28. Juni 2026
Leid
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Geliebte im Herrn!
Leiden ist persönliches, dem menschlichen Wünschen widersprechendes und daher schmerzlich empfundenes Erleben. Leiden können von außen kommen wie Verluste an Freiheit, Ehre und Vermögen, oder von innen wie Krankheit, Täuschung und Versuchung. Die Religion und besonders das Christentum hat das Leid des Menschen stets im Auge gehabt. Das AT (Gen 3,16-19; Job 7,1ff.; Sir 40,12ff.) nennt das Leiden das Los aller Menschen, das auch Frommen und Gerechten beschieden ist (Sap 3,4ff.; 10,9ff.). Leiden ist im Leben eingeschlossen, durch die Schuld der Stammeltern in das menschliche Dasein gebracht und durch eigene Schuld vermehrt (1 Kön 28,18; Hiob 3,4; Sprüche 11,31; Ez 23,35). Leiden ist Kennzeichen eines durch Schuld verursachten Unheilszustandes in der Schöpfung (Gen 3,15). Der wegen des Sündenfalls über die Erde ergangene Fluch beschert dem Menschen ein Dasein voller Mühsal und Not mit Sterben und Tod (Gen 3,17 ff.). Durch den im Gefolge des Sündenfalls begangenen Brudermord (Kains an Abel) entsteht Leiden sowohl bei dem Opfer der Gewalt wie auch bei dem vom Fluch Gottes getroffenen Gewalttäter (4,1-16). Schließlich weist die ebenfalls im Zusammenhang mit dem Sündenfall von Gott verfügte Auslieferung der Menschheit an eine vom Untergang in der Sintflut bedrohte Schöpfung darauf hin, dass Angst und Schrecken in der Welt sowie Hilflosigkeit und Verzweiflung Einzelmenschen und ganze Völker befallen (6,5-8,22). In der Folgezeit wurden Einzelaspekte des Leidens als Züchtigung (Spr 3,11f.; Dan 9,4-19), Erprobung (Dan 3,14-18; Jdt 8,25ff.), Läuterung (Jes 48,10; 2 Makk 6,12-17) und Sühne (Dan 3,38ff.) interpretiert. Das AT legt vor allem dem Sünder nahe, dass ihm das selbstverschuldete Leid zur Besserung gereichen solle (Job 11,13-20; 33,16-30), und nennt es ein Zeichen arger Verstockung im Bösen, wenn er dadurch nicht gebessert würde (Ez 9,34f.; Ps 77,31-33; Spr 1,24ff.). Die Erlösung vom Leiden erfolgt erst durch die Aufhebung und Überwindung der für den Unheilszustand in der Schöpfung verantwortlichen Schuld, und zwar zunächst so, dass Gott selbst im Verlauf seiner heilsgeschichtlichen Offenbarung (Jes 43,24; 46,3f.), insbesondere durch den Knecht Gottes als Heilsmittler (Jes 53,1-12) das (infolge des Sündenfalls entstandene) Unheil mitträgt und dadurch dem Leiden den Stachel der Sinnlosigkeit nimmt; schließlich jedoch so, dass Gott mit der Manifestation seiner ewigen Königsherrschaft dem Wirken der Macht des Bösen ein Ende setzt (Jes 27,1; Dan 7,9-12) und nach der Vernichtung des Todes in der unzerstörbaren Heilsgemeinschaft mit ihm (Jes 25,6ff.) das Leiden für immer unmöglich macht.
Das NT sieht dem Problem der unverdienten Leiden offen ins Auge. Auch sie sind Gottes Schickung; ja selig ist, wer um der Gerechtigkeit willen leidet (Mt 5,10-12); 1 Petr 2,19; 3,4; 4,12-16; Apg 5,41) und sich dessen in Gott rühmen kann (Röm 5,3ff). Denn „wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten gereichen“ (Röm 8,28), auch das Leiden, mag gleich sein Sinn im einzelnen Falle verschlossen sein. Dem reinen Diesseitsmenschen erscheint Leiden oft ungerecht, sinnlos, schädlich, als unlösbares Welträtsel. Im Lichte eines künftigen Lebens gewinnt jedes Leiden in dem Maße Wert und Verdienst, als es den Menschen läutert und Gott näherbringt. Diese Heilkraft des Leidens haben selbst heidnische Philosophen gepriesen. Umso mehr die göttliche Offenbarung. Sie sieht im Leiden ein Erziehungsmittel Gottes und einen Erweis seiner väterlichen Liebe (Hebr 12,5-11), Schutz gegen die Sünde (1 Petr 4,1f.), inneres Wachstum in der Sehnsucht nach der ewigen Heimat und in der Hoffnung auf das ewige Leben (Röm 8,18f.; 2 Kor 4,10; 5,2-8). Leiden soll ein Prüfstein der treuen Nachfolge Christi sein (Mt 10,38; Lk 9,23; 14,27; 1 Petr 2,21). Der Christ leidet um des Herrn willen: für ihn und mit ihm (2 Kor 4,11; Röm 8,17). Sein Leiden folgt dem „Sein in Christus“. Christliches Heldentum ist es vollends, im Begehren nach getreuer Nachfolge Christi nach Leiden sogar zu verlangen und sich ob der Leiden zu freuen bzw. sie für andere aufzuopfern. Es einigt den Gläubigen inniger mit dem mystischen Leib Christi, der ein Opferleib ist (im Sinne von 1 Kor 12, 12-27 und Röm 12,4f.). Daher waren die Heiligen bestrebt, sich im Leiden mit Christus zu verähnlichen. Sie erstrebten nicht Erlösung vom Leiden, sondern Erlösung durch Leiden.
