Die Wahrheit verkündigen,
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Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
12. Juli 2026

Vollkommene Reue

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Reue ist ein Schmerz der Seele und ein Abscheu über die begangene Sünde mit dem Vorsatz, künftig nicht mehr zu sündigen. Wir unterscheiden die vollkommene und die unvollkommene Reue. Die unvollkommene Reue ist ein Geschenk Gottes, ein Anstoß des Heiligen Geistes. Sie erwächst aus der Betrachtung der Abscheulichkeit der Sünde und aus der Furcht vor der ewigen Verdammnis und weiteren Strafen, die dem Sünder drohen. Die unvollkommene Reue erlangt noch nicht die Vergebung der schweren Sünden; sie disponiert jedoch dazu, sie im Bußsakrament zu erlangen. Ihr fehlt die Liebe zu Gott als das entscheidende (und unterscheidende) Motiv. Wenn die Reue aus der Liebe zu Gott, der über alles geliebt wird, hervorgeht, ist die vollkommene oder Liebesreue vorhanden. Die Reue aus vollkommener Liebe zu Gott, d.h. aus einer Liebe, die Gott um seiner selbst willen liebt und deswegen die Sünde verabscheut, ist die vollkommene Reue. Die vollkommene Reue rechtfertigt schon vor dem wirklichen Empfang des Bußsakramentes, nicht aber ohne das in ihr von selbst eingeschlossene Votum, das Bußsakrament zu empfangen. Durch dieses Votum (den Entschluss) wird der subjektive Reueakt mit der Schlüsselgewalt der Kirche und dem Leiden Christi (aus dem alle sündentilgende Gnade stammt) in Verbindung gebracht.

Das Seelenheil zahlloser Menschen hängt von der rechtzeitigen Erweckung der vollkommenen Reue ab. Bei dem starken Verkehr auf der Eisenbahn sind Unglücksfälle häufiger als in früheren Zeiten. Auf dem Meere gehen zuweilen die größten und prächtigsten Schiffe unter. Zahllos sind die Unfälle auf den Straßen. Auch bei Abstürzen von Flugzeugen kommen Menschen ums Leben. Noch immer ereignen sich schreckliche Unglücke in Bergwerken. Bei solchen Unglücksfällen wollte mancher vor dem Sterben noch beichten und so sein Seelenheil sicherstellen. Doch zur Beicht bietet sich gewöhnlich keine Gelegenheit, da kein Priester zur Stelle ist. In einer solchen Notlage gibt es einen Rettungsanker für die Verunglückten, und dieser Rettungsanker ist die rasche Erweckung der vollkommenen Reue. Durch sie erlangt man augenblicklich die Vergebung seiner Sünden. Zur Erweckung der vollkommenen Reue genügen oft wenige Augenblicke, und der Mensch ist mit Gott ausgesöhnt. Daraus ersehen wir, wie heilsam und unentbehrlich die vollkommene Reue ist.

Zur vollkommenen Reue gelangt man, wenn man die unendliche Majestät Gottes betrachtet, die man gekränkt hat, und die Liebe des himmlischen Vaters, der seinen Sohn für uns am Kreuz hingeopfert hat. Aus der Größe des Weltalls schließe ich auf die unendliche Erhabenheit Gottes und werde von Liebe und Wohlwollen erfüllt. Dann sage ich mir: „Einen Herrn von einer so unermesslichen Hoheit habe ich beleidigt. Welch ein Vergehen!“ Steigen wir im Geiste auf den Kalvarienberg und betrachten wir den Sohn Gottes in seinen Schmerzen am Kreuz. Alle Schmerzen hat er unseretwegen erduldet, um uns zu erlösen und uns ewig glücklich zu machen. Der hl. Augustinus schreibt: „Sein Haupt hat Christus geneigt, um uns zu küssen; seine Arme hat er ausgespannt, um uns zu umarmen; sein Herz geöffnet, um uns zu lieben; seinen ganzen Leib ausgestreckt, um uns zu erlösen.“ Wenn wir diese Liebe des himmlischen Vaters und das Leiden Christi innig betrachten, werden wir zur Liebe gegen Gott entflammt und rufen mit dem hl. Augustinus: „Einen so gütigen Gott zu beleidigen, welche Grausamkeit!“ Viele Gaben und Wohltaten hat uns Gott erwiesen: Gesundheit, Nahrung, Kleidung, Wohnung, den Frieden. Wer sie bedenkt, muss sprechen: Anstatt mich Gott dankbar zu erweisen, habe ich ihn durch meine Sünden beleidigt und erzürnt, habe ich seine Wohltaten mit Undank vergolten. Dieser Schmerz der Seele, der aus Liebe zu Gott entstanden ist, ist die vollkommene Reue.

Jeder katholische Christ, der schwer krank geworden ist oder sich in Lebensgefahr befindet, ist verpflichtet, das Bußsakrament zu empfangen und den Leib des Herrn als Wegzehrung aufzunehmen. Aber wenn jemand plötzlich in Lebensgefahr gerät, soll einer der Anwesenden den mit dem Tode Ringenden zur vollkommenen Reue zu bewegen zu suchen, ihm eine Reuegebet vorsprechen. „Dich liebt, o Gott, mein ganzes Herz, und dies ist mir der größte Schmerz, dass ich erzürnt dich, höchstes Gut; ach wasch mich rein in deinem Blut. Dass ich gesündigt, ist mir leid. Zu bessern mich, bin ich bereit. Verzeih’, o Gott, mein Herr verzeih’, und wahre Buße mir verleih. Nunmehr aber will ich lieben dich, o Jesus, ganz allein; will dich nimmermehr betrüben, ganz gewiss dein eigen sein.“

Es ist leicht möglich, in Todesgefahr vollkommene Reue zu erwecken, wenn man in seinem Leben täglich im Abendgebet die vollkommene Reue erweckt hat. Wer sich tagtäglich in der Erweckung der vollkommenen Reue geübt hat, dem wird es in Lebensgefahr nicht schwerfallen, die Liebesreue zu erwecken und sich dadurch mit Gott zu versöhnen. Die meisten Menschen sterben zur Nachtzeit. Es ist daher sehr zu empfehlen, dass jeder, der vorhat, schlafen zu gehen, sich durch ein Gebet in den Schutz und die Barmherzigkeit Gottes empfehle und gleichzeitig vollkommene Reue erwecke. Zur Erweckung der vollkommenen Reue genügen im Notfall wenige Worte. Dass man bei Gott mit wenig Worten viel ausrichtet, sieht man am Gebet des Zöllners im Tempel. Von inniger Reue durchdrungen, schlug er an die Brust und sprach: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Er ging, wie Christus sagt, gerechtfertigt, d.h. mit Gott versöhnt, nach Hause (Lk 23,42). Auch der Schächer am Kreuz hat in reumütiger Gesinnung nur die wenigen Worte gesprochen: „Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst.“ Und schon verzieh ihm Christus und sprach: „Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein“ (Lk 23,42). Man soll sich tagtäglich Mühe geben, reumütige Gesinnung in sich zu erwecken. Es empfiehlt sich das Gebet des reumütigen Zöllners: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Oder die Anrufung: „Mein Jesus, Barmherzigkeit.“ Oder der Flehruf: „Heiligstes Herz Jesu, erbarme dich meiner.“ Oder das inhaltreiche Gebet: „Jesus, dir leb’ ich; Jesus, dir sterb’ ich; Jesus, dein bin ich im Leben und im Tode.“

Amen.

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