Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Mensch
10. Dezember 2017

Wegbereiter

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

„Rüttle auf, o Herr, unsere Herzen, auf dass wir deinem Eingeborenen die Wege bereiten“, so haben wir eben im Kirchengebet der heutigen heiligen Messe gebetet. Wir flehen darum, Wegbereiter für unseren Herrn und Heiland zu sein, damit er zu den Menschen gelangt. Gott bedient sich der Menschen, um sein Heilsangebot an sie heranzutragen. Er sendet Herolde aus, die seine Einladung der Menschheit unterbreiten, und Gott ist sogar auf die Menschen angewiesen; er hat keine anderen Wesen als die Menschen. Wir kennen den ersten Wegbereiter des historischen Jesus: es ist Johannes, der Täufer. „Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt, sein Name war Johannes. Er kam zum Zeugnis, dass er Zeugnis ablege vom Lichte, damit alle durch ihn zum Glauben kämen.“ In Johannes ist die Verheißung des Propheten Malachias erfüllt: „Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, dass er dir den Weg bereite.“ Johannes hat seinen Auftrag angenommen, er hat ihn erfüllt, er ist diesem Auftrag zum Opfer gefallen. Auch die Jünger Jesu wurden zur Wegbereitung eingesetzt. Als Jesus den Marsch nach Jerusalem antrat, da sandte er immer zwei Jünger vor sich her in alle Städte und Orte, in die er selbst kommen wollte. Sie sollten seine Ankunft vorbereiten. Der auferstandene Herr befahl seinen Jüngern: „Gehet hin in alle Welt und verkündet die Heilsbotschaft allen Geschöpfen.“ Die Apostel wurden ausgesandt zur Mission, sie sollen alle Menschen um Jesus sammeln. Das Gebot zur Wegbereitung gilt heute wie gestern. Es ist an uns gerichtet. Wir sollen die Wegbereiter unserer Zeit sein. Wodurch? Auf welchem Wege?

Wir bereiten dem Herrn den Weg, wenn wir an ihn glauben. Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen. Glauben können, meine lieben Freunde, ist ein unsagbares Glück. Wer glaubt, dem geht eine ganze neue Welt auf, die Wirklichkeit Gottes. „Der Gerechte lebt aus dem Glauben“, schreibt Paulus an die Galater. Und von sich selbst bekennt er: „Mein Leben im Fleische ist ein Leben im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.“ Der Glaube ist eine Macht für den Glaubenden. Wer wirklich vom Glauben ergriffen ist, der sucht den Glauben allen anderen zu vermitteln. Er ist auch durch Gottes Gebot gehalten, den Glauben weiterzugeben. Wir können ihn nur weitergeben, wenn wir selbst fest im Glauben stehen. Das ist eine unserer ersten Pflichten, meine lieben Freunde, dass wir ständig und immer wieder um den Glauben beten – in jedem Rosenkranz: „… der den Glauben in uns vermehren wolle“. Wir bereiten dem Herrn unseren Weg durch unser Bekenntnis; der Glaube muss sich nämlich äußern. Der Glaube muss nach außen bekannt werden. Und der Apostel Paulus stellt das Bekenntnis gleichwertig neben den Glauben: „Mit dem Herzen glaubt man, und das führt zum Heile. Mit dem Munde bekennt man, und das führt zur Rechtfertigung.“ Das Bekenntnis verbindet uns in ähnlicher Weise mit Gott wie der Glaube. Der Evangelist Johannis schreibt: „Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott und der bleibt in Gott.“ Der Bischof Cyprian – der Martyrerbischof, im Jahre 258 hingerichtet – fragt in einer seiner Schriften: „Wie kann einer meinen, ein Christ zu sein, wenn er sich fürchtet, es öffentlich zu sein? Wie kann er dereinst mit Christus sein, wenn er sich schämt, zu bekennen, dass er zu ihm gehört?“ Das gläubige Bekenntnis wirkt ansteckend. Die es erleben, spüren die Kraft, die im Glauben steckt. „Die haben den vollkommenen Glauben nicht, die von dem, was sie glauben, nicht reden wollen.“ Denn zum Glauben gehört auch die Annahme des Wortes. „Wer mich vor den Menschen bekennt, den werde ich vor Gott, meinem Vater, bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde ich auch vor Gott, meinem Vater, verleugnen.“ Gordius war ein römischer Offizier. Er wurde in der großen diokletianischen Verfolgung vor Gericht gestellt. Seine Freunde sagten ihm: „Du kannst ja im Herzen glauben, aber nach außen musst du so tun, als ob du nicht glauben würdest.“ Gordius antwortete ihnen: „Der mir das Herz gegeben hat, hat mir auch den Mund gegeben.“ Und so wurde er hingerichtet.

