Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Mensch
14. Januar 2018

Fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Trübsal, beharrlich im Gebet

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Es gibt Lebensregeln, die von klugen und erfahrenen Männern und Frauen aufgestellt sind. An diese Lebensregeln kann man sich halten. Ich will Ihnen drei nennen:

1. Woran du selbst schuldig bist, das schiebe nicht auf die Verhältnisse.

2. Die Herrschaft über den Augenblick ist die Herrschaft über das Leben.

3. Selten steht einer im Leben vom Beginn auf der richtigen Stelle. Kann er sie nicht erreichen, dann hat er zu sorgen, dass die Stelle, auf die er hingestellt ist, die richtige Stelle werde.

Diesen Lebensregeln, die von Menschen erfunden sind, möchte ich mal an die Seite stellen Lebensregeln, die von Gott herkommen, die aus der Offenbarung stammen und die uns der heilige Paulus in der heutigen Epistel vorlegt: „Seid fröhlich in der Hoffnung, seid geduldig in der Trübsal, seid beharrlich im Gebete“ – fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Trübsal, beharrlich im Gebet. Hoffnung ist das Sich-Ausstrecken nach einem zukünftigen Gut, ist die auf die zukünftige Erfüllung eines Wunsches gerichtete Erwartung. Hoffnung bezieht sich also auf etwas, was noch nicht ist, aber was werden kann. Die Hoffnung ist allen Menschen vertraut; im alltäglichen Leben ist sie unentbehrlich. Der Inhaftierte erhofft seine Befreiung, der Arbeitslose erhofft Anstellung, der Kranke erhofft Genesung, der Aktienbesitzer erwartet die Wertsteigerung und der Anhänger des Wissenschaftsoptimismus und der Wachstumsbesessenheit meint, dass die Konjunktur immer weiter steigen werde. Manche haben die Hoffnung zu einer Ideologie ausgewalzt, z.B. Karl Marx. Er behauptet ja, die Religion mit ihren Verheißungen sei erfunden, um die bedrängten und elenden Menschen über ihre bedrückenden Verhältnisse hinwegzutrösten. Und so hat er das berühmte Wort gesprochen: „Religion ist das Opium des Volkes“, d. h. sie versetzt das Volk in einen Zustand der Illusion. Gegen diese Illusion will er das wirkliche Glück der Menschen schaffen. Wodurch? Durch die klassenlose Gesellschaft und durch die Umverteilung der Produktionsmittel. Das Proletariat wird die Staatsgewalt übernehmen und an die Stelle der Regierung über Personen wird die Verwaltung von Sachen treten. Am Schluss steht das Prinzip: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen. Wir wissen, dass diese Ideologie gescheitert ist, aber sie kann wiederkommen. Vor kurzem wurde ein Priester der Orthodoxen Kirche in Russland gefragt: „Halten Sie es für möglich, dass der Kommunismus einmal wiederkommt?“ Er sagte: „Ich halte das für möglich.“ Die Hoffnung der Christen ist anderer Art. Der Katechismus stellt die Frage: „Was dürfen wir hoffen?