Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Gericht
7. August 2016

Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Unser Herr ist wiederholt gefragt worden: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?“ Im heutigen Evangelium ist der Fragende ein Gesetzeslehrer, also ein Theologe. An anderen Stellen der Evangelien ist es ein wohlhabender junger Mann oder ein Vornehmer. Aber wer immer auch fragt, das ist die wichtigste, die wesentlichste, die entscheidende Frage: das ewige Leben. Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? Denn das ewige Leben ist der Sinn des irdischen Lebens. Nur das ewige Leben erfüllt den Sinn des irdischen Lebens. Das ist der Ruhm, das ist die Ehre des katholischen Volksteils, dass dieser Volksteil danach fragt: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? Dass er nicht bloß fragt: Was muss ich tun, um glücklich zu werden? Was muss ich tun, um Spaß zu haben? Was muss ich tun, um die Reifeprüfung zu bestehen? Was muss ich tun, um das Staatsexamen zu schaffen? Was muss ich tun, um die begehrte Stellung zu erlangen? Sondern dass er auch fragt: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? Wer seine ganze Energie ausschließlich auf das Vorankommen und Glücklichwerden hier auf Erden verwendet, ist zweifellos im Vorteil gegenüber jenem, der fragt: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? Denn der gläubige katholische Christ wendet einen beträchtlichen Teil seiner Kraft, seiner Zeit, seines Einkommens der Religion, dem Dienste Gottes zu. Dieser Teil der Kraft steht dem Ungläubigen für den Erfolg auf dieser Erde zur Verfügung. Immer schon und noch immer fragen mehr katholische Christen als Angehörige anderer Religionsgemeinschaften danach, was sie tun müssen, um das ewige Leben zu erlangen, an das viele andere gar nicht mehr glauben. Die katholischen Christen, die unter Verzicht auf die rücksichtslose Ausschöpfung aller irdischen Möglichkeiten des Erfolgs und des Fortkommens der Religion und dem Streben nach Gottes Willen in der Hoffnung auf Teilnahme an seiner Herrlichkeit die Treue halten, sie sind es, die den Gottesglauben und das Gottesgesetz in unserem Volke erhalten und hochgehalten haben. Das ist der Ruhm des katholischen Volksteils in unserem gespaltenen Volke. Ich lernte einmal einen Kollegen in der philosophischen Fakultät unserer Mainzer Universität kennen. Und dieser Kollege erzählte mir, sein Vater, ein gläubiger katholischer Christ, sagte zu seinem Sohn: „Bevor du den Glauben verlierst, lass die Sucht, Professor zu werden, fallen.“

Wir kommen nie am Gedanken des ewigen Lebens vorbei. Die Seele stirbt nicht und kann nicht sterben. Der Körper will wieder zu neuem Leben kommen. „Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches und das ewige Leben“, wie machtvoll, wie siegreich das klingt. Das ist eine triumphierende Weltanschauung. Alles andere zerfließt, zerflattert, zergeht: Ruhm, Andenken, Unvergesslichkeit; das alles ist Gerede des Unglaubens. Wie sagte doch der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, als man ihn nach dem ewigen Leben fragte: „Ich glaube, dass eine Spur von uns auf dieser Erde bleibt“ – eine Spur. Nein, meine lieben Freunde, es ist nicht so, wie der Unglaube meint. Der Mensch ist keine neurobiologische Maschine, deren physische und psychische Funktionen mit dem Tode erlöschen. Er ist auch nicht, wie Jean-Paul Sartre, der atheistische französische Schriftsteller, meint, ein unscheinbarer Tropfen Schleim im Universum. Der Mensch ist ein Geschöpf und Partner Gottes, von ihm auf diese Erde gesandt, damit er sein Werk verrichte, und von ihm heimgerufen, wenn die irdische Lebensphase abgelaufen ist. Die unsterbliche Seele ist jener göttliche Funken, den wir von Anbeginn durch unsere Gottebenbildlichkeit mitbekommen haben. Die persönliche Beziehung Gottes zu jedem Menschen sorgt dafür, dass der Mensch vor Gott und in Gott ist. Gott selbst ist unsterblich. Und es existiert eine Wirklichkeit im Menschen, die Gott so ähnlich ist und in so enger Beziehung zu Gott steht, dass sie nicht zerstört werden kann; wir nennen sie: Seele. Im Tode trennt sich die unsterbliche Seele vom sterblichen Leib. Sie kehrt entweder zu Gott zurück und findet in seiner Anschauung unendlichen Frieden, unendliche Wonne und unendliche Liebe. Oder, wenn sie noch nicht bereit sein sollte für die Herrlichkeit Gottes, wird sie in schmerzlichem Leiden geläutert und von den Schlacken der Erde befreit. Wer sich in seinem irdischen Leben bewusst von Gott getrennt hat und in dieser Haltung bis zu seinem Tode und auch im Tode verharrt, der bleibt eine Ewigkeit im Zustand der völligen Abwesenheit Gottes, der geht in eine Wirklichkeit ein, ohne Frieden, ohne Wonne und ohne Liebe.

