5. April 2026
Der Herr ist wahrhaft auferstanden
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Geliebte im Herrn!
Nach dem evangelischen Theologen Rudolf Bultmann ist alles mythologisch, was als spezifisch göttliches Tun geglaubt wird. Zu dem mythologischen Bezirk gehören die Erschaffung der Welt, die Menschwerdung des Sohnes Gottes, seine leibliche Auferstehung und Himmelfahrt, das Kommen des Heiligen Geistes in feurigen Zungen, die angekündigte Wiederkunft Christi und sein Gericht, überhaupt der eschatologische Rahmen, in den die Geschichte der Menschheit eingespannt ist. „Das alles ist (nach Bultmann) mythologische Rede“, das heißt, ungeschichtlich, unwirklich, unmöglich.
I.
Dagegen steht dem Apostel Paulus, dem größten Theologen des Christentums, all das Genannte felsenfest als wirklich und geschichtlich fest. Im Herzpunkt seiner Verkündigung und im Herzpunkt des christlichen Glaubens befindet sich die leibhaftige Auferstehung des Jesus von Nazareth. Mit ihrer Wirklichkeit steht und fällt das Christentum. Paulus beruft sich für seine Gewissheit von der Auferstehung Christi nicht auf die ihm gewordene Erscheinung vor Damaskus. Gewiss hatte er damals den Herrn „gesehen“. Gewiss war das kein flüchtiges Gesicht, wie er es auch sonst hatte, sondern von gewaltiger Wirklichkeitsmacht. Gewiss hat es ihn, der die Christen bisher auf den Tod verfolgt hatte, zum opferbereiten Jünger Jesu bekehrt. Aber es war ein ganz persönliches, subjektives Erlebnis gewesen. Es war zudem erst geraume Zeit nach der Auferstehung ihm begegnet. Es genügte nicht, um die in Korinth auftretenden Zweifel an der Auferstehung Jesu zu überwinden. Daher beruft sich Paulus zum Erweis der Auferstehung Jesu auf das Zeugnis der vielen verlässigen Zeugen der Begegnung mit dem Auferstandenen. Der Kephas (Petrus), die Zwölfe, 500 Brüder, Jakobus, alle Apostel, sie haben den Herrn gesehen, ohne Widerspruch, in völliger Einheit des Zeugnisses. Das ist ihr Bekenntnis: „Der Herr ist wahrhaft auferstanden.“ Das ist ihr Beruf: „Zeugen der Auferstehung“ Christi zu sein. Als ein Ersatzapostel für den ausgeschiedenen Judas gewählt wird, muss es einer sein, der von der Taufe Jesu bis zu seiner Himmelfahrt mit ihnen zusammen war. Ein anderer kommt überhaupt nicht in Frage. Denn dieser Ersatzmann hat keine andere Aufgabe als die, Zeuge der Auferstehung Christi zu sein. Petrus und die Zwölf waren Augenzeugen des lebendig gewordenen Gekreuzigten nicht aus Willkür oder infolge eines Zufalls. Sie waren Augenzeugen, weil der erhöhte Christus sie berufen hatte, weil er ihnen „Kraft“ vom Heiligen Geist verhieß, seine Zeugen zu sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samaria und bis an die Grenzen der Erde. Sie waren „die von Gott zuvor verordneten Zeugen“, um von der Tatsache Zeugnis abzulegen, die sonst kein Mensch wissen und bezeugen konnte, dass nämlich der Nazarener am dritten Tage nach seiner Hinrichtung lebendig geworden war. Auf der Einmaligkeit ihres Ostererlebnisses, auf der Verlässigkeit ihrer Sinne, auf der Unangreifbarkeit ihres Urteils, auf der Unerschütterlichkeit ihres Entscheids sollte der Glaube aller folgenden Generationen gründen.
II.
Die Erscheinungen des Auferstandenen erfolgten nicht vor aller Öffentlichkeit, nicht vor dem richtenden Forum der Schriftgelehrten und des Synedriums, sondern in aller Heimlichkeit vor den Jüngern und nur vor ihnen, in der Stille des Gartens von Gethsemane, auf dem einsamen Weg nach Emmaus, auf verschwiegener Bergeshöhe in Galiläa, am verlassenen Seegestade, hinter verschlossenen Türen. Die Erscheinungen des Auferstandenen sollten nicht ein unwiderlegliches, alle Welt überführendes Mirakel sein. Sie sollten nicht den menschlichen Geist überwältigen und zur Annahme des Werkes Gottes nötigen. Der Schimmer des Geheimnisvollen und Rätselhaften, der zur persönlichen Entscheidung anruft, sollte ihnen bleiben. Darum galten die Erscheinungen nur dem engeren Jüngerkreis, nur jenen wenigen, die in Jesus einen „Propheten“ gesehen hatten, einen Propheten „gewaltig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk“, und die bis zu seinem Tode „der Hoffnung lebten, dass er es sei, der Israel erlösen werde“. Ihnen erschien der Herr, 1) um ihnen den erschütterten Glauben neu zu beleben, 2) um ihnen die frohe Gewissheit zu geben, dass sie von Gott zu Zeugen der Auferstehung berufen seien. Sie hatten Jesus schon während seines Erdenlebens Glaube und Liebe entgegengebracht. An diesen Glauben und diese Liebe knüpften die Erscheinungen an. Von diesen Kräften war ihr Glaube an den Auferstandenen getragen. Das war kein Glaube für jedermann. Das war ein Glaube für jene, die sich dem gekreuzigten und lebendig gewordenen Herrn glaubend und liebend in das neue Leben der Verklärung zu erschließen bereit waren. Kein äußerer Zwang, keine mirakulöse Vergewaltigung führt zum Glauben an den Auferstandenen, sondern nur die freie Entscheidung. Nur in dem wird der Glaube an den Auferstandenen lebendig sein, der in Liebe und Treue zu Jesus steht.
