21. Juni 2026
Dienen
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Geliebte im Herrn!
Zita von Lucca war die Tochter armer Landleute in Lucca. Ab dem 12. Lebensjahr diente sie im Hause der Familie Fatinelli in Lucca. Wegen ihres vorbildhaft dienenden, religiös motivierten Verhaltens übertrug man ihr die Führung des Haushalts. Nach ihrem Tode ereignen sich Wunder. Die Verehrung wächst über Italien hinaus. Papst Innozenz XII. sprach sie 1696 heilig. Eine aus der unzählbaren Schar der Dienstmägde ist Zita von Lucca. Zita ist eingedrungen in das schwere Geheimnis des Dienens. Das Dienen, wie es Christus gemeint hat, ist nicht eine Schicksalsnotwendigkeit oder ein Zufall der Geburt, auch nicht ein soziales Verhältnis, ein gesellschaftlicher Rang oder ein Arbeitsvertrag, sondern eine freie, inwendige und geistige Gesinnung. Wir haben glücklicherweise helle und strahlende Urbilder an Dienenden, von Christus und seinen Nachfolgern geschaffen. Die Geschichte seiner Religion ist nicht arm an Dienenden, wie er sie wünschte. Wir wissen nicht sehr viel von Zita. Aber wie ihr Bild in der freudig ergriffenen Seele des christlichen Volkes sich spiegelt, das wissen wir sehr wohl, und das ist auch genug. Denn dieses Bild, das die Kirche als Maßstab an alle Dienenden anlegt, ist ein Werk des Heiligen Geistes, eine lebendige Auslegung des Wortes Jesu: „Wer unter euch der erste sein will, der sei euer Diener.“ Das Dienen als inwendige Gesinnung, als Dienstwillen, bedeutet unzweifelhaft eine Hingabe, ein Schenken. Es ist ein Wille zum Wohl und Nutzen eines anderen; es will nicht für sich selber leben und wirken, sondern für einen anderen. So enthält es also immer als innersten Kern die Liebe. Ohne Liebe ist ein wahrhaftes Dienen unmöglich. Das Dienen enthält sogar das feinste Erzeugnis der Liebe: das reine, selbstlose Wohlwollen. Darum kann der Maßstab, nach dem Christus die Menschheit richten will, ebensowohl ein Dienen wie ein Lieben genannt werden. Wer den Armen, den Kranken, den Hungrigen und Bedrängten liebend gedient hat und wer sie dienend geliebt hat, der wird eingehen in das ewige Leben. In der Zeit der Urkirche heißt die Liebestätigkeit gegen die Armen einfach Diakonie, ein Dienst.
Das Dienen schließt sodann eine Unterordnung in sich. Es ist ein Hinaufsehen, ja eine Ehrfurcht. Der Niedere oder der sich selbst als niedriger fühlt, dient dem, den er über sich erblickt. Das Dienen schließt eine völlige Gleichheit aus. Wie kommt es nun aber, dass gerade hochstrebende Seelen sich zum Dienen drängen, wie Jesus und seine Jünger es wirklich tun? Der Grund liegt darin, dass das Dienen auch eine Überlegenheit begründet. Es erhöht die dienende Seele über den Dienstempfänger; es lässt sie auf ihn herabsehen mit dem Blick der Teilnahme, ja des Mitleids. Das Dienen in seiner lautersten Gestalt geht immer auf eine gewisse Hilflosigkeit und Bedürftigkeit. Es wird herbeigerufen von Bedürfnissen, die anders nicht gestillt werden können. Und dieser Ruf ergeht naturgemäß an die Kraft, die Gesundheit, die Geschicklichkeit und bringt sie damit zum frohen Bewusstsein, gesund, stark, tüchtig und hilfefähig zu sein. Dieser Ruf lässt den Gerufenen eine überlegene Kraft, eine geistige Rüstigkeit erleben. So ist denn eine doppelte Bewegung im Dienen: Die Seele wird nach zwei verschiedenen Seiten zugleich getragen. Der Dienende schaut verehrend auf zu einem höheren Wesen, in dem er überragende Werke verwirklicht glaubt. Zugleich weiß er sich imstande, diesen überragenden Werten noch etwas zu bieten. Im Dienen wird die ganze Höhe und Tiefe der Seele ausgefüllt: einerseits ihre helfende und pflegende Kraft, ihre Bereitschaft, sich niederzubeugen, sich gütig zu neigen, anderseits ihre Sehnsucht, bewundern und verehren zu können.
Das Christentum hat zum ersten Mal das Dienen in seiner ganzen Reinheit und in weitem Umfang möglich gemacht. Das Christentum hat sogar gebieten können, dass die „Herrschenden“ seien wie die Diener der übrigen, dass die gesellschaftlich, amtlich und beruflich höher Stehenden denjenigen dienen, deren Meister und Führer sie sein wollen. Gerade der Geringste derer, die an Jesus glauben, hat nun, „auf den Namen eines Jüngers hin“, eine Würde erhalten, die verehrend zu ihm aufsehen lässt. Und wer an äußerlich bevorzugter Stelle steht, wird nun belehrt, dass seine überragenden Gaben und Mittel eben nur für andere da seien, dass also gerade er zum Dienen bestimmt und bestellt ist. So wird nun die demütige Neigung, mit welcher der höher Gestellte dem Niederen dient, geradezu ein Beweis- und Prüfungsmittel für die Echtheit seines Dienstwillens. Wer nicht die Kraft hat, die äußeren Rang- und Dienstverhältnisse umzukehren, der vermag überhaupt nicht zu dienen, also auch Christus nicht.
