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Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
8. November 2026

Die restlose Hingabe Jesu an den Vater im Himmel

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Das religiöse Innenleben der menschlichen Seele Jesu war erfüllt von der restlosen Hingabe an den Willen des Vaters. Wir wissen von keinem Menschen in der uns zugänglichen geschichtlichen Welt, der das altbiblische Wort „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deinem ganzen Gemüte“ so in seinen Tiefen erfasst und in all seinen Weiten ausgekostet, der es so ausschließlich und so beherrschend in sein Leben gestellt und darin verwirklicht hätte, wie Jesus. Das erste Wort, das wir von ihm kennen, erinnert an sein Daheimsein beim Vater: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“ (Lk 2,49). Und sein letztes Wort ist ein Ausatmen im Vater: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist“ (Lk 23,46). Immer wieder wiesen die Evangelisten darauf hin, wie Jesus in diesem Vater lebt und webt, und wie sich diese innigste Verbundenheit im Gebet ausströmt. Alle großen Ereignisse seines Lebens stehen in der Weihe und Kraft des Gebetes. Als Jesus getauft wurde, da „betete er und es tat sich der Himmel auf“ (Lk 3,21). Als er daran ging, seine Jünger auszuwählen, „stieg er auf einen Berg, um zu beten. Und er verbrachte die ganze Nacht im Gebet zu Gott. Und als es Tag geworden, rief er seine Jünger“ (Lk 6,12f.). Ein Großteil seiner Wunder, wie die Heilung des Taubstummen (Mk 7,34), des tobsüchtigen Knaben (Mk 9,28), die Erweckung des Lazarus (Joh 11,41), die Brotvermehrung (Mk 8,6 = Mt 14,19; Joh 6,11) sprießt aus seinem Gebetsleben. Auf der Höhe seiner Wirksamkeit, da seine Jünger von erfolgreichem Missionswirken zurückkehrten „frohlockte er im Geiste und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde“ (Lk 10,21; vgl. Mt 11,25). Vor allem atmen die Großtaten seiner Passion den Geist und Adel des Gebetes. Im Abendmahlssaal weiht er sich und die Seinen dem Vater und stiftet dankend und segnend das neue Bundesmahl in seinem Blut. In Gethsemane fällt er auf sein Angesicht und betet: „Mein Vater, wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt 26,39). Sein qualvolles Sterben auf Golgatha war wie ein in immer neuen Gebetsrufen sich behauptendes Ringen um den Willen des Vaters. Fragt man, was im Denken und Tun Jesu das Bleibende und Unwandelbare ist, so ist es diese seine innigste Verbundenheit mit dem Vater. Sie ist das Existentielle in seinem Leben. Hier ist der Quell, aus dem das Einsame seines Heldentums wie das Allerbarmende seiner Menschenliebe gleichmäßig fließen und wo sie ihre letzte Heimat haben.

Es ist von höchstem Reiz und für die Kenntnis des inwendigen Jesus unerlässlich, dieses sein Beten zu belauschen und nach seiner besonderen Beschaffenheit zu würdigen. Nur so vermögen wir in das innerste Triebwerk seiner menschlichen Affekte zu dringen und Jesus dort zu sehen, wo er ganz er selbst, wo er mit dem Vater allein ist. Was das Gebetsleben Jesu vor allem kennzeichnet, ist die Verborgenheit, in der es verläuft. Er fordert von den Seinen: „Betest du, dann gehe in dein Kämmerlein, schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen“ (Mt 6,6). Er hat das vor allem selbst geübt. Nirgends betet er lieber als in der Einsamkeit, dort, wo kein anderer Mensch ist, wo nur der Vater ist. „Und da er das Volk entlassen hatte, stieg er auf einen Berg, um allein zu beten. Und es war sehr spät. Und er war dort allein“ (Mt 14,23 = Mk 6,46; Joh 6,15). In nächtlicher Einsamkeit, wo selbst die Sonnenstrahlen und die Gräser schliefen, wo großes geheimnisvolles Schweigen um ihn war, da fand er seinen Vater. Ihn allein. Auf dem Berg der Verklärung leuchtet seine Gottverbundenheit auch durch seine äußere Erscheinung hindurch, und sein Antlitz erglänzt wie der weiße Schnee vom Hermon. Das Vaterunser schuf Jesus für seine Jünger. Die von ihm erhaltenen Gebete atmen den Duft persönlicher Ergriffenheit, unmittelbaren Erlebens. „Ich danke dir, Vater, dass du mich erhört hast“ (Joh 11,41). „Vater, nicht wie ich will, sondern wie du willst“ (Mt 26,39). „Ich preise dich, Vater, dass du dieses den Weisen und Verständigen verborgen, den Kleinen aber geoffen-bart hast. Ja, Vater, so war es wohlgefällig vor dir“ (Mt 11,25f.). Gerade deshalb sind sie im Unterschied zu den Gebeten des heiligen Paulus einfach und schlicht, kurz und knapp wie Stoß-gebete. Aber dieses einsame Beten Jesu floss nicht bloß aus dem Bedürfnis seiner Andacht, konzentriert, gesammelt zu beten. Noch ein viel Größeres lag hier verborgen. Um Jesus ist nicht bloß die gewöhnliche Einsamkeit des Frommen. Um ihn ist die geheimnisschwere Einsamkeit des Sohnes. Sein Sohnesverhältnis macht uns sein menschliches Gebetsleben erst restlos verständlich. Wenn Jesus betet, tritt er aus dem Kreis der Menschen völlig heraus, um sich ausschließlich in den Lebenskreis seines Vaters zu stellen.