Die sinnliche Wahrnehmung des Auferstandenen durch die Jünger steht außer Zweifel. Aber das bloße Wahrnehmen überzeugte sie noch nicht von der Gegenwart des Herrn. Erst als der Auferstandene die ratlose Maria mit ihrem Namen anrief, ging es ihr auf, dass sie nicht den Gärtner, sondern den Meister vor sich habe. Erst als Jesus in Emmaus das Brot nahm, dankte und brach, wurden den Jüngern die Augen geöffnet. Auch als Jesus am Ufer des Genesarethsees stand, erkannten ihn die Jünger nicht. Erst am Wunder des reichen Fischfangs erkannte ihn jener Jünger, „den Jesus liebhatte“. Als sich ihnen der Auferstandene auf dem Berg in Galilaä offenbarte, „zweifelten“ anfänglich einige. Und selbst als Jesus in Jerusalem in ihrer Mitte erschien, musste er fragen: „Warum steigen Zweifel in euren Herzen auf?“ Denselben Zweifel, ja entschiedenen Unglauben sprach Thomas sogar dann noch aus, als ihm die Mitjünger von der Erscheinung des Herrn bereits berichtet hatten. Die Erscheinungen waren zu geheimnisvoll, zu rätselhaft. Die Gestalt tauchte plötzlich hinter verschlossenen Türen auf und verschwand ebenso plötzlich. Es schien den Jüngern anfangs so, als habe Jesus (weil nicht an die Gesetze des Raumes gebunden) keine wahre Leiblichkeit, als handele es sich um einen Spuk, um ein „Gespenst“. Sie hatten ja bisher keine Erfahrung mit einem, der aus dem Totenreich wiederkehrt; es war für sie alles neu, unerhört, unbegreiflich. Jesus musste erst seine Leiblichkeit und damit die Identität seiner Gestalt mit dem begrabenen Leib erweisen. Das tat er. Die Jünger und besonders der Apostel Thomas durften seine Wunden betasten. Das Grab war leer, der Leib war fort. Die Jünger aßen und tranken mit dem Auferstandenen. So getreu haben sie dieses gemeinsame Mahl aufgezeichnet, dass sie sich an die gereichten Speisen erinnerten: gebratenen Fisch und Honigkuchen. Also: Die Jünger haben die Gestalt des Herrn gesehen. Aber dieser sinnenhafte Eindruck für sich allein genügte nicht, sie von der Gegenwart des Auferstandenen zu überzeugen. Das Wunder der Erscheinungen teilt das Schicksal aller Wunder des Herrn. Es ist „causa exterius inducens“ wie der hl. Thomas sagt; d.h. eine Ursache, die äußerlich auf etwas hinweist; es vermochte für sich allein den Osterglauben nicht zu erzeugen, sondern nur anzubahnen und vorzubereiten. Durch die Erscheinungen hindurch drang eine viel tiefer greifende unsichtbare göttliche Wirklichkeitsmacht auf die Jünger ein. Die personalen Kräfte des göttlichen Logos überzeugten sie von der Gegenwart des Christus. Die persönliche gnadenhafte Berührung des Herrn unter dem Eindruck der Erscheinungen ließ sie seine ganz persönliche Gegenwart erleben. 40 Tage lang standen sie unter der Wucht dieses neuen Erlebnisses. Der Apostel Thomas konnte nicht anders denn erschüttert bekennen: „Mein Herr und mein Gott.“ Vor dieser Wirklichkeit aller Wirklichkeiten, vor diesem göttlichen Gegenüber verblassten all die Eindrücke, welche die Jünger von dem irdischen Leben des Herrn vormals gewonnen hatten. Oder vielmehr: Diese Eindrücke verloren alle zeitbedingten Bezüge und wurden ins Ewige und Göttliche transponiert. Darum das geringe Interesse der Apostel an dem historischen Lebensbild des Herrn. Und an dem Auferstandenen war ihnen nicht die Gestalt wichtig. Was sie als teuerste Erinnerung in sich aufnahmen und der Welt verkündeten, das war das Unglaubliche, dass sie dem Auferstandenen tatsächlich Aug’ in Aug’ gegenübergestanden waren, dass sie mit ihm gegessen und getrunken haben, dass sie seine himmlische, göttliche Wirklichkeit immer von neuem hatten erleben dürfen: 40 Tage lang. Die Jünger werden nicht müde, zu wiederholen: „Er ist auferstanden. Des sind wir Zeugen.“ Das also ist die letzte Wurzel des Auferstehungsglaubens der Altapostel: Es ist der Herr selbst. Der Glaube der Jünger ist im eigentlichen strengen Sinn die Tat Christi selbst. Er ist Gnade. Was Thomas von Aquin von der Gnade aussagt, dass sie nämlich „die eigentliche und vornehmste Sache des Glaubens“ sei, erfüllt sich im Osterglauben der Apostel. Dieser Glaube trägt das ganze Christentum. Aus dem Gnadenwillen des Auferstandenen ist das Christentum geboren. Das ist die unsichtbare, überirdische, göttliche Wurzel des Glaubens an den Auferstandenen: der Lebensodem des Auferweckten.
Amen.