“ Darauf gibt er die Antwort: „Wir dürfen hoffen die Verzeihung unserer Sünden, Gottes Gnade und die ewige Seligkeit.“ Die Hoffnungen der Christen sind also auf übernatürliche Güter gerichtet, jedenfalls in erster Linie. Wir dürfen auch zeitliche Güter erhoffen, aber nur in Beziehung auf die ewigen Güter; wir dürfen die zeitlichen Güter nicht den ewigen vorziehen. Worauf stützt sich die Hoffnung? Nun, die irdischen Hoffnungen stützen sich eben auf irdische Gründe. Der Arbeitslose hofft, dass die Konjunktur anzieht; der Prüfling hofft, dass der Prüfer milde mit ihm verfährt; der Kranke hofft auf die Kunst der Ärzte. Der Garant der christlichen Hoffnung ist Gott selbst. Der Christ hofft auf Gottes Treue, er erwartet, dass Gott erfüllen wird, was er verheißen hat. Deswegen haben die Christen eine Hoffnung, die ihnen keine irdische Macht rauben kann, denn Gott betrügt die Menschen nicht. Eine Säule unserer Hoffnung ist unser Kindschaftsverhältnis zu Gott. Wenn wir Kinder Gottes sind und wenn er für diese Kinder seinen eigenen Sohn geopfert hat, wie sollte er uns in ihm nicht alles schenken? Wenn wir Kinder sind, sind wir auch Erben. Kinder erben, und wir erben das, was Gott für uns bestimmt hat: die ewige Freude. Die Christen haben einen ganz realen Grund für ihre Hoffnung: das ist der auferstandene Christus. Petrus schreibt in seinem 1. Brief ausdrücklich, dass uns Gott wiedergeboren hat zu lebendiger Hoffnung durch die Auferstehung seines Sohnes. Was mit dem entseelten Leib des Gekreuzigten geschehen ist, ist so gewaltig, unerhört und mächtig, dass sich darauf die festeste und zuversichtlichste Erwartung gründen lässt. Mit diesem Christus sind wir ja zusammengewachsen in der Taufe. Was an ihm geschehen ist, muss an uns geschehen. Er ist der neue Adam. Wenn wir durch Ähnlichkeit mit seinem Tode verbunden sind, werden wir auch mit seiner Auferstehung verbunden sein, denn die Kraft seines Auferstehungsleibes ist in uns. Es gibt einen weiteren Grund für unsere Hoffnung, für die Hoffnung der Christen: das ist die Anzahlung, die wir schon empfangen haben. Der Anzahlung folgt die Auszahlung des Gesamtbetrages. Und welches ist die Anzahlung? Das ist die Gabe des Heiligen Geistes. Der Geist ist die Erstlingsgabe Gottes, als Angeld in unsere Herzen gegeben. Wer das Angeld erhalten hat, ist gewiss, das gesamte verheißene Erbe zu erhalten. Wenn wir also wahrhaft gläubig sind, meine lieben Freunde, dann dürfen wir auch fröhlich sein in der Hoffnung. Wir erhoffen etwas, was uns gewiss zuteil werden wird. Mag die Gegenwart noch so traurig sein, uns steht etwas bevor, was uns freudig stimmt. Die Hoffnung gibt uns die Zuversicht, dass Gott seine Verheißungen erfüllen wird. Seine Macht und sein Reichtum und seine Treue werden uns die Hoffnungsgüter schenken.

