Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
Mensch
8. März 2026

Versöhnung

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Der Zustand der Welt ist geprägt durch Zerrissenheit und Verlorenheit, gegenseitige Feindschaft und allgemeine Rebellion, durch Gesetzlosigkeit und Sünde, durch Entfremdung des Menschen von Gott und den Zorn Gottes (Eph 2,16; Kol 1,4; Röm 1,18-32 u. ä.). Im Christusereignis hat Gott die Welt mit sich und in sich und insbesondere die Menschen mit sich versöhnt, indem er Frieden stiftete (Röm 5,1 u. ä.; Eph 2,15; Kol 1,20), die Feindschaft aufhob (Röm 5,10; Eph 2,14), die Sünden nicht anrechnete (2 Kor 5,19; vgl. Röm 5,8 c) und die Sünder vor seinem Zorn rettete. Die Aufrichtung der Herrschaft des erhöhten Christus im All bewirkte weltweite Versöhnung (Kol 1,20), sein Kreuzestod (Kol 1,20.22; Röm 5,6-11) die Versöhnung der Menschen mit Gott, die Eröffnung des Zugangs zur Gnade (Röm 5,2), zum Vater (Eph 2,18), besonders auch die Versöhnung der zuvor in Juden und Heiden getrennten Menschheit „in einem Leibe“ (Eph 2,16). Das Versöhnungswerk geschah durch den Tod des Sohnes Gottes (Röm 5,10). Gott versöhnte die Welt mit sich „in Christus“ (1 Kor 5,10). Er stiftete Frieden durch Jesu Kreuzesblut (Kol 1,20). Der Erlösertod Christi befreite die Seinen aus jeglicher Knechtschaft. Das gläubige Volk ist zutiefst von dieser Wahrheit des Glaubens überzeugt. Es versteht das erste der sieben Worte, die Jesus am Kreuz sprach, als Wort der Versöhnung: „Zum ersten sprach er voll der Huld Versöhnung für der Feinde Schuld vom Vater zu erringen: Vergib, o Herr, sie wissen nicht, was sie an mir vollbringen.“ In dem Lied „Christi Mutter stand mit Schmerzen“ wird ebenfalls der von Christus am Kreuz bewirkten Versöhnung gedacht: „Ach, für seiner Brüder Schulden sah sie ihn die Marter dulden, Geißeln, Dornen, Spott und Hohn.“ „Für sein Volk und dessen Schulden sieht sie Jesus Qual erdulden, die ihr Mutterherz zerreißt.“

Das Werk der Versöhnung ist in Christus „ursakramental“ vollbracht; es will sich in der Welt versöhnend auswirken. Dazu bedient sich Gott seiner Diener. In der Gesandtschaft Christi obliegt den Aposteln insofern der Dienst der Versöhnung, als sie dieses Heilshandeln verkünden und für dessen Annahme werben (2 Kor 5,18f.), die zur neuen, von Gottes Liebe getragenen Existenz befähigt (2 Kor 5,14-17). Apostolischer Dienst wurzelt also in Gottes grundlegender Versöhnungstat und bringt sie in Christi Vollmacht zur Geltung. Der Mensch muss das Evangelium von der Versöhnung hören und Gottes (im Dienst der Versöhnung fortdauerndes) versöhnendes Handeln an sich geschehen lassen, die in der Versöhnung eröffnete Existenz im Frieden und in der Freundschaft mit Gott ergreifen, in den gottgeschaffenen „neuen Menschen“ (Eph 2,15; vgl. 2 Kor 5,17) eintreten. Der notwendige Beitrag, die „Tat“ des Menschen zur Versöhnung ist die Erfüllung der Bitte Christi: „Lasset euch versöhnen mit Gott“ (2 Kor 5,20).

