Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
7. Juni 2026

Gottesfurcht

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Furcht ist die geistige und zumeist auch körperliche Aufregung in Erwartung eines wirklichen oder vermeintlichen Übels. Furcht hat die wichtige Funktion eines Warnsignals vor dem Bösen und Gefährlichen. Sie dient der Bereitstellung von Aufmerksamkeit und Handlungsbereitschaft. Rein naturhafte Furcht hat nicht den Charakter der Sittlichkeit. Die Furcht aber, die vom freien Willen geduldet oder in ihm selbst erweckt und genährt wird, fällt unter die sittliche Beurteilung. Es kann erlaubt, ja pflichtgemäß sein, das wahrhaft große Übel zu fürchten.

Die Furcht hat eine Bedeutung in der Religion und für das religiöse Verhalten. Das Alte Testament gebraucht den Ausdruck „Furcht Gottes“ als allgemeine Bezeichnung für die Sittlichkeit. Es schärft nachdrücklich die Furcht vor den Strafgerichten Gottes ein, denkt aber ebenso häufig an die Gott geschuldete Ehrfurcht. Der Anfang aller Weisheit ist die Gottesfurcht (Ps 110,10). Gott tut den Willen derer, die ihn fürchten. Er erhört ihr Flehen und errettet sie (Ps 144,29). Der fromme Israelit betet daher zu Gott: „Durchbohre mein Herz mit deiner Furcht“ (Ps 118,20). Die Gottesfurcht ist ein Gnadengeschenk Gottes, eine Gabe des Heiligen Geistes. Gott sagt den Israeliten: „Ich will die Furcht vor mir in ihr Herz geben, auf dass sie nicht von mir abweichen“ (Jer 32,40). Daher betet David: „O Herr! Durchbohre mein Fleisch mit der Furcht vor dir“ (Ps 118,20). Der Allmächtige hat an die Gottesfurcht mannigfache Verheißungen geknüpft. Auf dem Gottesfürchtigen ruht der Segen Gottes. Gott tut der Willen derer, die ihn fürchten. Er erhört ihr Flehen und errettet sie (Ps 144,29). Die Furcht des Herrn bringt Ehre und Ruhm, wird mit Freude und Frohlocken gekrönt, erfreut das Herz, gibt Wonne und langes Leben (Sir 1,11). Die Furcht des Herrn treibt die Sünde aus (Sir 1,27). Die Gottesfurcht hielt den großen Eleazar im AT zurück, Gottes Gesetz zu übertreten und gegen sein Gebot Schweinefleisch zu essen. Eleazar sagte: „Wenn ich auch jetzt der Marter der Menschen entginge, so könnte ich doch der Hand des Allmächtigen weder lebendig noch tot entgehen“ (2 Makk 6,26). Der Gerechte, der Gott fürchtet und in seinen Geboten treu verharrt, hat nach der Heiligen Schrift sonst nichts zu fürchten (Ps 3,7; 22,4; 26,1-3; 45,2-4; 55,5; Sir 22,23). „Wer den Herrn fürchtet, entrinnt jeder Nachstellung des bösen Feindes. Wer den Herrn fürchtet, zittert vor nichts“ (Sir 34,16).

Die Furcht Gottes hat auch im Neuen Testament ihren Platz. Christus stellt gewiss die Liebe zu Gott besonders in den Vordergrund. Er sagt aber auch: „Fürchtet euch nicht vor denen, die nur den Leib töten können, nicht aber die Seele. Fürchtet vielmehr den, der die Seele und den Leib dem Verderben der Hölle überliefern kann“ (Lk 12,5). Der Herr ruft also zur Gottesfurcht auf, damit wir an Gottes Geboten festhalten. Der Apostel Paulus mahnt zur Furcht im eigentlichen Sinne. Ausdrücklich fordert er: „Wirket euer Heil mit Furcht und Zittern“ (Phil 2,12). Wir müssen bangen, dass wir das Heil erreichen. Die Furcht, es zu verlieren, ist berechtigt. Der hl. Augustinus mahnt: „Tue das Gute wenigstens aus Furcht vor Strafe, wenn du es noch nicht tun kannst aus Liebe zum Guten.“ Der hl. Thomas fügt hinzu: „Wer aus Furcht nicht sündigt, ist noch nicht gerecht, aber die Rechtfertigung nimmt damit ihren Anfang.“ Doch gilt Paulus als Wesenszug des Neuen Bundes: „Ihr habt nicht den Geist der Knechtschaft empfangen zur Furcht, sondern den Geist der Kindschaft, in dem wir rufen: Abba, Vater“ (Röm 8,15). Noch entschiedener hebt der hl. Johannes den Vorzug der Liebe hervor: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, weil die Furcht Strafe hat“ (1 Joh 4,18).

