Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Glaube
8. April 2018

Der Glaube überwindet die Welt

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

„Alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt; und das ist der Sieg, der die Welt überwindet: unser Glaube.“ So haben wir eben in der Epistel des heutigen Sonntags gehört – alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt; und das ist der Sieg, der die Welt überwindet: unser Glaube. In diesem Text ist vom Glauben, von der Welt und vom Sieg des Glaubens über die Welt die Rede. Der Glaube wird in allen Schriften des Neuen Testamentes immer wieder behandelt, angesprochen und in seinen mannigfachen Aspekten aufgezeigt. Sehr beliebt ist die Bestimmung, die der Brief an die Hebräer über den Glauben gibt. Dort heißt es: „Der Glaube ist die Zuversicht auf das, was man erhofft, die Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht.“ Ich wiederhole: Der Glaube ist die Zuversicht auf das, was man erhofft, die Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht, also ein Stehen zu Gehofftem und ein Gewisssein von unsichtbaren Dingen. Diese Definition soll nicht wissenschaftlich exakt und vollständig sein, sondern dem Verfasser kommt es auf das Objekt des Glaubens an: Gehofftes und unsichtbare Dinge. Das Gehoffte umfasst die zukünftigen Heilsgüter, unsichtbare Dinge enthält alles, was in den Kategorien dieser Welt nicht erfassbar ist. Die im Hebräerbrief verstreuten Äußerungen über den Glauben lehren die über Heil und Unheil enthaltene Zustimmung zu dem geoffenbarten Inhalt und die Notwendigkeit, die von Gott auf mannigfache Weise verkündigten Wahrheiten festzuhalten. Vom Glauben sagt nun der Apostel, dass er die Welt überwindet. Nicht ein beliebiger Glaube, sondern der rechte, der wahre, der vollständige Glaube ist es, der die Welt überwindet. Denn der Glaube im Christentum hat einen präzisen Inhalt. Der christliche Glaube ist Glaube an den dreieinigen Gott. Der eine Gott besitzt von Natur aus ein Wesen, eine Herrlichkeit und eine Kraft. Der eine Gott ist die Dreifaltigkeit: der Vater, der Sohn und der Geist. Die eine Wesenheit existiert in drei Personen, die untrennbar sind in ihrem Sein und in ihrem Wirken. Der christliche Glaube ist Glaube an Jesus Christus, den einziggeborenen Sohn Gottes, der eine menschliche Natur angenommen und in ihr durch Wort und Tat, vor allem durch seinen im Gehorsam gegen den Vater vollzogenen Opfertod die Erlösung der Menschheit von Sünde, Schuld und Tod bewirkt hat. Der Glaube ist unabdingbar. Der Mainzer Katechismus aus dem Jahre 1920 – also unzweifelhaft katholisch – stellte richtig fest: „Wer nicht glaubt, dass Jesus Christus wahrer Gott ist, hat keinen Anspruch auf den Namen eines Christen.“

Der christliche Glaube ist sodann Glaube an die Vorsehung Gottes. Vorsehung ist der ewige Plan Gottes, der die Schöpfung auf ihren obersten Zweck hinlenkt. Die Vorsehung umfasst das unfehlbare Vorherwissen der absoluten und bedingten Zukunft, sowie das unabänderliche Vorausbeschließen alles zukünftigen Geschehens. Die Vorsehung sorgt für die Welt im Gesamten, aber auch für jeden einzelnen Menschen. Der christliche Glaube ist Glaube an die heiligste Eucharistie. Durch die Macht Gottes, meine lieben Freunde, werden in der heiligen Messe die Elemente Brot und Wein in ihrer der Erfahrung entzogenen Tiefe, in ihrer der Erfahrung entzogenen Tiefe! in Leib und Blut Christi verwandelt. Das Messopfer ist ein relatives Opfer, es ist nämlich die Repräsentation, also die Gegenwärtigsetzung des Kreuzesopfer Christi. Die Eucharistie ist das höchste Gut des Christen, das man nicht leichtfertig an Ungläubige oder an Halbgläubige austeilen darf. Der rechte Glaube umfasst auch die rechten Gebote. Sie sind von Gott in die Natur des Menschen eingeschrieben und in der Offenbarung Alten und Neuen Testamentes kundgetan. Sie sind ebenso unabdingbar wie die Dogmen des Glaubens; es gibt Dogmen der Moral. Die erste Frage des erwähnten Katechismus aus dem Jahre 1920 lautete: „Wozu sind wir auf Erden?“ Die Antwort: „Wir sind dazu auf Erden, dass wir den Willen Gottes tun und dadurch in den Himmel kommen.“ Kürzer und treffender kann man unsere Aufgabe auf Erden nicht beschreiben. Der christliche Glaube ist Glaube an das ewige Leben der Seele und an die einstmalige Auferstehung des Fleisches. Der gläubige Christ hat eine Zukunft, auch wenn der Leib zerfällt. Diese Zukunft wird verbürgt von dem auferstandenen Christus.