Der Gesetzeslehrer fragte: „Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?“ Jesus antwortet mit einer Gegenfrage: „Was steht geschrieben im Gesetze? Wie liesest du?“ Die Wendung „Wie liesest du?“ versteht eigentlich nur, wer hebräisch gelernt hat, denn die hebräische Bibel wurde ohne Punktierung geschrieben, d.h. man musste die entsprechenden Buchstaben selber einsetzen und daraus ergab sich erst der Sinn eines Textes. Und deswegen fragte der Herr: „Wie liesest du?“, wie setzest du die entsprechenden Buchstaben in die hebräische Bibel ein? Aber die entscheidende Frage ist natürlich: „Was steht geschrieben im Gesetze?“ D.h. die Frage ist längst beantwortet, sie ist beantwortet von Gott selbst in seinem heiligen Gesetze. Oftmals begegnet uns in der Offenbarung das wuchtige Wort: „Es steht geschrieben“. Machtvoll und kraftvoll steht es da, wie in den Stein gemeißelt: „Es steht geschrieben.“ Das sind uns wesentliche Hinweise, was das ewige Leben sein wird. Das weiß der Mensch nicht; man muss es sich von Gott sagen lassen. „Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr hat es gehört, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.“ Unser Wissen ist nur Stückwerk. Wir sehen nur wie in einen Spiegel und im Rätsel. Aber Gott hat gesprochen, er hat uns einen Brief geschrieben; wir nennen ihn die Offenbarung Alten und Neuen Testamentes. Sein Evangelium wird uns jeden Sonntag verlesen; wir müssen es hören. Wie steht im Gesetze geschrieben? Es gibt Theologen – leider Gottes muss ich das sagen –, es gibt auch katholische Theologen, die den im Neuen Testament berichteten Worten und Taten Jesu skeptisch gegenüber stehen. Sie lesen die Schriften nicht als Urkunde Gottes, sondern als ein Buch wie jedes andere. Sie lassen die Schriften des Neuen Testamentes nicht als zuverlässiges historisches Zeugnis gelten. Der Grund für ihre Skepsis ist eine weltanschauliche Vorentscheidung. Sie gehen von einem geschlossenen Weltenlauf aus, der nicht durchbrochen werden kann. Was heute geschieht, das muss auch früher geschehen sein, und was nicht geschehen ist, das kann auch heute nicht geschehen. Sie arbeiten mit der Analogie und sagen: Die Analogie verbietet anzunehmen, dass es ein analogieloses Geschehen gibt. Ihre Kenntnis der Literatur ist eingeengt, nämlich auf das Neue Testament; sie kennen zu wenig Literatur. Sie sind Gefangene der Methoden, die sie selber ausgebildet haben, die sie selbst erfunden haben. So erklären sie z. B. das Evangelium nach Johannes als den ersten Leben-Jesu-Roman. Mein Kollege Mussner in Regensburg, der jetzt im Alter von hundert Jahren gestorben ist, war der Überzeugung, das Johannesevangelium ist nicht nur historisch zuverlässig, es ist sogar den Synoptikern, den drei anderen Evangelien, vorzuziehen. Auch er war ein gelehrter Theologe, ein gelehrter Schrifterklärer. Und das merkwürdige ist: Althistoriker und klassische Philologen halten die neutestamentlichen Schriften für unverfälscht überliefert und historisch glaubwürdig. Von ihnen müssen wir uns sagen lassen, was katholische Theologen nicht mehr zu sagen wagen. Sie stellen die Schriften ohne Vorurteile neben die griechischen und römischen Historiker der gleichen Zeit. Und deswegen bitte ich Sie, meine lieben Freunde, lassen Sie sich nicht irre machen. Unser Glaube steht nicht auf Schrauben, unser Glaube ist verankert im Reden und Tun des auf Erden erschienenen Gottessohnes. Jesus ist kein Betrüger.

