Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Heilige
7. Februar 2016

Die Lehre des Apostels Paulus

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Am vergangenen Sonntag haben wir das Leben des Völkerapostels Paulus betrachtet. Heute, wo wieder eine Epistel, eine Lesung aus einem Briefe des Apostels vorgelesen wird, wollen wir sein Werk betrachten, also seine Lehre. Sie ist enthalten in den 14 Briefen, die wir von Paulus haben. Sie stehen wesentlich im Dienst der Mission, der Führung der Gemeinde, sie halten die Verbindung aufrecht zwischen dem Apostel und der Gemeinde, sie ersetzen in dringenden Fällen seine reale Gegenwart. Von ihm selbst entsandte Kundschafter, Gemeindegesandte oder zufällig von auswärts eintreffende Christen bringen ihm Nachrichten und ermöglichen ihm, auf brieflichem Wege in die Geschicke der Gemeinden einzugreifen, also Meinungsverschiedenheiten zu schlichten, religiöse Not und Missstände zu beheben, Meinungskämpfe auszuräumen. Die Briefe setzen durchweg die mündliche Verkündigung voraus; sie berufen sich auf sie und führen sie weiter. Das Sachliche herrscht vor, aber auch manches Persönliche fließt ein, weil ja Paulus der Gründer dieser Gemeinden ist. Nach ihrer Eigenart und Entstehungszeit gliedern sich die Briefe in verschiedene Gruppen. Es gibt Briefe, die an Gemeinden gerichtet sind, und Briefe, die an Persönlichkeiten gerichtet sind. Es gibt Missionsbriefe wie die beiden Thessalonicherbriefe, den Galaterbrief, die beiden Korintherbriefe. Es gibt Gefangenschaftsbriefe, Briefe also, die aus dem Gefängnis, in das Paulus gebracht war, hervorgehen: Kolosserbrief, Philipperbrief, Epheserbrief, Philemonbrief; das sind die vier Gefangenschaftsbriefe. Es gibt Pastoralbriefe, wie man sagt, die an die beiden Bischöfe Timotheus und Titus gerichtet sind, und schließlich den sog. Hebräerbrief. Die briefliche Form hält sich an das damals übliche Formular: Am Anfang eine Einleitung, der Absender stellt sich vor, die Empfänger werden genannt, ein Segensgruß und eine Danksagung schließt sich an, dann aber kommt der Hauptteil. Der Hauptteil gliedert sich wiederum in zwei Teile. Der erste Teil ist dogmatisch, berührt also vor allem die Glaubenswahrheiten, der zweite Teil ist ethisch und paränetisch, fordert also zu einem christlichen Lebenswandel auf. Am Schluss stehen persönliche Notizen, Grüße, Schlusssegen und die eigenhändige Unterschrift.