„Seid geduldig in der Trübsal.“ Trübsal sind Ereignisse, Umstände, Zustände, die uns betrüben, die Freude rauben, das Leben verdüstern. Die Trübsal ist mannigfaltig. Heimsuchungen, Notlagen, Widerwärtigkeiten können das menschliche Herz in Betrübnis versetzen. Trübsal kann aus der Natur entstehen. Die Dürre, die über uns kommt, der Überfluss an Regen, die Kälte, der Schnee, der Hagelschlag; das alles sind Trübsale, die über uns kommen. Schicksalsschläge, Katastrophen können über ganze Städte und ganze Regionen kommen. Vulkane können ausbrechen, Tsunamis können Tausende töten, Erdbeben und Seuchen können über uns hereinbrechen; wir sind vor nichts gefeit. Über den Einzelnen kann ein Unglück kommen: Verlust der Güter, Verlust der Arbeitsstelle, Unfall, Krankheit, Verletzung, Verlust lieber Menschen. Niemand kann hier auf Erden ohne Trübsal und Herzeleid leben. Gram und Kummer, Trauer und Weh bleiben keinem Menschen erspart. Was ist zu tun angesichts der Trübsal? Paulus weiß es: „Seid geduldig in der Trübsal.“ Geduld ist das Sich-Schicken in die Trübsal mit dem Willen, sie auszuhalten. Mit Geduld ist das tapfere Standhalten, die Ausdauer in Mühen und Gefahren, das Wartenkönnen auf den rechten Augenblick. Geduld bezeichnet den Gleichmut in den Wechselfällen des Lebens. Leid, das nicht behoben werden kann, muss getragen werden. Und die Tugend, die uns zum Tragen verhilft, ist die Geduld. Wie lernt man die Geduld? Wie erwirbt man die Geduld? Nun, zunächst einmal durch vernünftige Überlegungen. Wenn uns Menschen lästig werden – und das geschieht ja leider nicht selten –, dann kann man sich sagen: So sind halt die Menschen, andere gibt es nicht. „Wenn du willst, dass andere dich ertragen, so ertrage du sie zuerst“, schreibt das Buch von der „Nachfolge Christi“. „Wofür sollte deine Geduld gekrönt werden, wenn du nichts Widerwärtiges dulden willst?“ Trübsale sind Prüfungen für den Wert eines Menschen. Unter dem Leid reifen die Menschen. Tatsächlich gilt das Wort: Wer nicht gelitten hat, was weiß der? Der gläubige Christ hat noch andere Mittel und Motive, um geduldig in der Trübsal zu bleiben. Wir dürfen zu unserem Gott und Heiland rufen, dass er die Trübsal abwende, dass er sie beende. Und Gott verlässt die Seinen nicht. Er rettet diejenigen, die demütig zu ihm rufen. Wenn die Trübsal bleibt, müssen wir sie ertragen. Das Buch von der „Nachfolge Christi“ enthält eine kurze, aber umfassende Lehre, wie die Trübsal, das Leid, das Kreuz getragen werden soll. Es geht davon aus, dass überall ein Kreuz für einen zugerüstet ist. „Es wartet auf dich, bis zu kommst und deine Schulter darunterlegst. Du kannst dem Kreuz nirgends entfliehen, wohin du immer laufen magst.“ Und für das Tragen des Kreuzes gibt es zwei Möglichkeiten. Erstens: „Wenn du dein Kreuz willig trägst, so wird dich das Kreuz hinwieder tragen.“ Wenn du dein Kreuz willig trägst, so wird dich das Kreuz hinwieder tragen, d.h. das Leid, das der Christ fügsam aushält, entfaltet eine geheime Segenskraft. Es verbindet den Christen mit Gott, es verhütet oder vermindert Versuchungen, es hält von Ausgelassenheit und Übermut frei, es lehrt Vorsicht und Zufriedenheit. Der Trierer Priester Peter Schlicker schrieb am Karfreitag 1942 aus dem Konzentrationslager Dachau an seinen Bruder: „Wie beglückend ist das Leiden mit Christus. Es trägt in sich eine herrliche Frucht: inneren Frieden und eine Freude, die nichts in der Welt zu geben, aber auch nichts zu rauben vermag.“ So der Martyrerpriester Peter Schlicker im Konzentrationslager Dachau. Zweitens: „Wenn du dein Kreuz unwillig trägst, so legst du auf dein Kreuz ein zweites Kreuz.“ Das Aufbegehren gegen das Leid hebt ja das Leid nicht weg, es bleibt bestehen. Aber zu der ursprünglichen Last kommt eine weitere, nämlich die eigene Verdrießlichkeit gegen sie. Und schließlich noch ein dritter Ratschlag oder eine dritte Warnung: „Wenn du dein Kreuz gewaltsam abschüttelst, so wirst du ohne Zweifel wieder ein anderes finden, und dies andere wird vielleicht schwerer sein als das, welches du abgeworfen hast.“ Es gibt offenbar im Leben eines jeden Christen einen Haushalt des Leids. Jedem ist offenbar von Gott eine bestimmte Summe von Übeln zugedacht, zugemessen. Eine Art innere Gerechtigkeit sorgt dafür, dass das festgesetzte Maß erhalten bleibt. Und wer einem bestimmten Leid ausweicht, der wird nicht leidfrei, sondern gerät in ein Leid anderer Art. Diese drei Weisungen aus dem Buch von der „Nachfolge Christi“, meine lieben Freunde, sollen uns Verständnis für das geben, was Paulus sagt: „Seid geduldig in der Trübsal.“ Alles, was Gott über uns kommen lässt, wird uns in seiner Hand zum Segen.