Dem Glauben steht die Welt gegenüber. Unter der Welt verstehen wir einmal alle nichtgöttliche Wirklichkeit. Also das grenzenlose Weltall, die gesamte Schöpfung Gottes, ihre unermessliche Ausdehnung, ihre Ordnung und ihre Schönheit preisen Macht und Weisheit Gottes. Jesus Christus steht der Schöpfung unbefangen gegenüber. Er weiß um ihre Herkunft von Gott und um ihre anziehende Ausstattung. Aber er sieht auch die Folgen der Satansherrschaft über der Welt und die Gefahren, die der Existenz der Jünger von der Welt drohen. Deswegen wird der Begriff Welt auch noch in einem anderen Sinne gebraucht, nämlich für die Schöpfung Gottes, die vom Bösen beherrscht wird, Welt im gottfeindlichen Sinne, die das Licht hasst und Augenlust, Fleischeslust und Hoffart des Lebens in sich birgt. Von dieser Welt muss Johannes im Anfang seines Evangeliums schreiben: „Der LOGOS (also der menschgewordene Gott) kam in die Welt, aber die Welt hat ihn nicht erkannt. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinigen nahmen ihn nicht auf.“ So ist die Welt auch die Stätte der Auflehnung gegen Gott, der Empörung gegen Gott, gegen seinen Willen und gegen seine Gebote. In der Welt triumphiert das Unrecht, in der Welt hängt die Gerechtigkeit am Kreuze. Seitdem Kain seinen Bruder Abel erschlug, ist die Erde gerötet vom Blut der Gefallenen, Ermordeten, Hingerichteten. Von der Welt in diesem Sinne titelte die Mainzer Allgemeine Zeitung in ihrer Osterausgabe: „Die Welt – ein Pulverfass“, überall brodelt und knistert es, und für diese Feststellung bringt die Zeitung stichfeste Belege. Am heiligen Karfreitag, meine lieben Freunde, haben israelische Soldaten 29 Palästinenser erschossen und mehr als 2000 verletzt – am heiligen Karfreitag. Die christliche Gemeinde ist zwar in der Welt, aber sie ist nicht aus der Welt. Der Glaube lehrt die Gläubigen das rechte Verhältnis zu der gottfeindlichen Welt, er hört die Mahnung des Apostels Johannes: „Liebet die Welt nicht, noch was in der Welt ist.“

