Die Wahrheit verkündigen,
den Glauben verteidigen

Predigten des H.H. Prof. Dr. Georg May

Glaubenswahrheit.org  
25. Dezember 2025

Gott ist Mensch geworden

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Als die Fülle der Zeit gekommen war, entsandte Gott seinen Sohn, geboren aus einer Frau (Gal 4,4). Weihnachten ist der Tag, an dem die Christen die Vereinigung des Sohnes Gottes mit der menschlichen Natur gläubig feiern. Im Jetzt einer bestimmten Stunde ist der Gottessohn gekommen, der von Gott gesandte Offenbarer. Jetzt ist das Licht da, das Gericht und Rettung bringt. Er ist gekommen, um uns zu erlösen, um den Kampf mit dem Satan zu vollenden, um in eine Neuheit des Lebens aufzuerstehen. Der Gottessohn ist in einer wahren menschlichen Natur erschienen. Gott ist ein Mensch geworden. Er ist dadurch zeithaft und geschichtshaft geworden.

Das Wesen Christi umspannt Göttliches und Menschliches. Das Göttliche wurde nicht in das Menschliche, das Menschliche nicht in das Göttliche verwandelt. Der Gottessohn, die zweite Person in Gott, ist so in die menschliche Natur eingegangen, dass sie in der Kraft des Sohnes Gottes existiert. Die menschliche Natur Christi hat kein eigenes Dasein. Der Logos eignete sich die menschliche Natur mit einer solchen Mächtigkeit an, dass sein eigenes Selbst das Selbst, das Ich der menschlichen Natur wird. Sein Ich vollzieht das Leben der menschlichen Natur, nimmt deren Geschichte und deren Schicksal auf sich und verantwortet es. Man muss daher sagen: In Christus ist eine göttliche Person, nämlich die Person des göttlichen Wortes, und in ihm sind zwei Naturen, eine göttliche und eine menschliche. Die Natur ist das, was einem bestimmten Ding seine innerste Bestimmtheit, seine Wesenheit, sein Sosein gibt, was den Menschen zum Menschen, das Tier zum Tier macht; die Natur ist die Wurzel der leiblich-seelischen Kräfte, mit denen wir die Tätigkeiten vollziehen. Das Personsein, das Ichsein ist es, das durch die Kräfte der Natur tätig ist, das ihnen bestimmend, befehlend gegenübertritt. Die Natur steht in der Verfügungsgewalt des Ich. Das Ich ist Inhaber der Natur. Die Person ist das Sein, das die Natur durchdringt, besitzt und gestaltet. Die Menschwerdung Gottes bedeutet somit, dass eine bestimmte menschliche Natur so mit dem Logos zur Seinsgemeinschaft verbunden wurde, dass sie nicht mehr einen menschlichen Selbststand in sich hat, dass sie nicht Eigentum einer menschlichen Person, sondern Selbststand in einer göttlichen Person, im Logos hat; ihr Ich ist das Ich des göttlichen Logos. Nicht mehr ein menschliches Ich denkt, redet, will, handelt, sondern das Ich des göttlichen Logos. Der Logos ist das handelnde Ich der menschlichen Natur.

Man muss die Handlungen der menschlichen Natur Christi vom Ich des göttlichen Logos aussagen. Er ist der in der menschlichen Natur und in der göttlichen Natur Tätige. Er verant-wortet die Tätigkeiten der menschlichen Natur wie der göttlichen Natur. Der Sohn Gottes, sofern er das Ich der menschlichen Natur ist, ist geboren worden, so dass seine irdische Mutter als Mutter Gottes bezeichnet werden muss. Er ist eines Wesens mit dem Vater, er ist auch einer Natur mit der Mutter. Das Konzil von Chalzedon stellte fest: Jesus Christus ist vollkommen der Gottheit und vollkommen der Menschheit nach, wahrer Gott und wahrer Mensch, bestehend aus einer vernünftigen Seele und dem Leibe. Er ist wesensgleich dem Vater der Gottheit nach, er ist wesensgleich auch uns seiner Menschheit nach. Er isst und trinkt, wird müde und schläft, weint und tröstet, zürnt und verzeiht, fürchtet und überwindet, ist an diesem und jenem Ort, er hat Blut vergossen und schenkt uns seinen Leib.