„Seid beharrlich im Gebete“ lautet die dritte Lebensregel Pauli. Gebet ist die Erhebung des Geistes zu Gott in der Absicht, Gott zu ehren, ihm die schuldige Huldigung und Unterwerfung zu leisten. Dies geschieht durch Anbetung, Danksagung und Bitten. Das Gebet ist Ausdruck des Glaubens und der Frömmigkeit. Es ist wesensnotwendiges Mittel der personalen Beziehung des Menschen zu Gott. Wer nicht betet, kann auch keine Beziehung zu Gott haben. Der Mensch kann, soll, muss betend Gott anerkennen und ihm Lob, Dank und Bitte darbringen. Das Gebet stellt die Verbindung des Menschen mit Gott her; es ist die Brücke zu Gott. Das Gebet ruft die Hilfe Gottes herbei. Das Bittgebet liegt uns am meisten, mit Recht. Wir sind total abhängig von Gott und wir wissen, welchen Gefährdungen wir in dieser Welt unterliegen. Sündenbekenntnis und Vergebungsbitte sind Bestandteile des Bußgebetes. Auch der an Gott gerichtete Dank ist Anerkennung der Abhängigkeit von Gott. Wer Gott dankt für die Gaben der Natur und des Übernatürlichen, der bestätigt deren Herkunft von dem allmächtigen und allgütigen Gott. Paulus schreibt an die Gemeinde in Saloniki: „Betet ohne Unterlass.“ Nun, damit ist natürlich nicht das ununterbrochene aktuelle Gebet gemeint – dazu ist ja kein Mensch fähig –, nein, damit ist die habituelle Bereitschaft, die ständige Bereitschaft gemeint, sich zu Gott zu wenden, sei es als Dank, sei es als Bitte, sei es als Lob und als Anerkennung. Das Gebet ist auch keineswegs einseitig nur das Anbeten Gottes durch den Menschen. Das Gebet ist auch die Antwort Gottes zu den Menschen. Im Gebet hören wir Gott, vernehmen wir Gott. Im Gebet spricht Gott zu uns. Im Gebet erfährt der Mensch Gottes Willen, seine Anerkennung und seinen Tadel für das menschliche Tun. Wie sollen wir beten, meine lieben Freunde? Nun, das richtige Gebet hat bestimmte Eigenschaften. Es muss innerlich sein, d.h. das Gebet muss nicht nur mit den Lippen, sondern mit dem Herzen verrichtet werden. Unser Geist soll sich zu Gott erheben. Wir sollen gläubig beten. Wir müssen fest überzeugt sein von der Existenz des personalen Gottes, der uns kennt und der uns sieht und der unser Gebet hört. Wir sollen hoffnungsvoll beten. Wir dürfen hoffen, dass Gott unsere berechtigten Bitten erhört. Wir müssen demütig beten, also im Bewusstsein unseres Ungenügens, unserer Unwürdigkeit. Wir müssen ergeben beten, d.h. wir müssen uns fügen in das, was Gott als Antwort auf unser Gebet tut. Wir müssen es Gott überlassen, wie er über uns verfügt. Und nun fordert Paulus in der heutigen Epistel: „Seid beharrlich im Gebete“, d.h. wir müssen im Gebet ausharren. Man darf es nicht einstellen, wenn das erbetene Gut nicht eintrifft. Man darf Gott keine Bedingungen stellen, man darf ihm auch keine Zeitgrenze setzen. Gott verträgt kein Ultimatum. Das Ausharren im Gebet zeigt die Ernsthaftigkeit und die Dringlichkeit unserer Bitten an. Nur ein beharrliches Gebet hat die Wirkung, die Seele zu erheben, zu weiten und vorzubereiten, dass sie für himmlische Güter aufnahmefähig wird. Beharrlichkeit sollen wir aber nicht nur im Bittgebet üben, sondern auch im Lob- und Dankgebet. Wir ersehnen ja die Beharrlichkeit im Guten bis zum Lebensende. Das ist uns allen aufgegeben, dass wir in der Gnade verharren. Wer das Ziel hat, im Tode Gott anzuhängen, der wird auch im Leben zu Gott finden. Er wird den Gnadenstand im Leben bewahren, und wenn er ihn verloren hat, alsbald wieder herbeirufen. Die Beharrlichkeit im Guten ist nicht möglich ohne die besondere Gnadenhilfe Gottes und ohne beharrliches Gebet. „Seid fröhlich in der Hoffnung, seid geduldig in der Trübsal, seid beharrlich im Gebete.“ O, meine lieben Freunde, wenn wir doch diese Aufforderungen des heiligen Paulus erfüllen möchten. Dann dürfen wir getrost in unseren Lebenskampf, in unser Lebensleiden hineingehen.

Amen.       

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