Das grundlegende Bekenntnis des Glaubens ist das Leben aus dem Glauben. Wir sollen leben, was wir glauben. Unserer Mitmenschen sollen an unserem täglichen Leben ablesen können, wie der Glauben beschaffen ist. Also sie sollen unsere Dienstbereitschaft, unsere Selbstlosigkeit, unsere Ehrlichkeit, unsere Reinheit sehen und das soll sie aufhorchen lassen. Sie sollen sich zu uns hingezogen fühlen, weil wir diese Tugenden bewähren. Man kann einen Menschen nur zu dem führen, was man selbst bekennt. Und zwei Beweise werden immer die besten bleiben, um Gott und sein Dasein zu beweisen: wenn die Gottesgläubigen nach dem Glauben leben und wenn sie für den Glauben sterben. Wir bereiten den Weg des Herrn durch Entschiedenheit, wenn wir entschlossen und entschieden seine Sache vertreten. Weniges schadet der Religion, der Achtung vor der Religion, der Verbreitung der Religion so sehr wie die Halbheit, die Unentschiedenheit, die Inkonsequenz. Entschiedenheit zieht an. Wo Christen ihr Christentum ohne Konzessionen an die liberale Wohlfühlgesellschaft leben, da merken die Menschen auf, da werden sie nachdenklich, und der eine oder andere fühlt sich auch angesprochen und zur Nachahmung aufgerufen. Wir schulden den Menschen das Zeugnis unseres entschiedenen Glaubens. Der Herr fordert ihn: „Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, der ist nicht wert des Reiches Gottes. Das Himmelreich leidet Gewalt, und nur die Gewalt brauchen, reißen es an sich. Eng ist die Pforte und schmal ist der Weg, der zum Leben führt, und nur wenige sind es, die ihn finden.“ Die geistlichen Schlachten, meine lieben Freunde, werden durch die Entschiedenheit des Willens entschieden. Die Liebe zu Gott besteht nicht in wonnigen Gefühlen, sondern in der Entschiedenheit des Willens, ihm zu gefallen. Das Hin- und Herschwanken, die Unsicherheit, die Halbheit sind mit der Nachfolge Christi unvereinbar; Kompromisse kompromittieren. Eine Dame rief mich neulich an, aus Hamburg. Ihr Mann, ein Protestant, Jurist, wollte zum katholischen Glauben konvertieren. Er sprach mit einem Priester darüber. Der Priester sagte ihm: „Ach, lassen Sie das. Jetzt haben wir ja den Ökumenismus.“ Ja, meine lieben Freunde, seit wann ist denn der Ökumenismus wertvoller als der Glaube an den absoluten Wahrheitskern unserer Religion? Diesem Priester fehlt es offensichtlich am entschiedenen Glauben. Die Menschen, die ihn erleben, werden sagen: Ja, wenn der das nicht ernst nimmt, wie sollen wir es ernst nehmen?