Nun lehrt der heilige Johannes. Der Glaube überwindet die Welt, besiegt die Welt. Von einem Siege kann man nur sprechen, wenn ein Kampf vorausgegangen ist, und dieser Kampf findet statt. Er wird ausgefochten vom Glauben auf der einen Seite und von den Feinden des Glaubens in der Welt auf der anderen Seite. Wer sind die Feinde des Glaubens? Es sind der Irrtum und die Sünde, der Hass und die Rache. Der Glaube siegt über den Irrtum, vor allem über den religiösen Irrtum, wie er sich in den von Menschen gemachten Religionen kundtut. Der Glaube verschafft dem Gläubigen eine Überlegenheit. Dem Ungläubigen fehlt eine ganze Dimension des Wirklichen. Die Wirklichkeit des unsichtbaren Gottes, seine Weltlenkung und seine Gnadeneinwirkung sind dem Ungläubigen unbekannt. Der Glaube klärt den Menschen auf, der Glaube ist die wahre Aufklärung, er klärt auf über Gott und die Welt. Er lehrt uns: Gott existiert, wir sind nicht allein im Weltall, über uns wacht eine unendliche Macht und Liebe. Gott existiert als Person, zu der unsere Gebete aufsteigen. Der Glaube siegt über die Versuchung. Wir erfahren es ja jeden Tag: Das Fleisch begehrt wider den Geist. Begierden, Leidenschaften, ungeordnete Neigungen suchen uns zum Bösen zu verführen. Es liegt nicht in der Macht des Menschen, meine lieben Freunde, das Triebleben so niederzuhalten, dass es sich überhaupt nicht regt. Der Glaube aber stärkt den Menschen in Versuchungen. Er lehrt ihn, die Sünde als ein zu fliehendes Übel einzuschätzen, sie zu meiden, den Hang zur Sünde dauerhaft zu überwinden. Der Glaube lehrt uns die heilige Gottesfurcht. Die Gottesfurcht weiß um die absolute Heiligkeit Gottes, die das Böse verabscheut und Kraft denen gibt, die von ihr erfüllt sind. Die Gottesfurcht überwindet den Hang zur Sünde. Der Glaube lehrt uns die Liebe zu Gott. Sie wehrt die Versuchung ab, weil sie uns anleitet, an das Leiden des Herrn zu denken: „Ach, Herr, was du erduldet, ist alles meine Last; ich habe das verschuldet, was du getragen hast.“ Der Glaube lehrt uns das Gericht Gottes. „Denk an das Gericht, und nichts werden Unzucht, Ehebruch und die anderen Sünden über dich vermögen“, schreibt der heilige Cyrill von Jerusalem. Wenn der böse Feind uns naht, meine lieben Freunde, dann sollten wir uns erinnern, was der heilige Stanislaus Kostka dem Versucher entgegengeschleudert hat: „Ich bin für Höheres berufen“ als für die Sünde. Der Glaube siegt über Furcht und Angst. Auf dieser Welt gibt es viele Dinge, die uns Furcht einjagen. Unglück und Unheil, Krankheit und Schmerz, Gram und Kummer, Betrübnis und Trübsal stehen bereit, über uns herzufallen. Keiner entgeht ihnen, alle haben daran Anteil. Angesichts dieser Lage ergreift uns Besorgnis und Befürchtung. Der Glaube hilft uns, Angst und Furcht zu überwinden. Er belehrt uns, dass wir überall unter der Vorsehung Gottes stehen, die über uns wacht. Alles, was er über uns kommen lässt, kann in seiner Hand uns nur zum Segen gereichen. Der Glaube überwindet vor allem die Menschenfurcht. Der Hohe Rat in Jerusalem drohte den Aposteln Strafen an, wenn sie fortführen, im Namen Jesu zu predigen. Die Apostel entgegneten ihm: „Urteilt selbst, ob es vor Gott recht ist, auf euch mehr zu hören als auf Gott. Es ist uns unmöglich, was wir gesehen und gehört haben, nicht auszusprechen.“ Auch in unserer Zeit gibt es Beweise, wie der Glaube die Todesfurcht überwindet. Als der Präsident des Volksgerichtshofes Roland Freisler dem katholischen Rechtsanwalt Josef Wirmer aus Berlin die Verhängung der Todesstrafe am Strang, also durch Aufhängen, ankündigte, da entgegnete ihm Wirmer furchtlos: „Wenn ich hänge, habe nicht ich Angst, sondern Sie.“ Der Glaube erweist seine Macht darin, dass er die Kraft gibt, jedes, auch das ernsteste Risiko einzugehen. Der Glaube verweist auf das ewige Leben. Wir sollen keine Furcht haben vor denen, die nur den Leib töten können, die Seele aber nicht. „Fürchtet vielmehr den, der Seele und Leib in die Hölle stoßen kann“, so sagt Jesus. Der Glaube an das ewige Leben befähigt die Gläubigen, das irdische Leben in seiner Begrenztheit und in seiner Ablösbarkeit durch das ewige Leben richtig einzuschätzen und notfalls dranzugeben. Die Studenten der „Weißen Rose“ in München, die gegen das Unrechtssystem aufgestanden sind, beugten ihr Haupt unter das Fallbeil, ohne mit einer Wimper zu zucken. Sie waren überzeugt von dem Weiterleben der Seele in der Herrlichkeit Gottes. Sie starben in der Gewissheit der Aufnahme in das Reich Gottes. Der Henker sagte: „So habe ich junge Leute noch nicht sterben sehen.“