Wir bekennen ein und denselben Christus, den Sohn, den Herrn, den Einziggeborenen, der in zwei Naturen unvermischt, unverwandelt, ungetrennt und ungesondert besteht. Niemals wird der Unterschied der Naturen wegen der Einigung geleugnet; es wird vielmehr die Eigentümlichkeit einer jeden Natur bewahrt, indem beide in eine Person und Hypostase zusammenkommen. Es ist nicht zuerst ein gewöhnlicher Mensch aus der heiligen Jungfrau geboren worden und auf diesen dann das Wort (Gottes) herabgestiegen; sondern aus dem Mutterschoße selbst ist er geeint hervorgegangen. Maria ist nicht nur Christusgebärerin; Maria ist Gottesgebärerin. Der Logos, das persönliche Wort des Vaters, ist eingetreten in den Bereich des Fleisches, d.h. des Menschen und seiner Vergänglichkeit, Hilflosigkeit, Nichtigkeit. Er, der Unwandelbare, konnte nicht in ein Geschöpf verwandelt werden. Er konnte nicht aufhören zu sein, was er immer war, und anfangen zu sein, was er noch nicht war. Er blieb, was er war, aber er eignete sich an, was er noch nicht hatte, das Fleisch, d.h. die menschliche Natur mit ihrer Schwäche.

Er stieg vom Himmel herab, nicht als ob er einen Ort verlassen hätte und, einen unermesslichen Raum durchschreitend, an einen anderen Ort gegangen wäre. Er, der Unermessliche, Allgegenwärtige ist keinem Raum näher, keinem ferner. Denn er erfüllt, ja er trägt und wirkt alle Räume. Er hat eine Grenze überschritten, aber keine sichtbare, sondern eine unsichtbare, die Grenze, die zwischen der Seinsart des Geschöpfes und jener des Schöpfers verläuft. Er ging hinüber über die Grenze, die zwischen Gott und Geschöpf aufgerichtet ist, und nahm die vergängliche menschliche Natur an, so dass sie seine Natur, die Natur des personhaften Gottes wurde. „Das Wort – der Logos – ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Die Menschwerdung des Logos ist keine Einschränkung seiner Gegenwart auf den Raum der von ihm angeeigneten menschlichen Natur, so dass er jenseits ihrer nicht gegenwärtig wäre. Sie ist vielmehr eine besondere, einmalige, sonst nirgends vorkommende Beziehung zu einer konkreten, nämlich der aus Maria stammenden menschlichen Natur. Die Person des göttlichen Logos bleibt unwandelbar die gleiche. Aber er hat zu seiner göttlichen Seinsweise noch eine menschliche angenommen und die erste in der letzteren verhüllt. Dass er dies tat, war seine Liebestat: „Er, der Reiche, ist um euretwillen arm geworden, damit ihr durch seine Armut reich würdet“ (2 Kor 8,9). Das Zeugnis der Heiligen Schrift ist dieserhalb eindeutig. In der Schrift wird von ein und demselben Christus Göttliches und Menschliches ausgesagt. Diese Aussagen bleiben mit unerklärlichen Widersprüchen behaftet, wenn man nicht eine Zweiheit von Seins- und Tätigkeitsformen in dem einen Ich Christi annimmt. Er ist noch nicht fünfzig Jahre alt, und doch ist er, ehe Abraham ward (Joh 8,58). Beides trifft zu, unlösliches Rätsel für den bloß an der Erfahrung messenden Zuhörer.

Darin liegt das Unfassbare, Überwältigende der Christusgestalt: nicht dass die Menschheit in die Person des Wortes Gottes aufgenommen wurde, sondern genau gesprochen: dass Gott ganzer, voller Mensch wurde. Nicht der Aufstieg des Menschen zu Gott, sondern das Herabsteigen Gottes zum Menschen ist das Geheimnis der Weihnacht. Nicht in der Gottwerdung eines Menschen, sondern in der Menschwerdung Gottes liegt das Wunder, das Ungeheuerliche, das Wesentliche, das Entscheidende. O Wunder groß, aus Vaters Schoß ist Gott von Gott gekommen, und hat aus Lieb`, die ihn antrieb, das Menschsein angenommen. Sei gegrüßt, o heilige Nacht, die Licht und Segen uns gebracht, in der der Heiland Jesus Christ zur Welt gekommen ist.

Amen.

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