Wie ernst Gott die in Christus geschehene Versöhnung der Menschen nimmt, kann man daran erkennen, dass er ein eigenes Mittel der Versöhnung eingesetzt hat. Es ist das Bußsakrament. In ihm wird die in Christus Jesus bereits erfolgte Versöhnung dem Menschen (nochmals) wirksam zugesprochen. Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit der Kirche aller Zeiten die Versöhnung mit Gott und die Wiederversöhnung mit der Kirche als die beiden Wirkungen des Bußsakramentes bestimmt: „Die zum Sakrament der Buße hinzutreten, erlangen für die Gott zugefügte Beleidigung von seiner Barmherzigkeit Verzeihung (sc. der Schuld) und werden zugleich mit der Kirche versöhnt“ (Lumen gentium Nr. 11). Die Sünde ist ja nach dem biblischen Zeugnis wesentlich Gemeinschaftsbruch mit Gott und dem Nächsten. Ihr stehen als anthropologischer Konstante das Erbarmen und die Vergebungsbereitschaft Gottes als theologische Verheißung gegenüber. Die Versöhnung wird dem Menschen geschenkt; aber nicht ohne seine Beteiligung. Umkehr im Sinne der Einsicht und der Reue ist unerlässlich Voraussetzung für den Weg zur Versöhnung mit Gott und mit der Gemeinschaft.

Christus ist für unsere Sünden, für uns Sünder gestorben. Er hat die Sünde gesühnt und die Sünder versöhnt mit Gott. Sein Blut ist ein Sühnopfer für uns. Das Werk der Versöhnung ist in Christus ursakramental vollbracht. Das Kreuzesopfer war ein Versöhnungsopfer. Durch sein Opfer hat Christus die Welt mit sich versöhnt. Das Messopfer ist die Repräsentation des Kreuzesopfers. Es nimmt also teil an dem Versöhnungswerk dieses Opfers und wird daher als sacrificium propitiatorium bezeichnet, also als ein Opfer, das Versöhnung bewirkt. Das Konzil von Trient lehrt, dass das Messopfer wahrhaft ein Versöhnungsopfer (propitiatorium) ist (D 940). „Versöhnt durch die Darbringung dieses Opfers gibt der Herr die Gnade und die Gabe der Buße“ (D 940). Das tridentinische Glaubensbekenntnis sagt aus, dass Gott in der Messe ein „wahres, eigentliches und versöhnendes (propitiatorium) Opfer“ dargebracht wird (D 997). Der Römische Katechismus lehrt ebenso, das Messopfer sei ein wahrhaft versöhnendes Opfer, „wodurch Gott uns versöhnt und gnädig gemacht wird“ (quo Deus nobis placatus et propitius redditur: S. 193).