„Was muss ich tun, um das ewige Leben zu erlangen?“ „Wie liesest du?“ Der Gesetzeslehrer, der eben noch fragte, weiß jetzt die Antwort: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben, aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus allen deinen Kräften und aus deinem ganzen Gemüte, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Die einzige und einzigartige Bedingung für das ewige Leben ist die Erfüllung des Liebesgebotes. „Magna res est amor“, eine große Sache ist die Liebe, schreibt Thomas von Kempen in der „Nachfolge Christi“. Verlangt wird von uns die eine, große heilige Liebe zu unserem Gott. Vierfach wird sie geschildert: aus ganzen Herzen, aus ganzer Seele, aus allen Kräften und in dem ganzen Gemüte, nichts ist ausgenommen. Warum sichert uns die Erfüllung des Liebesgebotes den Eingang in die ewige Herrlichkeit? Weil, wer das Liebesgebot erfüllt, auch alle anderen Gebote erfüllt. „Die Liebe ist des ganzen Gesetzes Erfüllung“, heißt es im Römerbrief. „Das ganze Gesetz ist in dem einen Worte enthalten: Du sollst lieben“, so schreibt Paulus im Galaterbrief. Wer dieses Gebot wahrhaft vor Augen hat, der erfüllt auch alle anderen Gebote. Die Gottesliebe, meine lieben Freunde, ist die übernatürliche personale Hingabe des Willens an Gott, durch die wir Gott als das höchste Gut um seiner selbst willen und um Gottes willen auch uns selbst und den Nächsten lieben. Gottesliebe ist wahre Liebe im Sinne selbstloser Ganzhingabe an Gott. Die Neigung zu Gott, das Wohlgefallen an Gott äußert sich in Ehrfurcht und Gehorsam gegen Gott, als Verlangen nach Gott, der unser höchstes Gut ist, als höchste Wertschätzung Gottes und als Freundschaft mit Gott. Die Liebe zu Gott muss über alles groß, innerlich, wirksam, beständig und unveränderlich sein. Sie muss Gott über alles schätzen und darf ihm nichts vorziehen. Wenn wir wissen wollen, meine lieben Freunde, ob wir Gott lieben, können wir das sehr leicht feststellen. Wir brauchen bloß zu fragen: Was ziehe ich Gott vor? oder: Bei welcher Gelegenheit stelle ich Gott zurück? Und dann wissen wir sofort, ob wir die Gottesliebe haben oder nicht. Und die Liebe zu Gott schließt als eine Tugend auch die Selbstliebe und die Nächstenliebe in sich. Die Liebe zu Gott umfasst auch die Geschöpfe Gottes. Als Liebe sieht sie im Ich und im Nächsten das Ebenbild Gottes, die natürliche und übernatürliche Ähnlichkeit mit Gott. Verlangt wird von uns also auch die Liebe zu den Brüdern, zu den Mitmenschen.