Die Grundzüge des theologischen Systems Pauli sind aus den Briefen erkennbar. Im Mittelpunkt seiner ganzen Theologie steht das Wort vom Kreuz, d. h. von dem einen und einzigen Heilsmittler Jesus Christus, dem sündelosen, himmlischen Gottessohn, der Mensch geworden ist und dessen Blut der sündigen Menschheit prinzipiell und objektiv Sühne für ihre Sünden und damit Rettung im Endgericht verschafft hat. Der alte Heilsweg (die Beschneidung, das Gesetz) ist abgetan, der neue Heilsweg in Christus eröffnet. Das Heil in Christus bietet Gott allen Menschen an, Heiden wie Juden. Das Heil ist universell, wie man sagt, also für die gesamte Menschheit bestimmt, aus reiner unverdienter Gnade. Jeder, Heide wie Jude, kann es sich aneignen, indem er glaubt, glaubt an den Heilsmittler Jesus Christus. „Wenn du mit dem Munde Jesus als den Herrn bekennst und im Herzen glaubst, dass er von den Toten erweckt worden ist, dann wirst du selig werden.“ Urheber des gesamten Heilswerkes ist der himmlische Vater. Er sendet seinen Sohn in der Menschwerdung und in dem Sühnopfertod; er erweckt ihn in verklärter Leiblichkeit aus dem Grabe; er erhöht ihn zum allherrschenden Herrn und zum Haupt seines Leibes, der Kirche. Gottes Werk ist aber auch die Erwählung, die Auserwählung, die Berufung der Menschen. „Die Gott vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, und die er berufen hat, die hat er auch gerechtfertigt. Die er aber gerechtfertigt hat, die hat er auch beseligt“, diese Kette stellt Paulus im Römerbrief für das Werk des himmlischen Vaters auf. Dem gegenüber konzentriert sich die Heilstat des Sohnes in seinem freiwilligen, aus Gehorsam gegen den Vater und aus Liebe zu den Sündern erlittenen, stellvertretenden Sühnetod. Das bedeutet negativ: Erlösung von der Sünde, vom Verdammungsurteil und vom ewigen Tode, Befreiung und Loskaufung von den Unheilsmächten, von den Dämonen, aber auch vom Gesetz und von der Macht der Sinnlichkeit, die Paulus immer als das „Fleisch“ bezeichnet. Positiv stellt sich die Mittlertätigkeit Jesu dar als Versöhnungsvermittlung zwischen Sünder und Gott, Friedensstiftung zwischen beiden, Schaffung freien Zutritts zu Gott, Verleihung des Gnadensgeschenkes der Gottesgerechtigkeit, das den Menschen dem Verdammungsurteil entzieht, Vermittlung der Heiligung, Vermittlung der Gotteskindschaft, des ewigwährenden, unzerstörbaren Lebens, bewirkt durch die Mitteilung des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist ist zugleich das Prinzip des neuen sittlichen Lebens. Die Christen können die Forderungen des Gesetzes erfüllen, weil sie im Geiste leben. Der Geist ist auch das Unterpfand der künftigen Heilsvollendung. „Wenn der Geist dessen, der Jesus von den Toten erweckt hat, in uns ist, so wird auch Gott eure sterblichen Leiber durch eben diesen Geist lebendig machen.“

Die Heilswirklichkeit wird durch Christi Tod und Auferstehung ermöglicht. Sie wird durch den Glauben angebahnt und sie wird im Einzelnen begründet durch die mystisch-reale sakramentale Vereinigung mit dem lebendigen Christus. Diese mystisch-sakramentale Vereinigung vollzieht sich im Sakrament der Taufe. Da geht der Mensch in Christi Tod und Auferstehung ein, da wird Tod und Auferstehung Christi auf ihn gleichsam übertragen, da tritt der Täufling in die reale, personale Todes- und Auferstehungsgemeinschaft mit dem verklärten Christus. Er wird zusammengeschlossen mit ihm, dem Menschheitsstellvertreter. Der heilige Paulus vergleicht die Taufe mit einem Tode: Der Täufling stirbt den Tod, den Christus gestorben ist, gegenüber den Unheilsmächten, aber da er ja wieder aus dem Wasser aufsteigt, erfährt er auch Jesu Auferstehung. Er tritt aus dem Machtbereich der Sünde und des Todes heraus, er hält Einzug in die göttliche Sphäre des Lebens und der Auferstehung. Die individuelle Christusgemeinschaft, die durch die Taufe hergestellt wird, schafft die Voraussetzung für die individuelle Mittlerschaft, d.h. für die Aneignung des universell beschafften Heiles, das für alle bereitliegt, das personal von jedem einzelnen angeeignet werden muss. Die Gotteskräfte des neuen Lebens machen es dem Geistgetriebenen möglich, das Gesetz zu erfüllen, den Wandel nach der Willensforderung Gottes. „Leben wir im Geiste, so lasst uns auch im Geiste wandeln.“ Die Früchte des Geistes sind Liebe, Freude, Friede, Geduld, Milde, Güte, Treue, Sanftmut, Mäßigkeit, Enthaltsamkeit, Keuschheit.

Die Lehre des Paulus sieht in Christus vor allem den ewigen Gottessohn. Seine Geschichte verläuft in drei Phasen:

1. Phase: Von jeher ist ihm Gottesgestalt, Gottgleichheit und Präexistenz zu Eigen.

2. Phase: In der Fülle der Zeit wird er unter Selbstentäußerung und Selbsterniedrigung im Gehorsam gegen den Vater Mensch, und zwar als Jude, als Abkömmling Abrahams und aus dem Stamme Davids. Als Gottessohn ist er sündlos.

