Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Wunder
11. Oktober 2015

Er glaubte mit seinem ganzen Hause

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Im Vordergrund der eben gehörten Lesung aus dem Evangelium steht nicht das kranke Kind, sondern der Vater, der Vater, der durch die Heilung seines Kindes zum Glauben kam. Es handelt sich um einen Dienstmann des Vierfürsten Herodes Antipas. Herodes Antipas war Tetrarch, also Vierfürst. Er war nicht König, aber man hat es sich angewöhnt, ihn als König zu bezeichnen, und deswegen spricht man auch von einem königlichen Beamten. Der Mann hatte alles versucht, um sein Kind zu heilen. Er hat bestimmt den Hausarzt kommen lassen, er hat gebetet wie nie im Leben, er hat vielleicht Gelübde gemacht, damit sein Kind wieder gesund würde. Aber es war alles vergebens; der Knabe lag im Sterben. Und jetzt erhebt sich nochmal ein Hoffnungsstrahl. Er hört, dass Jesus, der bisher in Jerusalem gewandelt war – also weit weg von Galiläa – zurückgekommen sei und in Kana weilte und deswegen angegangen werden könne. Und so macht er sich auf und besucht Jesus. Er bittet um Hilfe: „Komm herab, bevor mein Sohn stirbt.“ In seiner Hilflosigkeit weiß er keinen Rat mehr, als Jesus, den Helfer, anzugehen. Aber er hält die Hilfe, die Jesus bringt, nur dann für möglich, wenn Jesus zu ihm herabkommt. Er will seine persönliche Nähe erfahren, dass er dem Kind die Hand auflegt, dass er das heilende Wort spricht¸ das ist sein Glaube, sein anfanghafter Glaube. Jesus scheint ihn abzuweisen: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr nicht.“ Das ist ein Vorwurf. Die Menschen seiner Zeit waren wundersüchtig und sie verließen sich, wenn sie Jesus angingen, nur auf ihre Sinne. Sie wollten sehen, sehen, wie er kam, wie er sprach, wie er seine Hand auferlegte. Und daher ist es eine unwillige Feststellung Jesu, dass die Leute immer nur Wunder verlangen und darauf ihren Glauben gründen, statt auf das Zeugnis, das er vom himmlischen Vater gibt, und auf die Erscheinung Gottes in ihm selbst.

Meine lieben Freunde, wir sind wahrscheinlich nicht sehr viel verschieden von den Menschen der damaligen Zeit. Auch wir möchten gern auffallende Wunder sehen. Auch wir haben eine Sehnsucht, das Göttliche mit Sinnen zu schauen. Ich habe einmal erlebt: In Sachsen kam ein Arbeiter zu mir – ein katholischer Arbeiter – und sagte: „Ja, wenn er doch einmal herauskäme aus dem Tabernakel.“ Er kommt nicht heraus aus dem Tabernakel. Wir suchen sinnenhafte Befriedigung, wir suchen Bestätigung unseres Glaubens durch die Erfahrung. Wir wollen eine augenfällige, handgreifliche Bestätigung unseres Glaubens. Wie der Apostel Thomas: „Wenn ich nicht an seinen Händen das Mal der Nägel sehe, nicht meinen Finger an die Stelle der Nägel und meine Hand in seine Seite lege, glaube ich nicht.“ Aufsehenerregende Wundertaten sind heute selten geworden. Ich habe schon einmal erwähnt, dass der Bischof von Lourdes die Seltenheit von in Lourdes geschehenen Wundern darauf zurückführt, dass der Glaube nicht mehr kräftig genug ist, dass die Menschen nicht wahrhaft von der Überzeugung erfüllt sind: Gott kann Krankheiten heilen, die Menschen zu heilen unfähig sind. Es gibt aber auch heute noch vereinzelt wunderbare Heilungen. Vor allem gibt es wunderbare Erhörungen von Gebeten, Bekehrungen von Sündern, die man nicht für möglich gehalten hätte. Auch das Wirken Gottes in der Natur ist ein unfassbares Wunder. Der heilige Augustinus hat einmal daraufhin gewiesen, dass wir das Säen, das Wachsen, das Sprießen und das Fruchttragen in der Natur als selbstverständlich ansehen. Es ist aber gar nicht selbstverständlich, es ist eine Wirkung von Gottes Allmacht, es ist Ausdruck seiner Schöpfermacht. Das sind Wunder, unerhörte Wunder. Manche Biologen wollen die Wunder in der Natur durch Evolution, Entwicklung erklären. Es gäbe eine Entwicklung von ganz einfachen Lebewesen zu den höchsten, nämlich auch zum Menschen. Es gibt eine Überschreitung der Arten in der Entwicklung, so sagen sie, und diese Entwicklung macht Gottes Wirken überflüssig. Meine lieben Freunde, ich habe die Evolutionstheorie wiederholt gründlich studiert, aber ich habe mich nie überzeugen können, dass die aufeinander gestülpten Hypothesen der Biologen überzeugend sind. Niemand hat bisher nachgewiesen, dass aus einer Art eine andere wird; die andere Art ist einfach da. Wenn die Evolution stimmen sollte, wenn also es tatsächlich so wäre, dass durch Auslese im Kampf ums Dasein die am besten Angepassten überleben, dann ist das überhaupt kein Einwand gegen Gottes Wundertätigkeit. Die Evolution muss ja auch geschaffen werden, die ist ja auch nicht von selbst entstanden. Die Evolution ist selbst einer Erklärung bedürftig. Nein, Wunder sind auch heute zu konstatieren, nur muss man die Augen dafür öffnen.