Wir bereiten dem Herrn den Weg durch die Erfüllung seiner Gebote. Wie oft ruft der Apostel Paulus in seinen Briefen die Gemeinden zu einer ehrbaren und anziehenden Lebensweise auf: „Wandelt würdig des Evangeliums Christi. Wie am Tage lasst uns ehrbar wandeln, nicht in Schwelgereien und Trinkgelagen, nicht in Wollust und Ausschweifung, nicht in Streit und Eifersucht. Wir bitten und ermahnen euch in Christus Jesus, dass ihr einen rechten, gottwohlgefälligen Wandel führt, wie ihr es von mir gelernt habt.“ Die Erfüllung des Willens Gottes ist eben der Erweis unseres Glaubens. „Daran erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben, wenn wir seine Gebote halten“, schreibt Johannes. Die willige und klaglose Befolgung der Gebote Gottes durch die Christen bringt manche Menschen zum Nachdenken. Es kann sein, dass ihnen aufgeht, wie edel und erhaben das Leben nach Gottes Willen ist. Durch Gebotserfüllung können wir zu Wegbereitern Gottes werden. Der schon erwähnte heilige Bischof Cyprian fragte einmal in einer seiner Schriften: „Christi Namen sich beizulegen, ohne auf Christi Wegen zu wandeln, was ist das anderes als ein Betrug am göttlichen Namen, ein Abirren vom Wege des Heils?“ In der Urzeit des Christentums lebte der geistliche Schriftsteller Theophilus. In seinem Briefe an Autolikus gibt er uns ein Bild vom Verhalten der Urchristen. „Bei uns“, schreibt er, „herrscht Mäßigkeit, wird Enthaltsamkeit gepflegt, die Einehe beobachtet, die Keuschheit bewahrt, alle Ungerechtigkeit verbannt, die Sünde mit der Wurzel ausgerottet, das Gesetz befolgt, Gottesfurcht geübt, Gott in Wort und Werk bekannt.“ So schreibt Theophilus. Bis zum Ausbruch des Ökumenismus unterschieden sich die katholischen, die wirklich katholischen Christen vernehmlich und sichtbar von ihren Mitbürgern durch bedeutsame Differenzen. Sie pflegten die öffentliche und gemeinsame Gottesverehrung durch den regelmäßigen Besuch des Sonntagsgottesdienstes. Ein Katholik, der nicht jeden Sonntag zur Messe kam, war kein Katholik. Sie waren kinderfreudiger. Sie hatten mehrere Kinder, sie hatten große Familien. In Holland sprach man, bevor der Ökumenismus ausbrach, von der biologischen Gegenreformation, d.h. katholische Familien hatten so viele Kinder, dass Holland allmählich ganz katholisch geworden wäre. Sie stellten auch verhältnismäßig mehr solide Handwerker und Angehörige der Pflegeberufe als die Nichtkatholiken, und das ist ein Zeugnis ihrer Tugend. Nicht alles, was vergangene Generationen an Zucht und Ordnung, an Sitte und Tugend im katholischen Volk aufgebaut hatten, ist verloren gegangen. Bis zur Stunde unterscheiden sich gute katholische Christen von ihrer Umwelt. Ein weitverbreitetes Magazin kam vor einigen Jahren mit dem Titel heraus: „Sind Katholiken dümmer?“ Nein, sie sind nicht dümmer, aber sie sind bescheidener, sie sind gutmütiger, sie sind dienstwilliger, sie sind leichter zufriedenzustellen, sie sind freigebiger und opferbereiter, jawohl, das sind sie.

Wie bereiten wir dem Herrn den Weg? Nun, ein wichtiges Mittel dazu ist der Wandel in Gottes Gegenwart. Wir wissen ja, es ist ein unumstößlicher Glaubenssatz: Gott ist allgegenwärtig. Ihm ist keine Weite zu fern und keine Dunkelheit zu finster. Gott ist überall. Er umgibt mich, er ist mir näher als mein Kleid, näher als die Luft, die ich atme. Der heidnische Philosoph Seneca wusste es schon: „Nahe ist dir Gott. Er ist bei dir, er ist in dir. Ja, ein heiliger Geist wohnt in uns und wacht über das Gute und Böse in uns. Wie wir mit ihm umgehen, so geht er mit uns um.“ Das schreibt im 1. Jahrhundert ein Heide. Erst recht leben gläubige Christen in der Gegenwart Gottes. Christoph Kolumbus, der Seefahrer und Entdecker Amerikas, konnte von sich schreiben: „Ein süßer Trost ginge mir verloren, wenn ich nicht all mein Trachten darauf kehrte, mich in Gottes wunderbare Gegenwart zu versenken.“ Er folgte damit der Heiligen Schrift, wo es an einer Stelle heißt: „Denk an Gott auf all deinen Wegen, so wird er deine Pfade ebnen.“ Wer sich an Gottes Gegenwart erinnert, der wird auch daran denken, ihm den Weg zu bereiten. Er wird überlegen: Wie kann ich heute meiner Umgebung den Weg des Herrn bereiten? Der Gedanke an Gottes Gegenwart mahnt uns, apostolisch zu sein. Er ruft uns auf, alle Müdigkeit, Bequemlichkeit und Unlust zu überwinden, tätig zu sein im Dienste Gottes und die Zeit auszukaufen, wie der Apostel Paulus mahnt. Jeder Tag, jede Stunde, jede Minute ist kostbar. Was jetzt nicht geschieht, das kann nie mehr eingeholt werden.

