Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
1. März 2026

Demut

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Demut bezeichnet nach Thomas von Aquin das rechte Verhalten gegenüber Ehre und Ruhm, das auf der Erkenntnis der menschlichen Stellung Gott gegenüber beruht. Die christliche Offenbarung lehrt Gott als absolutes Sein und Quelle alles Außergöttlichen kennen. Ihm gegenüber ist alles geschöpfliche Sein in seinem Bestand und Wirken ständig von ihm abhängig. Nicht weniger umfassend ist die Abhängigkeit von der übernatürlichen Gnade. Hier liegt die Wurzel der christlichen Ethik. Die Demut ist die wirksame Anerkennung unserer allseitigen Abhängigkeit von Gott, unserer Unvollkommenheit und Sündhaftigkeit. Demut verlangt, dass der Mensch bereit sei, sein natürliches Geltungsstreben innerhalb des (vom wahren Wert der eigenen Vorzüge umschriebenen) Rahmens zu halten und jedem Mitmenschen nach dessen Wert Anerkennung, Rücksicht und Dienst angedeihen zu lassen. Der Demütige braucht seine Vorzüge nicht zu verkennen; er hat sie nur in den wahren Zusammenhang alles Guten hineinzustellen. Dann ist für stolze Erhebung und Pochen auf die eigene Kraft kein Platz mehr. Im Gegensatz zum Stolzen, Reichen, Mächtigen, der sich frevelhaft gegen Gott erhebt und voll Trug und Gewalttat gegen die Mitmenschen ist, bemüht sich der Demütige im Bewusstsein seiner Abhängigkeit von Gott und seiner Schwäche und Sündhaftigkeit voll Ehrfurcht um die Erfüllung des Gotteswillens und ist den Menschen gegenüber sanftmütig und bescheiden.

Demut ist Gesinnung des Dienens, Mut zum Dienen, die Gesinnung des Dienstes vor Gott und den Menschen. Demut verwirklicht sich in dreifachem Bezug: 1. als Bekenntnis und Anerkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit und Sündhaftigkeit, als Dank für unverdientes Emporgezogensein durch Erlösung und Gnade. Gott allein will sie gefallen in Dienst und Gehorsam; 2. als Selbsttreue zum eigenen Sein macht Demut aufgeschlossen für das Du, lässt sich etwas schenken, ist Mut zum letzten Platz; 3. Demut ist soziale Tugend, Dienst am Nächsten, an der Gemeinschaft. Rücksichtsvoll und bescheiden lässt sie einander für höher erachten (Phil 2,3; Röm 12,10) und unterwirft sich dem anderen um Gottes willen. Sie müht sich um die Gesinnung Christi und trägt des anderen Last, will aller Diener sein, ist „geistiges Fußwaschen“ (Aug.).

Es gibt Gegensätze zur Demut. Der erste Gegensatz ist der Hochmut; er besteht in dem ungeordneten Streben nach eigener Auszeichnung. Der Hochmütige schreibt seine Vorzüge sich selbst zu (statt Gott). Er entreißt Gott, was ihm gehört. Der Hochmütige liebt es, sich in seinen wirklichen oder vermeintlichen Vorzügen zu spiegeln und über seine Mängel und Fehler hinwegzusehen. Bei anderen sieht er mehr die Schatten, während er deren Vorzüge gern übersieht oder herabmindert. Gott selbst gegenüber benimmt er sich, als ob er ihn nicht brauchte und nicht zu fürchten hätte. Der zweite Gegensatz ist jene Selbsterniedrigung, welche die vernünftige Grenze überschreitet, so dass sie mehr einem Wegwerfen der eigenen Persönlichkeit als einer verdemütigenden Erniedrigung gleicht. Sie ist unklug und bringt oft großen Schaden. Die wahre Demut vergibt sich nichts nach außen; sie wird im Innern des Herzens sorgsam gepflegt. Sie ist von serviler Gesinnung ebenso abzuheben wie von Minderwertigkeitsgefühlen.