Das ist ja auch sonst das Seltsame: Jesus braucht die Menschen nicht. Er braucht keinen einzigen. Er braucht nur den Vater. Beinahe drei Jahre schon leben die Jünger mit ihm zusammen. Aber er ist innerlich nicht auf sie angewiesen. Niemals bespricht er sich mit ihnen über seine Pläne und Entschlüsse. Niemals fragt er sie um Rat. Niemals holt er sich von ihnen Trost oder Beruhigung. Wenn er einige von ihnen auf den Ölberg mitnahm und ihnen ein-schärfte: „Bleibt hier und wachet mit mir“ (Mt 26,38), so tat er das nicht um seinetwillen, sondern um ihretwillen. Sie sollten sich für die drohende Gefahr bereiten und stählen. „Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet“ (Mt 26,41). Die Jünger gaben ihm nichts. Er gab ihnen alles. Und wie stand es mit seiner Mutter? Wohl hat er sie geliebt, wie nur ein Kind seine Mutter lieben kann. Sterbend denkt er ihrer am Kreuz (Joh 19,26f.). Aber man kann sich dem Eindruck nicht entziehen, dass auch seine Kindesliebe zur Mutter immer eine verhaltene, entsagende Liebe war. Schon aus dem Mund des Zwölfjährigen klingt ihr die verwunderte Frage entgegen: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“ (Lk 2,49). Maria und Joseph hatten damals in Jerusalem das Kind vermisst. Vermisste das Kind auch sie? Das Wort des Zwölfjährigen hatte schon damals den gleichen Tonfall wie später das Wort des Siebenunddreißigjährigen in Kapharnaum, wo man ihn zur wartenden Mutter herausholen wollte und wo er mit der Begründung ablehnte: „Wer ist meine Mutter, wer sind meine Brüder?“ (Mk 3,33). Dabei blickte er auf seine Jünger und sprach: „Seht da: meine Mutter und meine Brüder“ (Mk 3,34). Und nicht anders ist jenes Wort zu verstehen, das auf der Hochzeit zu Kana fiel: „Frau, was habe ich mit dir zu tun? Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ (Joh 2,4). Es gab in Jesus ein Innerstes, ein Allerheiligstes, zu dem nicht einmal seine Mutter Zutritt hatte, wo nur der Vater allein war. In seiner menschlichen Seele war ein Punkt, und zwar gerade der tiefste, innerste Punkt, der völlig menschenleer, völlig erdenfrei, restlos allen irdischen Beziehungen entrückt, allein dem Vater geweiht war. Das war seine Welt, seine Wirklichkeit, sein Leben – der Vater. Erst durch den Vater wird seine Einsamkeit Gemeinschaft, fruchtbarste Lebensgemeinschaft. Der innerste Lebenskreis Jesu ist die Wesensbezogenheit zum Vater. Sein Beten ist nichts anderes denn ein immer neues Fühlungnehmen mit dem Vater. Im Gebet schließt er sich mit dem Vater in eine Einheit zusammen, an der sonst niemand von den Menschen teilhat. So oft Jesus von den Menschen und ihrer Beziehung zum himmlischen Vater spricht, vermeidet er geflissentlich, sich selbst darin einzuschließen. Gott ist „ihr“ Vater, „euer“ Vater. Jesus allein betet: „Mein“ Vater. Jesu Beten ist ein einzigartiges Beten, weil es die Einsamkeit des Sohnes mit dem Vater ist. Damit verbindet sich eine weitere Eigentümlichkeit der Gebetshaltung Jesu. Wenn der Mensch betet, dann ist es vor allem ein Rufen aus den Tiefen menschlicher Ohnmacht und sittlicher Schuld. Ganz anders empfindet und betet Jesus. Wohl legt er im Vaterunser den Menschen ans Herz, zu flehen: Vergib uns unsere Schuld, führe uns nicht in Versuchung. Aber er persönlich kennt diese Bitte nicht. Niemals ist über seine Lippen der Flehruf ergangen: „Vater, vergib mir.“ Selbst als ihn der Schatten des Todes umnachtete, hörte man ihn nicht so beten. Da hörte man ihn nur rufen: „Vater, vergib ihnen!“ (Lk 23,34). Er betet, wie nur einer beten kann, der die Sünde nicht kannte. Mit unbefangenen strahlenden Kinderaugen schaut er zum himmlischen Vater auf und schließt sich mit ihm zu einer innigsten persönlichen Gemeinschaft zusammen. Noch niemals, seitdem wir von Gebeten und Opfern auf Erden wissen, hat ein Sünder, hat ein Frommer, ein Heiliger so gebetet. Alles, was er im Fleische tat, war Bitten und Flehen für die Menschen. „Gott allein genügt“: Das war das Lebensprogramm des Gottessohnes.