Der Glaube siegt über den Hass. Der Hass ist ein Akt des Willens, bei dem der Nächste als Übel eingeschätzt wird, die feindselige Abneigung gegen andere, die innere Lossagung vom Nächsten. Der Glaube zeigt uns, wie falsch und ungerecht der Hass ist. Jeder Mensch ist als Ebenbild Gottes und als Gegenstand der Liebe Gottes in sich gut, auch dann, wenn seine Eigenschaften und sein Verhalten uns missfallen und schädlich sind. Die wahre Liebe betrachtet das Sein jedes Nächsten als ein Gut, dem sie sich hingibt, um es zu erhalten und zu fördern. Der Hass dagegen sieht im Nächsten etwas Böses, das man ausschalten, das man vernichten muss. Der Glaube verwirft den Hass kompromisslos. Der Apostel Johannes spricht es deutlich aus: „Wer nicht liebt, bleibt im Tode. Jeder, der hasst, ist ein Menschenmörder.“ „Wer sagt, er sei im Lichte, und doch seinen Bruder hasst, der ist immer noch in der Finsternis.“ Äußerlich kann man leiden durch das Unrecht, das andere einem zufügen, innerlich aber schadet man sich nur selbst, wenn man sein Herz mit der Sünde des Hasses befleckt. „Von Zorn, Hass und allem bösen Willen befreie uns, o Herr“, so beten wir in der Litanei von allen Heiligen. Der Glaube siegt endlich auch über das Begehren nach Rache. Im natürlichen Menschen schlummert das Verlangen nach Vergeltung für das Böse, das einem zugefügt wurde: Wie du mir, so ich dir. Der Glaube lehrt uns: Rache macht das Herz nicht glücklich, sie macht das Herz nur schwer. Der Christ verzichtet auf Rache. Das ist der Sieg des Glaubens über das dem Gläubigen angetane Böse. Der Apostel Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom: „Vergeltet nicht Böses mit Bösem, rächet euch nicht selber“, im Gegenteil: „Wenn dein Feind hungert, dann speise ihn, wenn er Durst hat, dann tränke ihn. Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute.“ Das ist die Botschaft des Evangeliums. Der Apostel Petrus fragte einmal Jesus: „Herr, wie oft muss ich meinem Bruder verzeihen, wenn er sich gegen mich verfehlt hat, etwa sieben Mal?“ Jesus sagte ihm: „Ich sage dir, nicht sieben Mal, sondern siebzigmal sieben Mal“, d.h. immer. Und Paulus mahnt: „Lass die Sonne nicht untergehen über deinem Zorn“, d.h. bevor es Nacht wird, versöhne dich mit deinem Bruder, mit deiner Schwester. Jedes Verzeihen, meine lieben Freunde, unterbricht den Kreislauf des Bösen. „Der Siege göttlichster ist das Vergeben!“, heißt es bei Schiller. Im Glauben, meine lieben Freunde, wird die gottfeindliche Welt samt ihrem Herrscher, dem Teufel, besiegt. Der Gottgezeugte lebt in dem Machtkreis Gottes, der allem Widergöttlichen weit überlegen ist. Das Böse existiert, es streitet gegen das Gute, aber der entscheidende Waffengang ist in Christus bereits ausgefochten. Der Glaube bietet die Gewähr, dass die Christen ihren eigenen, in der Verbundenheit mit Christus geführten Kampf als siegreich bestanden ansehen können. Der heilsgeschichtliche einmalige und grundsätzliche Sieg Christi wiederholt sich im Christen. Der Gottgezeugte besitzt nicht nur die beständige Kraft zur Überwindung der Welt in sich, sondern er hat den Sieg bereits durch den Glauben erfochten. Das ist der Sieg, der die Welt überwindet: unser Glaube.

Amen.

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