber im Diesseits anbahnen. Unser Diesseits muss eine Erfüllung des göttlichen Willens sein im Ganzen und in jeder Einzelheit. So kommt alles darauf an, dass wir, dass jeder einzelne von uns in allen Stunden und Tagen, in allen Strebungen und Verzichten, in allen Arbeiten und Leiden den göttlichen Willen sucht. Darum ist es durchaus nicht gleichgültig, was wir tun oder nicht tun, was wir werden, was unsere Kinder werden, was unser Volk wird. Es ist uns ein Nachdenken, ein Suchen und ein Prüfen in unserem Leben aufgetragen, eine Sorgfalt anbefohlen in der Behandlung unseres Lebens und des Lebens unserer Mitmenschen. Darum mahnt uns die Offenbarung, dass wir eifrig wirken sollen, solange es Tag ist. Darum waren die Heiligen, die größten aller Jenseitsgläubigen, auch zugleich die fleißigsten, eifrigsten und sorgsamsten Verwalter des Diesseits. Sie waren nicht träge, sie haben nicht, die Hände im Schoße, auf das Jenseits gewartet, sondern haben sogar die Nachtstunden noch dazu genommen, um zu wirken; sie haben sogar aus ihren Mitternächten etwas gemacht. So sollen wir hochgestimmte und hochentwickelte Gotteskinder werden. Es ist für das Jenseits nicht gleichgültig, ob wir und unsere Kinder etwas lernen oder ob wir in Unwissenheit dahindämmern; es ist nicht gleichgültig für unser jenseitiges Ziel, ob wir menschenwürdig wohnen und uns menschenwürdig nähren und kleiden oder wie Wilde im Urwalddasein stecken bleiben; es ist nicht gleichgültig für das himmlische Ziel, dem wir zustreben, wie unsere sozialen Verhältnisse sind, ob unsere Mitbürger Arbeit haben oder ob sie in Arbeitslosigkeit sich abhärmen und verbittern. Gerade weil wir an das Jenseits glauben und auf das Jenseits hoffen, darf es im Diesseits nichts geben, dem wir teilnahmslos und tatenlos gegenüberstehen. Gerade die Erwartung des Jenseits muss uns zu fleißigen Arbeitern im Diesseits machen.

Wenn das Diesseits eine gottgewollte Aufgabe darstellt, dann muss das Diesseitsleben mehr sein als ein notwendiger Durchgang, mehr als eine bloße Wartezeit, die man irgendwie absitzt. Denn Gott gibt keine Aufträge, die in sich nutzlos und wertlos sind. Gerade im Lichte des christlichen Jenseitsglaubens erscheint das Diesseits als eine Erfüllung, als ein selbständiger Wert. Es kann aus dem Diesseits etwas gemacht werden, was groß und heilig, schön und kostbar ist, selbst wenn kein jenseitiges Leben darauf folgen würde. Es ist nicht ohne Absicht und Überlegung geschehen, dass der Schöpfer auch schon das Diesseits, die Erde, die Natur, das irdische Leben mit Schönheit und Glück ausgestattet hat. Es hat Menschen gegeben, an denen wir erkennen können, dass sich aus dem Diesseits etwas Großes machen lässt. Es kommt nicht darauf an, wieviel das diesseitige Leben uns bietet, sondern was wir daraus machen, wie wir es nützen und ausbauen, vertiefen und erhöhen. Was können wir denn aus dem Diesseits machen? Erstens: eine Offenbarung Gottes und zweitens: eine Heimstätte der Liebe.