Jesus lässt sich durch die Bereitschaft des Mannes, an seine Wundertätigkeit zu glauben, nicht davon abhalten, das Wunder, das ihm angesonnen wird, zu wirken. Der Mann lässt sich auch nicht abweisen: „Herr, komm schnell herab, bevor mein Knabe stirbt.“ Und Jesus sagt ihm: „Geh nach Hause, dein Sohn lebt.“ Das heißt: Kehre ruhig zurück, er ist gesund geworden. Jesus will damit sagen: Ich kann dein Kind auch heilen, ohne nach Kapharnaum gehen zu müssen, ich spreche jetzt mein heilendes Wort. Und damit stellt er den Glauben des Mannes auf eine schwere Probe. Der Mann wollte ja, dass Jesus zu ihm komme, aber Jesus weigert sich, zu kommen. Er muss ohne den Wundertäter heimkehren und auf sein bloßes Wort vertrauen, dass sein Kind am Leben bleiben wird. Der Mann besteht die Probe. Er glaubt an das Wort, das Jesus zu ihm gesprochen hat, und geht nach Hause. Er hat Vertrauen zu Jesus. Und er hat die Freude, die große Freude, schon unterwegs die Kunde zu erhalten, dass sein gläubiges Vertrauen nicht enttäuscht worden ist. Das Fieber ist um die gleiche Stunde von dem Knaben gewichen, als Jesus zu ihm sprach: „Dein Sohn lebt.“ Es war um ein Uhr mittags. Das Fieber ist keine Krankheit, sondern es zeigt eine Krankheit an. Aber wenn das Fieber den Menschen verlässt, dann ist das ein Zeichen, dass die Krankheit überwunden ist. Deswegen konnten die Boten melden: „Das Fieber verließ ihn um die siebente Stunde“ – dreizehn Uhr nach unserer Zeit. Die Genesung ist also auf ein Wort, auf das bloße Wort oder besser auf den bloßen Willensentschluss Jesu hin geschehen. Er muss nicht persönlich anwesend sein, um zu heilen, seine Wundermacht überbrückt die räumliche Ferne.

Noch haben Christi Worte die gleiche Wundermacht wie damals. Meine lieben Freunde, wir erleben in jeder heiligen Messe, dass der Priester über Brot und Wein die Worte der Wandlung spricht. Was sein eigenes Können angeht, ist es gleich null. Er kann nur das vollziehen, was Christus ihm aufgetragen hat: „Tut dies zu meinem Gedächtnis.“ Und er spricht die Worte, menschliche Worte, die als solche nichts bewirken können, wenn nicht in ihnen die Kraft Christi anwesend wäre. Die Worte: „Das ist mein Leib, das ist mein Blut“ sind heute genauso mächtig wie die Worte am Anfang der Welt: „Es werde Licht.“ Wir sehen die Wirkung nicht. Wir wissen, dass sich in den Elementen der Messfeier in einer geheimnisvollen, uns unzugänglichen Tiefe eine Wandlung, tatsächlich eine Wandlung, eine Transsubstantiation vollzieht, auf das bloße Wort des Heilands hin. Sein Wort ist wundermächtig heute wie damals. Und wir müssen seinem Worte trauen, so wie der königliche Beamte dem Wort Jesu getraut hatte. Und das ist das Wunder, das der Herr gewirkt hat, im Herzen dieses Mannes: Er wurde gläubig mit seinem ganzen Hause. Das äußere Wunder war nur der Anlass für ein inneres Wunder, nämlich für das Gläubigwerden des Mannes. Er hatte ja schon einen anfanghaften Glauben an den Wundertäter, an den Menschen Jesus, dem er erhebliche Kräfte zutraute. Aber jetzt ist sein Glaube verwandelt, jetzt glaubt er an den Sohn Gottes, an den kommenden Messias. Jetzt ist sein Glaube der von Christus geforderte. Der Beamte, seine Familienangehörigen und seine Dienerschaft finden zum Glauben, zum Glauben an den gottgesandten Messias. Diese Wendung: „Er glaubte mit seinem ganzen Hause“ hat noch eine andere, wichtige Bedeutung. Wenn wiederholt von dieser Wendung im Evangelium Gebrauch gemacht wird, dann besagt dies, dass, wenn ein Hausherr zum Glauben kam, auch seine Familienangehörigen den Glauben annahmen und zur Taufe fanden. Es ist das insofern ein Beleg für die schon damals übliche Kindertaufe. Alle kamen zum Glauben: die Erwachsenen, indem sie persönlich dem Glauben zustimmten, die Kinder, indem sie den Glauben als Habitus, als Anlage in der Taufe empfingen. „Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.“ Dieses Gläubigwerden bedeutet den vollen Anschluss an den Meister und Herrn. Der Glaube verbindet mit Christus, verbindet mit seiner Person. Er ist nicht nur Anhänglichkeit an einen Wundertäter, nein, er ist die Übergabe an Christus als den menschgewordenen Sohn Gottes.

Amen.

Schrift
Seitenanzeige für große Bildschirme
Anzeige: Vereinfacht / Klein
Schrift: Kleiner / Größer
Druckversion dieser Predigt