Die Tugenden beeinträchtigen einander nicht. Die Demut ist kein Hindernis für andere Tugenden. Großmut und Demut widersprechen sich nicht. Die Großmut drängt den Menschen, nach Großem und Erhabenem zu streben. Die Demut hat die Aufgabe, den Menschen im Bewusstsein seiner Ohnmacht zu erhalten, so dass er von sich wenig erwartet. Die Tugend der Großmut strebt ja nur nach dem, was auch vor Gott wahrhaft groß ist: nach Tugend, Verdienst, ewiger Seligkeit, und dies nach Maßgabe der natürlichen und übernatürlichen Kräfte, die Gott gegeben hat. Die Demut will, dass wir im Hinblick auf unsere vollständige Abhängigkeit von Gott unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzen, nichts Gutes oder Gelungenes uns selbst zuschreiben, sondern in allem Gott die Ehre geben. Gerade dadurch nützt sie der Tugend der Großmut. Denn wenn sie uns dahin führt, dass wir unser ganzes Vertrauen auf Gott setzen, macht sie uns auch zum Größten fähig. In dieser Gesinnung spricht Paulus: „Ich vermag alles in dem, der mich stärkt“ (Phil 4,13). Die Heiligen sind der Beweis, dass die Demut nicht kleinmütig macht, dass vielmehr die Demütigsten die Großmütigsten sind. Während der Hochmütige feige zurückweist, wenn die Schwierigkeiten sich auftürmen, geht der Demütige mutig voran. Jener stützt sich eben auf die eigenen Kräfte und wird mutlos, dieser vertraut auf Gottes Hilfe und steht fest. Während Selbstbewusste leicht niedergeschlagen sind, wenn manches fehlschlägt, und nicht mehr den Mut haben, etwas zu beginnen, lässt sich der Demütige nicht beirren, arbeitet ruhig weiter und verfolgt unverdrossen seine Pläne, im Vertrauen, dass Gott zur rechten Zeit den Erfolg geben wird.

Die wichtigste Frage für einen jeden von uns lautet: Wie gelangt man zur Demut, wie erwirbt man diese Tugend? Die Demut wird gewonnen durch Verdemütigung. Zur Demut mahnt vor allem unser Verhältnis zu Gott. Unserem Leibe nach sind wir gebrechlich und von Gott abhängig. Der Seele nach sind wir unbeständig, zum Bösen geneigt. Wie viele Sünden haben unser Leben befleckt! Wir haben die Liebe unseres Vaters verschmäht, seine Gaben mit Füßen getreten, das Siegel seiner Herrlichkeit, das er uns aufgedrückt, verletzt. Wohl hat uns Gott seine Gnade wieder geschenkt, wenn wir uns in wahrer Reue zu ihm gewendet haben. Aber gerade dies ist aufs Neue ein Grund, uns zu verdemütigen, wenn wir, am Herzen Gottes ruhend, unserer Untreue gedenken. Wie sehr muss uns der geringe Fortschritt im Guten demütigen, der so wenig der Herablassung Gottes und der verliehenen Gabe entspricht! Wie muss uns die Schwierigkeit, Gottes Gnade zu bewahren, beschämen! Wie sind wir unfähig, auch nur gewöhnliche Fehler zu meiden! Zur Demut und Selbsterniedrigung mahnt dann das erhabene Vorbild unseres Herren. Demut ist der Grundzug im Leben Jesu. Demut predigt er bei seiner Geburt, indem er Knechtsgestalt annahm und die Armut erwählte. In seinem ganzen Leben sucht er nur die Ehre des himmlischen Vaters. Man will ihn zum König machen, er aber flieht auf die Berge. Er ist der Herr der Welt, aber er ist nicht gekommen, bedient zu werden, sondern zu dienen (Mt 20,28).