Wer ist denn mein Nächster? Jeder. Alle, die unter die Räder, unter die Räuber des Lebens gefallen sind, sind unsere Brüder, unsere Nächsten. Wir dürfen an keinem achtlos und kalt vorübergehen, müssen im Namen und Geiste Jesu Öl und Wein in die Wunden träufeln, sie in die Herberge geleiten und pflegen. „Wenn ich die Sprache der Menschen und Engel hätte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“ Wir wären keine echten Christen, keine Jünger Christi, die eben das Kennzeichen der Liebe als Erkennungsmarke haben. Wir können nicht jeder Not abhelfen. Wir müssen die Hilfe, die wir anderen gewähren, mit unseren sonstigen Pflichten gegen Gott und die Menschen und mit unserem Leistungsvermögen in Stand und Beruf in Einklang bringen. Ich traf einmal in Mainz einen betrunkenen Herrn. Er irrte umher, und ich nahm mich seiner an, nahm ihn unter den Arm und fragte, wo er zu Hause sei, und wollte ihn nach Hause führen. Sie werden nicht glauben, wie mich die Menschen angestarrt haben: Was macht denn der mit diesem Trunkenbold? Es besteht eine Arbeitsteilung. Es gibt eine Polizei, eine Feuerwehr, einen ärztlichen Notdienst, die bei Unfällen und Unglück zuerst und vor allem eintreten müssen; wir können nicht überall eingreifen, wir haben unsere Verpflichtungen. Aber wir dürfen auch nicht jede Hilfe von uns abschütteln. Wir müssen tun, was wir können, wir müssen helfen, wo es uns möglich ist. Vor allem muss der Wille zur Solidarität in uns sein. Solidarität ist das Bewusstsein von der Verbundenheit mit den anderen Menschen, auf die Angewiesenheit des einen auf den anderen.

Der Herr bestätigt, was der Gesetzeslehrer gesagt hat: „Du hast recht geantwortet: tu das, und du wirst leben“, göttliche Versicherung, göttliche Botschaft, göttliche Verheißung: Ja, tue das, tue! Manche machen viele Worte, aber sie tun es nicht. Das Christentum ist Tat und Leben, will Taten sehen, will ein echtes Tatchristentum sein. Jesus forderte die Tat, nicht das Gelöbnis und nicht das Versprechen. Er war radikal, jawohl, er war radikal in seinen Ansprüchen; er machte ganze Sache. Wir sind geneigt, das Christentum zu domestizieren, d.h. es unseren Wünschen und Neigungen anzupassen, vor allem tun das die heutigen Moraltheologen, sie wollen das Sittengesetz den Menschen anpassen, namentlich auf dem Gebiete der Geschlechtlichkeit. Was die meisten Menschen tun, das kann nicht falsch sein, sagen sie. Aber das kann falsch sein und das muss falsch sein, wenn es der Herr anders gelehrt hat! Das kann Gott nicht wollen, so sagen sie. Das ist ein Versuch, den Forderungen Gottes zu entgehen. Ein solches Verhalten ist falsch. Das Christentum ist weder bequem noch leicht, es verlangt Hartes und Schweres. Gott ist ein anspruchsvoller Herr. Aber Gott wirkt auch mit den Menschen mit. „Tue, was du kannst, und Gott wird deinem guten Willen freundlich beistehen und tun, was du nicht kannst“, schreibt der Verfasser des Buches von der „Nachfolge Christi“ – Tue, was du kannst, und Gott wird deinem guten Willen freundlich beistehen und tun, was du nicht kannst. „Tu das, und du wirst leben.“ Hinter diese Welt, meine lieben Freunde, schiebt sich, oft nur durch eine hauchdünne Wand getrennt, die Welt des Jenseits. Das ist den Spießern Unverstand, den Wissenschaftlern Problem, den Künstlern Nähe, den Gläubigen das Tatenfeld Gottes selber. Wir leben nicht, um zu sterben, sondern wir sterben, um ewig zu leben. Gott ist kein Gott der Toten, sondern der Lebendigen. Er wird einem jeden nach seinen Werken vergelten. „Was der Mensch sät, das wird er auch ernten. Wer auf das Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten. Wer aber auf den Geist sät, wird vom Geist Leben ernten. Lasst uns nicht müde werden, Gutes zu tun.“

Amen.

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