3. Phase: Durch die Auferstehung von den Toten wird er zum Gottessohn in Macht. Durch die Erhöhung wird er zum allbeherrschenden göttlichen Herrn, der die gesamte Menschen- und Geisterwelt unter sich hat, dem die gesamte Menschen- und Geisterwelt Anbetung zu erweisen hat.

Die Ethik des Paulus hat – wie wir ja in der Epistel heute gehört haben – als Zentralgebot das Gebot der Liebe, die tätige, opfernde, duldende Bruderliebe. Sie ist aufs stärkste durch die Christusmystik beeinflusst. „Wenn wir in der Taufe mit Christus gestorben sind, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden. So betrachtet euch also als solche, die der Sünde abgestorben sind, für Gott aber leben in Christus Jesus.“ Die Ermahnungen zu sittlichem Sterben und sittlichem Auferstehen, zum Ausziehen des alten Menschen und Anziehen des neuen Menschen, zum Wandeln, nicht nach dem Fleische, sondern nach dem Geiste, diese Ermahnungen ergehen immer in Erinnerung an die Verbindung, die durch die Taufe mit Christus geschaffen worden ist. Die Christen brauchen nur das zu verwirklichen, was schon in ihnen Wirklichkeit ist. Sie brauchen nur das zu leben, was in ihnen geworden ist. „Bleibt niemand etwas schuldig“, so fasst er noch einmal zusammen, „außer, dass ihr einander liebet. Denn wer den Nächsten liebt, hat das Gesetz erfüllt.“ Denn die Liebe tut eben einem anderen kein Unrecht.

Welches sind die Wurzeln der Paulinischen Theologie? Nun, natürlich erstens das Alte Testament. Seine Theologie ist wesentlich Schrifttheologie, im Anschluss an die Schriften des Alten Bundes. Zweitens steht er auch in der rabbinischen Tradition, soweit diese vereinbar ist mit dem Christusereignis. Zum dritten – und das ist das allerstärkste – lebt er aus den großen Heilstatsachen von Tod und Auferstehung Christi. Das ist es, was ihn erfüllt und wovon er unentwegt predigt. Viertens: Er steht aber auch in der Überlieferung der Altapostel. Er hat seine Verkündigung den Aposteln vorgelegt und sie haben sie bestätigt. Sie sprechen ihre Billigung aus. Fünftens: Nicht zuletzt kommt seine Lehre aus seiner persönlichen Erfahrung, aus der von ihm selbst empfangenen göttlichen Offenbarung. Er beruft sich wiederholt auf Christus in seiner Lehre. Wo er vom Abendmahl spricht, da sagt er: „Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch überliefert habe.“ Und an die Gemeinde in Galatien, die ja hin und her schwankte zwischen Christentum und Judaismus, schreibt er: „Die von mir verkündigte Botschaft ist nicht Menschenwerk. Ich habe diese Botschaft von keinem Menschen empfangen, sondern Christus hat sie mir geoffenbart.“ Im Ganzen gesehen – das erkläre ich jetzt, damit Sie sich gegen Einwände wappnen können; ich werde gleich noch auf weitere Einwände gegen Paulus zu sprechen kommen; es hat ja evangelische Theologen gegeben, die ihn radikal verwerfen – ist die Paulinische Verkündigung stärker vom Judentum als von der griechischen Geistigkeit bestimmt, stärker von der Gedankenwelt der alttestamentlichen Propheten als von der der Rabbinen, stärker vom Geiste Jesu als von dem der Altapostel. Alles ist im Lichte der eigenen Führung und Erfahrung geschaut, durchdacht, gedeutet und verallgemeinert. Alles trägt den Damaskusstempel des Bekehrten. In ihrem Mittelpunkt steht in der Lehre Pauli das allsühnende, allrettende, Heil und Leben schaffende Kreuz. „Mir sei es fern mich zu rühmen, außer im Kreuze unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt.“