Die Theologen der Scholastik haben die Arten der Furcht in ein System gebracht. Die Furcht Gottes entspringt der lebendigen Erkenntnis der göttlichen Weisheit, Heiligkeit und Macht. Doch sie hat ein Gefälle. Die niederste Stufe ist der timor serviliter servilis, die knechtische Furcht vor dem Strafen Gottes, die nicht stark genug ist, den inneren Wunsch zur Sünde zu überwinden. Sie unterlässt die Sünde nur äußerlich, lediglich wegen der Strafe. Sie bedeutet keine Abkehr von der Sünde selbst, führt nicht zu Gott und ist daher verwerflich, ja unsittlich. Höher steht der timor simpliciter servilis, die knechtliche Furcht vor Gottes gerechter Strafe, die den Willen auch innerlich umstimmt und von der Sünde abkehrt. Die knechtliche Furcht stellt zwar die göttliche Strafe in den Vordergrund, schließt aber die kindliche Furcht nicht aus, wenn sie die Sünde aufgibt und treu zu Gott hält. Sie ist unvollkommen, aber sittlich erlaubt und heilsam. Darüber beginnt die anfängliche Furcht, der timor initialis, eine zur kindlichen Gesinnung überleitende Furcht, in der schon die Liebe zu Gott wirksam ist, die aber noch der Stütze des timor servilis bedarf. Von ihr gilt der Satz: Wir werden den göttlichen Richter einst um so weniger zu fürchten haben, je mehr wir ihn jetzt fürchten. Die recht eigentlich christliche Form ist der timor filialis, die Furcht vor der Sünde und vor der Gottesferne, die ganz von der Liebe getragen ist. Die kindliche Furcht verabscheut und flieht alles Böse, weil es eine Beleidigung des über alles geliebten Gottes darstellt. Sie ist mehr ein Akt der Liebe und der Ehrfurcht. Kindliche Furcht hat nur, wer große Gottesliebe hat. Denn „die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus“ (1 Joh 4,18).

Christliche Gottesfurcht ist nicht die Angst vor einem unberechenbaren, grausamen Gott. Gott an sich ist kein Übel, sondern das höchste, unendliche Gut. Somit kann Gott in keiner Weise unmittelbarer Gegenstand der Furcht sein. Er kann und soll jedoch mittelbar Gegenstand der Furcht sein. Nicht sein Wesen, sondern seine Schickungen, Drohungen und Taten können auf den Menschen erschreckend und erschütternd wirken. Dies gilt vor allem von den Strafen, die er über die Sünder verhängt. Daher ist richtig gesagt worden: Bevor du dein Verlangen auf Gottes Verheißungen richtest, nimm dich in acht vor seinen Drohungen; denn heilig ist und furchtbar sein Name. Daher mahnt der heilige Kardinal Newman: „Wo Gewissen ist, da ist auch Furcht.“ Die Gottesfurcht ist kein Widerspruch zur Hoffnung, vielmehr eine Ergänzung. In der Hoffnung ersehnen wir den beseligenden Besitz Gottes, in der Furcht suchen wir den schmerzlichen Verlust Gottes abzuwenden; beides gehört offenbar zusammen. Aber auch das Vertrauen auf Gott und seine felsenfeste Sicherheit wird nicht angefochten durch das in der Furcht liegende Schwanken. Denn jede Sicherheit ruht auf Gottes vollkommener Macht und Treue; die Unsicherheit der Furcht aber stammt aus der unvollkommenen menschlichen Mitwirkung. Gerade diese Einsicht in die menschliche Schwäche treibt uns an, unser ganzes Vertrauen auf Gott zu setzen, aber auch seine Gnade eifrig und kräftig zu nützen.

Dass eine gewisse, geordnete Furcht berechtigt ist, ergibt sich schon daraus, dass sie natür-lich ist. Aber viele zittern vor Furcht, wo keine Furcht am Platze ist (Ps 52,6). Man fürchtet die Menschen und sagt sich los von der Furcht Gottes. Man lebt in beständiger Sorge wegen der zeitlichen Güter des Besitzes, der Ehre, der Gesundheit; die Sorge für die Seele und deren übernatürliches Leben ist die letzte der Sorgen. Die heiligbringende Furcht verlangt vor allem die Lösung des Herzens von der ungeordneten Liebe zu den Gütern und Annehmlichkeiten dieses Lebens. Denn die ungeordnete Liebe ist auch die Mutter der Furcht. Dies selbst setzt die richtige Einschätzung der einzelnen Güter und der Ordnungen der Güter voraus. Der Verlust der zeitlichen Güter kann und darf nicht in Betracht kommen, wenn es um das ewige Heil geht. Das zweite ist, dass wir die Vorstellungen unserer Phantasie auf das richtige Maß zurückführen. Vielleicht wird gar nicht eintreten, was man fürchtet, vielleicht erst später, wenn man den Schwierigkeiten gewachsen ist. Das dritte ist: Diejenigen sind die kühnsten, die Neigung und Liebe zu den göttlichen Dingen haben. Der Psalmist spricht: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil. Wen habe ich zu fürchten?“ (Ps 26,1). Die Gottesfurcht bringt uns großen Nutzen. Sie hält uns von der Sünde zurück, führt zur Vollkommenheit und zum irdischen und ewigen Glück. Wie der Wind die Wolken vertreibt, so die Gottesfurcht die fleischlichen Begierden. Christliche Gottesfurcht verdrängt die Menschenfurcht. Die Gottesfurcht bahnt den Weg zur Gottesliebe. Heilige Gottesfurcht und heilige Gottesliebe sind wie zwei Arme, mit denen die Seele Gott erfasst, umschließt, an sich reißt und ihn hält nach dem Wort: Ich halte ihn und lasse ihn nicht! Selbstüberschätzung und Selbstbetrug gehören zu den treuesten Begleitern vieler Menschen. Gottesfurcht ist das Heilmittel gegen Selbstgerechtigkeit. Gottesfurcht ist der unerlässliche Ausdruck der Demut. Die Kirche lehrt uns beten: „Lass uns immerdar deinen heiligen Namen zugleich fürchten und lieben. Du entziehst ja nie deine Leitung denen, die du fest in deiner Liebe begründest“ (Sonntag nach Fronleichnam). „Durchbohre mein Fleisch mit der Furcht vor dir“ (Ps 118,20). „Herr, lass mich dich fürchten, du Liebe im Licht. Solang ich dich fürchte, werd’ untreu ich nicht.“

Amen.

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