In der Liturgie wird das Messopfer häufig als Versöhnungsopfer bezeichnet. Bevor der Priester den Gläubigen den Schlusssegen gibt, betet er, das Messopfer, das er soeben dargebracht hat, möge ihm und allen, für die er es darbrachte, zur Versöhnung (propitiabile) gereichen. Am Fest der heiligen Familie (früher: am 1. So. nach Erscheinung) bringt die Kirche das Versöhnungsopfer (placationis hostiam) dar. Am fünften nachgeholten Sonntag nach Erscheinung opfert sie Gaben der Versöhnung (hostias placationis). Im Kirchengebet des 19. Sonntags nach Pfingsten bittet die Kirche Gott, der versöhnt ist (propitiatus), um Ausschluss alles Widrigen. Im Kirchengebet des 20. Sonntags nach Pfingsten fleht sie um Nachlass und Frieden. Das Wort placatus übersetzt der Schott mit „gnädig“. Genauer müsste es übersetzt werden „versöhnt“ oder „versöhnlich“. In der Papstmesse „Si diligis“ bittet die Gemeinde im Gebet der Postcommunio Gott versöhnt für seine Kirche. In der Secreta der Messe von der hl. Caecilia fleht die Kirche, dieses „Versöhnungsopfer“ (hostia placationis) möge die Teilnehmer an der Messe „würdig der Versöhnung“ (propitiatione tua dignos) machen. Die Theologen der Kirche haben die Messe stets als Opfer der Versöhnung verstanden. „Die hl. Messe ist ein Versöhnungsopfer für die Sünden der Menschen“ (Reiners S. 283). „Als Versöhnungsopfer stellt sich die ganze Messliturgie dar; beim Confiteor, im ganzen Staffelgebet und im Kanon; zahllose Male finden wir Flehen um Versöhnung“ (S. 285). Jeder Christ kann „das Versöhnungsblut Christi zur Verzeihung und Versöhnung auffangen und sich aneignen“ (Reiners S. 285). Christus „versöhnt“ durch dieses Opfer, „indem er Gnade und Gabe der Buße gewährt, auch die schwersten Verbrechen und Sünden verzeiht“ (S. 285). Die Messe ist so das „Sühn- und Versöhnungsopfer der Kirche“ (S. 285). Das Buch von der „Nachfolge Christi“ bemerkt bei seiner Erklärung der Wirkungen des Messopfers für den opfernden Priester: „So oft du dieses Geheimnis dankbar feierst und den Leib Christi genießest, so oft wirst du aller Verdienste Christi teilhaftig, so oft wird das Werk der Erlösung wie von neuem in dir vollbracht (N. Chr. 4,2).

Konflikte unter Menschen im privaten und öffentlichen Leben sind so alt wie die Menschheit. Die junge Christenheit entstand im Gebiet von Palästina, also im Land der Juden. Das Kreuz Christi, also die Heilstat des Herrn, hat die Versöhnung zwischen so heterogenen Menschen wie Juden und Heiden bewirkt. Sie sind sich nahegekommen im Blute Christi (Eph 2,24), versöhnt mit Gott durch das Kreuz (Eph 2,16). So schreibt Paulus an die Gemeinde in Ephesus: „Die beiden – Juden und Heiden – versöhnte er in einem Leibe mit Gott durch das Kreuz, da er die Feindschaft (zwischen ihnen) in seiner eigenen Person tötete“ (Eph 2,16).

Das Christentum war von Anfang an um Frieden und Versöhnung unter seinen Anhängern besorgt. Auch hier traten Gegensätze und Streitfälle auf. Sie passen nicht zu der christlichen Gemeinde, vor allem nicht zu der Feier des eucharistischen Opfers. Der Herr betont den Vorrang der Versöhnung mit dem Bruder vor der Darbringung des Opfers. „Wenn du deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh hin und versöhne dich zuvor mit deinem Bruder, und dann komm und opfere deine Gabe“ (Mt 5,23f.). Die Versöhnung mit dem Bruder in Christus ist dringender als das Darbringen der Opfergabe, und sie ist unentbehrlich für einen gottgefälligen Gottesdienst. Der Herr warnt davor, die Versöhnung aufzuschieben: „Versöhne dich mit deinem Widersacher ohne Verzug, solange du mit ihm auf dem Wege bist“ (Mt 5,25). Der Apostel Paulus verdeutlicht die Dringlichkeit der Versöhnung: „Zürnet ihr, so sündigt nicht; die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn“ (Eph 4,26). Bevor der Tag endet, soll die Ver-söhnung geschehen sein. Im Kundtun dieses Mysteriums liegt der begnadete Dienst des Apostels Paulus (3,1-13). Von der Herrschaft Christi, des verleiblichten Friedens (Eph 2,14) geprägt, erweist sich die Kirche als geschichtlicher Erfahrungsraum der kosmischen (Kol) wie menschheitlichen (Eph) Versöhnung. Von hier aus erkennen wir, wie wesentlich und dringlich der Ruf des Apostels ist, der an Christi Statt bittet: „Versöhnt euch mit Gott“ (2 Kor 5,20).

Amen.

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