Die einzigartige Bedeutung des Paulus liegt einmal im endgültigen Bruch mit dem Judentum, im Kampf und Sieg über den sich ihm widersetzenden christlichen Judaismus, in der Einführung des beschneidungs- und gesetzesfreien Evangeliums. Vor allem aber ist es die Losreißung der christlichen Gemeinden vom Verband der jüdischen Synagogen. Er erschafft eine christliche Gemeindeordnung, ein ganzes System von Orts- und Provinzialgemeinden, er schließt die juden- und heidenchristlichen Tochterkirchen zusammen zur Einheit. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, das ist die Weltkirche. Paulus hat die Christenheit verselbständigt. Sie ist jetzt die Kirche Gottes der Endzeit. Sie ist ein Drittes neben Juden und Heiden und sie ist ein Letztes aus Juden und Heiden. Sie ist das wahre Israel Gottes. Nun haben nicht wenige evangelische Theologen behauptet, es gäbe einen Gegensatz zwischen Jesus und Paulus. Jesus und Paulus seien nicht zu vereinbaren, ihre Lehre widerspreche sich. Was ist dazu zu sagen? Paulus, meine lieben Freunde, steht ganz auf den Schultern Jesu. In zahlreichen wichtigen Stücken seiner Predigt berührt er sich aufs Engste mit Christus, etwa in der Stellung zur alttestamentlichen Bibel; sie ist ihm das Wort Gottes. Jesus ist für ihn der Erfüller der alttestamentlichen Verheißungen. Jesu Tod ist ein Sühnetod, wie es Jesus von sich selbst gesagt hat: „Ich bin nicht gekommen, um mich bedienen zulassen, sondern zu dienen und mein Leben hinzugeben als Lösegeld für die vielen.“ Er steht in Übereinstimmung mit Jesus in den letzten Dingen: Tod, Gericht, Hölle und Himmel. Er steht in Übereinstimmung in der Universalität des Heiles, in der Aufhebung des Alten Testamentes als Heilsweg und der Beschneidungs-, Reinheits- und Speisegebote. Er steht in einer Linie mit Jesus in der Unbegrenztheit der göttlichen Gnade. Er spricht wie Jesus von der Gotteskindschaft, die auf Vergebung der Sünde und Verleihung des Geistes beruht. Er steht in Jesu Linie in seiner Lehre vom Auferstehungsleib, Unauflöslichkeit der Ehe, Liebesgebot. Das alles zeigt, dass kein Gegensatz zwischen Jesus und Paulus besteht, sondern dass er der Erneuerer, der Fortsetzer des Evangeliums Jesu geworden ist. Er ist der geniale Interpret des Erlösungswerkes und der Erlösergestalt Jesu. Ebenso falsch ist die Behauptung, er sei der zweite Stifter des Christentums. Wenn ich etwa einen Namen nennen soll, dann den evangelischen Theologen Paul de Lagarde, der einmal eine große Rolle in Deutschland gespielt hat. Paul de Lagarde war ein erbitterter Feind Pauli und hat behauptet, er habe das Christentum verdorben. Viele andere sind ihm gefolgt in dieser Meinung. Paulus würde die Behauptung, er sei der zweite Stifter des Christentums, entrüstet von sich gewiesen haben. Er weiß die tragenden christlichen Glaubenssätze: Kyriosglaube, Geistlehre, Sakramentenlehre längst vorhanden, ehe er daran geht, das Kreuzesgeheimnis zu enträtseln. Wo er von der Auferstehung Christi spricht, da beweist er sie mit den Worten: „Ich habe euch vorgetragen, was ich selbst überkommen habe“, also was er übernommen hat von den Altaposteln, von der Kirche, die schon vor ihm Bestand hatte. Er ist sich seiner völligen Unvergleichlichkeit mit Christus zuinnerst bewusst. Er fühlt sich als Christ und als Apostel ganz und gar von Christus abhängig. Er ist an Christi Autorität gebunden. Er ist ihm als seinem künftigen göttlichen Richter verantwortlich. Das alles schließt aus, dass er von Christus hätte abweichen können. Im Brief an die Römer, meine lieben Freunde, schließt Paulus seine Betrachtung des Heilswerkes Christi ab mit den Worten: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und wie unaufspürbar seine Wege! Wer hat den Sinn des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm zuerst etwas geschenkt, dass es ihm vergelten werden müsste? Aus ihm und durch ihn und für ihn ist alles. Ihm sei Ehre in alle Ewigkeit!“

Amen.

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