Christus ist Mittler der ewigen Königsherrschaft Gottes und Fleisch gewordener Logos (Joh 1,1-18). Als solcher hat Jesus den durch den Sündenfall verursachten und die ganze Schöpfung mit Leiden erfüllenden Unheilszusammenhang (Röm 8,19-23) grundsätzlich aufgebrochen (Lk 10,18; 11,20). Gleichzeitig hat er durch sein Sühnopfer am Kreuz (Mk 10,45; 14,24; Hebr 9,11-28) dem in der Lebensgemeinschaft mit ihm angenommenen Kreuz eine entsprechende Deutung verliehen. So verheißt Christus einerseits den Armen, Trauernden, nach Gerechtigkeit Hungernden und um seinetwillen Verfolgten das mit ihm angebrochene Heil (Mt 5,3-11; Lk 6,20f.), zeichenhaft verdeutlicht durch Heilungswunder (Mk 3,1-6; 5,21-43) und Anteilnahme am Leidensschicksal der Menschen (Lk 5,30ff.; 7,13). Anderseits versteht er die Annahme des Kreuzes als Kennzeichen der ihm in der Jüngerschaft geleisteten Nachfolge (Lk 14,25ff.). Die Urkirche hat darum das in der Nachfolge Jesu erfahrene Leiden direkt zum christlichen Existenzvollzug gezählt (1 Petr 2,18-25) und als Medium auf dem Weg zur Vollendung (Hebr 2,18), sei es in der Erprobung des Glaubens (2 Kor 8,2) oder sei es bei der Züchtigung zum Heil (1 Kor 11,30ff.; Hebr 12,5-11) angesehen. Darin als Ausdruck des heilvollen Umgangs Gottes mit dem Glaubenden sogar einen Grund zur Rühmung (Röm 5,3) und zu dankbarer Freude (Apg 5,41; Jak 1,2) erblickt. Das schließt nicht aus, dass auch der gläubige Mensch die natürlichen Mittel gebraucht, um Leiden wie Krankheit, Not, Misserfolg zu verhindern oder zu lindern, ja auch Gott um Hilfe und Befreiung vom Leiden anruft (Ps 4,2; 50,15; Joh 5,13). Treffen ihn trotzdem Leiden, wird nicht Gefühllosigkeit verlangt, wie das Beispiel des Heilandes am Grabe seines Freundes Lazarus und auf dem Ölberg (Joh 11,35; Mt 26,38) beweist, aber gläubige Ergebung in Gottes Willen, die in Christi Leiden und Herrlichkeit Kraft und Trost sieht (Lk 24,26; Hebr 4,15; 5,8f.).
Leiden ist eine menschliche Grundbefindlichkeit, ja eine Wesenseigenschaft des Seienden. Der Christ hat die Möglichkeit, dem zu seinem Leben gehörenden unvermeidlichen Leiden einen Sinn zu geben, indem er es annimmt, teils als Sühne für sein eigenes Fehlverhalten, teils als Prüfung seines Glaubens (Hebr 12,4-13), teils als Anteilnahme am erlösenden Leiden Christi (Kol 1,24). Die Liste des Leides, das Menschen (und Tiere) auf Erden erdulden müssen, ist lang. Erbeben, Vulkanausbrücke, Tsunamis, schmerzhafte und unheilbare Krankheiten einerseits, Abtreibung, Mord, Verfolgung, Krieg anderseits. Die Menschen fragen: Konnte Gott mit seiner Allmacht die ungeheure Flut des Leides verhindern? Wo ist seine Liebe angesichts dieser Schrecken? Das Leid prüft den Glauben (1 Petr 1,7), schützt vor Sünde (1 Petr 4,1), führt zur Hoffnung (Röm 5,3ff.; 2 Kor 4,6-5,10), zum Guten (Röm 8,28), zur Vollendung (Hebr 5,8f.). Paulus freut sich über Leiden. Sie kommen der Kirche zugute (2 Kor 1,4‑7). Sie füllen Christi Leidensmaß auf (Kol 1,24). Gott hebt auf seine menschlichem Verständnis nicht einsehbare Macht und Weisheit ab. Darum kann niemand erwarten, dass er eine völlig befriedigende Antwort auf die Frage nach dem Warum des Leids vorlegen kann. Alle in diese Richtung gehenden Versuche sind zum Scheitern verurteilt; ja sie setzen sich über geoffenbartes Wort Gottes hinweg. Es ist unsinnig und unmöglich, mit inadäquaten Maßvorrichtungen und Maßeinteilungen Gegebenheiten der Schöpfung abzumessen. Ebenso ist es menschlichem Geist nicht möglich, Einsicht zu nehmen in Gottes Pläne. Irdische Maße haben ihre Berechtigung; aber sie dürfen nicht an Gott angelegt werden. Die Leiden des Unschuldigen sind Heimsuchungen des unbegreiflichen Gottes, Erprobung der Treue, letztlich Problem.
Zur christlichen Ethik gehört die Pflicht, das Leiden des anderen nach Möglichkeit zu lindern, in Fortführung der Werke der leiblichen und geistigen Barmherzigkeit (Lk 10,25-37; Mk 25,31-46). Mitleiden ist nicht Bedauern, sondern solidarisches Mitgehen durch das Leiden des anderen. Aufgabe der Kirche ist es, an die Verantwortung der Gesunden und Wohlhabenden zu appellieren und in den Gemeinden, modellhaft für die ganze Gesellschaft, Räume der Gemeinschaft und Solidarität aufzubauen. Der Tag wird kommen, an dem wir Gott nichts mehr zu fragen brauchen (Joh 16,23), weil alles in österlichem Licht fraglos klar sein wird. Zeichen und Spuren dieser Vollendung sind dem Glaubenden aber jetzt schon geschenkt, wenn er bereit ist, sie anzunehmen.
Amen.