Eine Offenbarung des Geistes, der aus Gott ist, des alles durchdringenden, alles begreifenden und alles gestaltenden Geistes. Das tut die Menschheit in der langen Dauer ihrer irdischen Geschichte. Seit sie auf Erden weilt, hat sie Unglaubliches geleistet in der Bebauung der Erde, in der Erforschung der Geheimnisse und in der Beherrschung der Abgründe des Daseins. Das ist eine Offenbarung des Geistes, der in uns glüht. Die Kühnheit und die Ratlosigkeit, die Sieghaftigkeit und die Verwegenheit des menschlichen Forschens und Schaffens ist eine sichtbare und hörbare Darstellung jenes Gottesgeistes, der seit Urzeiten über den dunklen Wassern des Chaos schwebt und wie ein belebender Sturm durch alle Räume und Zeiten braust. Gott ist immer noch am Schaffen, und er tut es durch uns, durch die Kräfte unseres Geistes, mit dem wir die Welt gestalten. An dieser fortschreitenden Offenbarung des Gottesgeistes kann und muss ein jeder teilnehmen, in seinem Beruf, in seiner Lebensarbeit, in seinem treuen Dienst, den er leistet an verborgener und engbegrenzter Stelle. Aus den Millionen und Milliarden kleiner Einzelbeiträge wächst das große Menschheitswerk heran. Wir sollen nur noch lernen, das zu sehen, was es ist: eine Offenbarung Gottes und seines Geistes, eine Erfüllung des göttlichen Auftrags, des göttlichen Schöpfungsbefehls: Es werde! Es werde Licht! Es werde Ordnung! Es werde Schönheit! Es werde Kraft und Geist auf Erden! Wenn wir unsere Geistesarbeit und unsere Berufsarbeit so sehen, dann erkennen wir sie als eine Verherrlichung Gottes. Einen solchen Hymnus auf Gott zu singen durch unser lebendiges Wirken, das ist wertvoll und groß, das wäre schon des Lebens und der Mühe wert, selbst wenn wir nicht ewig lebten; wir hätten doch für eine Zeitlang den Gott gelobt, der uns geschaffen hat.

Sodann können wir im Diesseits der Liebe eine Heimstätte bereiten, der Liebe, die aus Gott ist, die in Christus uns erschienen ist, der Gemeinschaftsliebe mit Gott und miteinander. Wir können das Leben Christi weiterführen, wir können als Kinder Gottes zusammenleben in der wunderbaren Weise, wie die besten Nachfolger Christi es verstanden haben: Sie waren „ein Herz und eine Seele“. Wenn wir das tun, dann schaffen wir aus dem Diesseits eine Heimat, ein Paradies, einen Himmel auf Erden. Um der Liebe willen, die Menschen zu Gott und zu ihren Brüdern und Schwestern in Gott tragen und üben, ist es hell geworden an gar manchen Punkten der Erde, in vielen dunklen Winkeln, in den Abgründen des Elends. Das ist noch unendlich größer als die Offenbarung des Geistes Gottes, diese Offenbarung der Liebe Gottes. Wenn wir in der Übung und der Erfahrung dieser Liebe so weit kommen, dass wir froh und dankbar dieses Leben tragen, dann haben wir aus dem Diesseits etwas gemacht, was in sich selbst einen absoluten Wert hat, dann haben wir nicht umsonst gelebt. Die Menschen, die den Weltvorrat an Liebe vermehren, sind die Gottesengel, auf deren Wort hin immer wieder Gott persönlich herabsteigt. Sie ziehen das Jenseits selbst herein in das Diesseits. Sie lassen Gott selbst auf Erden wohnen in ihren Herzen. Sie machen aus der Pilgerfahrt ein Heiligtum, aus der Wanderschaft eine Heimat. In diesen Menschen ist die Spannung zwischen Diesseits und Jenseits aufgehoben; sie sind schon auf Erden, wie wenn sie im Himmel wären, weil sie Gott in sich tragen. Sie leben schon selig im Tal der Tränen, weil sich an ihnen schon die Sehnsucht der ewigen Hügel erfüllt. Denn das ist die tiefste und vollkommenste Lösung des Problems Diesseits und Jenseits: Siehe, das Zelt Gottes steht jetzt schon in unserer Mitte.

Amen.

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