Aus diesen Überlegungen ergeben sich folgende Übungen und Haltungen, mit denen wir demütig werden können. 1. Der Demütige betrachtet vor allem Gott als den Urheber alles Guten und weist jedes eitle Wohlgefallen an dem, was Gottes Gnade durch ihn gewirkt hat, ab. „Was hast du, das du nicht empfangen hättest?“ (1 Kor 4,7). Wer das nicht anerkennen will, ist verblendet. „Wenn einer meint, etwas zu sein, da er nichts ist, täuscht er sich selbst“ (Gal 6,3). „Der Herr weiß, dass die Gedanken der Menschen eitel sind“ (Ps 93,11). „Wir sind ja nicht tüchtig, etwas zu denken, sondern unsere Tüchtigkeit ist aus Gott“ (2 Kor 3,5). 2. Je größer die Tugenden sind und je herrlicher die Werke, die Gott in dem Demütigen gewirkt hat, desto mehr bekennt dieser, wie wenig er sich der Gnaden Gottes würdig gezeigt hat, wie schwach seine Liebe zu Gott ist, der ihn in seiner Liebe so hoch erhoben hat. 3. Ehre sucht der Demütige nur oder lässt sie zu, soweit Vernunft und Gottes Wille dies fordern. Es ist gewiss nicht Sünde zu wünschen, dass unsere guten Werke auch von anderen anerkannt werden. Aber verkehrt und sündhaft ist das Streben, Selbstverherrlichung zu suchen (statt Verherrlichung Gottes). Es ist immer besser, den Ehren möglichst aus dem Wege zu gehen. Suchen wir Anerkennung bei den Mitmenschen, machen wir uns von ihnen abhängig. Das ist hohe Vollkommenheit: tugendhaft zu sein und doch die Ehre hierfür verschmähen; Großes zu tun und doch sich selbst geringachten. 4. Der Demütige betrachtet bei sich selbst immer mehr das, was ihn in seinen eigenen Augen niedrig erscheinen lässt; beim Mitmenschen verweilt er lieber bei dessen Vorzügen. Anderen lässt er in seiner Beurteilung gern den Vorzug, für sich behält er die Niedrigkeit. Wir wissen nicht, ob der andere nicht manches Gute besitzt, wodurch wir in den Augen Gottes hinter ihm zurückstehen. Die Fehltritte des Nächsten erscheinen vielfach in unseren Augen größer als die unserigen, während Gottes Gerichte ganz anders lauten würden. Die größten Heiligen und die meist begnadigten Seelen erniedrigten sich unter die größten Sünder. Sie dachten, wenn Gott den anderen so große Gnaden wie ihnen gegeben hätte, dass sie diese Gnaden besser benutzt haben würden. 5. Wo der Geist der Demut waltet, da hat die Eifersucht keine Wohnstätte. Die Demut sucht ja nicht den äußeren Glanz und strebt nicht danach, andere in den Schatten zu stellen. Sie freut sich über das Gute, wo immer sie es findet. Wo die Demut in hohem Grade vorhanden ist, stellt sich sogar über die erlittene Demütigung eine gewisse Freude in der Seele ein. „Es ist gut für mich, dass du mich gedemütigt hast“ (Ps 118,71). Das ist wohl nicht allen gegeben; um so mehr aber sollten alle die Verdemütigungen wenigstens in Geduld ertragen. Wer leicht erregt wird, zeigt dadurch nur, dass er die Verdemütigung verdient.

6. Bei den äußeren Akten der Demut ist vor allem festzuhalten, dass sie nie den Stand, das Amt, die Wirksamkeit beeinträchtigen dürfen. Bei aller Bescheidenheit und Demut müssen wir so zu handeln bemüht sein, dass unser Tun die Billigung unserer Mitmenschen finden kann. Es ist ferner eine selbstverständliche Forderung, dass die äußere Demut nicht Äußer-lichkeit oder Heuchelei sein darf; die Gesinnung des Herzens muss ihr entsprechen. Endlich darf die Demut nicht als Kleinmut auftreten. Tugend ist nicht Schwäche, sondern Kraft. 7. Die Äußerungen der Demut werden sich in erster Linie im Reden und in der ganzen Haltung zeigen. Der Hochmütige drängt sich im Reden gern vor; er spricht, ohne dass er gefragt wird und ohne dass er gehört werden will; er ist immer bereit, andere zu belehren und von seinem Wissen zu überzeugen. Der Demütige beobachtet stets eine gewisse Zurückhaltung, und wenn er spricht, verrät schon der bescheidene Ton der Stimme, dass die Demut in seinem Herzen wohnt. Im äußeren Auftreten vermeidet er alles Anmaßende, erweist allen die gebührende Achtung und befleißigt sich der Bescheidenheit. 8. Der Demütige scheut sich nicht, andere um ihren Rat anzugehen und, wo nichts Wichtiges entgegensteht, sein eigenes Urteil dem des anderen unterzuordnen. Mit der geringen Meinung von sich selbst geht bei dem Demütigen die Bekämpfung des Eigenwillens einher. In demütigem Gehorsam ist er seinem Vorgesetzten ergeben. Er empfindet den Gehorsam nicht als Last, sondern als Stütze. Er lässt sich nicht zur Widersetzlichkeit bringen, auch wenn Tadel und Kränkung ihm widerfahren. Gerade in solchen Verdemütigungen, die man nicht selbst sucht, sondern die uns aufgedrungen werden, zeigt sich die Echtheit und die Festigkeit der Tugend.