In Bezug auf Gott erhält die Unterwerfung, die werkzeugliche Hörigkeit ein starkes Übergewicht. Und doch ist es uns gegeben, durch unser Dasein und unser Wirken Gottes Ehre zu fördern, seiner Ehre zu dienen. Der persönlich gefasste Gottesbegriff macht einen aufrichtigen und starken Dienstwillen möglich. Das „Gottdienen“ ist die wirksamste Ausdrucksform und Formel für unser Verhältnis zu Gott. Der unbefangene Mensch fasst alle seine religiösen Lebensäußerungen am liebsten als ein Dienen auf. Er betet und arbeitet, er geht zur Kirche, hält Fasten und gibt Almosen, um Gott damit zu dienen. Er nennt seine Religionsübung gerade dann, wenn sie ihren Gipfel und ihre feierlichste Höhe erreicht hat, einen Gottesdienst. Was dem unsichtbaren, überweltlichen und unendlichen Gott gegenüber nur in übertragender Weise möglich ist, das ist buchstäbliche Wirklichkeit geworden, seit das Wort Fleisch geworden ist und unter uns Wohnung genommen hat. Da ist Gott in eines hilflosen Kindes Gestalt erschienen, da ist er als armer Menschensohn, als anklopfender Wanderer, der nicht hat, wohin er sein Haupt lege, unter uns gewandelt, und so ist die uralte Sehnsucht der Diener Gottes schier übererfüllt worden. Es gelingt ihnen, ihm dienend zu überragen. Menschen können ihn nunmehr auf ihren Armen und Händen tragen, können ihn pflegen und beherbergen, können ihm eine Stätte bereiten inmitten ihrer Wohnungen und in ihren Seelen. Die Menschwerdung und in ihrer Auswirkung die Eucharistie mit ihrer symbolisch bereiten und ergreifenden Hilfsbedürftigkeit und Dienstforderung, und dann die Kirche als pflegebedürftiger Leib Christi; das ist der Gipfelpunkt des Denkens und Handeln Gottes, zu dem er selbst sich verstanden hat aus Rücksicht auf die menschlichste aller menschlichen Sehnsüchte: das Dienenwollen.
Auf dem Boden der natürlichen Verhältnisse ist ein rechter Menschendienst selten. Selten sind die Häuser, in denen eine Zita waltet. Wer kann heutigentags sich freuen, dienen zu können? Leichter hat es vielleicht die Frau, Menschen zu finden, denen sie dienen darf: den Gatten, die Kinder, die gebrechlichen Eltern, die Kranken und Pflegebedürftigen. Viele Frauen haben eine Lebensstellung, die nur durch Dienen ausgefüllt werden kann, und das ist ihr Glück. Denn sie bringen zum Dienen besondere Gaben und Kräfte mit auf die Welt und also auch einen eigenen Beruf zum Dienen. Sie sind darauf angewiesen, und wo sie nicht dienen können, haben sie ihren besten Beruf verfehlt, und wo sie es gar verlernt haben, da ist ihre edelste Weiblichkeit verlorengegangen. Aber auch der Mann erleidet einen unersetzlichen Verlust, wenn er gar niemand findet, dem er dient. Es gibt einige Berufe, die an sich schon ausgezeichnet sind durch Möglichkeiten des Dienens: Beamte, Ärzte, Priester. Und wer in einem dieser Berufe tätig ist ohne den Willen zu dienen, der bringt sich um den besten Gewinn und Nutzen seines Berufes. Ein armer Mann fürwahr ist es, dem niemand auf der Welt dient. Aber der Ärmste der Armen ist doch der, welcher niemand dienen kann oder dienen will.
Es kommt also darauf an, wie wir dienen können und dürfen, Gott und den Menschen. Wie wir ein Volk von Dienenden werden. Das Dienen ist ein inwendiger Geist, der alle sozialen Erscheinungen beeinflussen, umbilden und veredeln sollte. Das Dienen vermag alle edlen und sogar heldischen Regungen der Menschenseele in sich aufzunehmen. Im Dienen berühren sich Religion und Sittlichkeit. Da erscheint die religiöse Tat ohne weiteres als ein Dienst, ein Gottesdienst; da trägt die sittliche Tat des Dienens religiöse Farben. Seit Gott herabgestiegen ist in Menschengestalt, ist es nicht mehr schwer, Gott zu dienen, buchstäblich wie ein Knecht und eine Magd. Schon auf die erste Ankündigung seiner Ankunft hin hat eine, die tiefer geschaut hat als wir alle, mit zufriedenem Aufatmen gesagt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn.“ Und seit Jesus der Mensch hinaufgestiegen ist über alle Himmel, ist es auch nicht mehr schwer, den Menschen zu dienen. Ohne Abgötterei und Erniedrigung können wir nun dem Menschen dienen. Ja selbst die Herrschenden und Führenden, die durch Geburt oder Gesetz vom Dienen ausgeschlossen scheinen, dürfen nun dienen. Sie sind dazu eingeladen und berufen. Allüberall in Städten und Vorstädten, in Hütten und Höhlen können sie ein Kind und seine Mutter finden, vor denen sie dienend niederfallen können, weil ein winkender Stern darübersteht und sagt: Siehe der Knecht und die Magd Gottes. Und ihr sollt ihnen wiederum ein Knecht und eine Magd sein um Gottes willen!
Amen.