Der menschgewordene Gottessohn, der durch die Felder Galiläas wanderte und am Kreuze starb, ist nicht der vollendete Christus, der erhöhte und verklärte, der unser Heil ist und zu dem wir beten. Er ist der Christus der „Knechtsgestalt“. Als voller ganzer Mensch war er wie einer aus uns, dem „Herrscher dieser Welt“, den dämonischen Gewalten überantwortet, zuletzt dem Tod, ja dem Tod am Kreuz. Es war ein Leben der Erniedrigung. Neben die Hoheitsaussagen der Evangelien treten ebenso deutliche Aussagen über seine menschliche Begrenztheit, Schwachheit und Ohnmacht. Jesus trägt schwer an der Last seines Daseins, am Unverstand der Jünger, am Unglauben der Menge, am Hass seiner Gegner. Es bangt ihm vor dem Leidenskelch. Am Kreuz ist er von Durst gepeinigt. Er empfindet die ganze Trostlosigkeit eines Sterbenden. Die Evangelien verschweigen nicht, dass seine Erniedrigung wie ein Schatten war, der auch seine gottheitliche Gestalt umdüsterte. Darum tastet sein Gebet zuweilen aus den Tiefen geschöpflicher Ohnmacht zum Vater empor. „Er hat in den Tagen seines Fleisches Gebete und Flehen mit lautem Ruf und mit Tränen dem dargebracht, der ihn vom Tode erretten konnte“ (Hebr 5,7). Er lehnt es ab, „Tag und Stunde des Endtags zu wissen, welche der Vater seiner Macht vorbehalten hat“ (Apg 1,7). Seine Wundermacht kann nach dem Willen des Vaters dort Beschränkungen erfahren, wo sie auf Ungläubige und Unbußfertige trifft wie in seiner Vaterstadt. Durch seinen Knechtsdienst ist es ihm verwehrt, über die dereinstigen Ehrensitze in seinem Reiche zu verfügen. Dem Vater allein kommt die endgültige Auserwählung und die höchste Richtergewalt zu. Solange Jesus in Knechtsgestalt, im Stand der Erniedrigung lebte, war sein Wollen wie sein Wissen und sein Können vom Willen des Vaters begrenzt. Man kann nicht in demselben Sinn von einer Allheiligkeit, Allwissenheit und Allmacht des irdischen Jesus reden, wie man von einer Allheiligkeit, Allwissenheit und Allmacht des himmlischen Vaters spricht. Denn auf die Erniedrigung folgte die Erhöhung Christi: Der erhöhte Christus allein ist der eigentliche Gegenstand des christlichen Kultes und der christlichen Anbetung. Erst seit der Auferstehung ward der Sohn Gottes „dem Fleische nach der Sohn Davids“, „dem Geist der Heiligkeit nach“ zum „Sohn Gottes in Macht“ eingesetzt (Röm 1,4). In seiner Auferstehung ist es begründet, dass Gott ihn „zum Herrn und Christus gemacht hat“ (Apg 2,36), dass er ihn „zum Herrscher und Erlöser erhöht hat“ (Apg 5,31). Im Auferstandenen und Erhöhten ist das Drängen Gottes zu uns hin und die Sehnsucht des Menschen zu Gott zu leuchtender Erfüllung gekommen. „Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich lebe von Ewigkeit zu Ewigkeit, und ich besitze die Schlüssel des Todes und der Hölle“ (Apk 1,17). Ja, so ist es: Der Verklärte, der ewige Christus, ist und bleibt die Heimat der Menschen, ihre einzige Hoffnung und ihr letztes Glück.

Amen.

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