Viele Menschen sind unserem Bemühen, ihnen den Weg Gottes zu weisen, unzugänglich. Aber es gibt ein Mittel, um sie zu erreichen: das ist das Gebet. Gott sucht ausgebreitete Hände, um sie zu füllen. Er tut den Willen derer, die ihn fürchten. Wir dürfen und sollen beten für uns selbst, dass wir mit Gott verbunden bleiben, dass wir die Versuchungen überwinden, dass wir seinen Willen suchen, dass wir im Guten verharren bis zum Ende. Wir schulden aber auch unser Gebet unseren Mitmenschen: den Angehörigen, den Freunden, den Nachbarn, den Bekannten, aber auch unseren Widersachern, Feinden und Gegnern. In der heiligen Messe werden wir ja zweimal eingeladen, für die Mitmenschen zu beten. Die erste Gelegenheit ist das Gebet nach dem Dreimal Heilig. Da beten wir ja für die Menschen, die uns besonders aufgetragen sind. Und nach der Aufopferung in der Wandlung, dann flehen wir für die Christen, die uns im Zeichen des Kreuzes vorangegangen sind. Wir beten also für die Lebenden und für die Toten. Die Menschen, die unserem Bemühen unzugänglich sind, können wir durch unser Gebet erreichen. Das Gebet bewegt einen Arm, und dieser Arm bewegt die ganze Welt. Apostolisch beten, meine lieben Freunde, also für die Verirrten und Abgefallenen, für die Unsicheren und Zweifelnden, für die Abständigen und Trägen. Erbarmungsvoll beten für die Hungrigen und Durstigen, für die Elenden und Kranken, für die Vertriebenen und Heimatlosen. Missionarisch beten für die Atheisten und Heiden, für die Muslime und Juden, für die Buddhisten und Hinduisten.

Wir bereiten dem Herrn den Weg, indem wir in ihn hinein sterben. Wir vermögen in Gott hinein zu sterben, wenn wir es fertig gebracht haben, in ihn hinein zu leben. Wer den Mut hat, in Gott hinein zu leben, der wird auch die Kraft haben, in ihn hinein zu sterben. Auf dem Grabstein eines römischen Kardinals in Rom habe ich gelesen: „Ut moriens viveret vixit ut moriturus“ – Damit er, wenn er stirbt, in das ewige Leben eingehen kann, hat er gelebt wie einer, der weiß, dass er sterben muss. Ut moriens viveret vixit ut moriturus. Und der heilige Augustinus erinnert uns an Christi Lehre: „Die an ihn glauben, unterwies er, recht zu leben und zu sterben. Zu leben ohne Gier, zu sterben ohne Furcht. Er lehrte uns leben, dass wir nicht ewig sterben müssen, und er lehrte uns sterben, dass wir ewig leben dürfen.“ So der heilige Augustinus. Es gibt ein erbauliches Sterben, einen Heimgang, der die Umstehenden und alle, die von diesem Sterben hören, im Glauben stärken, in der Zuversicht festigen und in der Hoffnung erheben kann. So mancher hat am Sterbebett eines gläubigen Christen den verlorenen Glauben wiedergefunden. Die Martyrer haben Gott den Weg bereitet durch ihr heldenhaftes Sterben. In den Martyrerakten lesen wir häufig, dass sich Heiden und Ungläubige durch das Beispiel des todesmutigen Martyrers bewegt zum Christentum bekehrten. „Rüttle auf, o Herr, unsre Herzen, auf dass wir deinem Eingeborenen die Wege bereiten.“ So beten wir in der heutigen heiligen Messe. Dieser Aufruf gilt aber nicht nur in der Zeit des Advents, er gilt immer. Wir müssen Wegbereiter für den Herrn sein, allezeit. Wenn die Feinde der Kirche wachen, dürfen ihre Freunde nicht schlafen. Wenn die Feinde der Kirche reden, dürfen ihre Freunde nicht schweigen. Wenn die Feinde der Kirche zum Kampfe rüsten, dürfen die Freunde ihre Waffen nicht niederlegen. Unsere Kirche soll wachsen. Alle Menschen sollen nach Gottes Willen in ihr versammelt werden. Und darum ruft Augustinus den Zeitgenossen und allen, die seine Schriften lesen, zu: „Packt mutig an, zieht herbei, schleppt herzu, wen immer ihr könnt. Seid gewiss, ihr führt sie zu dem, dessen Anblick sie nur beseligen kann.“

Amen.   

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