Die Demut hat einen hohen Wert. 1. Demut erhöht, während Hochmut erniedrigt. Je mehr der Mensch dem Hochmut Einlass gewährt, desto mehr verliert er an innerem Wert. Indem er sich Gott entzieht, entfernt er sich von ihm und fällt für seinen Hochmut oft in erniedrigendste Laster. Die Demut dagegen erhebt zu Gott. Die Demut macht Christus ähnlich. Sie verbindet uns mit dem Schöpfer. 2. Wo Demut ist, da ist Weisheit (Sprichw. 11,2). Die Demut gibt ein wunderbares Verständnis für himmlische Dinge. Der Demütige kommt zur Erkenntnis des inneren Lichtes. Er weiß, dass im Menschengeist sich nur Licht findet, wenn er sich den Strahlen der ewigen Wahrheit öffnet. 3. Demut veredelt das Herz. Gott ist stets bemüht, die Menschen sich ähnlich zu machen. Was er von uns fordert, ist, dass wir fähig werden, seine Gnaden aufzunehmen. Nichts aber befähigt uns dazu mehr, als die Erkenntnis, dass wir aus uns nichts vermögen. Die Demut öffnet den Weg für die Gaben Gottes in unser Herz. Die Königin der Tugenden, die Liebe, kann nun mit ihrem Gefolge ungehindert Einzug in die Seele halten. Die Demut ist der Vorläufer der Tugenden und ihr Fundament. Für Augustinus ist Demut die „Mutter aller Tugenden“; sie räumt die Hindernisse aus dem Weg, die dem Eintritt der Tugenden entgegenstehen. Und nur wenn die Demut bleibt, haben die übrigen Tugenden Bestand. Die Demut deckt die Mängel und Unvollkommenheiten zu, die den anderen Tugenden noch anhaften. Der Hochmut bewirkt, dass keine Tugend Gott gefallen will. Die Demut erhält die anderen Tugenden unversehrt; der Hochmut gibt sie der Fäulnis preis. Die Versuchungen prallen an dem Demütigen ab. Gott kämpft mit dem Demütigen. Die Demut ist somit die Bewahrerin der Tugenden. Sie macht den Menschen geeignet, weitere Tugenden zu erwerben. 4. Groß ist also der Segen der Demut. Der Hochmut rühmt sich und drängt sich vor, wird aber zurückgewiesen. Die Demut nimmt den letzten Platz ein und wird an den ersten gewiesen. „Ein jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden“ (Lk 14,11). Der heilige Bernhard von Clairvaux prägte maßgeblich das christliche Leben seiner Zeit. Man spricht vom Bernhardinischen Zeitalter. Etwa 164 Zisterzienserklöster wurden von ihm oder auf sein Betreiben gegründet. Bischöfe und Päpste waren seine Schüler. Er predigte den Zweiten Kreuzzug. Trotz seiner weitgebreiteten Tätigkeit blieb er der schlichte, demütige Ordensmann. „Mich ängstigen meine Werke“, sprach er drei Monate vor seinem Tod. Und er bekannte sich vor seinem Heiland: „Ich bin nichts, aber ich bin dein.“

Amen.

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